Das Interview entstand im Rahmen des Überblickstextes: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen.

 

Den Zauber weiterflüstern

Maria Happel im Interview mit Elena Philipp

Maria Happel, die Theater sind geschlossen. Was fehlt Ihnen am meisten?

Das Publikum, der Geruch meiner Garderobe.

Was wird aus dem Schauspiel, einer Kontaktkunst, wenn der Körperkontakt verdächtig wird?

Es gibt nun mal die Regelungen. Wenn man sich darauf einlässt, entstehen vielleicht ganz neue Dinge. Wir mussten viel über Zoom unterrichten – und ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Nähe entstehen kann, wenn man einen Othello in seinem Kämmerchen in Wien sitzen hat und eine Desdemona in ihrem ehemaligen Kinderzimmer in Leipzig – das ist aber geschehen. Man sah einen Othello in einem Kriegsgebiet , der mit seiner Freundin in Leipzig chattete. Uns kam die Idee, dass man das so auf die Bühne bringen könnte, es hatte plötzlich eine andere Aktualität.

Welche Grundprämisse von Theater hat sich auch unter Corona-Bedingungen nicht verändert?

Wir Theaterschaffenden können uns eine andere Welt vorstellen, das ist auch unser Job.

MariaHappel 280 ReinhardWerner uMaria Happel © Reinhard WernerIch habe mich sehr mit Max Reinhardt beschäftigt in den letzten Wochen, mit seinem "spirit" und seinem Glauben an die Unsterblichkeit des Theaters. "Das Theater kann, wenn es von guten Geistern verlassen ist" – was es im Moment ist – "das traurigste Gebilde und die armseligste Prostitution sein", meinte er. Das ist ein bisschen so, wir Künstler*innen fühlen uns gerade wie auf dem Abstellgleis. Momentan sind wir nicht dran, wir haben nichts zu sagen. Aber das macht nichts, weil wir vorbauen können für die Zeit nach Corona, denn wir wissen: Der Vorhang geht wieder auf und die Leute werden das Theater mehr brauchen als je. Ein Freund von mir, Sven Grunert, sagt: "Wer seine Träume verliert, verliert seinen Verstand."

Wie arbeiten Sie am Max-Reinhardt-Seminar derzeit – und mit welchem Zeithorizont planen Sie?

Im Rollenunterricht erarbeiten wir Monologe: Ich sitze mit Mundschutz im Zuschauerraum, ein*e Student*in steht auf Bühne. Partnerszenen spielen wir mit Abstand. Ensembleunterricht oder Körperunterricht findet im Garten statt. Eine unserer ersten Maßnahmen am Max-Reinhardt-Seminar war es, eine Bühne in den Park bauen zu lassen. Damit schaffen wir Freiraum.

Welche der Corona-Vorgaben treffen die Studierenden und Lehrenden in der Ausbildung am meisten?

Ganz klar: die Tatsache, dass wir uns nicht berühren dürfen. Im ersten Semester gehört es dazu, dass man sich gegenseitig abtastet, die Sinne öffnet und jemanden erspürt – das geht derzeit überhaupt nicht. Es gibt stattdessen viel Theorieunterricht, aber der kommt sonst auch oft zu kurz.

Wesentlich fürs Theater ist das Ensemblespiel. Was kann den Studierenden unter den aktuellen Bedingungen vermittelt werden und was nicht?

Viel kann vermittelt werden. Sogar im Ensembleunterricht – auch wenn man vor einem Computer mit vielen briefmarkengroßen Köpfen sitzt, statt gemeinsam mit Menschen, die zusammen spielen wollen, auf einer Probebühne zu sein. Ein Treffen via Zoom ist eine ganz abstrakte Form, aber was man schärfen muss, ist, was man tun kann in dieser Zeit: Dass man den Raum für die Träume öffnet – dass man sich eine ganze Welt vorstellen kann. Das kann man auch dann gemeinsam tun, wenn jeder für sich allein woanders sitzt. Max Reinhardt war der Überzeugung: Theater schauen und Theater spielen ist ein Elementartrieb des Menschen. Und die Schauspielstudierenden können auch in dieser Situation unheimlich viel lernen, wie Musiker*innen: Bis ich im Orchester spiele, mache ich meinen Fingersatz am Klavier und stelle mir vor, wie der volle Klang sein könnte, oder ich höre mir alte Aufnahmen an und überlege mir, wohin die Reise gehen könnte. Das finde ich für unseren Beruf wichtig.

Im Geist auf Reisen zu gehen und in der Phantasie zu spielen, ist vorstellbar. Aber fehlt nicht die körperliche Erfahrung?

Der Körper ist die Grundlage, das stimmt. Im ersten Semester machen wir viel Körperarbeit, da wird das Instrument gebaut, wir begreifen, dass der Körper unser großes Ausdrucksmittel ist. Über einen Gang können wir ganz viel ausdrücken. Im Körperunterricht stößt man derzeit an seine Grenzen. Aber auch da sind die Lehrenden am Max Reinhardt Seminar über sich hinausgewachsen und haben digital ganz viel geschafft. Wir wollen alle nicht nur Zwei-Personen-Stücke oder an der Rampe spielen. Wie geht man damit um? Die digitale Form hat uns auf neue Wege gebracht. Und vielleicht geht das Theater auch zurück auf die Marktplätze…

Haben Sie Beispiele für Ihre neue Unterrichtspraxis?

Sobald man wieder draußen Sport machte durfte, ging der Lehrende für Akrobatik mit den Studierenden auf Einzelparcours. Bühnenkampf hat weiter stattgefunden, das war schwierig für die Studierenden zuhause in ihren Wohnzimmern oder den kleinen Studentenwohnungen, auch der Gesangsunterricht. Was auch nicht leicht war: Die Studierenden sind zwischen 19 und 25 Jahren alt, sie sind noch nicht lange von zuhause weg. Mehr als vier Wochen allein zu sein und nur digitalen Unterricht zu haben – das war schon nicht ohne. Psychologisch finde ich das schwierig: Sie kommen ans Max Reinhardt Seminar, um mit einer Gemeinschaft, in einem Ensemble zu starten.

Wie planen Sie momentan für die künftigen Studienanfänger*innen?

Wir werden den Jahrgang klein halten. Es gab schon Prüfungen, da wurden vier Studierende aufgenommen. Die nächste Zulassungsprüfung soll im September stattfinden. Je nachdem, ob man reisen darf… Wir gehen von einem kleinen Jahrgang aus. Mehr kann man vielleicht nicht verantworten im Moment.

Wird das Sommersemester 2020 für die jetzt Studierenden ein verlorenes Semester gewesen sein?

Nein. Im sprachlichen Bereich hat das gut funktioniert. Der Abschlussjahrgang hat im November die Vorsprechen, und bis jetzt sieht noch alles ganz ok aus. Einzelvorsprechen, mit denen sich Studierende direkt an den Häusern bewerben, soll es demnächst geben. Noch vor der Corona-Zeit sind Abgänger*innen aus dem letzten November engagiert worden. Andere drehen verstärkt für Film und Fernsehen. Im Film läuft die Maschinerie langsam an, dort sind die Corona-Auswirkungen nicht so gravierend wie im Theater.

Theaterspielen auf einer Bühne scheint für die Nachwuchsspieler*innen gerade unerreichbar. Welche Bedürfnisse äußern Ihre Studierenden derzeit?

Sie wünschen sich Präsenzunterricht. Der dritte Jahrgang hat gebeten, uns vorspielen zu dürfen – live, nicht am Handy oder am Computer. Sie bitten um Feedback, bevor es nach dem Sommer mit dem Abschluss ernst wird. Stattfinden wird das Vorspielen draußen oder auf der großen Studiobühne, im Einbahnstraßensystem – hier gehen die Spieler*innen hinein, dort hinaus. Aus jedem Fachbereich wird jemand dabei sein.

Jenseits dieser praktischen Fragen – was hat Sie in den letzten Wochen besonders beschäftigt?

Die Frage, welche Form Theater annehmen kann und muss in Zukunft. Inwiefern müssen wir aus unserer Komfortzone heraus? Das fängt mit Kleinigkeiten an: dass man sich selbst schminken und ankleiden muss. Bestimmte Dinge, wie wir sie gewohnt waren, werden nicht mehr gewöhnlich sein, es sei denn, es findet sich ganz schnell ein Impfstoff. Momentan können wir nicht davon ausgehen.

In all dieser Unsicherheit: Welchen Weg weisen Sie Ihren Studierenden?

Theater hat viel mit Magie zu tun: Wir halten es wie die großen Zauberer, die den Jungen die Geheimnisse ins Ohr flüstern. Ich komme mir vor wie eine Staffelläuferin, die viel gerannt ist in ihrem Leben, die die Staffel in der Hand hält von großen Künstler*innen, und meine Aufgabe ist es, sie weiterzugeben.

Wie ist die Stimmung am Burgtheater, an dem Sie seit 1991 Ensemblemitglied sind?

Ich war schon lange nicht mehr da, bis auf das traurige Event der Spielplan-Vorstellung für die Mitarbeiter*innen, bei dem wir vereinzelt im Zuschauerraum saßen – nicht mal auf unserer Bühne! Seit zwei Wochen wird wieder geprobt, es gibt strenge Regelungen, die gleichen Gruppierungen in der Technik, damit man im Falle einer Infektion die Ansteckungskette nachverfolgen kann. Jede*r muss auf der Anmeldeliste stehen, sonst kommt man nicht ins Haus. Man versucht sich anzunähern im wahrsten Sinne des Wortes und hofft, dass Mundschutz und Visiere fallen können. Ich freue mich schon auf den ersten großen Moment der Berührung. Berührung gehört zu unserer Profession. Wir berühren die Menschen. Dazu müssen wir nicht von der Bühne runterspringen – vielleicht gibt es eine andere Form von Berührung.

Apropos: Wann geht es für Sie persönlich als Schauspielerin im Theater weiter?

Im Akademietheater proben wir ab September "Das Automatenbüffett" von Anna Gmeyner, in der Regie von Barbara Frey. Die letzte Vorstellung dort waren "Die Stühle", am 11. März mit Michael Maertens. Danach ging der Vorhang nicht mehr auf – und ich freue mich, dass wir das gemeinsam wieder ändern dürfen.

 

Maria Happel war nach Engagements in Köln, Hannover und Bremen von 1991 bis 1999 im Ensemble des Wiener Burgtheaters. 2000 wechselte sie mit Intendant Claus Peymann ans Berliner Ensemble, um zur Spielzeit 2002/03 ans Burgtheater zurückzukehren. 2016 wurde sie zur Kammerschauspielerin ernannt. Seit Mai 2020 leitet sie das Max Reinhardt Seminar in Wien.

 

 
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