Brandstifter 2.0

von Lara Sophie-Milagro

2. April 2019. An der Seite meiner friedensbewegten Mutter habe ich meine halbe Kindheit auf Demonstrationen und Interventionen verbracht: gegen den Rüstungswettlauf des Kalten Krieges, die wirtschaftliche Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt und den Paragraphen 175, gegen Kürzungen an Kitas, Schulen und Krankenhäusern, für Umweltschutz und grüne Werte. Diese Veranstaltungen waren bunt, visionär, klug und mutig und haben nicht nur meine Begeisterung für das Performative begründet, sondern auch die Untrennbarkeit von Politik und Kunst in mir verankert.

Alte Inhalte, neues Vokabular

In jüngster Zeit werden Theateraufführungen und kulturelle Veranstaltungen, auch an großen Häusern im deutschsprachigen Raum, immer öfter von rechten Gruppierungen heimgesucht, die für ihre völkischen Inhalte die traditionell linken Aktionsformen meiner Kindheit kapern. Besonders prekäre Begriffe und Slogans werden dabei geschickt vermieden: aus "Rasse" wird "Identität", statt "Ausländer raus" wird nun "Remigration" gefordert. Alte Inhalte mit neuem Vokabular sorgen so dafür, dass rechtes und diskriminierendes Gedankengut für die Mitte der Gesellschaft endgültig salonfähig wird.

17 NAC Kolumne Visual Milagro V3Und das funktioniert gerade ziemlich gut. Waren sich in den 1990er und Nullerjahren in meinem Freundes- und Bekanntenkreis noch alle einig, dass Republikaner, NPD und Co. Rassisten sind, denen man das Handwerk legen muss, bekomme ich 2019 in meinem nächsten Umfeld Meinungsäußerungen über Flüchtende, jüdische Mitbürger und LGBTIQs zu hören, die mir schlicht die Sprache verschlagen.So lässt sich eine alte Bekannte der Familie, ehemals Grundschullehrerin, bei jeder Gelegenheit über vermeintlich terrorbereite Araber aus und meint, eine unterdrückte Frau grundsätzlich am Kopftuch erkennen zu können. Und während Muslime regelmäßig ermahnt werden, "unsere" Werte der Offenheit und Toleranz zu respektieren, fühlt sich die führende Politikerin einer Volkspartei berufen, über Intersexuelle zu spotten und versucht, das Ganze als Karnevals-Joke abzutun.

We Shall Overcome

Wieder einmal kann man ungeniert Menschen diffamieren und dabei die Fassade des kultivierten und humorbegabten Menschenfreunds wahren – Biedermann und die Brandstifter 2.0. Angesichts dieser Lage der Nation war ich nicht mal mehr besonders überrascht, als ich neulich erfuhr, dass der Pfarrer, der einst mit uns im Konfirmandenunterricht We Shall Overcome sang und im Talar gegen Atomkraft demonstrierte, jüngst auf einer Veranstaltung der NPD gesprochen hat. Gegen Atomkraft ist er nach wie vor, immerhin.

Die Attacken von rechts stoßen in ein Vakuum hinsichtlich der Deutungshoheit über Themen und Diskurse, zu denen der Großteil des Bildungsbürgertums und seiner Kulturinstitutionen bisher keine klare Haltung gefunden hat. Es geht um eine verbindliche Definition dessen, was uns als Individuen und Gemeinschaft ausmacht, und so wird fieberhaft nach einer homogenen deutschen Identität gesucht, von der nicht nur die neue Rechte, sondern auch die bürgerliche Mitte immer wieder verkündet, sie in einer nicht näher definierten "Leitkultur" (wieder)entdeckt zu haben.

Ein Joint auf die Integration

Was bedeute Deutsch-Sein zu Beginn des 21. Jahrhunderts jenseits von Hautfarbe, Pass und Herkunft der Eltern? Was Familie jenseits von Mutter, Vater, Kind? Worin besteht Gleichberechtigung jenseits der Tatsache, dass Frauen wählen und seit gerade mal 40 Jahren ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten gehen dürfen? Diese Fragen beantwortet das Theater nur zögerlich und zuweilen paradox, was auch daran liegt, dass das Anprangern sozialer Missstände auf der Bühne in offensichtlicher Diskrepanz zu den eigenen Strukturen steht und so ein handfestes Glaubwürdigkeitsproblem generiert.

Da hegt mein afrodeutscher Kollege auch nach vielen ernüchternden Erfahrungen weiterhin die unerschütterliche Überzeugung, dass er absolut im Stande wäre, eine Rolle zu spielen, die weder Schwarze Stereotype reproduziert, noch seine Hautfarbe thematisiert. Trotzdem findet er sich auch in einer seiner jüngsten Produktion in der Rolle des kiffenden DJs wieder, der Texte wie "Nimm doch den Joint" und "Soundcheck 21" zum Besten gibt. Da wird einer Kollegin, deren Mutter aus der Türkei stammt und die bei einer Podiumsdiskussion an einem großen Staatstheater darum bittet, nicht fortwährend als Mensch mit Migrationshintergrund bezeichnet zu werden, von einer Zuschauerin erklärt, ihr Problem sei, dass "Sie sich der Integration verweigern." Da bekommt eine Theatercompany bei ihrer bundesweiten Suche nach einer Spielstätte immer wieder bescheinigt, ihr Stück sei "zu schwul" für das breite Publikum und in Berlin erfahren sie, hier gebe es bereits eine große schwule Community, darum bestehe kein Bedarf.

Was umfasst der Wertekanon?

Offenbar gibt es noch nicht einmal zwischen Theaterleitung, Schauspieler*innen und Publikum einen Konsens darüber, wer die deutsche Kultur auf einer Bühne repräsentieren darf und wer nicht, was die viel beschworene "Leitkultur" beinhaltet, worin Integration besteht und was genau mit Migrationshintergrund gemeint ist. Und: Gehört eigentlich die Ansicht, dass gleiche Bezahlung von Frauen essenzieller Bestandteil einer Gleichberechtigung der Geschlechter sein sollte, zum deutschen Wertekanon?

Das Theater war für mich immer ein konsequent revolutionärer Ort, der das einlöst, wovon die Politik immer nur redet. Ein Ort, der den Anspruch hat, die deutsche Kultur in all ihren Facetten zu repräsentieren, Hierarchien in Frage zu stellen und Gleichberechtigung einzufordern. Ein Ort, der offen ist für unbequeme Einsichten, für Wandel und Erneuerung. Stets bereit, die tradierten Spielregeln zwischenmenschlichen Miteinanders neu zu diskutierend, erklärtermaßen immer auf der Seite der Schwächeren und es dabei noch schafft, zu unterhalten und zu berühren. Davon wollte ich Teil sein, darum wusste schon als 10jährige: Ich will Schauspielerin werden.

Es geht um Schlüsselpositionen

Warum tut man sich ausgerechnet an diesem Ort so schwer damit, Frauen die gleiche Macht einzuräumen wie Männern, diverse Perspektiven gleichberechtigt abzubilden und nicht nur zur Langen Nacht der Toleranz einzuladen? Es geht um angemessene Repräsentation, nicht nur als Farbklecks oder amüsante Drag Queen, sondern in Schlüsselpositionen auf und hinter der Bühne, die eine reguläre Mitbestimmung hinsichtlich Sehgewohnheiten, Personalentscheidungen, Themen und Inhalten garantieren und so auch Diskriminierung entgegen wirken.

Denn während wir noch beratschlagen, ob es nicht doch möglich ist, die Identität eines Menschen am Melaningehalt seiner Haut festzumachen, nehmen uns die Rechten die Antworten aus der Hand, indem sie Widersprüche konstruieren und populär machen, die es gar nicht gibt: Identität widerspricht Diversität, Heimat widerspricht Multikulturalität, Deutsch-Sein widerspricht Schwarzer Haut. Dem werden wir als Gesellschaft, als Kunst- und Kulturschaffende, als Theatermacher nicht wirklich etwas entgegenzusetzen haben, solange wir selbst weiterhin – direkt oder indirekt – nicht existente Widersprüche konstruieren: "deutsche" Rolle widerspricht Schwarzem Schauspieler, Mutter-Mutter-Kind widerspricht Familie, XX-Chromosom widerspricht Führungsposition und gleicher Bezahlung.

Und trotzdem, an meinen Jungmädchenträumen vom Theater ist was dran. Im Herbst letzten Jahres startete die Berliner Erklärung der Vielen, die bis dato von 379 Kunst- und Kulturinstitutionen unterschrieben wurde. Das Exil Ensemble am Maxim Gorki Theater geht ins dritte Jahr und die Queer Media Society feierte auf der diesjährigen Berlinale ihren offiziellen Launch. Davon will ich Teil sein, immer noch und immer wieder.

 

Lara-Sophie Milagro ist Schauspielerin, in der Leitung des Künstler*innen Kollektivs Label Noir, Berlinerin in der fünften Generation und fühlt sich immer da heimisch, wo Heimat offen ist: wo sie singt und lacht, wo sie träumt und spielt.

 

 Zuletzt schrieb Lara-Sophie Milagro über die "Kids Berlinale Lounge" bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Milagro: neue Positionen, bitte martin baucks 2019-04-03 08:13
Das ist schon erstaunlich, wie sich da jemand ungebrochen auf seine Biografie West beruft und einklagt, dass bitte alles so bleiben soll wie in seiner Kindheit, obschon es ja auch eine Kindheit Ost gab, die ganz anders aussah. Da werden dann 17% der Bevölkerung nicht so ganz mitgenommen.

Und wieso will da jemand unbedingt die Deutungshoheit über die deutsche Kultur behaupten und sie gegen die neue Rechte verteidigen?!

Die deutsche Kultur gibt es doch so gut wie gar nicht mehr. Sie ist einer europäischen Kultur mit internationaler Ausrichtung gewichen.

Wieso dieses Beharren auf den Begriff „ deutsche Kultur„? Das erschließt sich mir nicht so ganz. - Zudem denke ich, was mögen das für Aktionsformen gewesen sein, die man so leicht kapern kann und zugleich mit linken, wie mit rechten Inhalten aufladen kann? Was stimmt mit solchen Aktionsformen grundsätzlich nicht?!

„Der Krieg ernährt sich selbst.“ , heißt es bei Cato dem Älteren. Ähnlich verhält es sich bei der neuen Rechten. Sie ernährt sich vom täglichen Dissenz und Streit. Dem sollte man mit völlig neuen Positionen und Strategien den Boden entziehen. Wie das geht, wäre für mich interessant. Nicht die Träume meiner Kindheit West.
#2 Kolumne Milagro: erkenntnisstiftendHannes 2019-04-03 10:36
Sehr schöner Text - hier zeigt sich, wie das Private politisch sein kann in der bestmöglichen Form, nämlich erkenntnisstiftend! Sie legen den Finger in die Wunde, es wird gerade den Theatern schwer fallen, den Rechtsruck zu bekämpfen, wenn sie in den von Ihnen angesprochenen Fragen nicht mutig voranschreiten. Dass man auf Ihre Infragestellung einer "Leitkultur" reagiert, indem man Ihnen unterstellt, Sie wollten die Deutungshoheit an sich reißen ist jedoch symptomatisch für diese Debatte.
#3 Kolumne Milagro: wie sieht das genau ausCatharina 2019-04-03 10:48
Ich weiss ja nicht, ob diese Leitkultur (die hier immer noch als Feindbild oder Modernisierungshindernis beschworen wird) nicht schon längst ein Fantom ist. Wenn ich zum Beispiel höre, das Kindertheatermacher*innen gar nicht mehr davon ausgehen können, dass die Kinder die Märchen, die da postdramatisch dekonstruiert werden sollen, überhaupt kennen, dann habe ich da so meine Zweifel. Deswegen wird hier ein leeres Fass aufgemacht, finde ich. Viel spannender hätte ich gefunden, wenn Frau Milagro genauer beschrieben hätte, wie das genau aussieht, wenn Rechte linke Formen des Aktivismus kapern, statt sich in einem alten Feindschema zu verheddern. Doch hier wird ein Bild aufgequirrlt, das ein längst vergangenes bürgerliches Bildungsideal als Vogelscheuche nimmt. Schade.
#4 Kolumne Milagro: ein revolutionärer Ort?Tim Tonndorf 2019-04-03 14:18
Danke für diesen tollen, aufrichtigen und sichtbarmachenden Text.

Falls Sie, Frau Milagro, das hier lesen – ich habe eine konkrete Frage zu einem Satz:

"Das Theater war für mich immer ein konsequent revolutionärer Ort, der das einlöst, wovon die Politik immer nur redet."

Ich höre/lese diesen Satz in unterschiedlichen Formulierungen sehr häufig, vielleicht gibt es hier ja auch Menschen, die so etwas Ähnliches ebenfalls schon gesagt/geschrieben haben.

Ich würde nämlich gerne wissen, ob das (deutsche) Theater für Sie denn jemals wirklich dieser Ort gewesen ist? Haben Sie während Ihrer Kindheit/Jugend/Anfänge einen wie auch immer geartet revolutionären Akt im/am Theater erlebt? Können Sie eventuell Beispiele nennen für einen einlösenden Akt des Theaters gegenüber den Luftblasen der Politik? Was hat sich bis heute verändert? Hat sich überhaupt was verändert?

Oder beschreibt Ihr Satz eher ein Gefühl, eine Hoffnung, eine Erwartung, die Sie damals an das Theater hatten, die sich aber gar nie eingelöst hat?

Ich frage, weil es mir sehr ähnlich ging und geht. Als ich anfing mit dem Theater, war es mit einer zumindest ansatzweise diversen Jugendgruppe und alles sprühte vor Veränderungswillen und Aufbruch. Mit meinem Eintritt in den "richtigen" Theaterbetrieb (dass Kinder- und Jugendtheater kein "richtiges" Theater sei, war einer der ersten Sätze, den ich an der Regie-Abteilung der Ernst-Busch-Schule gesagt bekommen habe) – mit diesem Gang also hinter die Bühne – war schlagartig jegliche Illusion dahin (pun intended). Die von Ihnen beschriebenen rückwärtsgewandten Strukturen, die glücklicherweise aus verschiedenen Positionen (ensemble-netzwerk, Pro Quote Bühne, Texte wie der Ihre, Technocandy in Oberhausen, etc.) mehr und mehr in den Fokus und die Kritik geraten, habe ich in meiner Anfangszeit noch durch den Rausch des schlichten ÜberhauptTheatermachenDürfens ausgeblendet. Aber das vergeht ja dann relativ zügig – sogar bei Privilegierten wie mir.

Der Ort, den Sie in ihrem Satz so inspirierend beschreiben, war das (deutsche) Theater in der Praxis für mich nie. Wie ist es bei Ihnen? Löst sich durch die von Ihnen zum Schluss genannten Beispiele eher ein Sehnsucht-Ort für Sie ein oder ist das ein Weg erneut dorthin, wo das Theater aus Ihrer Erfahrung schon mal gewesen ist?

Bitte – nicht weniger Beiträge wie diesen – eher mehr! Wenn ich Untertanen-hafte Kommentare wie nebenan bei der Causa Schwerin/Tietje lese, oder den Whataboutism von Martin "Ulf Poschardt des nachtkritik-Forums" Baucks, wetzt das Borstenvieh der Resignation sich am Willen zur Veränderung.
#5 Kolumne Milagro: nur welche Revolutionmartin baucks 2019-04-03 15:29
@4

In der Tat gab es in den Siebzigern und Achtzigern des vorherigen Jahrhunderts Theater, die man als revolutionäre Orte bezeichnen könnte, so wie es heute das Gorki gibt. Nur gab es nicht immer einen Konsens darüber, welche Revolution gemeint ist. Und was die Resignation betrifft, nun, ich bin voller Hoffnung und auf der Suche nach neuen Strategien zur Überwindung dieser demokratischen Krise die neue Rechte betreffend. Eine andere Lesart lässt mein Kommentar eigentlich nicht zu, außer man liest ihn sehr vorurteilsbeladen. Ihren kleinen Vergleich verbuche ich einfach mal elegant als Kompliment.
#6 Kolumne Milagro: kulturelle TeilhabeGerd Schröder 2019-04-04 09:04
Vielen Dank, liebe Frau Milagro, für den sehr mutigen und unverzichtbaren Text!
"Widersprüche konstruieren und populär machen", genau das ist es. Und das Populäre stößt auf offene Ohren auch bei Theaterleuten, welche bloß nicht elitär sein wollen. Anstelle die menschenfeindlichen Spaltungen zu sehen und entschlossen zu überbrücken, wird überlegt ob die Deutschen (also die Eingeborenen) vielleicht mehr Zeit brauchen für diese ganzen Veränderungen, wie das Thea Dorn in der Zeit vorführt. Dabei ist es doch 20% Bevölkerung, welche immer wieder erdulden muss, ausgeschlossen zu werden, wenn es um die wirkliche Zugehörigkeit geht, die sich ja nicht nur in wirtschaftlichen Posten ausdrückt, sondern auch kultureller Teilhabe.
Inwiefern sich Ost-Deutsche, ebenfalls 20%, ebenfalls diskriminiert sehen und nicht zugehörig fühlen, steht auf einem anderen Blatt, jedoch im selben Dossier, siehe Naika Foroutans aktuelle Studie.
Auch da wäre eine Entwicklung hin zur Gleichheit wünschenswert und nicht der Spaltung, sonst heißt es wieder: race beats class.
#7 Kolumne Milagro: Antworten und BeispieleLara-Sophie Milagro 2019-04-08 12:34
Lieber Tim Tonndorf,

vielen Dank für Ihre Fragen, die mich dazu angeregt haben, noch einmal differenzierter darüber nachzudenken, wie ich das Theater im Laufe der Jahre erlebt und empfunden habe.

Tatsächlich war dieses Erleben immer geprägt durch beides: „ein Gefühl, eine Hoffnung, eine Erwartung“ wie Sie es so treffend formulieren, aber auch dadurch, dass sich diese Erwartungen einlösten. Ich will Ihnen für beides Beispiele nennen.

Meine ersten Theatererfahrung sammelte ich in der Schule, zur Weihnachtszeit wurde das Krippenspiel gegeben. Für die Rolle, sowohl der Maria als auch eines Engels (für die ich mich beworben hatte), bekam ich von der Lehrerin eine Absage mit der Erklärung, weder die Maria noch Engel seien Schwarz. Das war natürlich sehr ernüchternd, ich kann mich aber noch genau an das ganz klare Gefühl erinnern: die Lehrerin hat unrecht. Die Schwarze Maria und auch den Schwarzen Engel gibt es, auch und erst recht im Theater. Und: selbst das, was es eigentlich nicht gibt (oder noch nicht gibt oder angeblich nicht gibt), gibt es auf jeden Fall im Theater. Dass die Lehrerin das nicht wusste, schob ich auf die Tatsache, dass die Schultheatergruppe ja nur eine Laien-Veranstaltung war. Da ich schon damals wusste, dass ich Schauspielerin werden will, war ich mir sicher, mit solchen Dummheiten nicht mehr konfrontiert zu werden, sobald ich ins Profilager wechsle.
Meine ersten professionellen Theatererfahrungen schienen das zu bestätigen. Die sammelte ich im Jugendclub des Bremer Goethe Theaters und habe das als ganz wunderbar in Erinnerung. Rollen wurden völlig ungeachtet der Hautfarbe besetzt. Meine erste große Rolle war Polly Peachum, auch da war Hautfarbe kein Thema. Dass ich als Schauspielerin nicht „deutsch“ genug, exotisch oder irgendwie „anders“ sein könnte, wäre mir damals nie in den Sinn gekommen, weil niemand in meiner „Theaterwelt“ mich mit solchen Ansichten konfrontierte.
Außerhalb dieser Welt natürlich schon. Woher ich komme, wie lange ich bleibe und wann ich wieder (zurück) gehe (wohin auch immer) - diese Frage wurde mir in meiner deutschen Heimat gestellt, seit ich denken kann. Meine ersten professionellen Theatererfahrungen fielen auch in die Zeit der Nachwendejahre, als ständig irgendwo eine Flüchtenden-Unterkunft brannte, Amadeu Antonio ermordet wurde und ich zum ersten Mal bewusst erlebte, wie rechtes Gedankengut von Parteien und Politikern verlautbart wurde, auch wenn ich in meinem unmittelbaren Umfeld von solchen Ansichten damals noch verschont blieb. Insofern war das Theater zu dieser Zeit definitiv ein Schutzraum, den ich, anders als die Politik, als integer erlebte. Dass dieser Raum auch selbstkritisch / selbstreflektiv war, wage ich zu bezweifeln, habe es aber damals wohl einfach angenommen. Wer wie viel verdient, oder warum es schon damals viel weniger Frauen als Männer - und noch viel weniger POC - auf, vor und hinter der Bühne / in Schlüsselpositionen gab, darüber habe ich mir als Jugendliche schlicht keine Gedanken gemacht. In England, wo ich dann mein Schauspielstudium absolvierte, spielte die Hautfarbe bei Besetzungsfragen ebenfalls keine Rolle und Kurse wie „Gay, Lesbian and Transgender Dramatists“ oder „Introduction to Afro-Caribbean Theatre“ gehörten ganz selbstverständlich zum Curriculum. Umso größer war der Schock nach meiner Rückkehr nach Deutschland, wo ich als Berufseinsteigerin immer wieder die Rückmeldung bekam, dass ich diese und jene Rolle nicht spielen könne, aufgrund meiner „Herkunft“.

Insofern trifft beides zu: ja,ich habe erlebt, dass das Theater dieser „revolutionäre“ Ort ist, wo Utopien, die in der Politik unmöglich scheinen, längst selbstverständlich sind: dass es keine Frage der Hautfarbe sein sollte, ob man die deutsche Kultur repräsentieren darf zB. Gleichzeit war es aber auch immer wieder über weite Strecken ein sich nicht einlösendes Gefühl. Und eine tiefe Enttäuschung. Weniger aus der persönlichen Betroffenheit heraus., sondern eher wie das Enttäuschtsein von jemandem, dessen Potential man ganz deutlich sehen kann, der aber nichts daraus macht und seine großen Möglichkeiten ungenutzt lässt.

Trotzdem: Als Zuschauerin wie als Schauspielerin habe ich viele wirklich revolutionäre, visionäre, mutige und berauschende Momente im Theater erlebt. Das ist dann wohl dieses „Sprühen vor Veränderungswillen“, dieser „Rausch des TheatermachenDürfens“ von dem Sie sprechen. Wobei der sich mittlerweile auch bei mir immer seltener einstellt, wenn ich bestimmte Gruppen als derart ausgeschlossen, auf ein Klischee reduziert oder gnadenlos unterbezahlt erlebe, dass bei mir gar nichts mehr sprüht.

Sie fragen nach den am Schluss genannten Beispielen. Das Gorki Theater ist für mich ein echter Lichtblick, wenn Theater mich packt, dann dort. Ebenso die neue Volksbühne. Und es macht mir auch Mut, dass immer mehr Kunst- und Kulturschaffende es nicht mehr hinnehmen, dass sie strukturell benachteiligt werden, und sich in Interessenverbänden, wie der Queer Media Society, zusammenschließen. Und das ist dann auch definitiv der Weg erneut dorthin, wo das Theater - für mich persönlich - schon einmal (schon oft) war, zu einem Ort, der nur im Theater so möglich ist. Ich weiß es, denn ich bin da gewesen. Vielen Dank, dass Sie mich noch mal daran erinnert haben!
#8 Kolumne Milagro: andersdeutschHeiligeMariaundJosef 2019-04-08 14:24
Es gibt schon viele Jahrhunderte Schwarze Marien und auch Engel-Darstellungen. Und da darf man davon ausgehen, dass es auch Schwarze Marien und Engel gibt.
Damit kann man gegen Nichtbesetzung argumentieren. Wenn man eine gute Schule hatte und nicht zu viel Respekt vor Lehrerinnen, die Krippenspiele als Ersatz-Darstellendes Spiel organisieren.
Und es gibt unter Weißen ebenfalls ausgeschlossene Gruppen wegen ihrer andersdeutschen weißen Herkunft z.B. Die werden, wenn sie vorkommen, verarscht oder kriminalisiert. Obwohl sie einmal ein sehr starkes Theater hervorgebracht und gemacht haben und sehr viel geschaut haben. Die Frage ist, ob diese deutsch-deutsche Behandlung auch Rassismus ist?
#9 Kolumne Milagro: Kultur repräsentierenmartin baucks 2019-04-08 20:00
Ich habe immer noch nicht wirklich verstanden, was Frau Milagro unter deutscher Kultur versteht. Nur soviel: Es ist etwas, dass auch in jedem Fall von ihr repräsentiert werden muss.

Ich hingegen wollte nie deutsche Kultur repräsentieren. Seltsam...
#10 Kolumne Milagro: bereits repräsentiertJohn 2019-04-09 21:16
Lieber Herr Baucks,
liegt dies vielleicht daran, dass sie als „heteronormativer weißer Mann“ von vielen anderen „heteronormativen Weißen“ Männern in der westlichen Zivilisation bereits vetreten werden. Helden sind fast immer weiß und männlich, egal ob Jesus, Goethe oder Superman. Ich habe auch kein Bedürfnis die Kultur zu repräsentieren. Dass ich aber als Frau und POC das Bedürfnis habe in diesem Club, von dem ich immer wieder ausgeschlossen werde, Präsent zu sein, scheint mir mit etwas küchenpsychologie nachvollziehbar.
#11 Kolumne Milagro: revolutionäre Momentemartin baucks 2019-04-10 14:03
@10

Weder bin ich heteronormativ und meine Hautfarbe sagt genauswenig über mich aus, wie die Hautfrabe von Frau Milagro etwas über sie sagen kann. Zudem werde ich als mehrfacher Außenseiter so gut wie gar nicht, eigentlich überhaupt nicht auf der Bühne repräsentiert.

Kann es sein, dass Sie durch falsche Zuschreibungen versuchen Argumentationen und Fragestellungen unglaubwürdig zu machen?

Es zeichnet sich hier ja schon deutlich ab: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen dem Wunsch Kultur zu repräsentieren und eine nationale, in diesem Fall deutsche Kultur repräsentieren zu wollen.

Und nein, es liegt nicht an ihren falschen Zuschreibungen meine Person betreffend, dass ich keine nationale Kultur vertreten möchte, sondern es liegt daran, dass ich keine Nationalkultur, Nationalgerichte und Nationaltheater, wie Museen oder Nationalkunst mag. Ich empfinde sie oft als schädlich und abstossend, selbst, wenn sie sich weltoffen zeigen. Häufig sind Anlass zu falschem Stolz und Narzismus. Ich bevorzuge eine Kultur, die sich nicht über die Zugehörigkeit zu einer Nation defeniert.

Außerdem würde ich nie, weder als Kind, Jugendlicher noch Erwachsener das Bedürfnis haben oder gehabt haben in einem Krippenspiel aufzutreten, denn das Christentum ist nun mal einfach nicht meine Kultur. Und schon gar nicht würde ich dort als deutscher Repräsentant auftreten wollen, egal welche Hautfarbe ich habe oder nicht.

Das Problem von Frau Milagro und Herrn Tonndorf besteht darin, das sie unsauber mit Begriffen agieren und anscheinend persönliche Wohlfühlmomente am Theater als revolutionäre Augenblicke verbuchen. Das ist subjektiv so symphatisch, wie es objektiv falsch sein könnte. - Sicherlich, es gab revolutionäre Momente in der Geschichte der europäischen Theater, zum Beispiel, vereinfacht gesagt, als durch das bürgerliche Trauerspiel plötzlich die Bürger im Zentrum der Handlung stande. Oder aber als durch den Naturalismus plötzlich bei Hauptmann Arbeiter auf der Bühne auftauchten. Eine ähnlich revolutionärer Moment ergab sich, als durch das Regietheater, den Bremer Stil die Kontiunität nationalen Empfindens kritisch unterbrochen wurde. Das war die Zeit, als ich Zugang mit gerade einmal fünfzehn Jahren, so um 1976 herum, zum Theater fand. Bei einem Hamlet von Zadek in Bochum wurde so ungefähr alles in Frage gestellt und anders verortet als zuvor. Und obschon dort noch keine Postmigranten auftraten, Eva Matthes trat beinahe nackt als Königen in Reggeafarben bemalt auf, war diesen Ensemble breiter aufgestellt und hatten einen zumeist größeren Horizont als man es heute am Gorki erleben kann. Besonders deutlich wurde dies bei dem Theater von Pina Bausch mit dem ich aufwuchs und das im Gegensatz zum Gorki tatsächlich international ausgerichtet waren. Dort fehlten keine Franzosen, Italiener, Spanier, Japaner, Amerikaner und viele mehr auf der Bühne, wie das beim postmigrantischen Theater heute in Berlin der Fall ist. Und natürlich stellt das Erscheinen der Postmigranten und ihre Repäsentanz eine interessanten Moment da, aber ob er auch ein revolutionärer ist, bleibt dahin gestellt, denn es ist ein Moment gewesen, der schon seit über vier Jahrzehnten sich vorbereitete und keineswegs überraschend und neu daher kam. Es ist eher eine evolutionärer Moment und nicht ein Ereignis, das in kürzerster Zeit ein oder mehrere gesellschaftliche Systeme nachhaltig zum Umsturz brachte. Und das ist ja vielleicht auch gar nicht nötig.

Trotzdem stellt sich heute die Frage: Was denn eine Revolution sein könnte? Eventuell tatsächlich der völlige Verzicht auf natinale Begründungen für Kultur, ohne den Verzicht auf ihre konstruktiven Ausprägungen. Der freie Zugang zu Pässen und Aufenthalt in verschiedenen Ländern, könnte so ein revolutionärer Moment sein und von Theaterbühnen aus vorbereitet werden.

Um so erstaunlicher ist es, wenn Postmigranten beharrlich ihre Zugehörigkeit als zweite, dritte, vierte und sogar fünfte Generation zu einer Nation beschwören, um ihre Berechtigung zur kulturellen Repräsentanz zu begründen. Sollte das doch eigentlich überhaupt keine Rolle spielen, vor allem gegenüber Menschen, die gerade erst angekommen sind. Sicherlich gibt es Bewegungungen in diese Richtung, beispielsweise durch ein Exilensemble. Sie sollte man weiter verstärken und nicht den Kampf um die Teilnahme an einer nationalen Kultur als deutsche Repräsentantin. Und auch der Begriff „Repräsentanz“ sollte in diesem Zusammenhang weiter kritisch untersucht werden.

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