Ins Wespennest gepiekst

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 31. August 2018. Es ist Wiesbaden Biennale, und alle schauen hin. Eigentlich undenkbar, in dieser als langweilig geltenden Stadt. Die Biennale ist hervorgegangen aus dem Festival "Neue Stücke aus Europa", mit seinem Amtsantritt hat der Intendant des Hessischen Staatstheaters Uwe Eric Laufenberg sie in die jungen Hände von Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer gelegt.

Ihre erste Ausgabe stand 2016 unter dem Motto "This is not Europe" und entwickelte sich zum Erfolg. Dem Gegenwartstheater spürte das Programm mit Arbeiten nach, die in den öffentlichen Raum ragten, den Autorenbegriff befragten und die Grenzen des Erzählbaren sprengten. Diesmal aber gehen Ludewig und Hammer aufs Ganze. Unter dem Motto "Bad News" stellen sie die hessische Landeshauptstadt, deren Theater sonst nicht in die Welt strahlt, auf den Kopf und schafften es bis in die Hauptnachrichten, gar in die Washington Post. Manch einer wittert, das sei ihr eigentliches Ziel gewesen. Alles nur Skandalhuberei?

Erdogan 560 Jeva GriskjaneDie strittige Erdogan-Statue © Jeva Griskjane

Mit dem Aufstellen einer Erdogan-Statue auf dem Platz der Deutschen Einheit haben die Macher*innen in ein Wespennest gestochen und die Kunst aus ihrer Komfortzone geholt. Schon kurz nach Aufstellung der Statue entspannen sich neugierige, fruchtbare und leidenschaftliche Diskussionen auf dem Platz; Wildfremde kamen miteinander ins Gespräch, tauschten Argumente, feilschten um wahre Tatsachen und falsche Wahrheiten. Wo sonst findet so etwas statt?

Schmerzhafte Fragen und ein Ort zum Reden

Bei der Biennale 2016 gab es ein partizipatives Parlament unter freiem Himmel. In der Tradition der Agora rief die griechische Aktivistin und Publizistin Margarita Tsomou zum kritischen Dialog. Den kritischen Dialog gibt es also auch diesmal – aber heftiger, rauer, krasser, womöglich auch gefährlicher. Die Statue, die am Mittwoch wieder abgebaut wurde, hat viele ganz persönlich beleidigt. Einige Wiesbadener Türken befürchteten wiederum, dafür in Haftung genommen zu werden – dass Deutsche nun dächten, sie selbst hätten Erdogan auf einen Sockel gestellt. Man hätte das Ganze besser moderieren sollen, lautete allenthalben die Forderung. Doch muss Kunst wirklich moderiert werden?

Ich werde den Eindruck nicht los, dass diese Forderung mit dem Wunsch verbunden ist, Kunst möge sozialpädagogisch wirken, um ihre Relevanz unter Beweis zu stellen. Dabei sollte es doch ihre vornehmliche Aufgabe sein, schmerzhafte Fragen zu stellen und die Vielstimmigkeit der Welt dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Möglichkeit zum moderierten Gespräch durchaus gegeben war und ist. In ihrem "Migrantenstadl" bietet die Biennale jeden Tag Diskussionen an; am Mittwoch Abend wurde das Format genutzt, um abermals über die, nunmehr abgeräumte, Erdogan-Statue zu sprechen.

17Rewe 560 jeva griskjaneKunst und Kommerz: Supermarkt im Theater © Jeva Griskjane

Der Platz der Deutschen Einheit, wo die Statue stand, befindet sich gleich um die Ecke des Festivalzentrums an der schäbigen Schwalbacher Straße, die das Wiesbadener Westend von der Innenstadt abgrenzt. Passend, denn um Grenzen geht es in diesem Festival dauernd, Grenzverletzungen, Grenzen des guten Geschmacks: Die loten neben der Erdogan-Statue der im neobarocken Kitschfoyer des Staatstheaters eingerichtete Rewe-Supermarkt, das Autokino auf der Bühne des Großen Hauses und ein Pornokino im Studio aus. Mögliche (Nach-)Nutzungen von Theaterräumlichkeiten, die wirklichkeitsnäher sind, als manche*r sich wünschen würde.

Kommerz besetzt den Kunstraum – und umgekehrt

Dort, wo normalerweise die Kunst herrscht, waltet also der blanke Konsumismus – wobei das Hessische Staatstheater auch sonst viele Komödien und Musical-Formate im Programm hat, die zwischen Kunst und Kommerz changieren. In jedem Falle nistet auch umgekehrt derzeit dort, wo einst die Glücksversprechen des Kommerzes lauerten, nämlich in der inzwischen still gelegten City-Passage, zeitgenössische Performance-Kunst mit all ihren Herausforderungen: ein regelwidriger Geisterbahn-Parcours, der in einem Raum die Marathon-Performance "Häusliche Gewalt" von Markus Öhrn zeigt; in einer ehemaligen Schlecker-Filiale ein Drohnen-Horror-Szenario (Rabih Mroué und Dina Khouri); eine Ballettänzerin als Living Doll (Florentina Holzinger). Thomas Bo Nilsson & Julian Eicke haben sich gleich für die gesamte Festivalzeit dort einquartiert.

CityPassage 560 jeva griskjaneUmgekehrte Umnutzung in der City Passage © Jeva Griskjane

Der Besuch der City Passage kostet keinen Eintritt, jeden Tag von 15 bis 21 Uhr stehen die Türen offen. Inzwischen hat sich das herumgesprochen, man trifft dort nicht nur auf Theatergänger und Freunde der Kunst-Avantgarde, sondern auch ganz normales Volk und erfreulich viele jüngere Leute. Wie überhaupt diese Ausgabe der Biennale die ganze Stadt infiltriert. Überall spricht man davon, und wer durch Wiesbaden streift, kann nie ganz sicher sein, was dazu gehört und was nicht. Nicht zufällig denkt man ja bei "Bad News" sofort an Fake News. Kurz: Es ist was los in Wiesbaden, ein Befund, den man dieser Stadt nicht häufig stellen kann.

Fake-News: Die Identitären waren doch nicht da

Schon vor Beginn des Festivals hatte Festival-Kuratorin Maria Magdalena Ludewig geunkt, dass sie diesmal an vielen Stellen die Sicherungsseile gekappt hätten und auf Risiko führen. Ihr Kollege Martin Hammer sprach von einem Experiment und von "unsicherem Terrain". Das beschreibt ja auch unsere Gegenwart ganz gut: unsicheres Terrain.

 Bonom 5 c 560 Jeva Griskjane uVincent Glowinski, besser bekannt als Bonom, bei der Arbeit © Jeva Griskjane

Inwieweit die beiden blauäugig an die Sache herangegangen sind, ist schwer zu sagen. Die Schlagzeilen hören jedenfalls nicht auf: Am Donnerstag verdichteten sich Hinweise, dass Identitäre einen Container auf dem Faulbrunnenplatz besetzt hätten – was sich dann aber als Fake News erwies, gestreut vom Künstler-Kollektiv Frankfurter Hauptschule. Dafür hat sich inzwischen der bekannte Street-Art-Künstler Vincent Glowinski, besser bekannt als Bonom, mit einem riesigen Bild auf einer Häuserwand an der Schwalbacher Straße verewigt. Für Samstag Abend haben Frankfurter Hauptschule eine weitere Aktion in Aussicht gestellt. Mal sehen. Sicher ist schon jetzt, dass diese Biennale Spuren hinterlassen wird. Die derzeit gefragteste Frage in Wiesbaden lautet: Ist das Kunst? Ja. Es ist das wahre Leben.

Bad News
Wiesbaden Biennale des Hessischen Staatstheaters

23. August bis 2. September 2018

www.wiesbaden-biennale.eu

 

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