Komm mit mir ins Naziland

von Cornelia Fiedler

30. November 2017. Eine nationale "Deutscharmee" führt Krieg gegen Linke und Asylbewerber*innen in Oberhausen; in Essen haben Nazis den jugendlich frischen Fernsehsender "1West" übernommen; und in Bochum "tanzt" ein rechtsradikaler Bürgermeister frei nach DAF "die Alice Weidel": Rechte Kräfte entern die Bühnen. Es ist das Jahr, in dem erstmals seit 1945 eine rechte Partei in den Bundestag einzieht, und das als drittstärkste Kraft. Es ist das Jahr, in dem es nicht mehr reicht, auf der gefühlt richtigen Seite zu stehen und seine Angst angesichts des erstarkenden Rechtspopulismus zur Schau zu stellen, weder im Privaten noch in der Kunst.

Selbstreflexion und Kritik der eigenen Überforderung, wie sie Falk Richter in Fear an der Berliner Schaubühne entworfen und mit Verräter im Gorki weitergeschrieben hat, verbleibt innerhalb der eigenen demokratisch-linken Filterblase. Während die Rechten hier von Außen betrachtet und als Zombies karikiert wurden, versuchen Stücke wie "Volksverräter", "Die Schimmelmanns" und "Das Prinzip Jago", das Phänomen Rechtspopulismus von innen heraus zu erfassen. Sie spielen nicht nur Geschichten von neonazistischen Machtergreifungen durch, sie locken oder zwingen das Publikum direkt hinein in einen Raum des geschlossenen rechten Denkens.

Lehrstück über einen vermeintlichen Volksversteher

"Volksverräter" von Hermann Schmidt-Rahmer packt dafür seine Vorlage, Henrik Ibsens "Ein Volksfeind", an einer empfindlichen Stelle. Der "Volksfeind" ist derzeit ja als Klassiker der Demokratiebefragung im Dauereinsatz, von Thomas Ostermeier bis zu Stefan Pucher und Dietmar Dath. Zugleich gilt er aber auch ganz naiv als Lehrstück über die Arroganz der "Eliten" – und hier hakt Schmidt-Rahmer ein. Denn mit volksnahem Gestus Missstände aufzuzeigen, die "die da oben" angeblich vertuschen, das ist eigentlich, ups, eine zentrale Strategie populistischer Politik.

 Volksverraeter 1 560 DianaKuester hHermann Schmidt-Rahmers "Volksverräter" in Bochum. © Diana Küster

Thomas Stockmann ist also in der Bochumer "Volksfeind"-Überschreibung ein selbstbewusst rechter Wissenschaftler. Er hetzt nicht etwa unbegründet gegen die linksliberale Bürgermeisterin, seine Schwester Petra Stockmann, er deckt wirklich etwas auf. Seine Untersuchungen belegen, dass im städtischen Wasser gesundheitsschädigenden Keime auftreten. Der Thermenbetrieb, von dem die Stadt ökonomisch abhängig ist, müsste eingestellt werden. Wie in Ibsens Original versucht die Stadtspitze auch hier, das Gutachten zu unterdrücken. Was dann passiert, ist neu. Statt sich als isolierter Aktivist in seinem Kampf zu verstricken, setzt sich Thomas Stockmann in Bochum an die Spitze eines rechten Mobs. Unterstützt durch seine Familie, den Journalisten Hovstadt und den Verschwörungstheorien-Blogger Akif (Vergleiche mit Akif Pirinçci sind offensichtlich intendiert), majorisiert er eine Gemeindeversammlung und skandalisiert das Wasser-Problem. Bürgermeisterin Petra Stockmann kommt dagegen mit ihren bürokratischen Erklärungen über EU-Schadstoff-Grenzwerte nicht an.

Thomas Stockmann spielt von nun an konsequent das als gut imaginierte "Volk" gegen die "korrupten Eliten" aus. Das ist ein Wesensmerkmal des Populismus, wie ihn der Politikwissenschaftler Cas Mudde definiert. Als Paradebeispiel kann Donald Trumps absurdes Versprechen in seiner Antrittsrede als US-Präsident gelten: "Wir nehmen die Macht von Washington D.C. und geben sie an euch, das Volk, zurück."

In "Volksverräter" wird der Nazi Thomas Stockmann zum mutigen Aufklärer, der "im Namen der kleinen Leute" reale Missstände aufdeckt. Damit bringt die Inszenierung ihr Publikum zielsicher in einen Gewissenskonflikt: zwischen dem Wunsch, die Aufklärung möge siegen, und dem, keiner Nazipropaganda auf den Leim zu gehen. Wie kommen nun Schmidt-Rahmer und sein Dramaturg Sascha Kölzow raus aus der Nummer? Nach einer Runde ziemlich lustiger, als Opernarien gesungener linksbürgerlicher Selbstkritik im Haus der Bürgermeisterin folgt ein verblüffend einfacher Twist: Thomas Stockmann und seine rechtsradikale Entourage kommen infolge des Skandals selbst an die Macht. Dass sie sich in einen glitzernden Abklatsch der Trump-Family verwandeln, ist unnötig plakativ, aber stimmig.

Den Thermalbad-Skandal packt der neue Bürgermeister dann allerdings nicht an, er bestreitet sogar großmäulig dessen Existenz: Was nicht passt, wird passend gemacht, wir nennen es seit 2016 "alternative facts". Auch von einer Stärkung des "Volkes" durch mehr direkte Demokratie ist selbstverständlich keine Rede mehr. Es genügt, wenn einer an der Macht ist, der glaubt, dessen Bedürfnisse zu kennen. So wird "Volksverräter" zum durchaus unterhaltsamen Lehrstück über die volksnahe Rhetorik von Rechtspopulist*innen vor der Machtübernahme und deren autokratische Praxis danach.

Wie rechte Akteur*innen Diskurse kapern und Deutungsrahmen setzen

Als Vorreiter der aktuellen Machtergreifungs-Dramen kann Das Prinzip Jago gelten. Volker Lösch, Oliver Schmaering, Ulf Schmidt und Vera Ring haben das Stück schon 2016 nach Motiven aus Shakespeares "Othello" als Writers-Room-Projekt entwickelt und in Essen uraufgeführt. Die Inszenierung ist abgespielt, der Text aber online verfügbar. Die Autor*innen spielen darin systematisch durch, wie es rechten Akteur*innen gelingt, ganze Diskurse zu kapern und ihnen ihren ideologischen Deutungsrahmen aufzudrücken. Lösch und Co. zeigen die Redaktion des fiktiven Essener Senders "1West" beim täglichen Spagat zwischen Seriosität und Quote – keine einfache Übung in Zeiten der extremen Beschleunigung durch Twitter, Snapchat, Facebook und Instagram.

Ihre Berichterstattung, einerseits über eine Demo von Asylsuchenden, andererseits über Angriffe von Nazis auf eine Unterkunft für Geflüchtete, entgleitet im Laufe des Abends völlig. Nicht ohne Grund: Redakteur Nick zieht als "Jago"-Figur im Hintergrund die Strippen. Er bezahlt Geflüchtete dafür, dass diese überhaupt protestieren, er setzt das Gerücht von gewaltsamen Übergriffen und einer Kindesentführung durch Migrant*innen in die Welt, er schickt Neonazis los, die Unterkunft anzuzünden. Dazu noch ein paar redaktionsinterne Fallstricke und schon hat Nick "1West" in ein stramm rechtes Propagandaorgan umgewandelt. Dass hier alles auf Nicks/Jagos Intrigen zurückzuführen ist, wirkt ein wenig wie eine politische Absicherung der Autor*innen. Egal ob dieser als Person gesehen wird oder als ein abstraktes Prinzip der Eskalation, ohne ihn wäre nicht nur der Tag in Essen unspektakulär verlaufen, es gäbe wohl auch keine Konflikte im Einwanderungsland.

DasPrinzipJago12 560 Birgit Hupfeld uFakten, produziert auf sog. alternative Weise: "Das Prinzip Jago" in Essen © Birgit Hupfeld

Deutlich spannender ist, was Lösch und Co. über rhetorische Strategien herausarbeiten. Gerade die Interview-Szenen sind Paradebeispiele dafür, wie "Framing" seitens rechter Politiker*innen funktioniert. Als Frames bezeichnen Linguist*innen wie George Lakoff und Elisabeth Wehling erlernte Deutungsrahmen, die bestimmen, wie wir politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Fakten einordnen. Ist ein solcher Frame erst einmal etabliert, meist in Form einer eingängigen Metapher, ist es ungeheuer schwer, diesen Rahmen argumentativ überhaupt zu verlassen. Ein Beispiel: Vorgeblich aus Versehen wird in "Das Prinzip Jago" die rechte Lokalpolitikerin Petra Bolz für eine "besorgte Anwohnerin" gehalten und am Rande der Demo interviewt. "Seit heute morgen sind hier, offenbar gut koordiniert, Menschenmassen aufmarschiert. Das ist der Beginn eines Bürgerkriegs", lautet ihr erster Satz. Damit sind die Frames gesetzt: Die Rede von den "Massen" evoziert ein Gefühl des Eingeengtseins; "gut koordiniert" unterstellt eine geheime Macht hinter den Kulissen; und "Bürgerkrieg" spricht für sich. Danach ist keine unaufgeregte, faktenbasierte Berichterstattung mehr möglich. Die "1West"-Redaktion ist gefangen in dem von der AfD-Frau abgesteckten Interpretationsrahmen. Auch um die Lügen der Politikerin richtigzustellen, muss die Reporterin die betreffenden Frames wieder aufrufen.

Das Problem bei solchen Versuchen der Negation: Die Formulierung "keine Gewalt" ruft im Kopf eben nicht etwa Bilder von Blumenwiesen und ein wohlig warmes Gefühl auf, sondern Gewaltphantasien und Angst. So trägt die demokratisch gemeinte Berichterstattung dazu bei, in den Köpfen politisch völlig anders denkender Menschen unfreiwillig rechte Frames zu verankern. Diesen gefährlichen gesellschaftlichen Mechanismus führt "Das Prinzip Jago" eingängig vor. Unangenehm bleibt jedoch, dass die Autoren sich dazu eines Topos bedienen, der selbst hervorragend in rechte, verschwörungstheoretische und antisemitische Konzepte passt: die finstere Macht, aka Jago, die im Hintergrund die Fäden zieht.

Dystopie eines nahzukünftigen Dunkeldeutschlands

Während Schmidt-Rahmer und Lösch darstellen, wie Gesellschaften begleitet von Elitenhass und gerahmt in rechte Begrifflichkeiten nach rechts rutschen, ist in Mario Salazars Die Schimmelmanns die Machtergreifung mutmaßlich schon erledigt. In seinem Nazifamilienkonversationsstück sind keine Alternativen zum rechten Frame zugelassen, weder im Sprechen, noch im Denken oder Handeln. Salazar überschüttet sein Publikum mit zwei Stunden Nazi-Ideologie. Die Dialoge strotzen vor Auslöschungsphantasien gegen alles, was nicht der faschistischen Norm entspricht. Der Wunsch nach neuen Vernichtungslagern, Frauenverachtung und das Lob des Holocaust sind in dieser Familie Alltagsthemen.

schimmelmanns 049 560 Katrin Ribbe uNeu-Nazi-Alltag mit Volkssender: "Die Schimmelmanns" in Oberhausen © Katrin Ribbe

Salazars Figuren sprechen ohne Skrupel aus, was die Rechtspopulist*innen weder in "Das Prinzip Jago" noch in "Volksverräter" wagen könnten. Dafür ist in deren Setting die Zeit noch nicht reif. "Die Schimmelmanns" dagegen zeigt eine (zumindest in der Uraufführung von Florian Fiedler verzweifelt komische) Dystopie eines Deutschland in naher Zukunft. Nationalsozialismus ist da wieder Alltag und muss sich nicht länger als Besorgnis, Angst oder pseudonaive Heimatliebe tarnen. Das kann wahnsinnig auf die Nerven gehen, zumal das Stück seine dramaturgischen Schwächen hat, entsprechend fielen die Kritiken aus.

Der Besuch der Uraufführung lässt sich aber auch als Framing-Experiment am eigenen Leib verstehen: Es gibt, wenn man sich auf die Eigenlogik des Stückes einlässt, kein Entkommen aus den systematisch durchexerzierten Bedrohungs-Szenarien und Hatespeech-Denkmustern. Zudem ist so mancher kognitive Kurzschluss dabei, der einem aus dem eigenen, ach so aufgeklärten Denken durchaus bekannt vorkommt. Beim Zuschauen stellt sich, wenn man es zulässt, genau jene "Angst vor meinen verachtenden Gedanken" ein, die Salazar in seiner persönlichen, quälend ausführlichen Schussrede (in der Uraufführung in Oberhausen gestrichen) schildert: So ziemlich jede*r kann auf Abruf rassistische, homophobe, ausgrenzende Argumentationen vortragen. Wir haben die Denkmuster von klein auf gelernt. Sie sind verführerisch einfach, weil sie auf starke Emotionen wie Angst und Verunsicherung setzten.

Die drei Machtergreifungs-Arbeiten wählen einen durchaus streitbaren Weg der theatralen Auseinandersetzung mit dem Rechtsdrift der deutschen Politik. Sie verlassen die kuschelig linke Komfortzone, begeben sich bewusst auf sprachliches Glatteis und führen vor, wie dort scheitert, wer die Framing-Fallen nicht erkennt. Um dem etwas entgegen zu setzen, muss es gelingen, die Panik-Frames, beispielsweise in der Debatte um Flucht und Asyl, zu verlassen und eigene, menschenfreundlichere, aber auch weniger denkfaule Assoziationsrahmen zu etablieren.

 

fiedler kleinCornelia Fiedler, Jahrgang 1978, hat Ethnologie und Kulturjournalismus in München studiert. Sie schreibt u.a. für Süddeutsche Zeitung, Theater heute und Münchner Feuilleton und gibt Medienseminare und Schreibworkshops für Jugendliche. Sie ist Mitglied der Auswahljury der Mülheimer Theatertage.

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