Geburt in der Todeszeitzone

von Mirja Gabathuler

Zürich, 11. Februar 2018. Wer an diesem Abend im Zuschauerraum des Fabriktheaters Platz nimmt, den verfolgt ein staunender Blick. Er gehört einem Wesen mit Pagenschnitt, das auf der Bühne an einem weiß gedeckten Geburtstagstisch sitzt. Champagner, Blumen und ein Kuchen, auf dem eine einzelne Kerze brennt, stehen bereit. Die dunklen Augen aufgerissen, der Mund leicht geöffnet: Unheimlich lebendig wirkt die Puppe, die Marius Kob gefertigt hat und nun führt. Der Figurenspieler lässt sie dem Publikum zuprosten, ein Geburtstagslied summen, in Richtung der Kerze pusten – nur fehlt ihr der Atem. Das Publikum reagiert, singt mit, lacht. "Chronik der Zukunft", ein Theaterabend über das Reaktorunglück von Tschernobyl, beginnt überraschend heiter.

Sonnenschein und Strahlendosen

Die Puppe ist ein Abbild der Schauspielerin Yanna Rüger, die gleich die Bühne betreten wird, mit Pagenschnitt und festlichem Pailettenkleid. Den vielen Geschichten, denen Rüger ihre Stimme leihen wird, wird ihre Doppelgängerin ein Gesicht geben. Doch zuerst schaltet sich am vorderen Bühnenrand ein Röhrenfernseher ein.

ChronikDerZukunft 560 PhilippKlemm uIn Erinnerungen wühlen, die man nicht haben kann: das Yanna-Rüger-Double © Philipp Klemm

Ein Nachrichtensprecher klärt uns auf: Am 26. April 1986 wird in einem schwäbischen Dorf Yanna Rüger geboren, während es 2000 Kilometer entfernt im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl zum Super-GAU kommt. Dort der größte anzunehmende Unfall, hier das größte anzunehmende Elternglück. Hier eitel Sonnenschein, dort vernichtende Strahlendosen. Individuelle Geschichte überlagert sich mit Weltgeschichte, ohne Punkt und Komma. Eine Schauspielerin wird zufällig in eine Katastrophe hineingeboren.

Fast 32 Jahre später lässt Yanna Rüger auf der Bühne Geburtstags-Firlefanz auf die Erinnerungen von Tschernobyl-Zeugen treffen, wie sie die weißrussische Journalistin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch gesammelt hat. Die auf Gesprächen mit Zeitzeugen basierenden Monologe in Alexijewitschs "Chronik der Zukunft" erzählen die "weggelassene Geschichte": von den menschlichen Erfahrungen hinter abstrakten Größen wie Halbwertszeiten und Opferzahlen.

Nicht nur der Reaktor expolodierte

Ausschnitte aus diesen Monologen spricht Yanna Rüger mit unaufgeregter Stimme ins Mikrophon. Eine Rückkehrerin wundert sich, weshalb sie keine Kartoffeln mehr ernten soll. Jäger berichten, wie sie in der verseuchten Zone zurückgelassene Haustiere töten, ein Forscher erinnert sich an die Atom-Euphorie, ein Liquidator daran, wie er am havarierten Reaktor vergebens den Helden spielt.

In den Erinnerungen dieser Menschen an das Ereignis, das ihr Leben erschütterte, liegen Faszination und Schrecken nahe beieinander. Diese Ambivalenz wird in den ausgewählten Textpassagen umkreist. Das Unmittelbare des Gesagten steht für sich – und wird auf der Bühne doch visuell und akustisch verstärkt.

Während Rüger spricht, wird ihr puppenartiges Alter Ego gefilmt und auf Leinwand projiziert. In einem Haufen Erde wühlt sie nach Erinnerung. In Nahaufnahme entstehen mit einfachen Requisiten starke visuelle Bilder, die mit den Erzählungen korrespondieren. Godzilla und Jurassic Park oder Stonehenge werden in diesem Miniaturszenen abgerufen – ein ganzes Repertoire an popkultureller Endzeit-Romantik.

ChronikDerZukunft 560a HetaMultanen uZufällig in eine ferne Katastrophe hineingeboren: Yanna Rüger © Heta Multanen

Die Suche nach einer Darstellung für ein ungeheuerliches Ereignis, bei dem "nicht nur der Reaktor explodiert ist, sondern das ganz frühere Wertesystem", ist der Motor der Inszenierung. Dass dabei verschiedene stilistische Mittel zum Einsatz kommen, ist programmatisch.

Obsolete Grenzen

"Chronik der Zukunft" ist die erste Arbeit des Freie-Szene-Kollektivs Infinite Cooperation. Schauspielerin Yanna Rüger, die bis 2016 Ensemblemitglied am Theater Neumarkt war, wechselt dabei von der passiven in die aktive Rolle: Als Künstlerische Leiterin übernimmt sie das Zepter. Grenzenlose Zusammenarbeit ist ihr Gegenentwurf zu den "Arbeitserfahrungen im Stadttheaterbetrieb mit seinen festen Arbeitsverteilungen und Hierarchien", wie sie auf ihrer Webseite schreibt.

Fast alle Beteiligten stammen aus dem Umfeld des Theaters Neumarkt: Der Puppenspieler Marius Kob, die Videokünstlerin Heta Multanen (auf der Bühne filmt Benjamin Burger) und der Musiker Thomas Jeker, der dem Bühnengeschehen mit der Gitarre den Takt vorgibt. Dass auch die akustische Ebene eine große Rolle spielt, ist kein Zufall: Regie führt Tom Schneider, der am Neumarkt schon bei "Faust" und Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe – mit Sandra Hüller in der Hauptrolle – die Grenzen zwischen Sprechtheater, Musik und Choreografie obsolet werden ließ. In der Inszenierung von "Chronik der Zukunft" findet von all dem etwas statt und von nichts zu viel. Reduktion in der Vielfalt scheint die ästhetische Strategie zu sein. Beeindruckend ist das allemal: Der inszenatorische Ideenreichtum und das präzise Puppenspiel faszinieren von der ersten bis zur letzten Minute.

Düsterer Widerhall

Auch inhaltlich nimmt sich die Gruppe zurück. Das mag ein Zeichen von Demut sein – der Stoff hätte aber etwas mehr Aktualisierung vertragen. Tschernobyl will hier nicht so richtig in der Gegenwart ankommen, bleibt auf der Bühne eine abgeschirmte, ferne Zone.

Am Ende verschwindet das gesamte Ensemble in einem Zelt, das sie aus Metallstangen und Plastikfolie errichtet haben. Aus den Lautsprechern klingt Laurie Andersons O Superman: "Hold me mom, in your long arms, in your petrochemical arms, your military arms" – der düstere Widerhall einer technologisierten Welt, ein letzter Versuch der Annäherung an ein unfassbares Geschehen.

Nur die Kamera lässt uns noch ins Innere des Plastikzelts blicken. Sie ruht auf dem reglosen Puppengesicht, das schräg in einer Landschaft aus weißem Staub liegt. Er gefriert zum Standbild, dieser Blick aus schwarzen, entsetzten Augen – ein Engel der Geschichte, halb begraben in verbrannter Erde. Ein Bild, das nach diesem Theaterabend im Gedächtnis bleibt.

 

Chronik der Zukunft
von Infinite Corporation
frei nach dem Buch von Swetlana Alexeijewitsch
Künstlerische Leitung: Yanna Rüger, Regie: Tom Schneider, Bühne/Kostüme: Prisca Baumann, Musik: Thomas Jeker, Video: Heta Multanen, Puppenbau: Marius Kob, Produktionsleitung: Oliver Lau, Technik: Robert Meyer, Regiehospitanz: Yanik Riedo.
Mit: Yanna Rüger, Marius Kob, Thomas Jeker.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.rotefabrik.ch

 

Kritikenrundschau

Sieben Gespräche aus dem Buch "Chronik der Zukunft" haben Yanna Rüger und Regisseur Tom Schneider ausgewählt, so Tobias Gerosa in der Neuen Zürcher Zeitung (13.2.2018). Live entstehe mit der Rüger-Puppe eine Filmspur in einer Miniaturwelt, sichtbar produziert vom Puppenspieler Kob und von zwei Video- und Puppenspieltechnikern. "Auch hier bebildert der Film aber nicht, sondern erzählt eine eigene Geschichte." Diese durchaus rätselhafte und spielerische Ebene tue den konkreten Einzelerlebnissen gut. "So gelingt eine unbehaglich stimmende inhaltliche Verbindung von Einzelschicksal und übergreifendem Thema", wobei es Stelle gebe, wo der sonst dichte und anregend einfache Abend etwas Straffung brauchen könnte.

Auf SRF 2 (12.2.2018) sagte Kaa Linder, Yanna Rüger bringe die Zeitzeugnisse von Swetlana Alexeijewitsch in einer "kühlen, fast distanzierten Performance" auf die Bühne. Die Geschichte als Engel der rückwärts geboren wird. In "Chronik der Zukunft" sei dieser Engel die Puppe, die in der Erde wühlt. Ihr "übergroßer Blick" auf die Leinwand projiziert, scheine den Blick des Publikums "herauszufordern". Eine betont "nüchterne Atmosphäre" durchdringe die Performance, mit viel Technik, Videos und Livesound. Dabei seien die dichtesten Momente die schlichtesten und leisen, wenn die Lebensgeschichten der Betroffenen der Katastrophe vorgetragen würden..

 

 
Kommentar schreiben