Die Liebe zum Detail

von Andreas Klaeui

Bern, 15. Februar 2020. "Ist das nicht bemerkenswert?", staunt Willy Loman am Ende: Sein Sohn Biff, der ihm, dem "Chef", gerade zünftig die Leviten gelesen hat, nichts als Fake war sein Leben, Lüge, Prahlerei – er liebt ihn! Hat ihn immer geliebt. Es ist die einzige Spur richtigen Lebens im falschen, die Arthur Miller zulässt. Auch Biffs Bruder Happy wird den Fake perpetuieren. Aber kurz leuchten Lomans Augen, einen kostbaren Moment lang lässt Gerd Heinz den Schauspieler Jürg Wisbach aus tiefer Seele strahlen, bevor er sich aufmacht zum Opfertod für die Familie als Versicherungsbetrüger.

Jazz vor grauen Wolken

Gerd Heinz entwickelt seine Berner Inszenierung ganz aus der Perspektive Lomans, vielmehr aus seiner Innensicht heraus: Die Geschehnisse spielen sich in Erinnerungs-Rückblenden in seiner Vorstellung ab. Auf der langsam kreisenden Drehbühne von Lilot Hegi schieben sich die Szenen ineinander wie die grauen Wolken, die dahinter über die Brandmauer ziehen, ab und an akzentuiert von einem düstern Vogelflug und angetrieben von Marc Stuckis kratzigem Jazz-Saxofon.

Es ist ein sehr stimmungsvolles, aber, das muss auch gesagt werden, mit der bis in die Seitenbühnen hinein leergeräumten Bühne auch ein sperriges Setting, weil das Guckkastenportal trennend davor steht. Vor allem im ersten Teil behindert es eine fließende Interaktion zwischen Bühne und Saal. Der dramatischere zweite Teil hat es in der Wirkung leichter, auch weil mehr an der Rampe gespielt wird.

 TodHandlungsreisender 1 560 AnnetteBoutellier uDas Ehepaar Loman: Chantal Le Moign als Linda und Jürg Wisbach als Handlungsreisender Willy © Annette Boutellier

Aber was wird da gespielt! Und wie. Es ist feinstes Erzähltheater, zu dem Gerd Heinz das Berner Ensemble anstiftet. In einer hochkonzentrierten Atmosphäre. Mit einem Loman, der der Selbstbetrug in Person ist. Seiner tapferen Frau Linda (Chantal LeMoign) als wandelnder Kummerfalte. Und den All American Boys Biff (Luka Dimic) und Happy (Gabriel Schneider), die auf die Welt erst noch kommen müssen. Es ist eine typische Gerd-Heinz-Inszenierung insofern, als sie nicht mit einem plakativen Einfall prahlt, sondern ihre Qualität in der schauspielerischen Hinwendung erweist, in unzähligen liebevollen Details.

Die Zürcher Theaterära der 1980er

Heinz nimmt damit nach 60 Regiejahren Abschied von der Bühne. In der Schweiz verbindet sich mit seinem Namen vor allem die Zürcher Theaterära der achtziger Jahre, als er das Schauspielhaus leitete (1982 bis 1989). Er war damals in einer schwierigen Situation angetreten: Unter seinen Vorgängern feierte das gute alte Stadttheater Urständ, Experimente gab es allenfalls auf der Kellerbühne. Dazu kamen drastische Sparmaßnahmen, und die politische Linke forderte im Sog der Jugendbewegung ("Züri brännt") Umverteilungen und Geld für Alternativkultur. Obendrein war seine Wahl die Notlösung: Werner Düggelin hätte eigentlich Schauspielhaus-Direktor werden sollen, Heinz sein zweiter Mann – aber "Dügg" verzichtete im letzten Moment und Heinz rückte nach.

TodHandlungsreisender 2 560 AnnetteBoutellier uLomans verschwiegene Affäre: Willy (Jürg Wisbach) turtelt mit der fremden Frau (Irina Wrona). Am Tisch im Vordergrund seine Gattin Linda (Chantal Le Moign) auf der Bühne von Lilot Hegi © Annette Boutellier

Es war eine gute Wahl. Mit Chefdramaturg Peter Rüedi zauberte Heinz in Zürich viele unvergessene Abende "auf einem Handtuch", wie seine Formel damals lautete. Das Schauspielhaus ging auf die freie Szene zu; und Heinz wollte auch den Zürichberg "zur Moderne verführen", wie er es nannte: auf die sanfte Tour, mit frisch gesehenen Klassikern und neu gedachten Kanon-Stücken, so O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" mit Agnes Fink und Will Quadflieg. Oder "Maria Stuart" mit Fink und Maria Becker, den damaligen Grandes Dames des Schweizer Theaters: zwei bis in die Details der unterschiedlichen Spielweise rivalisierende Queens – ein großer Abend!

Unaufgeregter Abschied

Heinz inszenierte aber auch etwa die Uraufführung von Friedrich Dürrenmatts "Achterloo" am Schauspielhaus, was in Zürich nicht ausnahmslos ankam. Und dann die fette Überraschung: die Schweizer Erstaufführung von Patrick Süskinds "Kontrabass" mit Hubert Kronlachner, ursprünglich nichts weiter als ein Schmankerl, ein kleiner Abend nebenher, der zum umwerfenden Triumph wurde, und den Kronlachner fast bis zu seinem Lebensende spielte, mehr als 600 Mal. – Dennoch stimmten die Auslastungszahlen nicht, und das ist in Zürich am Ende das einzige, was zählt.

Nach den Jahren am Schauspielhaus inszenierte Heinz in der Schweiz vor allem in Bern, wie jetzt zu seinem Abschied. Im "Tode eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller lässt sich seine Regiehandschrift nochmal erleben. In vibrierenden Szenen wie diesem letzten Streit von Biff und Willy, in dem dieser ihm die Lebenslüge vorhält – und er unverdrossen Blumen sät. Es sind Bilder, die im Kleinen sprechen, unaufdringliche Figurenansichten. Der unprätentiöse, unaufgeregte Abschluss einer großen Theatermacher-Karriere.

 

Tod eines Handlungsreisenden
Schauspiel von Arthur Miller
Deutsch von Volker Schöndorff und Florian Hopf
Inszenierung: Gerd Heinz, Bühne und Kostüme: Lilot Hegi, Live-Musik: Marc Stucki, Bühnenfassung: Marco Läuchli, Licht: Christian Aufderstroth, Dramaturgie: Marco Läuchli und Michael Gmaj.
Mit: Jürg Wisbach, Chantal LeMoign, Luka Dimic, Gabriel Schneider, Stéphane Maeder, Stefano Wenk, Hans Caspar Gattiker, Lukas Dittmer, Irina Wrona.
Premiere am 15. Februar 2020
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.konzerttheaterbern.ch

 

Kritikenrundschau

Regisseur Gerd Heinz verlasse sich ganz auf den Stücktext, "und das ist weitgehend die richtige Entscheidung", schreibt Lena Rittmeyer im Bund (17.2.2020). Sein Miller offenbare vor allem ein ausgezeichnetes Handwerk, wo es um die Konstruktion des Abends gehe. Aber in etlichen Momenten habe man das Gefühl, dass sich eine Zeitkapsel öffne. "Wo man sich hier von der Regie einen mutigeren Zugriff wünscht, ist es dafür das eindringliche Schauspielertheater, das den Abend trägt".

Die Inszenierung sei "alles andere als ein Abschiedsfeuerwerk als Schlusspunkt einer langen Karriere", so Michael Fellner in der Berner Zeitung (17.2.2020). Charakterschauspieler auf hohem Niveau zeigten einen Abend, der das Theater zum Museum mache. "Trotz vielen glanzvollen Momenten berührt einen die letzte Inszenierung von Gerd Heinz selten."

 

 
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