Ehre füllt den Kühlschrank nicht

von Cornelia Fiedler

4. Juli 2020. Es ist deprimierend: Die neusten Zahlen zu Frauen im Kulturbetrieb zu sichten macht keinen Spaß. Der Blick auf das Einkommen von Künstler*innen generell liest sich noch immer als gesellschaftliches Armutszeugnis; und die Fakten zu Freiberufler*innen im Speziellen bestätigen die schlimmsten coronainduzierten Befürchtungen. Einerseits. Andererseits tut es richtiggehend gut, sich mit diesen Statistiken zu konfrontieren. Weil es klarzieht, dass kein individuelles Verschulden vorliegt, wenn nach dem Shutdown plötzlich die Hartz-IV-Anträge auf dem Küchentisch in der Kreativen-WG liegen. Weil wir schlicht in Strukturen leben und arbeiten, die die geringe Wertschätzung kultureller Arbeit ebenso reproduzieren wie die Schlechterstellung von Frauen.

Problembewusstsein im Umfang von 500 Seiten

Beim Lesen flackert die kleine Hoffnung, dass die über 500 Seiten manifestiertes Problembewusstsein der Studie "Frauen und Männer im Kulturmarkt. Bericht zur sozialen und wirtschaftlichen Lage" als Aufruf zum Handeln verstanden werden können – von der Politik wie auch von den deutlich zu vereinzelten Einzelkämpfer*innen.

Zum Einstieg drei "Highlights" aus der Studie, die der Deutsche Kulturrat am 26. Juni 2020 vorgelegt hat:

  • Kultur ist kein Nischenmarkt, im Gegenteil: 1,3 Millionen Menschen arbeiten im Kulturbereich, das sind 3,1 Prozent aller Erwerbstätigen. Zur Bruttowertschöpfung in Deutschland trägt die Kultur mehr bei als die Energieversorgungswirtschaft, die Chemische Industrie oder die Finanzdienstleister.
  • Der durchschnittliche Monatsverdienst von Freiberufler*innen im Kulturbereich liegt bei 1.500 Euro brutto. Das könne man, so die Hauptautorin der Studie Gabriele Schulz im WDR, "nur als prekär bezeichnen". Die Totalausfälle durch Corona werden die Lage massiv verschärfen.
  • Auch der Gender-Pay-Gap (GPG) trifft Freiberuflerinnen noch einmal deutlich härter als Angestellte. Freie Theaterregisseurinnen etwa erhalten im Schnitt 39 Prozent weniger als die männlichen Kollegen. Bei höher qualifizierten Angestellten in der Theater- und Filmproduktion sind es 26 Prozent.

Begrenzte Vergleichbarkeit der Daten

Schon diese Auszüge machen allerdings die Schwierigkeiten der vorliegenden Metastudie deutlich. Bevor es an Eingemachte geht, an Fakten, Thesen und Forderungen, ein schneller Einschub zur Methodik aus Sicht einer Nicht-Statistikerin: Wie alle Metastudien basiert auch diese nicht auf selbst erhobenen Daten, sondern führt Erkenntnisse aus unterschiedlichen Quellen zusammen: vom Statistischen Bundesamt, der Arbeitsagentur, diversen Fachverbänden, der Künstlersozialkasse (KSK) und vorangegangene Studien des Kulturrats. Jede der Institutionen erhebt ihre Daten anders, bei der KSK etwa geben die Versicherten ihr Einkommen selbst an, Tätigkeiten im nichtkünstlerischen Bereichen werden nicht erfasst.

Studie Kulturrat CoverInsgesamt ist der Begriff "Kulturmarkt" hier sehr weit gefasst – zwischen Performance, Dirigat, PR-Arbeit und Architektur dürften die Arbeits- und Einkommenserfahrungen sehr unterschiedlich ausfallen. Zudem werden die Forschungsobjekte pro Studie unterschiedlich definiert: Als irritierende und potenziell diskriminierende Kategorie muss die Unterteilung in "Fachkräfte, Spezialisten und Experten" in den Statistiken der Arbeitsagentur genannt werden – übrigens immer in der männlichen Form. Diese zeitigt absurde Auswüchse: Artist*innen werden dort beispielsweise gemeinsam mit Kompars*innen als "Spezialisten" verbucht. "Experten" können sie also niemals werden, das ist allein Musical, Schauspiel und Tanz vorbehalten. Teils fehlen also Überblicksdaten, teils wird mit Kategorien gearbeitet, die mehr verschleiern als aufklären.

Es kann deshalb nur die Summe der unendlich vielen Details sein, aus der sich nach der Lektüre der Metastudie "Frauen und Männer im Kulturmarkt" ein Eindruck formt. Bemerkenswert, ein Lieblingswort der Autor*innen, ist vieles. Etwa, dass in Berlin mehr Künstler*innen leben als in ganz Nordrhein-Westfalen. Oder dass, entgegen der gefühlten Wahrheit, die Zahl der Angestellten im Kulturmarkt angestiegen ist. Oder dass die ärmsten freien Künstler*innen in Thüringen leben, die bestverdienenden, mit einem Drittel mehr Einkommen, in Hamburg. Oder dass Theater und Tanz die Disziplinen mit den internationalsten Ensembles sind.

Berufswunsch: Mann im Westen

Am Einkommensgefälle hat sich seit den letzten Studien des Kulturrats – "Arbeitsmarkt Kultur" (2013) und "Frauen in Kultur und Medien" (2016) – wenig geändert. Es gibt das Gefälle zwischen Männern und Frauen (weitere Geschlechter sind nicht erfasst); das zwischen West- und Ostdeutschland; und das zwischen Angestellten und Freien. Allerdings weist der Osten eine wenig beachtete Ausnahme auf: einen Gender Pay Gap (GPG) von -2 Prozent bei den Angestellten. Das bedeutet, dass die im Kulturbereich angestellten Frauen im Osten im Schnitt 2 Prozent mehr verdienen als die Männer. Noch etwas mehr als die statistische Gruppe der angestellten Frauen im Osten verdienen die Frauen im Westen, aber mit einem Plus von 800 bis 900 Euro brutto im Monat führen die Westmänner unangefochten die Tabelle an. Dass Frauen in der DDR offenbar so nachhaltig gleichgestellt waren, dass es bis heute durchschlägt, ist ein Detail, das im schnellen polemischen Systemvergleich BRD-DDR gern unter den Tisch fällt. Bei den nach der Wende etablierten Selbständigen ist dann wieder alles wie gewohnt aus dem Lot: In der KSK versicherte Frauen verdienen im Osten zwischen 12 und 20 Prozent weniger als die Männer. Kein Vergleich allerdings zum Westen: Dort geht mit den höheren Honoraren auch eine höhere Diskriminierung von Frauen einher. Hamburg führt die Tabelle mit 33 Prozent GPG an.

Aber könnte sich die "radikale Ansicht, dass Frauen Menschen sind", wie es die Schriftstellerin Marie Shear formulierte, nicht dennoch längst durchgesetzt haben? Könnten die schlimmen Zahlen nicht auf alten Verträgen basieren, die noch von längst verrenteten Patriarchen ausgestellt waren? Die Autor*innen der Kulturrats-Studie, Gabriele Schulz und Olaf Zimmermann, machen wenig Hoffnung: Auch in der Altersgruppe der Unter-30-Jährigen melden KSK-versicherte Frauen deutlich geringere Einkommen als die Männer. 2019 verdienten freie darstellenden Künstlerinnen demnach 10.300 Euro im Jahr, die männlichen Kollegen 15.000 Euro. Für Berufseinsteigerinnen beginnt die Karriere mit einer Diskriminierung. Eine Gruppe an Ausreißerinnen gibt es allerdings: Journalistinnen unter 30 Jahren ziehen 2019 erstmals mit knapp 1.000 Euro mehr im Jahr an den Jungs vorbei. Ob der Trend anhält, bleibt abzuwarten.

In der Zone des Selbstbetrugs

"Man muss als Allererstes deutlich machen, was selbständige Tätigkeit bedeutet. (…) Selbständige Arbeit heißt: sehr viel Unsicherheit", sagt Gabriele Schulz im WDR auf die Frage nach ihren Forderungen. Nach Jahren unerquicklicher Verhandlungen mit Auftraggeber*innen, die glauben, es sei eine Ehre, für sie zu schreiben oder für ihre Jurys zu ackern, tut es gut, das zu hören. Ehre füllt den Kühlschrank nicht. Genauso wenig wie der Applaus, über den sich unterbezahlte Krankenpfleger*innen freuen sollten. Noch einmal: der durchschnittliche Monatsverdienst der in der KSK versicherten Freiberufler*innen liegt bei 1.500 Euro brutto. Und jetzt, in der Coronakrise, müssen eben diese freien Dramatiker*innen, Kulturvermittler*innen oder Rockmusiker*innen ihre KSK-Kalkulationen für unabsehbare Zeit in Richtung Null korrigieren. Das beginnende Clubsterben zeigt an, wohin die Reise für die Kreativen geht. Ohne umfassende Hilfsmaßnahmen wird dieses Land nach der Krise kulturell verarmt sein – und sozial auch.

Wie kommen die gravierenden Unterschiede zwischen freien und angestellten Kulturschaffenden zustande, die ja im Vergleich zu anderen Branchen selbst unterbezahlt sind? Sicher nicht, weil Freiberufler*innen so wenig arbeiten. Die Honorare sind schlicht in den seltensten Fällen realistisch kalkuliert – nicht von den Auftraggeber*innen und leider auch nicht von Freiberufler*innen selbst. Wenn die kein Geld haben, trösten sie sich mit dem Spaß an der Arbeit. Dabei wäre die Rechnung gar nicht schwer: Selbständige verdienen nichts, wenn sie krank sind, verreisen oder eine Auftragsflaute haben, Angestellte schon. Freiberufler*innen bekommen kein Urlaubsgeld, kein Krankengeld, keinen Arbeitslaptop und kein Büro. Und dann ist da noch die Versicherung. Um mit Angestellten finanziell gleichzuziehen, müssen Freie das Anderthalbfache von deren Bruttolohn erwirtschaften. So rechnen es die Kolleg*innen von der Wirtschaftswoche vor. Darunter beginnt die Zone des Selbstbetrugs.

Klar sind die Verhältnisse das Hauptproblem für die schwierige Lage der Künste. Kulturschaffende müssen sich aber auch der Frage der Selbstprekarisierung stellen. Die ist oft ein Nebeneffekt des Idealismus und des Distinktionsgewinns, den das Dasein als Kreative bringt – ob frei oder angestellt. Dazu kommt eine ständige Re-Prekarisierung, durch nachrückende Jahrgänge, die riesige Lust auf die ersten Projekte haben und im Zweifel kostenlos arbeiten, um überhaupt eine Chance zu bekommen.

Und nun: Was tun?

"Einfache Lösungen gibt es nicht", schreiben die Autor*innen. Dennoch beschließen sie die Studie mit einigen Handlungsempfehlungen, nicht ganz unstrategisch ergänzt durch aktuelle Forderungen des Kulturrats. Sie appellieren an die Politik von Bund, Ländern und Kommunen. Und sie appellieren an Unternehmen, öffentliche Arbeitgeber und Vereine, durch angemessene Löhne, Gehälter und Honorare die Lage der Kultur- und Medienschaffenden zu verbessern. Auch die Konsument*innen mögen bitte über "ihr Kauf- oder Konsumverhalten Einfluss auf Preise nehmen". Und sie beharren darauf, dass Verbände und Gewerkschaften als Gegenüber deutlich mehr erreichen können als lose Protest-Zusammenschlüsse oder Einzelakteur*innen. Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen brandmarken sie als verbesserungswürdig. Urheberrecht, Grundrente und Arbeitslosenversicherung für Selbständige sind hier die Stichworte.

Irritierend ist das große Lob für das Kleinklein der Projektförderungen durch die diversen Fonds – natürlich sind die gut, im Sinne von besser als gar nichts. Aber sie sind immer befristet, was Kulturschaffende und Institutionen, vor allem aus der Freien Szene, in ewiger Unsicherheit aka Existenzangst hält. Auch der Hinweis auf Stipendienprogramme ist etwas überzogen. Warum genau sollte zum Beispiel ein*e Autor*innen scharf darauf sein, vorübergehend in ein Hochhaus in Baden-Württemberg oder eine Gartenlaube in Brandenburg zu ziehen? Vielleicht geht es in der Kulturpolitik doch um etwas Grundsätzlicheres. Kultur hat einen völlig anderen Gebrauchswert als jedes andere Produkt. Sie sollte nicht mit SUVs, Skinny Jeans oder Avocados um Konsument*innen konkurrieren müssen. Jetzt, da die Theater, Konzerthallen, Kinos und Clubs geschlossen sind, merken wir doch, was fehlt. Kunst, vom exzessiven Technoset über das klassische Drama und die Symphonie bis zur Science-Fiction, weitet das von Alltag verengte Denken, das in Konventionen eingequetschte Fühlen. Kunst beharrt auf der Möglichkeit, dass alles ganz anders sein kann – und dafür haben die Kulturschaffenden verdammt noch mal ein ebenso würdiges Leben verdient wie jeder andere Mensch (oder Mann).

 

fiedler kleinCornelia Fiedler, Jahrgang 1978, hat Ethnologie und Kulturjournalismus in München studiert. Sie schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung, Theater heute und das Münchner Feuilleton. Seit 2019 ist sie Mitglied der Theatertreffen-Jury.


 

 
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