Vetternzwist im Burgen-Wunderland

von Andrea Heinz

Wien, 15. Februar 2018. Für Kulturpessimisten ist die Literatur ein Segen – wer glaubt, die Welt steht nicht mehr lang, weil bald jemand auf den roten Knopf drückt, uns ein Super-Virus dahinrafft oder die letzte Biene stirbt, der kann sich mit der Lektüre eines Klassikers beruhigen. Früher war nämlich alles noch schlimmer, Krieg, Tod und Verderben zuhauf, und mit der Moral und den sogenannten Werten stand es auch nicht wirklich zum Besten.

So auch in Heinrich von Kleists 1803 entstandenem Trauerspiel "Die Familie Schroffenstein": "Ein hold ergötzend Märchen ists der Kindheit, der Menschheit von den Dichtern, ihren Ammen, erzählt. Vertrauen, Unschuld, Treue, Liebe, Religion, der Götter Furcht sind wie die Tiere, welche reden. – Selbst das Band, das heilige, der Blutsverwandtschaft riß, und Vettern, Kinder eines Vaters, zielen, mit Dolchen zielen sie auf ihre Brüste", klagt da gleich zu Beginn Rupert, Graf von Schroffenstein.

Kabalen und Lieben ohne Bühnenzauber

Ein Erbstreit ist's, der die Häuser derer von Schroffenstein entzweit, das des Rupert in Rossitz und das des Sylvester in Warwand. Stirbt das eine Geschlecht aus, so erbt das andere alles. Passend zu diesem archaischen Gesetz platziert Kleist sein Trauerspiel in einer märchenhaften Welt voller Ritter, Burgen, Hexen und Zauberwerk. In Fabian Alders Inszenierung im Wiener Bronski & Grünberg Theater bleibt davon, außer ein wenig mystischem Theaternebel, wenig: Purismus statt Bühnenzauber und üppiger Kostüme. Die Bühne bleibt, bis auf das triste, kahle Gerippe eines Baumes, leer.

Durch die diversen Türen und Öffnungen der goldbemalten Wände, die die Bühnenfläche einrahmen, erfolgen die diversen Auf- und Abtritte der handelnden Figuren – denn auf den verfeindeten Burgen geht es zu wie im Taubenschlag. Eine abstruse Intrige folgt auf die nächste: Man bezichtigt sich wechselseitig (und fälschlicherweise) des Kindsmordes, schwört auf Rache, glaubt unglaubwürdigen Beweisen oder trügerischen Gefühlen. In einer Höhle im Gebirge, in das sich Kleists Burgen-Wunderland einfügt, kommen derweil nicht nur Ruperts Sohn Ottokar und Sylvesters Tochter Agnes einander näher, sondern verliebt sich auch der psychisch labile Halbbruder Ottokars, Johann, im Wortsinne wahnsinnig in die schöne Agnes. In fliegendem Wechsel wird hinfort inbrünstig geliebt und gehasst, verziehen, vertraut, verleugnet, in blutig-detailreichen Botenberichten gemordet und, wenn man es nicht mehr aushält, in Ohnmacht gesunken. Kleist halt.

FamilieSchroff 560 AndreaPeller uDunkel war's, der Mond schien helle – Schroffensteins ratlos © Andrea Peller

Vieles, nahezu alles spielt sich auf beiden Höfen spiegelbildlich ab, weshalb Fabian Alder sich für Rupert, Sylvester und ihre Gemahlinnen mit jeweils einer/m Schauspieler/in begnügt: Als intrigante, rachsüchtige Figur, als Rupert und Gertrude ziehen Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer sich jeweils an einer Hand einen güldenen Handschuh über – wohl um sich die Hände nicht schmutzig zu machen, "denn wer das Schmutzge anfaßt, den besudelts." Als die versöhnlichen, gutgläubigen Sylvester und Eustache bleiben sie unbehandschuht. Ansonsten sind sie ganz in Schwarz-Weiß gewandet, so wie Sophie Stockinger als Agnes, Simon Morzé als Ottokar und Benjamin Vanyek als irrer Johann. Nur Florian Stohr als zwischen den Fronten stehender Jerome trägt grau, Ursula Anna Baumgartner wechselt Kostüme und Rollen, gibt mal den impertinenten Herold, mal eine jungfräuliche Hexe. Manchmal blitzen im Spiel des starken Ensembles Persönlichkeiten auf, oft aber bleiben die Figuren Typen, Symbole fast, die das gedoppelte Unvermögen zu gelungenem Sozialverhalten, den Untergang der jugendlichen Unschuld parabelhaft durchagieren. Auch der Text ist schließlich eher ein Spiel mit Symbolen und Bildern als eine realistisch-plausible Geschichte.

Ohne aktualisierenden Zeigefinger

Auf seinen 90 Minuten hat der Abend Tempo, ist unterhaltsam und lustig. Ohne zweite Ebene oder Hintergründigkeiten, geradezu naiv lässt Alder Kleists Stück spielen, so dass es in seinem übersteigerten Pathos, seiner Gewalt und Emotionalität oft unfreiwillig komisch wird. Ganz ernst nehmen kann man diesen Text schlechterdings kaum, und wie schon bei der ersten privaten Lesung durch den Autor selbst, so bricht auch das Wiener Publikum in lautes Lachen aus, noch während das bitterböse Finale seinen Lauf nimmt und Agnes und Ottokar, in vertauschten Kleidern, von ihren Vätern ermordet werden.

Alders konzentrierter, puristischer Zugang, der sich Überschreibungen, die üblichen Verweise auf Fake News, das Gleichgewicht des Schreckens oder "Feuer und Zorn" spart, hat dabei etwas sehr befreiendes – klug genug, um die Aktualität dieses Texts zu erkennen, sind die Zuschauer/innen allemal selbst. Es spricht für diese Inszenierung, dass sie sich getraut, den Text ernst zu nehmen in all seinem Aberwitz.

Noch berührender wäre die Klage über das absurde Hassen und Morden allerdings geworden, hätte man den Überschwang stärker herausgearbeitet, jede Umarmung, Ohnmacht und Klage noch inbrünstiger erlitten. Um die schmerzhafte Sinnlosigkeit dieses menschlichen Treibens wirklich fühlbar zu machen, hätte es einer größeren, vielleicht sogar Thalheimerschen Intensität gebraucht, eines blutigen Ernsts, der den Pathos ebenso wenig scheut wie es der Text selbst tut.

 

Familie Schroffenstein
von Heinrich von Kleist
Regie: Fabian Alder, Bühne: Kaja Dymnicki / Fabian Alder, Kostüme: Katharina Kappert.
Mit: Sophie Stockinger, Simon Morzé, Birgit Linauer, Ljubiša Lupo Grujčić, Ursula Anna Baumgartner, Benjamin Vanyek, Florian Stohr.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

bronski-gruenberg.at

 

Kritikenrundschau

Im Wiener Kurier (19.2.2018) schreibt Guido Tartarotti: Regisseur Fabian Alder inszeniere das Drama "ganz ernsthaft und ein wenig statisch". Vielleicht wäre es "lohnender" gewesen, fährt er fort, die Geschichte im Stil des "absurden Theaters" oder wie eine Quentin-Tarrantino-Gruselkomödie" zu erzählen. Das Ensemble spiele "jedoch sehr gut" und der Abend sei zu "empfehlen".