Verbeamtet, käuflich und selber schuld

4. April 2021. "Neustart Kultur: Das will so klingen, als würden die Programme aktualisiert und ein neues Betriebssystem installiert. Im Moment sehen wir das große Löschen", schreibt Claudius Seidl in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

"Opernsängerinnen machen den Taxischein, Schauspieler bewerben sich in Impfzentren, Musikerinnen verlieren den Glauben, dass das noch etwas werden könnte mit der Karriere. Und wer nichts anderes kann, als ein Instrument zu spielen oder eine Rolle, kann froh sein, wenn Partner oder Partnerin einen Job hat. Und wenn es ein paar Rücklagen gibt, die eigentlich fürs Alter gedacht waren."

Als im vergangenen Sommer der Kulturausschuss des Bundestags eine Anhörung zur Lage der Künstler mit dem Auftrittsverbot veranstaltet habe, sei immer wieder die Frage aufgekommen, ob so mancher Künstler jetzt, da die Grundsicherung so großzügig gewährt werde, von diesem Geld womöglich besser leben könne als von seiner Kunst. Darin offenbarte sich für Seidl der ganze Hochmut einer Politik, "die sich den selbständigen Künstler nur als Hungerleider vorstellen kann (allenfalls noch als reich und weltberühmt und auf Staatshilfen ohnehin nicht angewiesen)".

Auf "die böse Frage, ob zwei Milliarden Euro vom Staat, die dann von Gremien, Jurys oder Räten an solche Leute vergeben werden, die brav ein Konzept eingereicht und die Förderungswürdigkeit ihrer Kunst hinreichend begründet haben, ob das alles also nicht der sicherste Weg sei in jene Staatskunst, die der Filmregisseur Klaus Lemke Seidl zufolge einmal 'brav, banal, begütigend, verbeamtet, frigide, käuflich, museal und selber schuld' genannt hat – auf diese Frage gibt der bekannte deutsche Jazz-Bassist Christian von Kaphengst Seidl eine "noch bösere Antwort", nämlich dass in der DDR jede Musikgruppe hätte beweisen müssen, "dass ihre Musik im Dienst des Sozialismus stehe." Er habe sich um ein Neustart-Stipendium beworben, aber bekommen habe er es nicht, was seiner Vermutung nach daran liegt, dass er in seinem Antrag nicht angekündigt habe, "den Jazz zu revolutionieren oder zumindest zu digitalisieren."

Sie sei zuversichtlich, zitiert Seidl die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, "dass mit unserer Hilfe diese sehr zähe und widerständige Kultur, dieses überlebensfähige Milieu, auch diese Pandemie übersteht".

Der Staat, so Seidls Fazit, "statt sich mit all seinen Stipendien und Förderprogrammen einzumischen, könnte einfach die Finanzämter fragen, wer vor der Pandemie wie viel verdient hat, und das entsprechende Arbeitslosengeld den Künstlern überweisen. Statt einfach auf deren Zähigkeit zu vertrauen."

(sle)

 

 
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