München-Kennerin mit Experimentierlust

von Georg Kasch und Jürgen Reuss

21. September 2018. Barbara Mundel also. Eine geradezu salomonische Wahl von Münchens SPD-Kulturdezernent Hans-Georg Küppers, der seit knapp zehn Jahren Verantwortung trägt. Mundel unterscheidet sich deutlich vom amtierenden Kammerspiele-Intendanten Matthias Lilienthal – und dürfte damit für die CSU-Stadtratsfraktion der Münchner Groko akzeptabel sein. Sie hat einschlägige Erfahrungen mit der Stadt, erst als Studentin an der LMU, dann 1986 bis 1988 als Regieassistentin am Residenztheater, zuletzt 2004 bis 2006 als Chefdramaturgin der Kammerspiele beim Intendanten Frank Baumbauer.

barbara mundel 560Barbara Mundel @ www.barbara-mundel.de

Mundel kennt die Stadt, ihre Seele, ihre Sehnsüchte – zum Beispiel danach, dass der Spiegel, der München vorgehalten wird, glänzen möge. Schon vorher hatte sie sich als Direktorin des Theaters Luzern (1999-2004) bewiesen und seit 2006 ihre Idee von Stadttheater in Freiburg experimentell ausgeweitet: Unter ihrer Intendanz prangte am Portal die Leuchtschrift "Heart of the City", wobei die Lettern HE regelmäßig abdunkelten und die Kunst, ART, übrigließen.

Freiburg (2006-2017): Durchdringung des Stadtraums

Das war programmatisch zu lesen. Von der zentralen Theaterkunstpumpstation wurden Leitungen bis in die Stadtperipherie gelegt: Das begann bereits vor Antritt der Intendanz, als Kundschafter ausgesandt wurden, um erste Verbindungen in die Zivilgesellschaft zu knüpfen: Was ist das für eine Stadt, wie tickt sie, wo will sie hin, wie können wir als Theater daran teilhaben, wie lässt sich der Stadtraum in die Theaterarbeit einbinden? Um das präziser zu eruieren, wurde dann eine mobile Kleinspielstätte als Theatersatellit in die Stadtteile und das Umland geschickt – mal in die Hochhaussiedlung, mal zur High-Tech-Forschung der Unis, mal ins ehemalige Kaliabbaugebiet im Markgräflerland. Dort wurden Spielformen für den Ort entwickelt, und im nächsten Schritt verfestigten sich die theatralen Stadtbegehungen zu zeitweiligen Außenspielstätten: die ehemalige Schluckerkneipe im sozialen Wohnungsbaugebiet oder Eigenbauten auf brachliegendem Bauerwartungsland.

Die solcherart entstandenen utopisch anmutenden Freiräume, in denen sich Artists in Residence, Ensemble, Zivilgesellschaft, Vereine, Anwohner zu Happenings verbanden und Möglichkeitswelten jenseits monetärer oder spartenspezifischer Zwänge erfahrbar machten, sind das Eindrücklichste, womit sich die Intendanz Mundel ins kollektive Stadtgedächtnis eingeschrieben hat. Die Versuche, die Peripherie ins Theaterherz auf die Bühne zurückzupumpen, waren hingegen nicht immer überzeugend. Vom traditionellen Theaterbetrieb bleibt eher die Oper, die durch private Spenden über ungleich mehr Mittel verfügte als das Schauspiel, in Erinnerung. Transnationale Theaterprojekte stolperten meist über mangelnden Mut, schwache inszenatorische Durchdringung oder fehlendes Zutrauen ans Publikum. Das Ballett hingegen setzte sich als Physical Virus Collective (PVC) an die Spitze der Stadtraumprojekte und eroberte Freiburg viral.

Was ferner gut gelang, waren Kooperationen mit Uni und Schulen, die eigene Kongressformen entwickelten, etwa zu ethischen Fragen der neurowissenschaftlichen Implantationsmedizin. Auch begleitende Theoriereihen, in welcher Zukunft wir leben wollen, haben das Theater als gesellschaftlichen Diskurskatalysator belebend ins Stadtgespräch gehievt. Mundels größte Stärke, das Einbeziehen des Stadtraums, wurde ihr am Ende aber in Freiburg zum Verhängnis. Offenbar empfanden einige im Umfeld von Gemeinderat, Verwaltung und Medien ihren Willen zur Einmischung ins politisch-gesellschaftliche Leben der Stadt als so anmaßend, dass sie – nach ihrem selbstgewählten Abschied als Intendantin – als designierte Kuratorin des bevorstehenden 900. Stadtjubiläums in Freiburg etwas schmählich abgesägt wurde, nur drei Tage, nachdem sie das Theater verlassen hatte.

Versöhnung der Traditionslinien

Nach einem Jahr Pause, in dem sie u.a. als Dramaturgin bei der Ruhrtriennale beschäftigt war und sich dem BR zufolge gemeinsam mit der früheren Augsburger Theaterintendantin Juliane Votteler im Schwarzwald in Flüchtlingsprojekten engagierte, geht Mundel nun also zurück nach München. Als Theaterleiterin, die beide Traditionslinien der Kammerspiele aufgreifen kann: In der Ära Baumbauer gestaltete sie das Ensembletheater mit, für das die Münchner ihre Kammerspiele feierten; in Freiburg wurde dann deutlich, wie Mundel die Grenzen des Stadttheaters ausreizt, zur Freien Szene hin öffnet, weit ausgreift jenseits der Hausmauern, neue Formate probiert. Damit ist sie wiederum nahe bei Lilienthal, dessen Dramaturgie-Kollegin sie in den 1990ern an der Berliner Volksbühne war. Was dazu beiträgt, dass Küppers mit seiner Wahl nicht das Gesicht verliert, sondern an das anknüpft, was der von ihm geholte Lilienthal angestoßen hat.

Außerdem ist Mundel eine Frau und wird mit ihrer Berufung neben Karin Beier in Hamburg zur mächtigsten Theaterintendantin in Deutschland – und zur einzigen an den großen Häusern Münchens. In Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist das ein längst überfälliger Schritt. Auch damit zeigt Küppers, dass er nah dran ist am Diskurs. Und dass er, der 2019 nach zwei Amtszeiten in den Ruhestand wechselt, der Stadt und ihrem bedeutenden Theater nach der Entscheidung für Johan Simons und Matthias Lilienthal noch einmal seinen Stempel aufdrücken will.

Ob Mundels Intendanz ein Erfolg wird, ob die Münchner sie annehmen, ob sie den Spagat zwischen Schauspielerglanz und Experiment hinbekommt, wird sich zeigen. Aber fürs erste wirkt diese Personalentscheidung vielversprechend – und weise.

Barbara Mundel in Wort und Bild sehen Sie in der Videodokumentation der Konferenz "Theater und Netz. Vol 2" 2014, Panel Influence of the Crowd – Zum Strukturwandel des Theaters in der Netzgesellschaft.

Zu Mundels Arbeit am Theater Freiburg Jürgen Reuss' Berichte vom site specific Projekt "Showtime Finkenschlag", das später auch auf die Bühne fand – und zur 100-Jahres-Feier des Stadttheaters Freiburg.

Zur umstrittenen Nichtverlängerung von Matthias Lilienthal an den Müncher Kammerspielen lesen Sie die Meldung zur Nichtverlängerung, den Bericht über die Auseinandersetzung im Münchner Kulturausschuss sowie den Protestbrief der mit Lilienthal assoziierten Künstler*innen.

 

Presserundschau

Mit Barbara Mundel sollte es möglich sein, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (online 20.9.2018, 16:25 Uhr) die Münchner Kammerspiele als ein "Theater der Innovation" zu erhalten. Und gleichzeitig wieder zu einem Theater zu machen, "das keinen Wert darauf legt, alteingesessene Abonnenten zu vergraulen, sondern die ganze Stadtgesellschaft erreichen will". Und: "Sie wäre die erste Frau an der Spitze des ehrwürdigen Hauses."

Joana Ortmann und Peter Jungblut schreiben auf der Website des Bayerischen Rundfunks (online 21.9.2018, 10:46 Uhr) das die Doppelaufgabe, das Theater zu öffnen, "Angebote auch für die "bildungsferne" Stadtgesellschaft zu machen", und die Kammerspiele "wieder mehrheitsfähig zu machen", angeichts der Konkurrenz im Residenztheater gegenüber "schwierig" werden dürfte.

Auf der Website des Münchner Merkur zitiert Sascha Karowski (online 20.9.2018, 14:34 Uhr) einen "Insider" aus dem Münchner Rathaus: "Barbara Mundel wäre eine großartige Wahl. Sie hat enorm viel Erfahrung. Und für die Kammerspiele wäre es sicher kein Rückschritt, die großen Linien würden erhalten bleiben, aber es würde dennoch eine neue Ära beginnen." 

Robert Braunmüller schreibt auf www.abendzeitung-muenchen.de (online 20.09.2018, 17:17 Uhr), das "ganz große Prickeln" löse der Vorschlag Mundel "vorerst nicht aus". Freiburger Beobachter hätten eine "Mischung aus Blutleere und Aktionismus" konstatiert. Überregional sei das Theater in ihrer Ära kaum wahrgenommen worden. Eine Rückkehr zum "klassischen Text- und Dramentheater" sei mit ihr nicht zu erwarten. Munel stehe für "ein kommunikatives Stadttheater, das gesellschaftlich und politisch Partei ergreift. Sozusagen ein weiblicher, durch Baumbauer gebändigter Lilienthal."

Simon Strauß kommentiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.9.2018), gewiss werde der in der Münchner Theaterszene als heimlicher Strippenzieher geltende Frank Baumbauer, ein ehemaliger Chef Mundels, auch bei dieser Entscheidung seine Finger im Spiel gehabt haben. Es werde sich zeigen, ob mit Mundel ein "wirklicher Neuanfang" gelingen könne. Den "Einzug der Provinz" müsse man nicht gleich, wie es "einige" schon täten, befürchten.

 

 

 

 

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