Im Hinterland unserer Vorstellungswelt

von Steffen Becker

Ulm, 4. Januar 2018. "Wolfram Lotz' Theatertexte proklamieren oftmals durch nicht-umsetzbare Regieanweisungen (...) ein unmögliches Theater." Das verrät das Programmheft zur Inszenierung von "Die lächerliche Finsternis" am Theater Ulm. Regisseur und Intendant Andreas von Studnitz scheint der Herausforderung zunächst im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Weg zu gehen. Statt vor den Türen des Großen Hauses (wie angekündigt) versammeln sich die Zuschauer an einem "Meeting Point" im Foyer und verschwinden in den Katakomben. Eine Stewardess wartet mit einer Sicherheitseinweisung. Personen mit Höhenangst wird vom Besuch abgeraten.

Dann fährt der Vorhang hoch, die Zuschauer-Plattform ruckelt nach vorne. Man merkt, dass man selbst auf der Bühne sitzt, der Blick zur Seite bleibt in den Kulissen der Operette "Piraten“ hängen. Was sehr gut passt, denn "Die lächerliche Finsternis" beginnt mit dem Plädoyer eines somalischen Piraten vor einem deutschen Landgericht (ein realer Fall).

Der Schrecken der Fremde

Aglaja Stadelmann erzählt im Gegenlicht, das ihr Antlitz verwischt, die Lebensgeschichte des Piraten ohne Schnörkel und Attitüde. Eine deutsche Schauspielerin berichtet vom Aufwachsen in einem failed state am Horn von Afrika, als wäre es ihr persönlicher Text. Das ist ein geschickter Schachzug von Regisseur von Studnitz. Geht es in "'Die lächerliche Finsternis" doch vor allem um den Schrecken in der Fremde, den wir Westler gar nicht begreifen können und wollen. Umso folgerichtiger ist es von der Inszenierung, dem clash of culture des somalischen Piratenlebens mit der deutschen Justiz in der Darbietung die Irritation des Fremden zu nehmen – was es auf der Textebene noch verstärkt.

Finsternis12 560 MartinKaufhold uIm Reich der Projektionen: Aglaja Stadelmann © Martin Kaufhold

Aber genug von der Perspektive der anderen – die Piratengeschichte wird schnell beiseitegeschoben. Das liegt voll in der Logik des Stücks, dass wir für uns nicht-nachvollziehbare Geschehnisse nur als Projektionen aus unserer eigenen Perspektive verarbeiten können. Die Fläche für diese Projektion liegt für Wolfram Lotz am Hindukusch – in seinem Text ein Fluss, auf dem zwei deutsche Soldaten in Anlehnung an "Das Herz der Finsternis" hinaufschippern. Auch hier widersteht von Studnitz dem Reiz, an den Regieanweisungen des unmöglichen Theaters zu scheitern. Keine Bilder für Zivilisation, kein Urwald. Nur Beamer, Licht und eine Drehbühne, die das Publikum real auf eine Achterbahnfahrt schickt, die auch der Text unternimmt. Drehen, vorwärts, hoch, runter. Das Publikum kommt ganz schön herum im Hinterland und Untergrund der Bühne. Auch die Absurdität der Begegnungen nimmt mit zunehmender Dauer an Fahrt auf.

Mit dem Charme der Unverschämtheit

Leider hält sich von Studnitz dabei nicht an den Purismus der Eingangsszene. Für die komödiantischen Momente muss dann doch mal ein Akzent her, um die Figuren einzuordnen. Schauspielerisch sind diese Momente dafür gut gelungen. Christel Mayr seilt sich vom Scheinwerfergerüst ab und nutzt die Geschichte eines Bombentods im Kosovokrieg, um den beiden Soldaten Waren anzubieten. Hätte jemand im Publikum laktosefreien Ziegenkäse, einen Investment-Fond oder ein Spannbetttuch gebraucht – man wäre dem Charme ihrer Unverschämtheit erlegen. Auch Julia Baukus als deklamierender und Brüste-liebender Pfarrer erntet verdiente Lacher. Ihr Tanz zu einem dieser typischen 90er Hits mit Rapper und Tänzerinnen ruft einem noch mal in Erinnerung, wie absurd manche Klischees auch im friedvollen Teil unserer Vorstellungswelt sind.

Finsternis 560 MartinKaufhold uFluss-Soldaten des unmöglichen Theaters: Benedikt Paulun, Beatrice Panero, Stefan Maaß
© Martin Kaufhold

Im Zentrum stehen jedoch Stefan Maaß und Benedikt Paulun. Als mürrischer Offizier und etwas tapsiger Soldat gehen sie auf Tour und verlieren nach und nach ihre Sicherheit, ihre Nerven und das Vertrauen zueinander. Das spielen sie unprätentiös, ohne jede Albernheit – und damit umso intensiver. Da kann auch der Regisseur von Studnitz mit einem eigenen Auftritt nicht mehr die Show stehlen. Als der gesuchte Oberstleutnant, der zwei Kameraden umgebracht hat, erscheint von Studnitz als 3D-Projektion. Er schildert einen Traum, in dem er ebenfalls mit einem Boot durch seinen Anus hinauffährt.

Ob diese Besetzung ein selbstreferentieller Kommentar auf das nahende Ende seiner Ulmer Intendanz ist – nur noch als Hologramm anwesend und in den eigenen Hintern kriechend? Es sei dahingestellt. Zur vielschichtigen Ironie des Stücks würde es passen. Und das Gesamtkunstwerk der Inszenierung bekommt so oder so die spürbare Anerkennung des Publikums. Das besondere Geschenk, als das der scheidende Intendant seine Inszenierung auf der Webseite angekündigt hatte – es wird dankbar angenommen.

 

Die lächerliche Finsternis
von Wolfram Lotz
Regie: Andreas von Studnitz, Raum und Kostüme: Mona Hapke, Dramaturgie: Stefan Herfurth.
Mit: Aglaja Stadelmann, Stefan Maaß, Benedikt Paulun, Beatrice Panero, Christel Mayr, Julia Baukus, Andreas von Studnitz, Andreas Pilchowski.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theater.ulm.de

 

Auf nachtkritik.de veröffentlichte der Dramatiker Wolfram Lotz unlängst seine Hamburger Poetik-Vorlesung: ÜBER DAS SCHREIBEN, UND JA: FÜRS THEATER.


Kritikenrundschau

"In von Studnitz' sehenswerter Inszenierung ist alles im Fluss zwischen Fantasie und realem Albtraum. Das Ensemble trägt das eindrücklich spielerisch in seiner Mehrbödigkeit mit, etwa Aglaja Stadelmann mit schmerzender Intensität, Stefan Maaß mit scharfer Präzision, Benedikt Paulun mit berührender Verlorenheit." Jeder Auftritt "ist stark", schreibt Magdi Aboul-Kheir in der Südwest Presse (8.1.2018).

Für Marcus Golling von der Augsburger Allgemeinen (8.1.2017) ist es ein "würdiger Abschied" von Intendant und Regisseur Andreas von Studnitz. Lotz' Stück "bildet die Wirklichkeit nicht ab, sondern macht sie durch die teils absurde Handlung erfahrbar: die Logik einer postkolonialen, kapitalistischen Welt, in der der Westen in Panik vor Terrorismus und Massenzuwanderung zittert, aber kein Problem damit hat, in der sogenannten Dritten Welt die Bodenschätze auszubeuten. Das überzeugt in dieser konzentrierten, in den richtigen Momenten auch überdrehten und albernen Produktion dank der sehr eindringlich agierenden Darsteller."

"So schaut sie aus, die Strategie von Wolfram Lotz, der in seinen Realismus immer wieder Surreales mogelt. Harte Weltpolitik geht bruchlos in absurden Klamauk über, in Existenziellem ploppt Banales auf", schreibt Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (30.1.2018). "Ironisch, aber nie belehrend wirbelt Lotz Klischees, Stereotype und Vorurteile spielerisch durcheinander, um vermeintliche Gewissheiten zu demontieren – und en passant postkolonialistisches Denken zu entlarven." Nicht nur den eigenen Kategorien, auch dem Theater selbst sei nicht zu trauen, so laute die Botschaft dieses schlichten wie interessanten Theaterabends.

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