Platzpatronen für den Ungeist

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 21. Mai 2021. Mit dem Schlussmonolog aus Charlie Chaplins Film "Der große Diktator", dieser Brandrede für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden, ist es so eine Sache. Kann man das achtzig Jahre nach der Uraufführung des Films so stehen lassen, mit der Erfahrung von wiederaufkeimendem Antisemitismus, Nationalismus, von populistischer Verführung an vielen politischen Schauplätzen? Kann man nicht, und Regisseurin Clara Weyde hat sich natürlich auch etwas anderes ausgedacht fürs Grazer Schauspielhaus, wo man Chaplins Film als Theaterstück zeigt.

Durchwachsenes Dokument

Da ist also der jüdische Friseur mit dem Leben davongekommen, weil man ihn mit dem Diktator Anton Hynkel verwechselt hat. Und nun muss er als Doppelgänger eine große Rede halten. Im Film steht er alleine da. Im Schauspielhaus Graz umzingelt ihn – Parallelen zu heutigen Politikerauftritten wohl erwünscht – der gesamte Beraterstab. Diese Leute platzen mit ihren Einsagereien in die humanistische, philantropische Botschaft, mit dem Schlagwort-Arsenal heutiger Demagogen. Da fällt das Menschlichkeitsplädoyer deutlich kürzer aus. Der (falsche) Diktator zieht die Pistole – allein es sind Platzpatronen. Der Ungeist lässt sich nicht einfach wegballern. Dann hält er die Pistole an die eigene Schläfe. Echte Patrone, blöd gelaufen, es trifft immer die Falschen.

1 560 der grosse diktator alexej lochmann julia graefner 017 1 c karelly lamprechtAlexej Lochmann und Julia Gräfner als Chaplin-Imitatoren am Grab des Meisters © Karelly Lamprecht

Wie kann man Chaplins ersten Tonfilm, diese krasse Parodie auf Hitler und den Nationalsozialismus, heute einordnen? Wenn man seinen autobiographischen Aussagen Glauben schenkt, war's ihm selbst im nachhinein ein bisserl peinlich. 1939/40, da hatte Chaplin zwar Bilder des von manchen damals noch als "großen Clown" angesehenen Hitler vor sich, aber bestenfalls eine blasse Ahnung, wie es in den KZs wirklich zuging. Hellsichtig sah er freilich den Weltenbrand voraus, legendär die Szene, in der Anton Hinkel alias Hitler die Weltkugel als großen Luftballon zerplatzen lässt. Die Dreharbeiten begannen acht Tage, nachdem Hitler in Polen einmarschiert war. Bei der New Yorker Filmpremiere am 15. Oktober 1940 waren die Beneluxländer und Paris besetzt. Ob die USA gegen Hitler in den Krieg ziehen würden, war da noch nicht ausgemachte Sache. Ein durchwachsenes zeitgeschichtliches Dokument also. Und durchwachsen ist eine Theaterversion notgedrungen auch aus einem anderen Grund: "Der große Diktator" rechnet freilich zum historische-cineastischen Basiswissen – aber darf man davon ausgehen, dass eine Mehrheit im Publikum mehr davon kennt als ein paar Szenenausschnitte?

Klamauk auf der Drehbühne

Clara Weyde und ihre Dramaturgin Franziska Betz liefern kein bloßes Bühnen-Remake. Als Rahmenhandlung haben sie zwei Chaplin-Imitatoren eingebracht, die wir in der ersten Szene am Grab des Filmkomikers kennen lernen: Die beiden haben sich und ihre Berufung überlebt, der Chaplin/Hitler-Bart hat einen langen ebensolchen. Irgendwie geraten sie über ihren eifersüchtelnden Diskurs hinein in die Handlung des Films. Anna Bergemann hat ein bewegliches Drehbühnenbild aus verschachtelten Podesten mit Durchgängen, zur Rutsche taugenden schrägen Flächen und Treppen gebaut. Da hat der "Diktator" viel gut zappeln, da ist nicht nur im ersten Kriegsbild viel Action mit wenig Personal möglich. Und wenn dann die Nazi-Häscher hinter dem jüdischen Friseur her sind ...

4 560 der grosse diktator sarah sophia meyer julia graefner nico link 207 1 c karelly lamprechtSarah Sophia Meyer, Julia Gräfner, Nico Link © Karelly Lamprecht

Dem Filmoriginal entsprechend wird dem Slapstick ausgiebig gehuldigt. Vielleicht hat die Regisseurin zusätzlich ein bisserl zu viel Monty Python geschaut. Das ermüdet auch. Hinter all dem Klamauk kann man nämlich recht gut verstecken, dass es in dieser Version mit aktuellen Bezügen oder Anspielungen so weit nicht her ist. Die werden eher subkutan verabreicht, mehr Mut und mehr Ideen wären gut denkbar gewesen. Das Nazi-Figurenwerk wird gehörig überzeichnet und schematisiert. Auch da gilt: Eine gewisse Humor-Robustheit wird vom Publikum vorausgesetzt.

Ohne viel Aktualisierung

Der große Diktator: Das ist die einmal mehr fulminante Julia Gräfner. Auf sie ist im Grazer Ensemble immer Verlass, wenn es gilt, eine Klischeefigur vertraut erscheinen zu lassen und das Klischee auch gleich wieder aufzubrechen. Ihren Hitler-Bart pickt sie gleich zu Beginn auf Chaplins Grabstein. Schade, dass aus der Doppelrolle nichts wurde (im Film spielt Chaplin ja sowohl den Diktator als auch den jüdischen Friseur). Den gibt in Graz Alexej Lochmann, als Gegenspieler und Quasi-Spiegelbild ist auch er einprägsam und individuell.

Charlie Chaplin war ein großer Spötter, auch was die Namen im "Hofstaat" des Diktators angeht. Hertha Stahl, die "Reichsfilmbildgestalterin" (Evamaria Salcher) – da ist "Kollegin" Leni Riefenstahl ordentlich veräppelt. Clemens Maria Riegler als Feldmarschall Herring trägt die Brust voller Orden und macht nur wenig tollpatschigere Figur als der "Diktator" selbst . Propagandaminister Garbitsch (Nico Link) hält sich dezent zurück, ist aber allgegenwärtig. Die Büffet-Schlacht in Wort und Tat zwischen Diktator und Mussolini-Verschnitt Benzino Napaloni (Mario Fuchs) hat freilich Witz und Action. Aber es bleiben eben in dieser Theaterversion viele Möglichkeiten zum Brückenschlag ins Heute ungenutzt.

Der große Diktator
nach dem Film von Charlie Chaplin, Fassung von Clara Weyde und Franziska Betz
Regie: Clara Weyde, Bühne: Anna Bergemann, Kostüme: Clemens Leander, Musik: Thomas Leboeg, Dramaturgie: Franziska Betz.
Mit: Julia Gräfner, Alexej Lochmann, Lisa Birke Balzer, Nico Link, Mario Fuchs, Clemens Maria Riegler, Sarah Sophia Meyer, Fredrik Jan Hofmann, Oliver Chomik, Evamaria Salcher.
Premiere am 21. Mai 2021
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten

www.schauspielhaus-graz.at

 

Kritikenrundschau

Von einem gelungenen Balanceakt zwischen Horror und Komödie spricht Ute Baumhackl in der Kleinen Zeitung (21.5.2021). Denn der Kniff, mit dem Regisseurin Clara Weyde den Stoff per Rahmehandlung für die Gegenwart erschließt, leuchtet ihr sehr ein. "Denn mit heutigem Wissenstand um die Grausamkeiten des NS-Regimes wirken die Bilder von Verfolgung und KZ, die der resolute Antifaschist Chaplin in 'Der große Diktator' zeichnete, fast schönfärberisch. Er selber schrieb im Nachhinein: Im Wissen um die wahren Greuel der Nationalsozialisten hätte er seinen Film niemals so lustig gemacht." Einfach so werde man daher auch aus dem Abend nicht entlassen - der abrupt Ende und das Fazit provoziert: "Man kann über Diktatoren lachen. Aber nicht über das, was ihnen immer wieder Aufwind gibt."

"Dass man der NS-Dämonie mit Klamauk nicht wirklich beikommen kann, hat schon Chaplin selbst erkannt", schreibt Michaela Reichart in der Kronenzeitung (22.5.2021). Auch Clara Weyde gehe es nicht anders, und so wirkt die Groteske auf die Kritikerin manchmal etwas schaumgebremst. "Allerdings gibt sie viel zum Nachdenken mit nach Hause. Nicht das Schlechteste."

"Der Klamauk überwiegt“, schreibt Michael Wurmitzer in Der Standard (25.5.2021). "Handwerklich sind die eindreiviertel Stunden fein gemacht, doch erhellend oder brisant ist die Bearbeitung heute, da wir viel mehr über jene Zeit wissen, nicht.“

"Chaplin war 1940 am Puls der Zeit, wenn nicht sogar prophetisch. Die Grazer Inszenierung ist dagegen allzu bieder“, schreibt Norber Mayer in Die Presse (27.5.2021). "Zwei tapfer agierenden Komikern, die einiges an Slapstick beherrschen, wird von einem gut abgestimmten Ensemble assistiert, das brav eine Vielfalt an Skurrilitäten vorführt.“

 

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