Geburt eines Monsters

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 25. Juli 2021. Eigenhändig hat Richard dem arglosen Lord Hastings einen Plastiksack über den Kopf gestülpt und nun steigert sich der König in einen wahren Blutrausch hinein. Er reißt seinem Opfer die Gedärme aus dem Leib, windet sich einen Strang wie einen Lorbeerkranz um den Kopf, wiegt sich mit dem blutigen Rest in einer Art Rauschtanz. Wie angewurzelt stehen die Augenzeugen da, und Lord Buckingham stößt nur kurz hervor, dass davon wohl nichts nach draußen dringen darf.

Was ist geschehen? Was hat aus Richard einen solchen Psychopathen werden lassen, eine Bestie ohne alle Skrupel? Da muss man schon weiter ausholen und bei jenem Shakespeare-Stück beginnen, das die Historie vor der Thronbesteigung Richard III. ausleuchtet. Also bei Eddy the King (bei Shakespeare Heinrich VI.). Da können die Salzburger Festspiele quasi bei sich selbst einhaken, denn das fröhliche Morden in den Häusern York und Lancaster haben Tom Lanoye und Luk Perceval an diesem Ort – auf der Pernerinsel im Salzburg-nahen Hallein – schon 1999 im Königsdramen-Epos "Schlachten!" hinlänglich ausgeschlachtet. Aus diesem Zwölf-Stunden-Marathon in der ehemaligen Salinenhalle destilliert Karin Henkel textlich den hundertminütigen "Vorspann" zum eigentlichen Königsdrama "Richard III.". Da erfahren wir von der Geburt eines "Monsters", das mit den Füßen voran und schon mit Zähnen im Mund geboren worden ist. Verlacht und gemobbt von Kindesbeinen an, nein, noch bevor es auf diesen überhaupt hätte stehen können. Die Liebe, wird Richard als Halbwüchsiger sagen, habe ihn "schon im Mutterleib verlassen" und weiterhin "gemieden wie die Pest".

Salzburger Festspiele 2021/Richard the Kid and the King/nach William Shakespeare/Premiere am 25.Juli 2021/Regie:Karin Henkel/Bühne:Katrin Brack/Kostüme:Klaus Bruns// Lina Beckmann:RichardOhne Gnade: Lina Beckmann als Richard © Monika Rittershaus

Ein Pferd hat er sich schon gewünscht, bevor er dafür ein Königreich hätte geben können. Und er hat es bekommen. Er reitet auf dem Schaukelpferd, als man ihm die abgeschnittenen Köpfe seines Vaters und seines Bruders Rutland hinknallt. Auch diese in Nylonsäcken verpackt. Die ultimative Traumatisierung, die Richard regungslos hinnimmt. Heutzutage bekäme einer wie er für welche Untaten auch immer mildernde Umstände und eine psychologische Intensiv-Therapie. Gab's nicht im England des 16. Jahrhunderts.

Der Hass ist stärker

Drum also das Blutvergießen. Gefühlt alle fünf Minuten ein Mord, das braucht auf zwei Königsdramen gerechnet schon dreieinhalb Stunden Netto-Spielzeit. So tickt Richard, so tickt seine Welt, die Ausstatterin Katrin Brack auf eine Scheibe ohne jedes Inventar reduziert hat. Vom Himmel hängen Planeten. Richards Welt ist ein rundes Spielfeld, und sein Spiel folgt grausamen Regeln, die ihm die ramponierte Psyche eingibt. Immer wieder wird er selbst aufschrecken, die mangelnde Mutterliebe einklagen. Der latente Hass, das Unterbewusstsein sind immer die Stärkeren.

Dieses Psychodrama könnte man viel rascher erzählen, aber es entginge einem viel großes Theater. Großes Schauspieler-Theater mit starken Bildern ohne jede Maschinerie. Karin Henkel ist eine, die mit praller Drastik so umgeht, dass daneben unsere nicht gerade blässliche moderne Medienwelt alt und fahl aussieht. Auf dieser Bühne geht’s ab, dass einem gelegentlich das Blut in den Adern stockt.

Kampf mit den Drachen

Den Mords-Kerl Richard hat Karin Henkel in dieser Koproduktion der Festspiele mit dem Schauspielhaus Hamburg weiblich besetzt, mit der fulminanten Lina Beckmann. Das erhöht nicht nur die Fallhöhe zwischen Mensch und Bestie. In einer Bravourleistung an Konzentriertheit zeichnet diese Schauspielerin die Dämonie seelischer Urgewalten und sie führt zugleich vor, wie beängstigend folgerichtig psychosoziales Ausgeklinkt-Sein und berechnendes Kalkül ineinandergreifen. Dieser Despot in der Gewalt-Spirale handelt so, weil es für ihn der schlüssige Weg ist nach all den Kindheits-Traumata. Wer ein Leben lang mit dem Drachen kämpft, wird zum Drachen, sagt ein chinesisches Sprichwort. Lina Beckmann wird als solcher Entwicklungs-Drache zuletzt blindlings mit dem Maschinengewehr rundum ballern und verzagt nach Mama und einem Pferd rufen – und kein Königreich anzubieten haben. Da fühlt man nur überwältigendes Mitleid für diese Figur.

Salzburger Festspiele 2021/Richard the Kid and the King/nach William Shakespeare/Premiere am 25.Juli 2021/Regie:Karin Henkel/Bühne:Katrin Brack/Kostüme:Klaus Bruns//Lina Beckmann:Richard, Kate Strong:Edward IV, Kristof Van Boven:König Heinrich IV, Bettina Stucky:Königin ElisabethSchlachtfeld unter Sternen © Monika Rittershaus

Standing Ovations für Beckmann, aber auch für ein fulminant aufeinander abgestimmtes Ensemble, wie man es so auf Salzburger Festspielbühnen schon länger nicht gesehen hat. Das Queere hat besetzungspolitisch System. Kristof von Boven ist nicht nur der dünnbeinig-schwächliche König Heinrich VI., der als Untoter immer wieder auftaucht und zuallerletzt zu einem Epilog ausholt, der nichts Gutes für die Königs-Nachfolge ahnen lässt: "Gemeinsam werden wir eine Geschichte der Hoffnung schreiben", kündigt er mit hinterfotzig-treuherzigem Blick an. Eine gefährliche Drohung. Kristof von Boven ist aber auch Königin Margharetha, Prinz Edward und Lady Anne – ein multi-gegendertes Sammelsurium von nur scheinbar schwachen Figuren. Auch die Mehrfachbesetzungen haben, wie der Wechsel im Geschlecht, System. All diese Charaktere sind ja nicht eindimensional. Kate Strong ist einmal Edward IV., und als Herzogin von York (Richards Mutter) macht sie ihrem Sohn das Leben noch zur Hölle, nachdem er längst der Kinderstube entwachsen ist. Bettina Stucky ist einmal Richards Bruder George und dann Königin Elisabeth.

Ein großer Abend

Selbst in emotionalen Szenen und in solchen mit praller Gewaltentladung findet die Regisseurin skurrile Ansagen der Akteure, die einen kurz auflachen lassen, nicht nur in jenen der Leibwächter (Sachiko Hara als Catesby und, hühnenhaft daneben, Alexander Maria Schmidt als Ratcliffe). Paul Herwig als Lord Buckingham gibt einen jener Typen, die sich wohl in jedem Machtzentrum umtreiben und denen man lieber nicht die Hand geben möchte. Für Maik Solbach als Lord Hastings und Michael Weber als Lord Stanley gilt: Blutgruppe null ist auch falsch, wenn ein König zum Aderlass schreitet.
Diese Randfiguren beschäftigen einen beim Nachhausegehen nicht weniger als das Schicksal des Richard. Auch ein durchknallender Despot braucht ja das passende Umfeld. Katrin Henkel hat es differenziert ausgelegt. Das Premierenpublikum war außer sich vor Begeisterung.

 

 

Richard the Kid & the King
nach William Shakespeare, Fassung von Karin Henkel, Sybille Meier und Andrea Schwieter
mit Texten aus Eddy the King aus Schlachten! Von Tom Lanoye und Luk Perceval
Deutsch von Rainer Kersten
Regie: Karin Henkel, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Klaus Bruns, Musik: Arvild J. Baud, Licht: Rainer Casper, Dramaturgie: Sybille Meier, Andrea Schwieter
Mit: Lina Beckmann, Kate Strong, Bettina Stucky, Kristof Van Boven, Maik Solbach, Michael Weber, Alexander Maria Schmidt, Sachiko Hara
Premiere 25. Juli 2021
Dauer: 3 Stunden 55 Minuten, eine Pause

www.salzburgerfestspiele.at
www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Norbert Mayer von der Presse (27.07.20219) ließ sich mitreißen. "Lina Beckmann spielt den Antihelden als Kind, als Herzog von Gloucester und schließlich als König mit solch ungeheurer Energie, dass man bei dieser Figur wohl für lange Zeit 'Bühnen-Queen Lina' mitdenken wird." Die Inszenierung wirke so klar und direkt wie das Bühnenbild von Katrin Brack. Die Musik verleihe dem Ganzen rockig-rappig-dreckige Coolness und Spannung. "Diese Melange fügt sich zu einem großen Ganzen, vom Niedrigen bis zum Erhabenen. Das ist der Stoff, aus dem die schönsten Albträume sind."

"Lina Beckmann, die es wie wenig andere versteht, einen lapidaren Parlandoton anzuschlagen, ohne dadurch das Gesagte oberflächlich klingen zu lassen, hält den ganzen Abend in ihrer Hand. Sie schaut man an, ihr hört man zu, auch wenn die Dramaturgie des zusammengestauchten Königsdramen-Medleys bald schon ermüdet" schreibt Simon Strauß von der FAZ (27.7.2021). "Abgedroschene Trump-Zitate und die unkontrollierte Verwendung des Slangwörtchens 'fuck' entschärfen den überschriebenen Shakespeare-Text doppelt und lassen ihn mitunter unfreiwillig arglos wirken. Und doch liegt die Absicht der Regie nicht in der bloßen Karikatur, sondern in dem Versuch, die totgespielten Horror-Figuren noch einmal wachzurütteln und sie als versehrte Glieder eines zerstörten Staatskörpers zu präsentieren."

"Vielleicht ist das die grösste Leistung der Lina Beckmann, deren Spiel man gar nicht als Sensation bezeichnen möchte, weil man ohnehin weiss, was für eine aussergewöhnliche Künstlerin sie ist. Ihr Richard wächst mit seinen Untaten und schrumpft dabei zu einem billigen Strippenzieher." Karin Henkel stelle ihr drei Schauspieler:innen zur Seite, "die das ganze waghalsige Unternehmen, das so kühn und stimmig zwischen Gossensprache und ziseliertem Original switcht, zu einem Triumph machen", schreibt Bernd Noack von der NZZ (27.7.2021). "Kate Strong, Bettina Stucky und Kristof Van Boven zeigen, dass Theater immer noch die pure Verwandlung ist, stets ein gebrochenes Versprechen und eine versprochene Täuschung."

Henkels Inszenierung wirke gut erdacht, "aber fahrig umgesetzt, unfertig, improvisiert, viel zu lang und ohne jedes Rhythmusgefühl hingestolpert", bemängelt Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (27.7.2021). "Aber: Die Koproduktion mit dem Hamburger Schauspielhaus prunkt mit tollen Menschen auf der Bühne, vor allem Kristof Van Boven." Und natürlich Lina Beckmann, "eine physische Wucht, voller haltloser Energie." Furchterregend oder mitleiderregend sei ihr Richard aber nicht. "Der ganze laute, polternde Abend ist mehr Vorführung als Aufführung. Bleibt die Frage, was das alles soll."

"Dieser 'Richard' ist ein schauspielerisches Ereignis und ein Glücksfall für das Theaterprogramm der Salzburger Festspiele", schreibt Margarete Affenzeller vom Standard (26.7.2021). Furios fächere Beckmann den berühmten Shakespeare-Helden in seiner erbarmungswürdigen Perfidie auf, sie sei das Ereignis dieser Inszenierung- "Fabelhafte Figur macht auch Kristof Van Boven in mehreren Lancaster-Rollen, die er eine nach der anderen voller Extravaganz und knapp bis zum Kipppunkt der Karikatur aus sich herausschält. Glanzleistungen wie diese tragen über die doch flache dramaturgische Kurve der Inszenierung hinweg."

"Es ist jetzt nicht die große neue Deutung des Stoffs, aber eine atemberaubende Studie von toxischer Männlichkeit, ein differenzierter Figuren-Entwurf, und dass das dann eine Frau spielt, nämlich die schlicht umwerfende Lina Beckmann, macht diese toxische Männlichkeit dann nur noch abstrakter und klarer. Das war ein Triumph", so Andreas Klaeui vom SRF (27.7.2021).

"Schon nach wenigen Minuten begann man sich zu fürchten vor den noch bevorstehenden vier Stunden dieser Inszenierung, der Erkenntnisgehalt war ja absehbar“, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (29.7.2021). "'Richard the Kid' fügt sich ein in die endlose Reihe deutscher Shakespeare-Veranstaltungen, deren Ehrgeiz darin besteht, den Höllenlauf der Weltgeschichte so zwingend zu zeigen, bis alles kurz und klein gespielt ist, vor allem die Lebenszeit des Publikums. Und so geschah es auch hier. Allerdings mit einer grandiosen, die Redundanz tapfer wegpeitschenden Protagonistin."

 
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