Auflaufmodelle

von Lara Tacke, Julian Gutmann, Giorgi Jamburia, Seongji Jang, Lorenz Nolting, Ana Edroso Stroebe, Wiebke Jakubicka-Yervis

6. September 2021. In der anstehenden Bundestagswahl macht die Gruppe der über 60-jährigen 40 Prozent der Wahlberechtigen aus, während die unter 30-jährigen gerade mal auf 14 Prozent der Wähler*innen kommen. Gleichzeitig haben ebendiese über 60-jährigen in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass sie zur Lösung der rasenden Probleme unserer Zeit, dem Klimawandel, dem Erstarken neokolonialer Ausbeutungsmodelle, Sexismus und Rassismus wenig, wenn nicht gar nichts beizutragen haben. Nun hat sich die weltpolitische Lage in den letzten Jahren derart zugespitzt, dass kürzlich auch das Bundesverfassungsgericht in seinem historischen Klimaschutzurteil befand: Wir haben es hier mit einer radikalen Generationenungerechtigkeit zu tun. Denn hat unser Wirtschaftssystem bisher auf einer Expansion in den Raum basiert – Rohstoffe und billige Arbeitskräfte werden importiert, Müll und Emissionen exportiert – verschiebt das derzeitige Nichthandeln der Politik die Probleme in die Zukunft. Man expandiert in die Zeit und nimmt den kommenden Generationen das weg, was ihnen zur Verfügung stehen müsste, um Gesellschaft und Kultur nach ihrem eigenen Anspruch zu gestalten. Kurzum, ihr lebt auf unsere Kosten.

Während die Costa Concordia also auf die Klippen zusteuert, vergnügt sich Kapitän Schettino auf der Brücke, nur um als Erster mit einem Rettungshubschrauber an Land gebracht zu werden. Und danach wird herzzerreißend erklärt, warum er nichts tun konnte, warum das Schicksal der Costa tatsächlich Schicksal war und damit, wie wir alle aus den Übersetzungen griechischer Tragödien gelernt haben: unabwendbar. Denjenigen, die noch an Bord sind, die die Katastrophe ausbaden müssen, wird kein Mikrofon an den Mund gehalten. Und Schettino sieht man alsbald braungebrannt in Rom, sichtbar zufrieden mit sich selbst, wie Olaf Scholz in der Elbphilharmonie während der G20-Proteste in Hamburg.

TitanicScreenshot 600Rose (Kate Winslet) und Jack (Leonardo DiCaprio) in "Titanic" (1997) © Screenshot aus dem Trailer zur 3D Version des Films

Nein, das hier ist kein Cameron-Blockbuster, hier gleitet kein eiskalter DiCaprio in die Tiefen des Atlantik, wir begegnen der Farce vor der Tragödie, sehen der Costa Concordia beim Sinken zu und wissen: Das ist erst der Anfang. Denn eine Welle der Empörung wegen kultureller Unterversorgung während der Pandemie blieb aus. Außerhalb der bildungsbürgerlichen Theaterblase waren die Leute vor allem mit dem eigenen Über-Wasser-Bleiben befasst.

Und hätte uns Titanic, hätten uns Rose und Jack nicht zentimeterdick mit irrational romantischen Liebesvorstellungen eingeschmiert, könnten wir das jovial grinsende Gesicht der uns gegenübersitzenden Theatergeneration nicht mehr ertragen. Danke, Cameron, für das dicke Fell, aber jetzt muss rasiert werden.

Michael, meld dich bitte

Doch nicht so schnell! Manchmal ist das Konzept der irrationalen, wild glühenden Liebe auch überlebensnotwendig – besonders im Theater. Und wir sind verliebt. Verliebt in Michael C. (Dramaturg, 55, männlich). Leider beschleicht uns zunehmend das Gefühl, dass diese Liebe auf Einseitigkeit beruht. Am Anfang sah es noch gut aus: Wir tranken Bier auf Premierenpartys, übten Pitchmeetings an der Theaterbar, nachts um halb 3. Das sogenannte Beschreibe-dich-selbst-möglichst-souverän-als-künstlerisch-kompromisslos-und-gleichzeitig-völlig-flexibel-damit-du-mal-in-der-kleinen-Spielstätte-was-machen-kannst-Spiel wurde betrieben. Am nächsten Morgen wachten wir auf, griffen zum Handy, herzklopfend hoffend – doch keine SMS von ihm. Kein "war nett" oder "lad mich gerne zu deinen nächsten arbeiten ein lg mc". Nichts. Über Wochen, Monate. Wie alle unglücklich Verliebten befanden wir uns in einer Blase aus gutmütigen Tipps – erfahrene Dramaturg*innen bestärkten uns: dranbleiben, nerven! Wo keine Liebe ist, kann sie wachsen.

Und wie so oft glaubten wir den ungesunden Traditionen der Romantik, wollten glauben, wollten doch einfach nur eins: in SEINEM Herzen sein. Die Verzweiflung wuchs also – aus freundlichen Einladungen wurden Anfragen um einen 20-minütigen Kaffee, gerne auch auf dem Weg zur U-Bahn, Hauptsache ein Treffen. Die Reaktion: absolut geghostet. Wollten wir zu viel? Mochte er uns nicht? Ist das das Game? Fragen, die unglücklich Verliebte (1 like = 1 prayer) nur zu gut kennen – und 2000 junge Theaterschaffende im deutschsprachigen Raum auch.

Auch sie sind verliebt, in Intendant*innen, Dramaturg*innen, Spielstättenleiter*innen und die ganzen anderen Kontakte, die einem eine Aussicht auf eine erste Arbeit an einem Theater erhoffen lassen. Oh! Die bitteren Stunden, die wir sehnsuchtsvolle Mails schreibend an unseren Küchentischen verbrachten! Oh! Die innere Zerrissenheit, neben ihm noch Dramaturg*innen aus Bielefeld, Chemnitz, Kiel, Bremerhaven, Potsdam, Essen, Oberhausen, Regensburg, Würzburg ähnliche Liebesbotschaften zu schreiben. An sie alle schrieben wir, ersetzten Stückentwicklung durch Überschreibung, schwitzten uns (ernstgemeinte!) Lobeshymnen auf Tschechow aus den Rippen und unterschrieben mit in emsiger Nachtarbeit erstellten Websites – so wie es Verliebte eben tun. Und doch – unsere Herzen flehten vergebens, die Inbox blieb leer. Wir waren neu, und das war scheinbar das alte Problem.

Schwarzmarkt der Selbstausbeutung

Was fehlt, was seit Jahren und Jahrzehnten fehlt und jetzt umso deutlicher, ist ein zumindest ansatzweise transparenter Berufsmarkt. Auch vor der Coronakrise war der Berufseinstieg maßgeblich von Bekannten, Familienfreund*innen und Jugendclubverbundenheiten abhängig. Nun ist der informelle Sektor noch größer geworden: Da an den Theatern die eh schon rar gesäten Spielplan- und Ensembleplätze für junge Theatermacher*innen durch den Corona-Produktions-Rückstau noch mehr ausgedünnt und viele Produktionen ersatzlos gestrichen wurden, spitzt sich der Wettbewerb um die wenigen Positionen weiter zu. "Talent setzt sich durch!" hört man aus den oberen Etagen, von den etablierten Dramaturg*innen, den Intendant*innen, den Menschen mit Festgehalt und sicheren Arbeitsplätzen. Talent setzt sich durch! Absolut. Jedoch nicht notwendigerweise das künstlerische. Sondern vielmehr das Talent, sich selber gut zu verkaufen.

Wer überlebt die Krise?

Während die einen nach vier Jahren Ausbildung auf ein ausgefallenes Absolvent:innenvorsprechen und Lockdown-Inszenierungen vor 15 Menschen blicken und keine Rückmeldung auf Emails oder einen freundlichen Verweis auf die momentane Situation erhalten, brummen im informellen Sektor die Telefone. Andere begabte Kolleg*innen kehren nach jahrelanger Assistenz- und Arbeitserfahrung plus Hochschulabschluss zurück in die prekäre Liga der Assisten*innen und hoffen, dass ein Krümel, also eine szenische Lesung auf dem Dachboden des renommierten Hauses, für sie dabei abfällt. Denn hey – wir arbeiten bereits für euch.

Wir arbeiten 50 Stunden in der Woche, wir arbeiten auf Ansage, wir arbeiten nonstop. Wir sind die 2, die 6, die 5, die es durch die fragwürdigen Prüfungen der Hochschulen geschafft haben. Ihr habt uns ausgewählt. Wir halten uns alle für links und unterwandern trotzdem mit Reallöhnen von 6 € pro Stunde lässig alles, wofür sich die Arbeiter*innenbewegung im 19. Jahrhundert auf Demos hat abknallen lassen. Diesen Doppeldenk sind wir von euch eh gewohnt. Und die andauernden Rückzugsgefechte der Alteingesessenen gegen den Arbeitskampf des Ensemble-Netzwerks und überfällige Strukturveränderungen sind schon fast zum Hintergrundrauschen dieser Theaterwelt geworden, die vor allem mit Rassismusskandalen und peinlichen MeToo-Rechtfertigungen aus der Ü60-Bubble in die Öffentlichkeit tritt.

Wenn das Abo wegrennt, weil man auf der Bühne das N-Wort nicht mehr sagen will, dann wollen wir wissen, wohin – weil wir dort nicht sein wollen. Uns vorzuhalten, dass wir die Prozesse nicht verstünden und kein Geld da sei, während man im Jahre 2020 das Meme entdeckt und Intendant*innen das zehnfache des Anfänger*innengehalts verdienen – geschenkt.

Neuland

Was wenige wissen: Die Costa Concordia ist nie untergegangen. Sie war einfach zu groß und das Wasser zu flach. Anstatt wie die Titanic hochdramatisch zu sinken und ein Publikum zurückzulassen, welches um Jack trauerte, anstatt die Investor*innen zu hassen, die zu wenig Rettungsboote bereitstellten, strandete sie als rostiger Koloss vor der kleinen Insel Giglio. Und nachdem ihr Wrack dort über 18 Monate lag, wurde sie im Juli 2014 nach Genua geschleppt und drei Jahre später verschrottet.

CostaConcordia 600 wikiDie Costa Concordia, im flachen Wasser feststeckend. © Rvongher / Wikimedia Commons - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Wir wissen genauso gut wie ihr, dass das Stadttheater kein alter Kahn ist, der sich an Altersgrenzen orientiert, sondern eine große Flotte. Dass es unfassbar viele tolle Theatermacher*innen gibt, die seit Jahrzehnten im Betrieb sind und etwas verändern wollen. Denn der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Geburtsjahrgängen, sondern zwischen denen, die wie zuvor weitermachen wollen, und denen, die wissen: Wenn man die Routine nicht attackiert, droht der Kollaps. Und für dieses Manöver bringen wir alles mit: Wir sind bestens ausgebildet. Wir haben Stücke im Lockdown produziert, gestreamt, Bühnen gebaut, Kostüme entwickelt und Monologe aufgezeichnet. Krisen sind unser Fahrwasser. Es braucht gerade jetzt Mut zu Neuem, um im veränderten Klima manövrierfähig zu bleiben. Es braucht Mut zu junger Dramatik, junger Regie und Performance, jungen Teams. Nicht nur als Modemarke, sondern als fester Bestandteil für alle Stadttheater. Spannende Künstler*innen gibt es genug.

Der zögerliche Kapitän

Der Automatismus lässt sich brechen, indem man neue Formate ausprobiert und zulässt. Jedes Projekt sollte im Idealfall eine Herausforderung für das Theater als Ganzes sein, damit der Apparat die Kunst nicht verschlingt. Wir lieben das Theater! Ein Theater, das sich fragt, wie Schauspieler*innen in unserer Zeit auf der Bühne arbeiten können, wie die zeitgenössische Dramatik lebt, wie man ein diverses Publikum mit diversen Hintergründen repräsentiert und wie man spartenübergreifend denken kann.

Es gibt sie, die Theater, die der pandemischen Krise nicht mit einem bloßen Abarbeiten des Stückestaus begegnen, sondern konkret nach innovativen Formaten suchen, die eine breite Sichtbarkeit diverser Theatermacher*innen mit einem innovativen Theatersetting verbinden (wie zum Beispiel das Schauspielhaus Wien mit seiner fünfmonatigen Umwandlung des Hauses in ein Theaterhotel als räumliche Versuchsanordnung), die nach neuen kreativen Potentialen bei den Absolvent*innen forschen (wie zum Beispiel im Rahmen des Postgraduiertenprogramms am Jungen Schauspielhaus Hamburg, klare Ausschreibung für Absolvent*innen mit klarer Jury, klarem Bewerbungsprozess und klarem Ziel: einer Inszenierung).

Wie wäre es mit dem tageweisen Übergeben der Theaterräume für Festivals (24h Proben in allen Räumen des Theaters oder in abgespielten Bühnenbildern. 12h zeigen. 6h feiern. 3h aufräumen)? Mit einer ZAV-Künstlervermittlung für alle? Mit digitalen Sekundärstücken zu euren gesamten Spielplänen? Mit mehr VR, mehr Game Design im Theater? Mit mobilen Theatertaskforces, die schnelle theatrale Interventionen an Stadttheatern umsetzen können? Mit einem Grundeinkommen für Theaterschaffende für die ersten zwei Jahre nach der Berufsausbildung? Oder gleich mit der Neugründung eines aus öffentlichen Mitteln finanzierten Theaters, dessen Intendanz jährlich wechselnd für ein Team unter 30 ausgeschrieben wird?

Übrigens: Schettino, der unglückliche Kapitän, wurde schlussendlich vor allem dafür verurteilt, dass er beim Auflaufen des Schiffes gezögert hatte, den Alarm auszulösen. Der Prozess fand, nebenbei bemerkt, in einem zum Gerichtssaal umfunktionierten Theater in der südtoskanischen Provinz statt.

Wir haben gute Nachrichten: Ihr seid lost, Leute. Und wir sind da. Wenn morgen alle Intendant*innen ihre Posten an junge Leute abtreten würden, wäre das Theater schon übermorgen ein – besseres.

 

Ana Edroso Stroebe (*1993) mag, dass es zum Bootfahren ein Team braucht. Sie hat Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" und zuvor Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Musiktheorie sowie Public History studiert. Sie arbeitet sowohl im Musiktheater als auch im Schauspiel, ist immer auf der Suche nach Interdisziplinärem und engagiert sich im dramaturgie netzwerk.

Seongji Jang (* 1990) wuchs in Seoul, Südkorea auf und studierte Animation. Nach ihrem Abschluss 2013 zog sie nach Berlin und absolvierte dort ein Masterstudium in der Bühnenbildklasse der UdK Berlin. Sie gestaltet Szenenbilder und Bühnenräume für Film- Oper- und Theaterprojekte. Außerdem arbeitet sie als Grafikerin und Animatorin in Berlin.

Lara Magdalena Tacke (*1991) studierte Kulturwissenschaft an der HU Berlin und Schauspielregie an der HfS Ernst Busch und der Danish National School of Performing Arts in Kopenhagen. Sie ist Teil des künstlerischen Leitungsteams von "Szene Zeigen" in Sachsen Anhalt und wurde mit ihrer Abschlussinszenierung "The Garden" für das Körber-Studio Junge Regie 2021 nominiert.

Julian Gutmann wurde 1998 in Leipzig geboren, wo er von 2017 bis 2021 an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Schauspiel studierte. Seit 2018 ist er ehrenamtlich im jungen ensemble-netzwerk aktiv. Mit der Spielzeit 21/22 beginnt sein Engagement im Schauspielensemble des Münchner Volkstheaters.

Wiebke Jakubicka-Yervis (*1993 in Lima) studierte am Max Reinhardt Seminar Schauspiel und an der Universität Leipzig Theaterwissenschaften und Deutsch als Fremdsprache. Mit Rachel Müller gründete sie das "Café Romantika II", 2019 gewannen sie den Publikumspreis beim Nachwuchswettbewerb des Theater Drachengasse. Für ihre darstellerische Leistung in Stolz und Vorurteil* (*oder so) wurde sie mit der Stella*21 ausgezeichnet.

Lorenz Nolting (*1992) studierte an der Folkwang Universität der Künste Schauspiel und an der Theaterakademie Hamburg Theaterregie. Er ist Mitbegründer des Jungen Ensemble Netzwerks, wurde zweimal mit einem Deutschlandstipendium gefördert und war mit seiner Inszenierung "Biathlon der Sehnsucht" zum Körber Studio Junge Regie 2021 eingeladen.

Giorgi Jamburia, geboren 1992 in Tbilisi/Georgien und dort aufgewachsen. Studiert zurzeit Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Sein erstes Stück "Die Ermordung des Kaisers Elagabal" wurde im Rahmen verschiedener Werkstattsinszenierungen im BAT Studiotheater, in der Riethalle des Hans Otto Theaters Potsdam und in der BOX des Deutschen Theaters aufgeführt. Außerdem wurde es im Juni 2018 als ein Beitrag der UdK beim Schauspielschultreffen in Graz gezeigt.

 

Mehr zum Thema Generationen(un)gerechtigkeit im Theater gibt's am 11. September 2021 bei der Konferenz Theater und Netz, wo im Kapitel "Nachwuchs" um 14 Uhr auch zwei Autor:innen dieses Artikels, Lara Tacke und Lorenz Nolting, auftreten. Hier das Gesamtprogramm der Konferenz.

 
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