So ein Krieg hat kein Ende

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 11. September 2020. War es nicht das Allererste in diesem März, dass sich die europäischen Staaten ihrer Grenzen erinnert und sie diese dicht gemacht haben? Haben wir nicht gerade vorgeführt bekommen, was der Traum von allezeit offenen Grenzen wert ist, wenn's ernst wird? Ein Stück, das ums Ziehen von Grenzen kreist, könnte also eines der Stunde sein. Müsste es sogar sein. Die Nagelprobe im Grazer Schauspielhaus gilt der Österreichischen Erstaufführung von Thomas Köcks "dritte republik (eine vermessung)“, vor zwei Jahren im Hamburger Thalia Theater uraufgeführt. Die Sache geht unerwartet schlecht aus für diesen Theatertext.

"Frieden durch Grenzen, das klingt logisch"

Da sitzt eine Dame in einem Schneehaufen, fibbernd, und weiß nicht wie ihr geschieht. Nicht vor und zurück weiß sie, und vor allem nicht wohin mit ihren fünf Kartonkoffern. Anzughose und Gilet sind eindeutig die falsche Kleidung für die Gegend und das Klima. Wie Väterchen Frost persönlich taucht der Kutscher (ohne Kutsche) auf. Wallender Bart und wallender Pelzmantel. Die beiden werden ein sehr ungleiches, schon vom optischen Kontrast her komisches Paar abgeben, wenn sich die Rückwand der hölzernen Guckkastenbühne hebt und sie sich holpernden Schritts über eine karge Felsenlandschaft machen auf einen Weg ins Nirgendwohin.

DritteRepublik1 560 LexKarelly uIn der Ödnis der Grenzregion: Werner Strenger, Katrija Lehmann, Frieder Langenberger, Lukas Walcher, Evamaria Salcher © Lex Karelly

Aufgehalten werden sie ja auch: zum Beispiel von der blinden Fallschirmspringerin, die sich in einem Baum verfangen hat, den es real gar nicht gibt auf der Bühne. Die hat schon alles gesehen zwischen und über den Grenzen, und das war durchweg nichts Gutes. Diese Allegorie des blinden Sehers weiß: So ein Krieg hat kein Ende, ist nur aufgeschoben. "Frieden durch Grenzen, das klingt logisch", sagt sie mit einem ordentlichen Schuss Ironie in der Stimme. Und sie kalauert: "Nationen sind die irrwitzigsten Fiktionen."

Tolle Bilder vom Ausgesetzt-Sein

Der aus Österreich stammende Thomas Köck borgte den Stücktitel "dritte republik" bei Jörg Haider, dem österreichischen Ur-Populisten. Der schaut mit seinen Vorstellungen vom illiberalen Überschreiten der festgeschriebenen Verfassungsgrenzen freilich schon ziemlich alt aus angesichts des Faktischen von Orban und Trump. Der aus Österreich stammende Autor lässt sein Stück am Ende des Ersten Weltkriegs spielen. Grenzen sind neu zu vermessen und einzurichten. Das ist die Aufgabe der Dame mit den vielen Koffern, die wohl proppenvoll sind mit einschlägigem geodätischem Gerät. Die meisten bleiben zu.

Diese kafkaeske Welt – der Landvermesser aus Franz Kafkas "Schloß" ist ja ein direkter Bezug – kolorieren Regisseurin Anita Vulesica und ihr Team in Graz mit Lust und Hingabe. Der Bühnenbildnerin Anna Brandstätter und dem fürs Licht zuständigen Thomas Trummer gelingen tolle Bilder vom Ausgesetzt-Sein in einer Nicht-Landschaft, vom grenzenlosen Sich-Verlieren im engst begrenzten Raum.

Wie einem Barockgemälde entsprungen

Katrija Lehmann als Landvermesserin läuft beständig jemandem in die Arme und doch immer ins Leere. Evamaria Salcher als blinde Fallschirmspringerin setzt absurd-präzise einen Schritt um den anderen am unwirtlichen Fels. Der Patient (Lukas Walcher), der dem Normgewicht und dem optimalen Body-Maßindex nachhechelt, ist zu einem Halb-Saurier mutiert. Und der in einer Krinoline aus Tauen tänzelnde Reeder (Frieder Langenberger) wirkt mit seinem kleinen Schiffsmodell in der üppigen Perücke wie einem Barockgemälde entsprungen. Der Kutscher (Werner Strenger) ist das Sinnbild für ziellose Fortbewegung.

DritteRepublik2 560 LexKarelly uUnd hinten dräut das Chor-Monster © Lex Karelly

Sie alle haben auch in der auf anderthalb Stunden reduzierten Strichfassung noch ganz viel zu sagen über Nationalstaat und Grenze und über die offensichtliche Sinnlosigkeit und zugleich Unvermeidbarkeit von beidem. Im guten Fall etwas Pointiertes. Viel zu oft sind es aber die Textfläche ziemlich arg strapazierende Stehsätze, die auch mit viel Betriebsamkeit nicht leicht wegzuspielen sind.

Vielköpfiges Chor-Monster

Aus einer Not ward eine Tugend: Das Stück verlangt nach einem Sprechchor, und den hat man ob Corona von der Bühne ver- und auf ein Video gebannt. Dieser Chor – die vermeintlichen "Gehilfen" der Grenzvermesserin, in Wirklichkeit die Vorantreiber des Grenzziehens – tritt als ferngesteuert wirkendes Monster in Erscheinung.

Nach Monaten mit tatsächlich geschlossenen, zumindest kontrollierten Grenzen ist das Thema tagespolitisch und medial hinlänglich durchdekliniert. Da müsste ein Theatertext schon entschiedener dagegenhalten als mit einer Ansammlung von Aphorismen. "dritte republik (eine vermessung)" wirkt von der Gegenwart überrollt. Zwei Jahre alt erst und schon in die Jahre gekommen.

 

dritte republik (eine vermessung). teil drei der kronlandsaga
von Thomas Köck
Regie: Anita Vulesica, Bühne und Kostüme: Anna Brandstätter, Video Frank Holldack, Musik: Bernhard Neumaier, Choreographie: Mirjam Klebel, Licht: Thomas Trummer, Dramaturgie: Jennifer Weiss.
Mit: Katrija Lehmann, Evamaria Salcher, Werner Strenger, Lukas Walcher, Frieder Langenberger.
Österreichische Erstaufführung am 11. September 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus-graz.at

 

Kritikenrundschau

"Köck verpackt seine Gesellschaftskritik in postmoderne Poesie", schreibt Barbara Petsch von Die Presse (13.9.2020). Das Werk sei fantasievoll und habe Substanz. Allerdings stößt sich die Rezensentin an Köcks harscher Europa-Kritik. "Die linke Nabelschau hat schon manchmal etwas Irritierendes." Die Inszenierung warte mit tollen Bildern auf, sei spannend, intelligent und stimme nachdenklich.

"Der starke Text fand zwar auch dank der Bühne und der Kostüme von Anna Brandstätter und den unheilvollen Sounds von Bernhard Neumaier markante Bilder, doch Regisseurin Anita Vulesica gelingt es in eineinhalb Stunden nicht immer, ihre Schauspieler durch das sprachgewaltige Terrain zu führen, auf dem man leicht überknöcheln kann", schreibt Colette M. Schmidt vom Standard (13.9.2020).

Der Bezug zur Tagespolitik sei bei Köck gegenwärtig aber nie plump. "Die postapokalyptische Vulkanlandschaft von Anna Brandstätters Bühnenbild tritt mit Köcks aus feinem sprachlichen Zwirn gewebter Vorlage in Dialog", schreibt Daniel Hadler in der Kleinen Zeitung (13.9.2020). Der Rezensent bedauert, dass der Kinderchor coronabedingt nicht auf der Bühne präsent ist, er hätte der Inszenierung womöglich noch höhere Intensität verliehen.

Thomas Köcks "dritte republik (eine vermessung)" werde in der Regie von Anita Vulesica "zu einer funkelnden Weltüberdruss-Gaudi", so Petra Paterno in der Wiener Zeitung (16.9.2020), "ein herrlich verhuschtes Kammerspiel, ein gewitztes Panorama der Absurditäten". Ein Höhepunkt: der Chor. Die Film-Notlösung gehe voll auf: "Die Energie des juvenilen Chors ist in Großaufnahme auf der raumfüllenden Videoleinwand ein Erlebnis. Regisseurin Vulesica versteht es, den schwierigen Chorpassagen Schärfe und Witz zu verleihen."

 
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