Als brenne die Welt

Gerhard Stadelmaier spricht in der Online-Ausgabe der FAZ (23.6.2008) von einem "unendlichen Verlust" für das europäische Theater. "Grüber war der einzige, der in Stücke hineinging, sich in ihnen verlor, sie begriff als fremde, sperrige, unerforschbare Welt, in die hinein man aufbrechen müsse wie in ein tolles Abenteuer. Wenn die Reise begann, war es für ihn immer so, als müsse er eine Art Entsetzen überwinden: die Schrecksekunde des Schöpfers vor der Schöpfung. Als brenne ihm die Welt, noch bevor er sie auf seiner Bühne erfinden durfte, so sehr in Händen, dass er sie lieber gleich weglegen möchte. Dieses Ticken der Schöpferschrecksekunde durchzitterte jede seiner Theaterarbeiten."

Auf Welt-Online (23.6.2008) würdigt Reinhardt Wengierek Grübers Gespür für ungewöhnliche Spielorte, divergierende Bilder, samt ihrer Finsternis und metaphysischen Schauer. Der Regisseur sei der "großen Außenseiter" und "Metaphysiker" des deutschen Gegenwartstheaters" gewesen. Allerdings lasse sich nicht leugnen, "dass Grübers sicher tief empfundenes Zweifeln an der Möglichkeit der Erlösung zuweilen zur formalistischen Attitüde" geraten sei. Ebenso wenig freilich lasse sich leugnen, "dass er gerade das oft oberflächlich plakative, in Effekte verliebte deutsche Gegenwartstheater um wesentliche Perspektiven bereicherte."

In der Frankfurter Rundschau (24.6.2008) schreibt Peter Iden über Grübers besonderen Begriff von Zeit: "Der Sinn für Ende und Endlichkeit, dafür, dass alles uns schon verloren ist gerade in dem Augenblick, da wir es zu leben glauben, wurde im Theater Grübers kontrastiert von Momenten einer Emphase, wie nur er sie auf der Bühne schaffen konnte." Iden erinnert auch an Grübers spektakulär tiefgründige Ortserkundungen: "Eiskalter Abend im Berliner Olympiastadion 1973, angesetzt eine 'Winterreise', die Konfrontation des Stadions von Hitler mit Texten Hölderlins und diese wiederum bezogen auf die haltlose Gegenwart der Epoche, die jetzt war. Die Schauspieler der Schaubühne als Unbehauste unterwegs auf dem riesigen Spielfeld und der Aschenbahn – unterwegs wohin?"

Klaus Dermutz
zitiert Klaus Michael Grüber in der Süddeutschen Zeitung (24.6.2008) mit einigen Sätzen aus der Strehler-Monographie von Cordelia Dvorák: "Ich habe das Glück gehabt, am Theater zu einer Zeit anfangen zu können, in der das Theaterhandwerk noch erlernt werden konnte. Heutzutage lernt man nichts mehr, man erfindet nur noch. Noch heute bin ich davon überzeugt, dass das Theater zu 95 Prozent aus Gesetzen besteht, die man erlernen, wissen muss. Wenn man diese Gesetze bricht, brechen will, manchmal brechen muss, ist es notwendig, sie zu kennen." Lebenslang habe Grüber, so Dermutz, "das Thema der unerlösten Wanderschaft" beschäftigt. Seine Inszenierungen, "die fast alle in Zusammenarbeit mit seiner Mitarbeiterin Ellen Hammer entstanden, waren von der Erfahrung des Scheiterns bestimmt, von Verlust und Verlöschen."

Die Siebziger seien Zeiten gewesen, in denen man wirklich geglaubt habe, dass man tiefe Geheimnisse über das Menschsein und die Welt erfahren konnte, wenn man nur ernsthaft genug zu den großen Dichtern hinabsteigen würde und "Klaus Michael Grüber war bei diesen Exkursionen so etwas wie der wichtigste Seelenführer", schreibt Dirk Knipphals in der taz (25.6.2008). Auch erinnert er daran, dass nach Grübers "Bakchen" von Euripides 1974 "eine ganze Theatermode einsetzte", sich in "sogenannten Antikenprojekten in alten griechischen Stücken zu spiegeln, in denen die abendländische Vernunft noch mit archaischen Zeiten rang". Die Legende besagt, "dass er auf Proben wenig sprach, aber den Schauspielern mit gelegentlichen Berührungen beinahe hypnotisch Eingebungen vermitteln konnte".

"Ihn gibt es in jeder Kunst: den Mann, auf den alle anderen Künstler sich einigen: Den artists' artist", schreibt Peter Kümmel in der Wochenzeitung Die Zeit (26. 6.2008). "Also den Meister, dessen Name fällt, wenn das Unerreichbare, die Ausnahme gepriesen wird". Und Klaus Michael Grüber sei so einer gewesen, einer eben, "zu dessen Füßen" Neid und Häme verebbt seien, und vor dessen seherischen, ja, magischen Gaben jeder willig die Waffen gestreckt hätte. Und während damals, an der weltberühmten alten Schaubühne, Peter Stein deren oberster Überwältigungskünstler, PR-Stratege sowie eloquentester Sprecher und Deuter gewesen sei, habe Grüber sich stets "als genialischer Gast" gebärdet und das Schweigen beschlossen. "Er versank in seinen Bart und wurde legendär." Und während Stein, wie später Luc Bondy Menschen gezeigt hätten, die sich aus den Verhältnissen befreien wollten, seien Grübers Menschen gar nicht erst in die Verhältnisse hineingekommen – "Wesen außerhalb aller Systeme", Rätselwesen und "Zeichen einer unlesbaren Schrift", die stets "eher dem Verstummen als der Aufklärung" verpflichtet gewesen seien.

 

Kommentar schreiben