Das Blut an unseren Händen

von Elisabeth Maier

Basel, 18. Januar 2018. Mit bloßen Händen drischt die Tochter auf ihre Mutter ein. In ihren glänzenden Stöckelschuhen strauchelt die Konzernchefin. Schmutz befleckt ihre Designerbluse. Der adrett frisierte Haardutt löst sich. "Bist Du eine Mörderin?", will die junge, zornige Dokumentarfilmerin von der Geschäftsfrau wissen. In Dominik Buschs Stück "Das Recht des Stärkeren" liefern sich die junge Lisa Stiegler und Carina Braunschmidt ein erbittertes Duell. Blut klebt an den Händen der Unternehmerin, die Rohstoffe und Menschen in Kolumbien für ihren Profit gnadenlos ausbeutet. Ihre Macht zelebriert die Schauspielerin dennoch virtuos.

Recht des Staerkeren3 560 Kim Culetto uMutter-Tochter-Kampf auf Rindenmulch: Lisa Stiegler und Carina Braunschmidt © Kim Culetto

Auf starke Konflikte wie diesen spitzt Regisseurin Felicitas Brucker den Text zu. Sie lenkt die Konzentration auf Buschs ebenso kraftvollen wie poetischen Sprachfluss. Das dynamisch gebaute Stück, entstanden im Rahmen des Schweizer Autorenförderprogramms Stück Labor, öffnet den Spielern Assoziationsräume. Busch hat seinen klugen politischen Text als Hausautor des Theaters Basel geschrieben, der Autor und Dramaturg Ewald Palmetshofer hat dessen Entwicklung begleitet.

Mitschuld an der Ausbeutung

Die Handlung ist komplex: Als Dokumentarfilmerin will Nadja Studer die Ungerechtigkeit aufdecken, die den Menschen in Kolumbien widerfährt. Zu dieser Figur hat den Autor unter anderem die Holländerin Tanja Nijmeijer inspiriert, die als Studentin nach Kolumbien kam und sich dort der linken Guerilla-Organisation FARC anschloss. Dokumentarischen Ballast, der den Blick auf Buschs verführerische Sprachbilder verstellt, reduziert die Regie konsequent. Lisa Stiegler als politisch korrekte Medienfrau horcht in den fiebrigen Rhythmus des Textes hinein. Ihr Körper krümmt sich zum Katzenbuckel, sie zittert und friert. Sie gerät außer sich, als sie ihre Mitschuld an der Ausbeutung der Menschen in dem lateinamerikanischen Land erkennt. Nach einer Entführung droht die Europäerin selbst zur Täterin werden: der Kämpfer Diego offeriert ihr einen blutigen Deal: "Wenn du einen von Ihnen tötest, kommen alle anderen frei. Tust du das nicht, töten wir alle zehn. Das entscheidest Du allein. Wie gefällt Dir unser Land? Ist es ein schönes Land?" Die ironischen Widerhaken in Buschs Poesie, sie schmerzen.

Eine schlichte Baracke aus Metall ist Viva Schudts Bühne. Holzig riecht der Rindenmulch, der den Boden der kleinen Basler Spielstätte bedeckt. Auf weiße Leinwand projiziert Arved Schultze sein Video, das die gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen in Kolumbien zeigt. Da schaufeln Bagger Erde auf verwüsteten Feldern. In diesem blutigen Untergrund werden die Leichen der Kriege verscharrt. Während Busch mit seinem Stück von Folter, Mord und Gewalt erzählt, hüllen Schultzes Filmbilder die Akteure ein, konfrontieren sie auch visuell mit den eigenen Verbrechen.

Weit weg in der sicheren Schweiz

Auch politische Diskurse wie etwa die Verflechtungen von Schweizer Unternehmen in Ausbeutung und Verbrechen greift der Autor auf. Aber "Das Recht des Stärkeren" wühlt tief auch in menschlichen Abgründen, zeigt die Figuren mit ihren nackten Gefühlen. In den Augen des Rebellen Alvaro ist Angst zu lesen, als er die Filmemacherin anfleht, seine Geschichte aus dem Film herauszuschneiden. Andernfalls würden ihn seine Rebellen-Kompagnons töten. Steffen Hölds Stimme gefriert, wenn er erzählt, wie diese brutale Vergeltung schließlich vonstattengeht. Daran beteiligt ist auch sein Genosse Diego, in Nicola Fritzens Interpretation ein kalter Schlächter.

All das kümmert das Filmteam nicht mehr, denn die Premiere rückt näher. Und die findet weit weg in der sicheren Schweiz statt, wo es keinen Krieg gibt. Im Scheinwerferlicht doziert Nadja vor ihrem Publikum über eine bessere Welt. Ihr Cutter und Freund Simon grinst selbstgefällig – Orlando Klaus zeigt ihn als gleichgültigen Techniker, dem Quote über alles geht.

Recht des Staerkeren2 560 Kim Culetto uIst es möglich, unschuldig zu bleiben? – fragt sich Lisa Stiegler als Filmemacherin Nadja
© Kim Culetto

Dann wechselt Regisseurin Brucker die Perspektive, schnell wie im Filmschnitt: Ganz still, abgewendet von den Menschen, steht Lisa Stiegler an der Leinwand. Zeitgleich wird im fernen Kolumbien der Mann gefoltert und hingerichtet, dessen Geschichte sie vor die Kamera zerrte. Das gelbe Rüschenkleid, das sie jetzt trägt, ähnelt der Bluse ihrer Mutter – so schafft Katrin Wolfermann über die Kostüme Bezüge zwischen den Protagonistinnen. Dass diese Szene so tief berührt, liegt an Bruckers faszinierender Inszenierung des Schweigens. Die Tochter, die wie Ihre Mutter zur Mörderin wurde, findet keine Sprache mehr.

 

Das Recht des Stärkeren
von Dominik Busch
Uraufführung
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Viva Schudt, Kostüme: Kathrin Wolfermann, Video: Arved Schultze, Dramaturgie: Ewald Palmetshofer.
Mit: Lisa Stiegler, Carina Braunschmidt, Orlando Klaus, Steffen Höld, Nicola Fritzen.
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

Auftragswerk im Rahmen des Autorenförderprogramms Stück Labor Basel

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

"Ein starkes Stück Theater" hat Michael Baas von der Badischen Zeitung (23.1.2018) gesehen. Aktuelle politische Debatten würden gestreift, vor allem aber zeigten sich "in den fünf Figuren Abgründe und Widersprüche". Die investigativ angehauchte Dokumentarfilmerin Nadja Studer etwa mutiere in der Szenencollage "von der sendungsbewussten Globalisierungskritikerin zur skrupellosen Karrieristin", ihr Bettgenosse und Cutter Simon habe es "sich ohnehin in den Komfortzonen westlichen Lebens eingerichtet2, so Baas. Unterlegt sei die Inszenierung mit einem "fast psychedelischen Video" von Arved Schultze, das "in verführerischer Ästhetik zugleich irritierende Kontrapunkte setzt zu den Folter-, Mord- und Gewaltgeschichten".

Dominik Busch benutze in seinem Text sehr viele Ästhetiken, beschreibt Christian Gampert im Fazit von Deutschlandfunk Kultur (18.1.2018): Monologe, Dialoge, in denen kleine Szenen angespielt würden, und Performance – "das gibt einen ganz eigenartigen Sog und Rhythmus, der wirklich sehr, sehr gelungen ist", so Gampert. Der Mutter-Tochter-Konlifkt sei leider nicht sehr gut ausgearbeitet und eher holzschnittartig geraten, anders als das differenziert gezeigte Verhältnis zur Dritten Welt. Lisa Stiegler als Nadja Studer aber spiele "sehr beeindruckend, wie jemand, der am Anfang so moralisch korrekt daherkommt, sich in ein psychisches Wrack verändert".

 

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