"Es fehlt der Gegenentwurf"

Julia Wissert im Interview mit Esther Slevogt

23. Mai 2019. Anfang Mai wurde bekannt, dass die Regisseurin und Theatermacherin Julia Wissert mit der Spielzeit 2020/21 Nachfolgerin von Dortmunds Schauspielintendanten Kay Voges werden soll. Heute Abend nun hat der Rat der Stadt Dortmund die vierunddreißigjährige gebürtige Freiburgerin offiziell zur Schauspielintendantin bestellt. Julia Wissert, die Theater- und Medienproduktion an der University of Surrey in London und Regie am Salzburger Mozarteum studierte, gehört aktuell auch zum Team der neuen Hannoveraner Schauspielintendantin Sonja Anders, die ihr die Leitung einer Veranstaltungsreihe in der Spielstätte Cumberlandsche Galerie übertrug. In Hannover wird Wissert in der kommenden Spielzeit auch inszenieren.

Darüber hinaus ist Julia Wissert Teil des in Windhoek und Berlin ansässigen deutsch-namibianischen Kollektivs Kaleni. Das Kollektiv besteht aus acht eigenständigen Künstler*innen, die in den Bereichen Performance, Tanz und Installation arbeiten. Bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen brachte das Kaleni Kollektiv am 8. Mai Owela - die Zukunft unserer Arbeit heraus, eine performative Installation, die auf verschiedenen diskursiven und ästhetischen Ebenen zwischen bildender und darstellender Kunst den Spuren des Kolonialismus nachgeht – in sozialen und ökonomischen Strukturen ebenso wie in den Seelen der Nachgeborenen. Für Konzept und Produktionsleitung von "Owela" zeichnet sich die Dramaturgin Sabine Reich verantwortlich, die in Dortmund Chefdramaturgin und Co-Intendantin wird. Das Gespräch mit Julia Wissert fand am 16. Mai 2019 am Rand eines Gastspiels von "Owela" in Berlin statt.

Mit welchem Konzept sind Sie angetreten?

Das Konzept, mit dem ich angetreten bin, ist stark an meiner Überzeugung orientiert, dass sich das Theater neu ausrichten muss, wenn es in Zukunft weiter relevant sein will. Diese Neuausrichtung muss sich aus meiner Sicht auf drei Ebenen vollziehen, und zwar auf der Ebene der Struktur, auf der Ebene des Inhalts und auf der Ebene der Form. Das heißt, die Strukturen müssen diversifiziert und die Narrative auf der Bühne weiterentwickelt werden. Fragen, die sich mir in diesem Zusammenhang stellen, sind zum Beispiel: Wieso sieht das Theaterpublikum eigentlich nicht so aus wie die Menschen in den Städten, in denen sich die Theater jeweils befinden? Das gleiche gilt für die Spieler*innen auf der Bühne und die Künstler*innen, die inszenieren. Da gibt es eine Diskrepanz zu den Realitäten der Städte. Eine andere Frage ist: Was kann Theater attraktiver machen als Netflix?

Können Sie etwas konkreter werden?

Es ist einfach so, dass mir auffällt, dass das Publikum im Theater sehr weiß  ist und meines Erachtens nach aus einer bestimmten Klasse kommt, weil natürlich auch die Kartenpreise eine bestimmte Höhe haben. Vielleicht müssen sie diese Höhe haben, das wird noch herauszufinden sein. Aber damit wird natürlich eine Form von Ausschluss generiert. Das gleiche gilt für die Stoffe auf der Bühne. Und hier spreche ich wirklich als Zuschauende: Vieles von dem, was ich auf deutschen Bühnen sehe, entspricht einfach nicht meiner Lebenswirklichkeit als PoC in Deutschland. Denn meist wird nur der weiße  Blick bedient oder reproduziert.

Julia Wissert Ingo Hoehn uJulia Wissert © Ingo Höhn

Auf Basis dieser Grundbeobachtungen haben wir für unsere Präsentation vor der Findungskommission zwei Spielzeiten entworfen. Ich höre viele Menschen darüber sprechen und klagen, was alles nicht funktioniert, wie unsere Gesellschaft auseinanderbricht, wie wir nicht mehr miteinander leben können. Doch es fehlt der Gegenentwurf. Deshalb ist die Frage der ersten Spielzeit: Wie wollen wir leben? Was ist ein gutes Leben? Wie können wir Verschiedenheiten aushalten? Und wie können wir im Theater Räume schaffen, die während der Kunstproduktion den Fokus nicht mehr ausschließlich auf das künstlerische Endprodukt richten, sondern gleichzeitig auf den Entstehungsprozess – als modellhaften Prozess auch für gesellschaftliche Prozesse. Wir haben also zwei Spielpläne gemacht, Traumspielpläne, wie wir uns das Theater vorstellen würden: mit Leuten, die uns ästhetisch und auch politisch interessieren. Leute, die auch für bestimmte kollektive oder partizipative Arbeitsweisen stehen.

Namen?

... möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht nennen ... Trotzdem wird es natürlich noch einen Schwerpunkt auf Regietheater geben. Wir arbeiten auch mit Regisseur*innen, nur das Geschlechterverhältnis wird sich verändern.

Ist das ein Kompromiss mit dem Mainstream und seinen Konventionen?

Das ist auch eine Notwendigkeit und selbstgestellte Aufgabe. Ich will Kanontexte und ich will Repertoire. Das wirft für mich dann aber die Frage auf: Wer inszeniert das jeweils? Denn die Grundsatzfrage, die uns leiten wird, ist: Wie können wir Theater für eine Stadt schaffen, die so divers und so komplex ist wie Dortmund – ein Theater, das für jede*n, die oder der hier lebt, etwas zu bieten hat.

Es gibt ja auch ein Naziproblem in Dortmund, wie man hört.

Ja – ich höre es auch, aber nur aus den Medien. Ich wohne ja noch nicht in Dortmund. Es ist immer stark von einem einzelnen Stadtteil die Rede, als wären alle Bewohner*innen dieses Stadtteils Nazis. Doch das glaube ich nicht. Natürlich frage ich mich: Wie wird es sein, wenn ich als PoC da hin komme? Aber ich kann ihnen auch sagen: Viele PoC aus Dortmund haben mir gegenüber ihre Freude darüber ausgesprochen, dass ich komme. Und sie leben sehr gut und sehr glücklich in Dortmund und sind mit Leib und Seele Dortmunder*innen. Ich freue mich auf Dortmund und die Dortmunder*innen.

Die frisch gegründete Akademie für Digitalität und Theater ist jetzt als Sparte an das Theater Dortmund angegliedert. Wie definieren Sie Ihr Verhältnis zur Akademie und zu digitalen Kunstformen?

Die Akademie institutionalisiert die Themen, die das Team von Kay Voges die letzten neun Jahre hier untersucht hat. Ich freue mich auf den Austausch. Denn ich sehe die Akademie als Labor für neue Formen, die idealerweise auch uns inspirieren. Digitalisierung wird für uns auf jeden Fall ein Thema sein. Dadurch dass es dafür mit der Akademie eine eigene Sparte gibt, können wir den Fokus auch auf andere Themen und Geschichten richten. Die Akademie sehe ich als starke Austauschpartnerin.

Schauspielhaus SA0165Das Dortmunder Schauspielhaus © Birgit Hupfeld

Was wird aus ihrem Engagement in Hannover? Dort hat ihnen die neue Intendantin Sonja Anders die Leitung der Cumberlandschen Galerie übertragen.

In der nächsten Spielzeit werde ich in Hannover sein und in der Cumberlandschen Galerie die Universen kuratieren. Auf diese Workshopreihe freue ich mich wahnsinnig. Gemeinsam mit Interessierten und Künstler*innen aus Hannover, Damaskus, Berlin und Brooklyn werden in sieben Workshops, teilweise über die gesamte Spielzeit, teilweise nur wenige Wochen lang, filmisch, tänzerisch, schreibend und aktivistisch Hannovers verschiedene Universen erkunden. In die Vorbereitung ist sehr viel Arbeit und Herzblut hineingeflossen. In der Spielzeit drauf werde ich nur noch in Dortmund sein.

Wird das Berliner Gorki Theater ein Vorbild für ihre Arbeit in Dortmund sein?

Das Gorki Theater ist auf jeden Fall ein Vorbild. Genauso ist das jetzige Schauspiel Dortmund ein Vorbild. Das Theater Zuidplein in Rotterdam ist ein Vorbild. Das Young Vic Theatre in London ist ein Vorbild. Die Fragen die wir gerade an das Theater haben, und die uns auch die nächsten fünf bis zehn Jahre noch beschäftigen werden, sind Fragen, die auch im europäischen Theaterkontext zu betrachten sind. Es gibt hier schon Versuche und Ansätze, die beispielhaft sind.

Zum Beispiel?

Das Theater Zuidplein praktiziert, was wir auch gerne ausprobieren würden: einen Programmbeirat aus Bürger*innen der Stadt aufzubauen, der eine beratende Funktion hat, sich immer wieder mit uns trifft, unsere Arbeit spiegelt und auch im Austausch mit uns darüber ist, wie dieses Haus grundsätzlich aufgestellt sein soll – was da unbedingt stattfinden soll. Weil für uns eine Frage ist: wie kann man den Dialog mit der Stadt noch nachhaltiger und lebendiger gestalten.
Das Young Vic Theatre ist ein Vorbild, weil sie es dort schaffen, Nachwuchsförderung im klassischen Regietheater mit dekolonialer Ausrichtung zu machen, ohne ihr angestammtes Publikum zu verschrecken. Sie zeigen interessant erzählte Theatertexte, toll gespielt und toll auf die Bühne gebracht. Die Ensemblestruktur und die Künstler*innen, die die Stoffe einrichten, entsprechen den gesellschaftlichen Realitäten Londons. Sie schaffen es damit, dass sich ihr Publikum auch auf struktureller Ebene repräsentiert fühlt und mehr Menschen kommen.
Das Gorki Theater ist natürlich spannend als Ort, der es schafft sowohl die Stadtgesellschaft in ihrer Diversität auf und hinter der Bühne zu repräsentieren und gleichzeitig Geschichten erzählt und Fragen verhandelt, die für einen Großteil der Gesellschaft relevant sind. Das Schauspiel Dortmund ist ein Vorbild dafür, wie ein Ensemble großzügig, künstlerisch gemeinsam und miteinander ist. All diese Inspirationsquellen aufgreifend frage ich mich: wie können wir im Theater Arbeitsräume schaffen, wo sich alle Menschen eigenverantwortlich und verantwortungsvoll einbringen können, Spaß haben und tolle künstlerische Arbeiten entstehen.

 

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