9. Juni 2018

Theater des entgrenzten Denkens

von Stéphanie Dongmo

Er wäre gern Philosoph geworden. Er hätte Landwirt werden können. Er hätte Friseur sein sollen. Aber er ist Regisseur. Sein Name steht für ein Theaterschaffen, in das er als Schauspieler, Regisseur, Dramatiker, Theaterpädagoge und Begründer des Theater-Rechercheprojekts Othni investiert. Er hätte sich mit bequemen, konformistischen und allgemein verständlichen Arbeiten abfinden können. Doch er will keine geebneten Wege, er will einen Stolperpfad, auf dem er sich neu erfinden kann.

Seine letzte Inszenierung, "Sur les traces de Djeki la Njambe" (Auf den Spuren von Djeki la Njambe), war im Mai 2018 in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, zu sehen. In dem Stück, das er mit Bertrand Moada Yakanas Tanz-Compagnie Fleur de Lotus erarbeitete, greift Ambara das Thema Mythen wieder auf, das ihn seit mehreren Jahren beschäftigt – hier der Schöpfungsmythos der Sawa, einem Volk von der Küste Kameruns.

Hörspiele als Initialzündung

Martin Ambaras Leben glich nie einem ruhigen Fluss. Er kommt im Jahr 1970 als Einzelkind zur Welt. Als er sechs Jahre alt ist, verlässt seine Mutter die Familie. Sein Vater bleibt allein mit dem Kind zurück und schickt ihn in das Dorf Ndjolé im Osten Kameruns. Dort verbringt er vier Jahre, bevor er nach Yaoundé zurückkehrt. Im Alter von 16 Jahren verliert Ambara seinen Vater, womit ein bewegtes Leben beginnt. Trotz seiner Liebe zur Philosophie, die er zu seinem Beruf machen will, bricht er die Schule aus Geldnot kurz vor dem Abschluss ab.

In der neugewonnenen freien Zeit verschlingt er die Märchen von Evina Ngana in der Sendung Awoula woula, histoire - raconte (Awoula woula, Geschichte erzählt), die im Rahmen von Au coin du feu (Kamingespräche) vom Staatsradio ausgestrahlt werden. Im Jahr 1999 spielt er mit dem Gedanken, in sein Heimatdorf zurückzukehren und sich dem Kakaoanbau zu widmen. Doch stattdessen übernimmt er eine Cafétéria Tournedos, eine Garküche auf dem Fußweg unter freiem Himmel, wo man mit dem Rücken zur Straße isst.

Die Hörspiele aus dem Radio wecken seine Begeisterung für das Theater und den Wunsch, selbst Theater zu machen. Noch immer erinnert er sich an den Märchenabend von Evina Ngana, den er in den 80er Jahren sah, nachdem er seinen Vater eine Woche lang um die 500 CFA-Francs (etwa 75 Cent) für das Eintrittsticket angebettelt hatte. Zunächst probt er mit dem Théâtre indépendant d’Epée à Mony Akwa, bevor er sich dem Alabado Théâtre unter der Leitung von François Bingono Bingono anschließt. 2002 nimmt er an der Werkstatt für Regie teil, die vom französischen Theaterfestival Francophonie en Limousin in Benin ausgerichtet wird.

Als das Geld ausgeht, wird er Friseur

Ein Jahr später beschließt er, das Theater an den Nagel zu hängen: "Wir wurden nicht bezahlt, der Theaterbetrieb lief nicht und es gab Unregelmäßigkeiten in der Bezahlung der Schauspieler. Ich musste die Miete für ein Zimmer zahlen und hatte eine Tochter, da brauchte ich Geld", erinnert sich Ambara. Nebenbei betreibt er weiter seinen Café-Kiosk. Als die Stadtverwaltung von Yaoundé die Straßenhändler*innen aus dem Stadtzentrum vertreibt, muss auch der Kiosk weichen. Ambara beschließt, Friseur zu werden und eröffnet einen kleinen Salon auf dem Mfoundi-Markt, einem bekannten Wochenmarkt in Yaoundé. Mit dem Theater hatte er abgeschlossen.

MartinAmbara 560 Stephanie DongmoMartin Ambara bei der Arbeit in Yaoundé © Stephanie Dongmo

Wakeu Fogaing bewegt ihn im Jahr 2004 dazu, sich der Compagnie Feugham in Bafoussam anzuschließen. Ein Jahr später nimmt er mit seinem Stück "Acte neuf scène dernière" (Neunter Akt letzte Szene) an einem Workshop von Jean Mingele (Compagnie N’goti) teil. Dieser Erfolg öffnet ihm neue Türen. 2005 wirkt er bei Roland Fischets Inszenierung Animal mit, die in Frankreich und in der Schweiz gezeigt wird. 2006 inszeniert er im Rahmen der ersten Schreibwerkstatt der Comédie française in Paris die szenische Lesung des Stücks "La Mort vient chercher chaussure" von Dieudonné Niangouna, das später auf dem Festival Le Recréatrales in Ouagadougou Aufmerksamkeit erregt. Hier präsentiert er außerdem das Stück "Roméo et Juliette… Assez", das gerade im Verlag éditions Proximité erschienen ist.

Ambara wird Stipendiat des Residenzprogramms Visa pour la création von CulturesFrance, im Rahmen dessen er L’Épique des Héroiques schreibt, ein Stück über das Mvet-Epos im Kamerun, die Mahabarata in Indien und die griechische Mythologie. Im März 2010 begründet Ambara mit dem Stück Osiriades SG 2.1 das Theaterlabor Othni mit. "Als Othni gegründet wurde, habe ich gemerkt, dass es das war, was ich brauchte. Hier habe ich die Freiheit, das zu machen, was ich will", so Ambara. Mit diesem Ort für theatrale Experimente geht ein Traum in Erfüllung und neue Ideen nehmen Form an.

Er will den Austausch der Disziplinen innerhalb des Theaters fördern, und so widmet er sich mit dem Künstler Alioum Moussa der Bildhauerei, mit dem Tänzer Bertrand Yakana der Kinetik des menschlichen Körpers und mit Wilfried Nakeu der Videokunst. Ambara strebt danach, das Unsichtbare auszuloten, den Körper zu dekonstruieren, der den Menschen begrenzt, und zwar weit über die künstlerischen Disziplinen, ja selbst über das Menschliche hinaus: „Der Übergang ins Unsichtbare ist nicht erforscht: der Moment, in dem der Körper nicht mehr den gleichen Regeln gehorcht und die Dekonstruktion einsetzt. Theater heißt, das Denken zu entgrenzen, indem man die Angst und das Gerede ausblendet“, erklärt Ambara.

Ein Theater für die menschliche Seele

Der Schauspieler Jacobin Yarro beschreibt die Arbeit Ambaras in seinem Essay 50 ans de pratique théâtrale au Cameroun (50 Jahre Theaterpraxis im Kamerun) folgendermaßen: "Martin Ambara hebt sich durch eine große Freiheit und einen sehr pointierten Ansatz ab. Er hat den Mut, aus den ältesten universellen und lokal verorteten Mythen und Traditionen zu schöpfen, und sie in Theatermaterial zu verwandeln. Seine Arbeiten sind die Frucht einer Suche, die auf der Hypothese beruht, man könne das Publikum selbst für das Unbekannte begeistern, wenn man nur die richtige Haltung wählt, um ihm die Entdeckung zu ermöglichen."

Ein langjähriger Weggefährte Ambaras, der Schauspieler Wakeu Fogaing, bescheinigt ihm eine außergewöhnliche Entwicklung, "weil er sich eine ganz eigene Identität geschaffen hat. Seine Arbeit zeigt die Werte des Alltäglichen, jedoch in einer Sprache, die nicht immer für alle zugänglich ist. Sein Theater richtet sich vor allem an ein eingeweihtes und kultiviertes Publikum. Die mangelnde Theaterkultur hier bringt ihn in eine künstlerische Zwickmühle, da weder das hiesige Publikum noch die Kulturverwaltung seine Arbeit richtig zu schätzen wissen."

Dazu sagt Ambara: "Nicht mein Theater ist kompliziert, sondern der Mensch und die Gesellschaft sind es. Wir Afrikaner*innen leben mit dieser Ambivalenz, einem Konflikt, der eine jahrhundertealte Geschichte in uns geschaffen hat. Um mein Theater zu verstehen, muss man diese Geschichte dekonstruieren. Auf der Bühne geht es um das Leben der Menschen, da darf man sich nicht mit Gemeinplätzen zufriedengeben. Ich schreibe für die menschliche Seele. Man muss sich fallen lassen können, um das Theater zu spüren."

Heiner Müllers Texte faszinieren ihn

Der Weg hat ihn nach Deutschland geführt, ein Land gefunden, das ihn adoptiert und ihm eine Familie (eine Frau und zwei Kinder) sowie eine Förderung geschenkt hat. Letztere erhielt er vom Fonds TURN der Bundeskulturstiftung für künstlerische Kooperationen zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern. In diesem Rahmen erarbeitete Ambara gemeinsam mit dem Kainkollektiv die Produktion Fin de machine. Exit Hamlet. Diese erste deutsch-kamerunische Oper über "die Erinnerung an die Sklaverei" wurde 2016 in Düsseldorf, Berlin und München gezeigt.
Mit dem Dramatiker Heiner Müller und der Arbeit freier Gruppen als Ausgangspunkt regt er immer wieder zur Diskussion an: "Unter Deutschen fühle ich mich freier, hier können wir uns einander öffnen. Das ist der Unterschied zur Haltung in Frankreich. In Deutschland wird ein Projekt gefördert und kein Thema. Das spornt dich dazu an, besser zu werden."

Ambara hat jenseits von Kamerun großes Theater gemacht. Wakeu Fogaing sagt dazu: "Martin Ambara ist einer der authentischsten zeitgenössischen Theatermacher im Kamerun. Seine Arbeiten zu den Epen, Mythen und Dogmen transzendiert die oberflächlichen Identitäten von heute, indem er Räume schafft, wo alte, zeitgenössische und virtuelle Werte kollidieren. Kamerun ist ihm nicht umsonst eine Auszeichnung schuldig."

Aus dem Französischen übersetzt von Bochert Translations (Lisa Wegener)

 

Stephanie DongmoDjuka 80Stéphanie Dongmo (Kamerun) hat bei der Tageszeitung Le Jour die Kulturredaktion geleitet und schreibt inzwischen vor allem für panafrikanische Medien. Als Trainerin bildet sie Kulturjournalisten aus, außerdem veröffentlicht sie Kurzgeschichten.


 

 Hier berichtet Milisuthando Bongela über die Lage des Kulturjournalismus' auf dem afrikanischen Kontinent. Und Yvon Edoumou schreibt über die Frage, ob "arme" Leute Kunst genießen können.


Der Text ist im Rahmen des Journalist*innen-Projekts "Watch & Write" des Festivals Theaterformen entstanden und wird im Rahmen einer Medienkooperation auf nachtkritik.de veröffentlicht. Er ist nicht Teil des redaktionellen Programms von nachtkritik.de.

 

Kommentar schreiben