Keine Moral, keine Schuld

von Eva Maria Klinger

Wien, 4. Juni 2008. In diesem samtig braunen Schlafgemach von Bühnenarchitekt Bert Neumann könnte auch das Flugpersonal von Marc Camolettis Boulevardkomödie "Boeing Boeing" absteigen. Eine Filmkulisse im Hollywoodstil der 60er Jahre ist der biedere Schauplatz für ein absurdes mörderisches Spiel. Zwei schlanke Frauen wiegen sich unter trüben Lichtverhältnissen eng umschlungen zu Klavier-und Steicherklängen. Die beiden Zofen, die Schwestern Claire und Solange, nützen die Abwesenheit ihrer Madame zum Chill Out und zum Rollentausch zwischen Herrin und Dienerin.

Claire schlüpft in Robe und Rolle der Madame, Solange erfüllt als servile Zofe die üblichen Anweisungen und probt gleich einmal einen Mord – an Madame, vielleicht auch an Claire. Abhängigkeit kann böse Folgen haben! Die beiden Biester haben den Liebhaber ihrer gnädigen Frau als Dieb verleumdet und hintergehen ihre Gönnerin nach Strich und Faden.

Grimassen aus der Gosse

Mit vergiftetem Lindenblütentee soll diese aus der Welt geschafft werden, damit die Zofen an das versprochene Erbe kommen. Der Mordversuch misslingt, der inhaftierte Lebensgefährte wird freigelassen, die Denunzierung durch die Zofen droht aufzufliegen, und die Dienerschaft befindet sich dort, wo Jean Genet sie sieht: ausweglos im kriminellen Eck. Jean Genet, von ihm muss man sprechen, um das Missverständnis zu benennen, dem der Regisseur der mehr als zweistündigen Aufführung, Luc Bondy, erlegen ist. Jean Genet war ein Outcast, ein weggelegtes Kind, das bald unter Vagabunden und Dieben, Strichjungen und Zuhältern lebte. Er akzeptierte seinen Platz als Asozialer. Zwischen 1937 und 1943 saß er während seiner Reisen durch Europa 13mal im Gefängnis, aus fünf Ländern wurde er ausgewiesen.

Die Gosse hat er nie verlassen. In ihr zog er grinsend seine Grimassen. Den ersten Roman schrieb er 1942 im Gefängnis. Von einer lebenslänglich verhängten Haft wurde er durch die Fürsprache von Jean Cocteau und Jean Paul Sartre, die seine besondere literarische Begabung erkannten, begnadigt. Genet, der Avantgardist, der Anarchist, hat das Verbrechen verherrlicht oder zumindest als normalen gesellschaftlichen Zustand ästhetisiert. "Die Zofen" (uraufgeführt 1947) kennen keine Moral, keine Schuld. Selbst der Katzenjammer, nachdem ihr perfides, kriminelles Spiel gescheitert ist, ist fern von echten Schmerzenstönen. Das abgründig Absurde hat Genet noch verschärft, indem er alle drei Frauenrollen von Männern gespielt sehen wollte, als surreale Abstraktion einer Spielanordnung.

Im Sumpf des Realismus

Wie wundervoll anarchisch, wie lustvoll heiser krächzend, hat man sich Sophie Rois als Solange vorgestellt, wie pollesch-mäßig komödiantisch die Claire der Caroline Peters, wie selbstironisch überdreht die abgehobene Madame der Edith Clever. Und wozu wurden die Schauspielerinnen verführt? Sie spielten Ibsen, schlimmer noch, ein bürgerliches Rührstück. Madame Clever ist eine gütige Herrin, die die Mädchen fürsorglich aufgezogen hat und ihnen alles schenkt. Nichts Hintergründiges, Doppelbödiges trübt ihre Großmut. Nichts deutet darauf hin, dass sie aus dem gleichen Hinterhalt agiert wie ihr Personal, dass sie die bösen Absichten durchschaut und sich mit Schläue aus der Schlinge zieht.

Die Zofen sind in die Enge getriebene Zicken, die ein bisschen streiten und ein bisschen kreischen, wie Girlies nach missglückten Intrigen. Genets eiskalter Befund, die sozialen Verhältnisse umzudrehen, sei nur ein sinnloser Scherz, hier wird er zur Tragödie. Hass und Selbsthass, die rasend lächerliche Wut der Zofen gegen sich und die Herrin stecken fest im Sumpf des Realismus. Der Beifall war ehrenvoll. Weihe- und würdevoll empfingen ihn die drei edlen Schauspielerinnen. Luc Bondy musste einige Buhs hinnehmen, was in Wien für den weit ins nächste Jahrzehnt als Festwochenchef festgeschriebenen Regisseur als Majestätsbeleidigung gilt.


Die Zofen
von Jean Genet
Deutsch von Simon Werle
Inszenierung: Luc Bondy, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Tabea Braun.
Mit: Edith Clever, Sophie Rois und Caroline Peters.

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Was für eine tolle schwarze Messe!", hatte sich Norbert Mayer von der Wiener Presse (6.6.) vor der Premiere gedacht. Dann aber war "das Hochamt" für ihn bloß "wunderbar und fad zugleich". Da die Darstellerinnen "brillieren" und der Text der gleiche sei wie immer, lag "die Enttäuschung" für ihn an der Regie. "Anzuklagen ist Bondy, weil er diese schräge Verbrecherschau viel zu elegant angelegt und geradezu verschnulzt hat. Da steckt keine Elan drin, obwohl, wie Rois und Peters beweisen, durchaus Kraft vorhanden gewesen wäre." In bester Volksbühnenart würden diese beiden "stöhnen, hecheln, deklamieren, brüllen", "andererseits übt Bondy sein subtiles Kammerspiel." Mit dieser Einschränkung genoss Mayer den Abend dann aber doch, und am Ende sei Bondy auch noch ein "giftig schönes Bild gelungen, ein wirklicher Totentanz."

Ronald Pohl
vom Wiener Standard (6.6.) fand die Inszenierung "bleiern". Das einzige, was erzählt würde, sei, dass Edith Clever in der Rolle der gnädigen Frau "wie ein verwunschener, dabei unendlich kostbar aufragender Turm in eine Gegenwart heraufreicht, die über Jean Genet nichts anzumerken, seinen Rollenangeboten nichts hinzuzufügen weiß". Und sonst? Sophie Ropis als Solange "trägt die Gummihandschuhe und die Kittelschürze wie Rokoko-Kleinodien durch ein maghrebinisches Loft spazieren, das Bühnenbildner Bert Neumann mit einer Kellertreppe und mit Fototapeten drapiert hat. Peters gibt unter der Blondie-Perücke im lila Renommierballkleid mit roter Schleppe das blasse Mannequin." Die beiden seien "von allem Anfang an rettungslos Enteignete", die "keine sexuelle Identität" besäßen und "wider einander" agierten.

"Die einzige Pointe an diesem Abend ist das Theater selbst", schreibt Stephan Hilpold in der Frankfurter Rundschau (6.6.): "ein Gewerkschaftstheater, weitab vom Zentrum der Stadt, das der 'Erbauung der Arbeitnehmer' dient." Die Inszenierung selbst sei "behäbiges Stadttheater": "Als sei Genet ein später Ibsen, erschafft Bondy eine untergegangene bürgerliche Welt. Rois und Peters, die zu den besten und zeitgenössischsten Schauspielerinnen gehören, spielen im Korsett. Die Übertretung, die Genet in seinen Arbeiten (und in seinem Leben) so lustvoll, so schmerzhaft vollzogen hat, sie wird ihnen untersagt. Das Spiel mit dem vergifteten Lindenblütentee ist eine kleine alberne Komödie, das Gefährliche, Fremde domestiziert." Beziehungsweise in die Schublade gesteckt: Denn "Monsieur", der Geliebte der Gnädigen, werde als Schwarzer interpretiert, und Solange und Claire spielen ihre "finale Tötungsphantasie" zu "afrikanischen Stammesgesängen" durch. "Die dunkle Seite der Seele hat einen Ort zugewiesen bekommen. Ein dümmeres Klischee gibt es nicht."

"Die art nègre-Exponate deuten an, dass selbst in den besseren Kreisen die Urhorde nur auf ihren Ausbruch lauert", vertieft Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (6.6.) das Thema. Und Wien würde in die Hände klatschen über "sein Subtilitäts-Zarterl Luc Bondy", der "mit gewohntem Feinsinn" inszeniert habe, obwohl der Dichter ja eher selbst mit einem "schwarzen Götzen" zu vergeichen sei. "Pflichtschuldigst" werde im Programmheft zwar aus Susan Sontags Text "Notes on Camp" zitiert. Aber da "Genets Camp-Ästhetik" "längst fest bei den schwulen Matrosenmodels von Gaultier" verankert sei, wäre die Frage doch eher, ob man heute überhaupt noch auf die Höhe der einstigen Provokation der für männliche Darsteller geschriebenen "Zofen" kommen könne. Davon ungerührt bringe Bondy das Stück "ohne den Funken einer Idee" so "edelboulevardesk" auf die Bühne, "als wär´s Yasmina Rezas 'Gott des Gemetzels'."

Das bewertet Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.6.) nun ganz anders. Obwohl das Stück von Genet kaum mehr als "Papierleichen" biete, die "ihre dürren Bewusstseinswürgefinger" ausstreckten, und obwohl der Bühnenbildner und zwei der Darstellerinnen von der "seelenlosen, in Kapitalismuskritiktheorie verkrusteten" Berliner Volksbühne kämen, hätte Bondy die Sache in etwas Lebendiges verwandelt: "Es geht nicht mehr ums gesteigerte Gewese von 'Schönheit' und 'Verbrechen', um die Feier einer Gegenwelt, welche die Ordnung und die Strenge der Welt braucht, um gegen sie sein zu können. Es geht um eine große Lebens- und Liebessucht." Man bekomme "die hübsch verrutschten Blusen des Bösen" zu sehen, und den eigentlichen Kampf der Frauen habe Bondy "in Herz und Hirn" der Figuren verlegt. "Das Erhabene im Lächerlichen, das Komische im Mörderischen, das Tolle im Traurigen" gehe hier herrlich zusammen.

Barbara Villiger Heilig
von der Neuen Züricher Zeitung (6.6) bestätigt: "Phänomenal" sei diese Inszenierung von Bondy, in der die Celloklänge zum Liebesspiel nicht dem Radio auf dem Nachttisch entströmten, sondern "den Seelen dieser nicht mehr ganz jungen Mädchen, deren Vorstellungskraft größer und stärker ist als ihr Realitätssinn". Überhaupt verwebe Bondy die "Sphären" unentwegt und bringe "die Perfektion des prachtvollen, wenn auch äußerst ungemütlichen Stücks zum glimmenden, funkelnden Glühen". Der Stoff gehe übrigens "auf den spektakulären Fall der 'Sœurs Papin' aus dem Jahre 1933" zurück. "Davon weiß heute niemand mehr; präsent ist hingegen der monströse Fall von Amstetten, den 'Die Zofen' genauer, klüger, schärfen kommentieren als alles, was man bisher lesen konnte." Denn mit Edith Clever als der gnädigen Frau trete auf: eine "Herrin, Besitzerin, Unterdrückerin, deren Macht für diejenigen, welche sie erleiden, Allmacht ist". Darüber hinaus seien alle Figuren gemeinsam nichts anderes "als widersprüchliche, aufeinander bezogene, untrennbare Teile einer einzigen Psyche". "Wer seine eigenen Schattenzonen kennenlernen will, hat hier eine unvergleichliche Chance."

Luc Bondy habe die Raserei von Genets Zofen in Hitze und Gestaltungswärme erstickt, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (12.6.). Vor der "forcierten Künstlichkeit" und der "ins Leere führenden Travestie" des Stücks habe er augenscheinlich Angst gehabt, weshalb er den "raschelnden Gespenstern" Solange und Claire allzu bereitwillig "Wärme, Seele und Sockel" gebe. Lediglich Edith Clever als Gnädige Frau erfüllt das Theater aus Sicht des Kritikers mit Schauer. Dennoch findet er Clevers Art, die Unterdrückung so zu spielen, "als sei es ein Akt herrschaftlicher Fürsorge, die Untergebenen mit Hass zu speisen", nicht überzeugend. Und so vergehen die Zofen für ihn "müde" unter der "unbedingten Gestaltungswärme" des Regisseurs.

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