Mama will mehr Busen!

von Michael Laages

Jena, 16. Oktober 2008. Ein letztes großes Bild gelingt in diesem Theater immer: der Blick auf die Hinterwand der Bühne. Denn das ist in Jena der Eiserne Vorhang, der ehedem den Zuschauerraum vom Bühnenhaus trennte – nach halbem Abriss des Theaters vor bald drei Jahrzehnten blieb nur der Bühnenturm stehen; das Publikum sitzt deshalb immer auf der Hinterbühne und das Ensemble spielt "nach hinten". Und wenn nun der "Eiserne" hochfährt, schaut die Kundschaft in die Stadt hinein, auf die eigene Heimat, die eigene Realität: Häuserzeilen und Uni-Turm, dazwischen Omnibusse mit richtigen Menschen drin. In diesen Momenten ist Jena immer einzigartig. Auch die Jena-erfahrene Regisseurin Alice Buddeberg nutzt dieses große Bild am Ende der Inszenierung zur Saisoneröffnung.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Dramatiker

"Schmutzige Schöpfung – Making of Frankenstein" ist, was der Titel sagt: ein neues, frisches Stück des in Berlin lebenden Dramatikers, Romanciers und Übersetzers Thomas Melle, das Mary Shelleys klassische Gruselgeschichte von der Erschaffung des künstlichen Menschen neu zu erzählen versucht, indem es die Fabel über die Risiken und Nebenwirkungen des wissenschaftlichen Fortschritts ohne großen Umschweif in die Gegenwart von Stammzellenforschung und Gentechnologie stellt; und keinen Zweifel daran lässt, dass diese neue Art von "Schöpfung" ziemlich schmutzig sei.
So weit, so vorhersehbar.
Hier ist es der junge Victor, der alles Mögliche durcheinander geforscht und tatsächlich zu Beginn des Stückes schon ein "Etwas" konstruiert hat, dass nur noch ein paar Stromstöße braucht, um zu "leben". Dass das aber kein "Leben" sein wird, ist schon mit der Vorrede klar, die schlicht und geheimnislos von der historisch planmäßigen Vergöttlichung des Menschen raunt.

Monster mit verdammt guten Argumenten 

Ein Irrweg - das weiß auch die "Kreatur", die hier "das Monster" heißt – und mit ihrem Schöpfer Victor Frankenstein umgehend über die eigene Überflüssigkeit streitet. Und zwar mit verdammt guten Argumenten – das Wesen weiß schon, dass es immer nur fremd sein wird und verstoßen; der Schöpfer hat es ungeschickterweise klüger konstruiert als er selber ist.

So zieht das Monster aus weltkluger Enttäuschung los und beginnt zu morden – zunächst den Pianisten, der am Rand der Szene das Stück begleitet. Die Aufführung ist zum Glück nicht nur belehrsam, sondern auch recht komisch. Vor allem, weil Forscher F. eine nervenzerfetzende Mama hat, die sich von der neuen Technologie (nach brasilianischer Art) mehr Brust, weniger Bauch und einen strafferen Hintern ersehnt; und sich durchaus auch zu der Braut umgestalten lassen würde, die das Monster von seinem Schöpfer fordert. Aber der bringt die schrille Mutter doch lieber gleich um. Auch Brüderchen Klein-Henry muss dran glauben, schließlich gar die geliebte Elisabeth.

Kleines, schnelles Stück fliegt aus der Kurve 

Mit deren Hinscheiden aber treibt’s den Autor aus der Kurve – denn "Making of Frankenstein" soll sich gegen Ende auch noch als Film entpuppen, in dem dann plötzlich die Darstellerin der Elisabeth wirklich totgewürgt im Set herum liegt und alle nach Polizei und Feuerwehr, kurz: nach "dem Staat" rufen. Dazu darf sich in diesen Tagen jeder denken, was er will – für das kleine, schnelle Stück, dass der Dramaturgie kaum eine Atempause gönnt und den Figuren keine Entwicklung gönnt, ist der Film-Plot schlicht eine Drehung zu viel. 

Zum Glück spielt die Regisseurin da auch nicht mehr mit – und lässt nun nicht etwa (was ja allemal nahe gelegen hätte) Videos aus dem Gen-Labor auffahren. Auch den Was-ist-wirklich-was-nur-Spiel-Gedanken führt sie nicht weiter aus; der offene Blick auf die (nächtlich kalte) Stadt genügt, wenn Monster und Schöpfer im vereisten Gebirge die letzten Atemzüge tun.

Alice Buddeberg agiert weniger spekulativ, ja bedächtiger als das Stück; und das ist gut so. Wie beinahe immer macht es Spaß, dem stets so prächtig jungen Ensemble in Jena zuzuschauen – Jan Meyer vor allem ist ein hoch intelligentes Monster-Riesenbaby ganz in Ur-Schlamm getaucht. Handwerklich achtbar und nur ein bisschen zu spekulativ, passt Thomas Melles "Schmutzige Schöpfung" schließlich denn auch prima zum Spielzeitmotto in Jena: "FreiKörper-Kulturen" – mit Stücken darüber, wie frei Mensch und Körper noch seien können in dieser Zivilisation und Kultur.

 

Schmutzige Schöpfung – Making of Frankenstein (UA)
von Thomas Melle
Regie: Alice Buddenberg, Bühne und Kostüme: Nicole Bettinger, Musik: Stefan Paul Goetsch, Choreografie: Dorothea Ratzel.
Mit: Julian Hackenberg, Zoe Hutmacher, Ralph Jung, Kai Meyer, Renate Regel.

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

Sympathisch und erfrischend findet Frank Quilitzsch, Kritiker für die Thüringische Landeszeitung (18.10.2008), den Abend. Denn sowohl die gegen den Strich gebürstete Lesart der alten Gruselnovelle selbst wie auch der "diskursive Charakter" der Inszenierung, die mit der Vorlage höchst spielerisch und ironisch verfährt, gefallen ihm als "heitere Parodie auf den pefekten Menschen". "Alles in allem ein doppelbödiger, zuweilen aber auch platter Diskurs über Geist und Körper, Identität und Glück, Liebe und Selbsthass, Leben und Tod", resümiert Quilitzsch also. "Schön frostig das Schlussbild, wo sich Mensch und Monster, Schöpfer und Geschöpf unter der Decke aneinander wärmen, und schaurig der von Stefan Paul Goetsch auf dem E-Piano begleitete Gesang der beiden."

"So einen frechen, staubfreien und hintergründigen Frankenstein wird dem Theaterhaus Jena so schnell keiner nachmachen", freut sich Angelika Bohn in der Ostthüringer Zeitung (18.10.2008) über Stück und Inszenierung. Schon Thomas Melles entstaubender Zugriff auf Mary Shelleys Frankenstein-Saga gefällt ihr sehr. Vor allem, weil darin die Geschichte "über geschliffene, spitzzüngige Dialoge" entwickelt wird. Melle bringe "Frankensteins Forscherdrang auf den Stand der gegenwärtigen Möglichkeiten" und entdecke auch "das Psychotherapie-Potenzial von Henry, Frankensteins Freund, und Betty, Frankensteins Braut." Doch trotz aller Freiheit im Umgang mit dem Stoff, verliere er nie den Respekt davor. Und bei allen Strichen und allem Dazuerfinden zollt Melle der alten Geschichte stets Respekt. Aber auch Alice Buddebergs Inszenierung glänzt aus ihrer Sicht durch "eine feine Balance zwischen Ernst und Ulk". Und grandiose Schauspieleinlagen.

 
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