Komm mit mir ins Naziland

von Cornelia Fiedler

30. November 2017. Eine nationale "Deutscharmee" führt Krieg gegen Linke und Asylbewerber*innen in Oberhausen; in Essen haben Nazis den jugendlich frischen Fernsehsender "1West" übernommen; und in Bochum "tanzt" ein rechtsradikaler Bürgermeister frei nach DAF "die Alice Weidel": Rechte Kräfte entern die Bühnen. Es ist das Jahr, in dem erstmals seit 1945 eine rechte Partei in den Bundestag einzieht, und das als drittstärkste Kraft. Es ist das Jahr, in dem es nicht mehr reicht, auf der gefühlt richtigen Seite zu stehen und seine Angst angesichts des erstarkenden Rechtspopulismus zur Schau zu stellen, weder im Privaten noch in der Kunst.

Selbstreflexion und Kritik der eigenen Überforderung, wie sie Falk Richter in Fear an der Berliner Schaubühne entworfen und mit Verräter im Gorki weitergeschrieben hat, verbleibt innerhalb der eigenen demokratisch-linken Filterblase. Während die Rechten hier von Außen betrachtet und als Zombies karikiert wurden, versuchen Stücke wie "Volksverräter", "Die Schimmelmanns" und "Das Prinzip Jago", das Phänomen Rechtspopulismus von innen heraus zu erfassen. Sie spielen nicht nur Geschichten von neonazistischen Machtergreifungen durch, sie locken oder zwingen das Publikum direkt hinein in einen Raum des geschlossenen rechten Denkens.

Lehrstück über einen vermeintlichen Volksversteher

"Volksverräter" von Hermann Schmidt-Rahmer packt dafür seine Vorlage, Henrik Ibsens "Ein Volksfeind", an einer empfindlichen Stelle. Der "Volksfeind" ist derzeit ja als Klassiker der Demokratiebefragung im Dauereinsatz, von Thomas Ostermeier bis zu Stefan Pucher und Dietmar Dath. Zugleich gilt er aber auch ganz naiv als Lehrstück über die Arroganz der "Eliten" – und hier hakt Schmidt-Rahmer ein. Denn mit volksnahem Gestus Missstände aufzuzeigen, die "die da oben" angeblich vertuschen, das ist eigentlich, ups, eine zentrale Strategie populistischer Politik.

 Volksverraeter 1 560 DianaKuester hHermann Schmidt-Rahmers "Volksverräter" in Bochum. © Diana Küster

Thomas Stockmann ist also in der Bochumer "Volksfeind"-Überschreibung ein selbstbewusst rechter Wissenschaftler. Er hetzt nicht etwa unbegründet gegen die linksliberale Bürgermeisterin, seine Schwester Petra Stockmann, er deckt wirklich etwas auf. Seine Untersuchungen belegen, dass im städtischen Wasser gesundheitsschädigenden Keime auftreten. Der Thermenbetrieb, von dem die Stadt ökonomisch abhängig ist, müsste eingestellt werden. Wie in Ibsens Original versucht die Stadtspitze auch hier, das Gutachten zu unterdrücken. Was dann passiert, ist neu. Statt sich als isolierter Aktivist in seinem Kampf zu verstricken, setzt sich Thomas Stockmann in Bochum an die Spitze eines rechten Mobs. Unterstützt durch seine Familie, den Journalisten Hovstadt und den Verschwörungstheorien-Blogger Akif (Vergleiche mit Akif Pirinçci sind offensichtlich intendiert), majorisiert er eine Gemeindeversammlung und skandalisiert das Wasser-Problem. Bürgermeisterin Petra Stockmann kommt dagegen mit ihren bürokratischen Erklärungen über EU-Schadstoff-Grenzwerte nicht an.

Thomas Stockmann spielt von nun an konsequent das als gut imaginierte "Volk" gegen die "korrupten Eliten" aus. Das ist ein Wesensmerkmal des Populismus, wie ihn der Politikwissenschaftler Cas Mudde definiert. Als Paradebeispiel kann Donald Trumps absurdes Versprechen in seiner Antrittsrede als US-Präsident gelten: "Wir nehmen die Macht von Washington D.C. und geben sie an euch, das Volk, zurück."

In "Volksverräter" wird der Nazi Thomas Stockmann zum mutigen Aufklärer, der "im Namen der kleinen Leute" reale Missstände aufdeckt. Damit bringt die Inszenierung ihr Publikum zielsicher in einen Gewissenskonflikt: zwischen dem Wunsch, die Aufklärung möge siegen, und dem, keiner Nazipropaganda auf den Leim zu gehen. Wie kommen nun Schmidt-Rahmer und sein Dramaturg Sascha Kölzow raus aus der Nummer? Nach einer Runde ziemlich lustiger, als Opernarien gesungener linksbürgerlicher Selbstkritik im Haus der Bürgermeisterin folgt ein verblüffend einfacher Twist: Thomas Stockmann und seine rechtsradikale Entourage kommen infolge des Skandals selbst an die Macht. Dass sie sich in einen glitzernden Abklatsch der Trump-Family verwandeln, ist unnötig plakativ, aber stimmig.

Den Thermalbad-Skandal packt der neue Bürgermeister dann allerdings nicht an, er bestreitet sogar großmäulig dessen Existenz: Was nicht passt, wird passend gemacht, wir nennen es seit 2016 "alternative facts". Auch von einer Stärkung des "Volkes" durch mehr direkte Demokratie ist selbstverständlich keine Rede mehr. Es genügt, wenn einer an der Macht ist, der glaubt, dessen Bedürfnisse zu kennen. So wird "Volksverräter" zum durchaus unterhaltsamen Lehrstück über die volksnahe Rhetorik von Rechtspopulist*innen vor der Machtübernahme und deren autokratische Praxis danach.

Wie rechte Akteur*innen Diskurse kapern und Deutungsrahmen setzen

Als Vorreiter der aktuellen Machtergreifungs-Dramen kann Das Prinzip Jago gelten. Volker Lösch, Oliver Schmaering, Ulf Schmidt und Vera Ring haben das Stück schon 2016 nach Motiven aus Shakespeares "Othello" als Writers-Room-Projekt entwickelt und in Essen uraufgeführt. Die Inszenierung ist abgespielt, der Text aber online verfügbar. Die Autor*innen spielen darin systematisch durch, wie es rechten Akteur*innen gelingt, ganze Diskurse zu kapern und ihnen ihren ideologischen Deutungsrahmen aufzudrücken. Lösch und Co. zeigen die Redaktion des fiktiven Essener Senders "1West" beim täglichen Spagat zwischen Seriosität und Quote – keine einfache Übung in Zeiten der extremen Beschleunigung durch Twitter, Snapchat, Facebook und Instagram.

Ihre Berichterstattung, einerseits über eine Demo von Asylsuchenden, andererseits über Angriffe von Nazis auf eine Unterkunft für Geflüchtete, entgleitet im Laufe des Abends völlig. Nicht ohne Grund: Redakteur Nick zieht als "Jago"-Figur im Hintergrund die Strippen. Er bezahlt Geflüchtete dafür, dass diese überhaupt protestieren, er setzt das Gerücht von gewaltsamen Übergriffen und einer Kindesentführung durch Migrant*innen in die Welt, er schickt Neonazis los, die Unterkunft anzuzünden. Dazu noch ein paar redaktionsinterne Fallstricke und schon hat Nick "1West" in ein stramm rechtes Propagandaorgan umgewandelt. Dass hier alles auf Nicks/Jagos Intrigen zurückzuführen ist, wirkt ein wenig wie eine politische Absicherung der Autor*innen. Egal ob dieser als Person gesehen wird oder als ein abstraktes Prinzip der Eskalation, ohne ihn wäre nicht nur der Tag in Essen unspektakulär verlaufen, es gäbe wohl auch keine Konflikte im Einwanderungsland.

DasPrinzipJago12 560 Birgit Hupfeld uFakten, produziert auf sog. alternative Weise: "Das Prinzip Jago" in Essen © Birgit Hupfeld

Deutlich spannender ist, was Lösch und Co. über rhetorische Strategien herausarbeiten. Gerade die Interview-Szenen sind Paradebeispiele dafür, wie "Framing" seitens rechter Politiker*innen funktioniert. Als Frames bezeichnen Linguist*innen wie George Lakoff und Elisabeth Wehling erlernte Deutungsrahmen, die bestimmen, wie wir politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Fakten einordnen. Ist ein solcher Frame erst einmal etabliert, meist in Form einer eingängigen Metapher, ist es ungeheuer schwer, diesen Rahmen argumentativ überhaupt zu verlassen. Ein Beispiel: Vorgeblich aus Versehen wird in "Das Prinzip Jago" die rechte Lokalpolitikerin Petra Bolz für eine "besorgte Anwohnerin" gehalten und am Rande der Demo interviewt. "Seit heute morgen sind hier, offenbar gut koordiniert, Menschenmassen aufmarschiert. Das ist der Beginn eines Bürgerkriegs", lautet ihr erster Satz. Damit sind die Frames gesetzt: Die Rede von den "Massen" evoziert ein Gefühl des Eingeengtseins; "gut koordiniert" unterstellt eine geheime Macht hinter den Kulissen; und "Bürgerkrieg" spricht für sich. Danach ist keine unaufgeregte, faktenbasierte Berichterstattung mehr möglich. Die "1West"-Redaktion ist gefangen in dem von der AfD-Frau abgesteckten Interpretationsrahmen. Auch um die Lügen der Politikerin richtigzustellen, muss die Reporterin die betreffenden Frames wieder aufrufen.

Das Problem bei solchen Versuchen der Negation: Die Formulierung "keine Gewalt" ruft im Kopf eben nicht etwa Bilder von Blumenwiesen und ein wohlig warmes Gefühl auf, sondern Gewaltphantasien und Angst. So trägt die demokratisch gemeinte Berichterstattung dazu bei, in den Köpfen politisch völlig anders denkender Menschen unfreiwillig rechte Frames zu verankern. Diesen gefährlichen gesellschaftlichen Mechanismus führt "Das Prinzip Jago" eingängig vor. Unangenehm bleibt jedoch, dass die Autoren sich dazu eines Topos bedienen, der selbst hervorragend in rechte, verschwörungstheoretische und antisemitische Konzepte passt: die finstere Macht, aka Jago, die im Hintergrund die Fäden zieht.

Dystopie eines nahzukünftigen Dunkeldeutschlands

Während Schmidt-Rahmer und Lösch darstellen, wie Gesellschaften begleitet von Elitenhass und gerahmt in rechte Begrifflichkeiten nach rechts rutschen, ist in Mario Salazars Die Schimmelmanns die Machtergreifung mutmaßlich schon erledigt. In seinem Nazifamilienkonversationsstück sind keine Alternativen zum rechten Frame zugelassen, weder im Sprechen, noch im Denken oder Handeln. Salazar überschüttet sein Publikum mit zwei Stunden Nazi-Ideologie. Die Dialoge strotzen vor Auslöschungsphantasien gegen alles, was nicht der faschistischen Norm entspricht. Der Wunsch nach neuen Vernichtungslagern, Frauenverachtung und das Lob des Holocaust sind in dieser Familie Alltagsthemen.

schimmelmanns 049 560 Katrin Ribbe uNeu-Nazi-Alltag mit Volkssender: "Die Schimmelmanns" in Oberhausen © Katrin Ribbe

Salazars Figuren sprechen ohne Skrupel aus, was die Rechtspopulist*innen weder in "Das Prinzip Jago" noch in "Volksverräter" wagen könnten. Dafür ist in deren Setting die Zeit noch nicht reif. "Die Schimmelmanns" dagegen zeigt eine (zumindest in der Uraufführung von Florian Fiedler verzweifelt komische) Dystopie eines Deutschland in naher Zukunft. Nationalsozialismus ist da wieder Alltag und muss sich nicht länger als Besorgnis, Angst oder pseudonaive Heimatliebe tarnen. Das kann wahnsinnig auf die Nerven gehen, zumal das Stück seine dramaturgischen Schwächen hat, entsprechend fielen die Kritiken aus.

Der Besuch der Uraufführung lässt sich aber auch als Framing-Experiment am eigenen Leib verstehen: Es gibt, wenn man sich auf die Eigenlogik des Stückes einlässt, kein Entkommen aus den systematisch durchexerzierten Bedrohungs-Szenarien und Hatespeech-Denkmustern. Zudem ist so mancher kognitive Kurzschluss dabei, der einem aus dem eigenen, ach so aufgeklärten Denken durchaus bekannt vorkommt. Beim Zuschauen stellt sich, wenn man es zulässt, genau jene "Angst vor meinen verachtenden Gedanken" ein, die Salazar in seiner persönlichen, quälend ausführlichen Schussrede (in der Uraufführung in Oberhausen gestrichen) schildert: So ziemlich jede*r kann auf Abruf rassistische, homophobe, ausgrenzende Argumentationen vortragen. Wir haben die Denkmuster von klein auf gelernt. Sie sind verführerisch einfach, weil sie auf starke Emotionen wie Angst und Verunsicherung setzten.

Die drei Machtergreifungs-Arbeiten wählen einen durchaus streitbaren Weg der theatralen Auseinandersetzung mit dem Rechtsdrift der deutschen Politik. Sie verlassen die kuschelig linke Komfortzone, begeben sich bewusst auf sprachliches Glatteis und führen vor, wie dort scheitert, wer die Framing-Fallen nicht erkennt. Um dem etwas entgegen zu setzen, muss es gelingen, die Panik-Frames, beispielsweise in der Debatte um Flucht und Asyl, zu verlassen und eigene, menschenfreundlichere, aber auch weniger denkfaule Assoziationsrahmen zu etablieren.

 

fiedler kleinCornelia Fiedler, Jahrgang 1978, hat Ethnologie und Kulturjournalismus in München studiert. Sie schreibt u.a. für Süddeutsche Zeitung, Theater heute und Münchner Feuilleton und gibt Medienseminare und Schreibworkshops für Jugendliche. Sie ist Mitglied der Auswahljury der Mülheimer Theatertage.

Kommentare

Kommentare  
#1 Rechtspopulismus: interessantFlummy 2017-11-30 09:16
Toller Text, interessant!
#2 Rechtspopulismus: gute AnalyseAsterix 2017-11-30 10:09
Sehr gute Analyse! Danke!
#3 Rechtspopulismus: EinwändeD. Rust 2017-11-30 21:19
#2:
An mehreren Stellen bin ich nicht einverstanden mit ihrer Darstellung der Theaterarbeit zum Phänomen eines aktuellen Rechtspopulismus, weshalb ich sie keine sehr gute Analyse finde. Zum einen versucht sie die jüngsten Arbeiten zum Rechtspopulismus von Falk Richter als Teil einer demokratisch-linken Filterblase darzustellen und nicht als D a r s t e l l u n g e n einer solchen. Auch ich habe meine Einwände gehabt gegen den Richter’schen Inszenierungsansatz zu dem Thema, aber würde ihm trotzdem nicht unterstellen, damit Teil einer demokratisch-linken Filterblase zu sein, die das Phänomen eines akut sich ausbreitenden Rechtspopulismus nur von außen betrachtet, während andere neuere Klassikerüberschreibungen (Schmidt-Rahmer „Volksverräter“ über Ibsens „Ein Volksfeind“) bzw. Kollektiv-Texte wie „Das Prinzip Jago“ (Lösch, Schmaering, Schmidt, Ring über Shakespeares „Othello“) oder Salazars uraufgeführtes Stück „Die Schimmelmanns“ versuchten, den Rechtspopulismus von innen zu erfassen. Weshalb ihnen der Vorwurf, sich eventuell ebenfalls in irgendeiner Filterblase zu befinden, erspart bleibt.
Die nach ihrer Sicht vergleichsweise aufklärerische Arbeitsweise von Schmidt-Rahmer erklärt Cornelia Fiedler damit, dass diese über Ibsen hinausginge, WEIL dieser mit seinem Ibsen-Überschreibungs-Ansatz einhaken würde an der Stelle, dass Ibsens „Ein Volksfeind“ u.a. auch ganz naiv als Lehrstück über die Arroganz der „Eliten“ gelten würde. Fiedler sieht in der Folge Schmidt-Rahmers, über diese übliche Geltung hinausgehende, Leistung darin, dass er erkannt hat, dass Ibsens Stockmann dazu gemacht war, „…mit volksnahmen Gestus Missstände aufzuzeigen, die „die da oben“ angeblich vertuschen…“ und dass eben das genau „…eigentlich, ups, eine zentrale Strategie populistischer Politik.“ sei. Diese ihre Ibsen-kritische Aussage versucht sie im Folgenden zu erhärten: „… Wie in Ibsens original versucht die Stadtspitze auch hier, das Gutachten zu unterdrücken. Was dann passiert, ist neu. Statt sich als isolierter Aktivist in seinem Kampf zu verstricken, setzt sich Thomas Stockmann …an die Spitze eines rechten Mobs.(…) majorisiert eine Gemeindeversammlung und s k a n d a l i s i e r t (H.v.m.) das Wasser-Problem.“
WEIL, so die Begründung von Cornelia Fiedler, die Bürgermeisterin Petra Stockmann nunmehr gegen ihn mit ihren Gesetzesregelungen und deren Erörterungen nicht ankommen würde, spielt dieser neuere, überschriebene Thomas Stockmann „von nun an das als gut imaginierte „Volk“ gegen die „korrupten Eliten“ aus. Und sie erkennt, dass dieses Gezeigte und Vorgeführte „ein Wesensmerkmal des Populismus“ sei, „wie ihn der Politikwissenschaftler Cas Mudde“ definieren würde…

WEIL also in „Volksverräter“ der nunmehr Ibsen-fremde eindeutige „Nazi Thomas Stockmann zum mutigen Aufklärer, der „im Namen der kleinen Leute“ reale Missstände aufdeckt, würde das Publikum durch die Inszenierung zielsicher in einen Gewissenskonflikt gebracht. Und zwar dem, „zwischen dem Wunsch, die Aufklärung möge siegen und dem, keiner Nazipropaganda auf dem Leim zu gehen.“ Sie bezeichnet den von Schmidt-Rahmer und seinem Dramaturgen Sascha Kölzow geschaffenen Konflikt dann als „Nummer“ und fragt, wie die da beiden herauskommen würden und sieht dann einen „verblüffend einfache(r)n Twist“ mit dem sie das schaffen:

Stockmann und seine rechtsradikale Entourage kämen nämlich i n f o l g e d e s S k a n d a l s (H.v.m.) selbst an die Macht. … Und diese Macht ist dann der Ausgangspunkt dafür, dass Thomas Stockmann, der über Ibsen hinweg garantierte Nazi, nunmehr das einst entdeckte Problem NICHT mehr anpackt. Dies alles wäre noch theaterkritische Betrachtung in Reinkultur, wenn nicht Cornelia Fiedler folgenden Schluss ziehen würde in der Süddeutschen Zeitung:
„Was nicht passt, wird passend gemacht, wir nennen seit 2016 „alternativ facts“. Auch von einer Stärkung des „Volkes“ durch mehr direkte Demokratie ist selbstverständlich keine Rede mehr. Es genügt, wenn einer an der Macht ist, der glaubt, dessen Bedürfnisse zu kennen. So wird „Volksverräter“ zum durchaus unterhaltsamen Lehrstück über die volksnahe Rhetorik von Rechtspopulist*innen vor der Machtübernahme und deren Praxis danach.“

Jetzt nimmt sich Cornelia Fiedler das nächste Beispiel vor und bringt den Begriff der von rechten Akteur*innen „gekaperten“ Diskurse und vor allem den der gesetzten Deutungsrahmen ins Spiel. Nachdem sie nun selbst - bewusst oder unbewusst - einen Deutungsrahmen gesetzt hat. Nämlich in Bezug auf die deutsche Realpolitik den Rahmen, dass, Sozialdemokraten nach Schröder wählen genau das gleiche wäre wie rechte Populisten wählen. Und in Bezug auf Theater den Rahmen der g u t e n anti-rechten Deutungen, der von ihr, Elisabeth Wehling und jenen Theatermachern gesetzt wird, die das Phänomen des Rechtspopulismus „von innen“ betrachtend angehen, der gegen den der offenbar s c h l e c h t e r e n anti-rechten Deutungen, die aus einer demokratisch-linken Filterblase auf das Phänomen schauen, der vor allem bessere Rahmen ist…

Sie möchte gern alle ihre Aussagen für ihre Leserinnen und Leser erhärten, indem sie auf Elisabeth Wehling und George Lakoff als Linguist*in verweist, die uns seit einigen Jahren nicht müde werden zu erklären, was „Frames“ sind und wie „„Framing“ seitens rechter Politker*innen funktioniert.

Abgesehen davon, dass Elisabeth Wehling selbst, wenn sie böses „Framing“ erklärt, rechtspopulistisch gut nutzbare Argumente verwendet und die als Belege für ihre Aussagen herangezogene Studien nicht kritisch erörtert wie es eine seriöse Sprach- und Kognitivwissenschaft oder die Neurobiologie z.B. tut, übernimmt Fiedler vollkommen unkritisch diese Erklärung und verbreitet wie ein Manna der Wissenschaft ohne Selbstzweifel was „Frames“ eigentlich sind.
Nämlich nach den oben Genannten: „…erlernte Deutungsrahmen, die bestimmen, wie wir politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Fakten einordnen. Ist ein solcher Frame erst einmal etabliert, meist i n F o r m einer e i n g ä n g i g e n M e t a p h e r (H.v.m.), ist es ungeheuer schwer, diesen Rahmen argumentativ überhaupt zu verlassen. Dann fügt Fiedler ein aufklärerisch gegen Rechtspopulismus also imaginiert positives Text-Beispiel aus dem Kollektiv-Projekt „Das Prinzip Jago“ an und versucht für Leserinnen und Leser Elisabeth Wehling zu spielen:
„Vorgeblich aus Versehen wird … die rechte Lokalpolitikerin Petra Bolz für eine „besorgte Anwohnerin“ gehalten und am Rande einer Demo interviewt. „Seit heute morgen sind hier, offenbar gut koordiniert, Menschenmassen aufmarschiert. Das ist der Beginn des Bürgerkrieges“, lautet ihr erster Satz. Damit sind die Frames gesetzt: Die Rede von den „Massen“ evoziert ein Gefühl des Eingeengtseins; „gut koordiniert“ unterstellt eine geheime Macht hinter den Kulissen, und „Bürgerkrieg“ spricht für sich. Danach ist keine unaufgeregte, faktenbasierte Berichterstattung mehr möglich. … Auch um die Lügen der Politikerin richtigzustellen, muss die Reporterin die betreffenden Frames wieder aufrufen."

Im Schlusswort räumt Cornelia Fiedler ein, dass die drei „Machtergreifungs-Arbeiten“ des Theaters zwar einen durchaus streitbaren Weg der theatralen Auseinandersetzung mit der aktuellen deutschen Politik wählten, jedoch in jedem Fall die "kuschelig linke Komfortzone verlassen und sich auf sprachliches Glatteis" begeben würden und so vorführten, wie dort derjenige scheitert, "der Framing-Fallen nicht erkennt".

Ich finde das ist ein guter Satz, den sie sich selbst zuschreiben sollte. Der Mode-Begriff "Framing" und die Zuschreibung von bewusst gesetzten Frames zu Rechtspopulismus ist nämlich m.E. selbst ein Frame, der ein beachtliches Potential - bewussten oder unbewussten - rechten Denkens enthält. Auch bei Elisabeth Wehling. So hat Elisabeth Wehling unter anderem einmal in einem bereits vor einigen Jahren erschienenen Artikel versucht, dem idealistischen egalitären Grundsatz, dass alle Menschen gleich seien versucht beizukommen, indem sie diesem Vergleich den ebenso unsinnig bemühten mit einem Ei entgegensetzte. Und damit humanistisch egalitäres Denken versuchte zu diskreditieren: Nein, Menschen – im Gegensatz zu Eiern, würden eben NICHT, sogar keinesfalls nach ihrer Ansicht, wie ein Ei dem anderen gleichen. Und sie verwies dann auf alle diese berechtigten sozialen Unterschiede, weshalb es wenig Sinn machen würde, diese als soziales P r i n z i p zu beklagen… Warum widersprach und widerspricht ihr niemand?
Selbstverständlich gleicht z.B. JEDES Ei dem anderen. Und zwar genau darin, dass es wie das andere ein Ei IST. Ob ein Ei ein Ei ist, ist überhaupt nur festzustellen, WEIL jedes dem anderen im WESENTLICHEN gleicht. Und das ist auch beim Menschen so… Wenn man die prinzipielle Ähnlichkeit der Vertreter einer Art als Grundlage der Gleichheit nicht zulässt, negiert man die Existenz der jeweiligen Art. Das ist die beste Voraussetzung für einen ganz tiefliegenden Rassismus! Im Namen der Wissenschaft… -
Auch die psychologischen „Beweisführungen“ Wehlings sind mitunter hanebüchen (Ich erlebte Ihren Vortrag auf der Konferenz Theater und Netz 2017 z.B.) und wie gutgläubig und unkritisch sie nach-angewendet werden, ist hier durch Cornelia Fiedler – leider - sehr gut gezeigt:
Denn die „Menschenmassen“ in ihrem angeführten Beispiel evozieren NICHT zwingend ein Gefühl des Eingeengtseins.
Die „Menschenmassen“ evozieren für jemanden, der a) gegen ihre Ziele ist, ein Gefühl des Alleinseins und für jemanden, der b) für zumindest eines ihrer Ziele ebenfalls ist, ein Gefühl der Mehrheit und der Stärke. Das „offenbar gut koordiniert“ unterstellt gar nichts, sondern drückt eine Verwunderung aus über eine überraschend gelungene Aktion. Nicht mehr und auch nicht weniger.
Ebenso wie „Bürgerkrieg“ überhaupt gar nichts bedeutet.
Es bedeutet nur in dem Zusammenhang mit „Das ist der Beginn des…“ etwas. Es bedeutet, dass ein Bürger-Krieg eigentlich erwartet wurde, aber man nicht wusste WANN er ausbrechen würde. Es bedeutet, dass ein überraschender Massenauflauf a) als Beginn des erwarteten Bürger-Krieges empfunden werden kann ODER dass b) jemand möchte, dass er so empfunden wird auch von anderen. In allem Betrachtetem an dem Satz hat noch die meiste Bedeutung, dass die "echte" Politikerin eben gefakt als Zufallstreffer-Bürgerin interviewt wurde und von einem „Aufmarschieren“ von Menschenmassen spricht. Denn DAS ist es, was die Ziele der Massen als in jedem Fall als kriegerisch und damit u n b e r e c h t i g t fordernd, also als kriminell „framisiert“. Und nichts sonst.

Warum mich das aufregt? So sehr, dass ich mir hier spätabends und nach einem anstrengenden, mies bezahlten Arbeitstag im Kunsthandwerksbetrieb gegen die Meckerei meiner Mitbewohner, die gerne möchten, dass ich mich ausruhe, einen Wolf schreibe???

– Das regt mich auf, weil so argumentierend Theater gleichgeschaltet wird, wenn dem nicht widersprochen wird.

Weil so unmidersprochen die „Metapher“ als eine der wichtigsten Bestandteile von Dichtung und damit die Dichtung selbst diskreditiert wird.

Weil so die Sprachwissenschaft diskreditiert wird. Dadurch, dass allein der Begriff „Metapher“ so wie er hier ideologisch verwendet wird, wissenschaftlich unseriös gehäuft falsch angewandt wird. Zum Beispiel dadurch, dass zwischen Analogie, Allegorie und tatsächlicher Metapher bei Wehling (z.B.) nicht unterschieden wird.

Nicht zuletzt: Möglicherweise mag eine zentrale Strategie des Rechtspopulismus sein – das hat ja Ibsen auch ohne Überschreibung gezeigt!, was z.B. in der Ostermeier-Inszenierung hervorragend zum Ausdruck kommt und zwar in zahlreichen, durch das Ensemble immer neu improvisierten Varianten – im volksnahen Gestus Missstände aufzudecken.

Was genau aber sollte d a r a n explizit stören oder falsch sein?
Der volksnahe Gestus?
Oder das öffentliche Aufdecken von Missständen? …

Das erfahren wir von Cornelia Fiedler leider nicht. WENN also bei Schmidt-Rahmer nach Fiedlers Ansicht der überschriebene Ibsen-Stockmann von „nun an konsequent das als gut imaginierte „Volk“ gegen die „korrupten Eliten“ ausspielt und DAS ein wesentliches Merkmal von Populismus (nach Cas Muddel lt. Cornelie Fiedler) sein soll, für was bitteschön sind dann gut imaginierte Kulturjournaliste*innen oder Linguist*innen Merkmal, die „Volk“ gegen „Eliten“ wie Theater gegen Publikum und umgekehrt ausspielen oder ausspielen wollen???
#4 Rechtspopulismus: Zustimmungmarie 2017-12-01 12:00
#3

–" Das regt mich auf, weil so argumentierend Theater gleichgeschaltet wird, wenn dem nicht widersprochen wird."

danke! mir geht es ganz genauso!

Kommentar schreiben