Verfangen im Uhrwerk der Vergangenheit

von Claude Bühler

Basel, 17. September 2021. Pfiffe, Rufe, eifriges Händeklatschen, ein Teil des Publikums hatte sich nach den knapp zweieinhalb Stunden sogar von den Sitzen erhoben. Eine berühmte, unterhaltsame Komödie und die Zertifikatspflicht (Einlass nur für Geimpfte, Genesene, Getestete) machten den Premierenerfolg vor nach langen Monaten wieder fast vollbesetztem Auditorium möglich. Ein solcher Saisonstart ist der Schauspieltruppe um Antú Romero Nunes und Jörg Pohl zu gönnen, nach Corona-bedingten Pausen und einer unterschiedlich besprochenen ersten Spielzeit.

Ein Hauch der Uraufführung 1962

Das neue Ensemble, dessen Ruf in der Kleinstadt Basel mit "experimentell" eher negativ gelabelt ist und das sich hier selbst inszeniert, wählte für die Groteske zum Dürrenmatt-Jubiläum (100 Jahre!) einen wagemutigen Zugriff nach der anderen Richtung: So wie "Die Physiker" 1962 im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde, sollte es in etwa werden.

Keine Striche oder Änderungen am Text, keine auf heutige Verhältnisse bezogene Interpretation. Ein Reenactment. Der Physiker, der sich für Einstein ausgibt, ist kostümiert wie der Original-Einstein, ebenso Newton. Einzig das Original-Bühnenbild, allerdings in morbidem Grau, denn Farbfotos von damals waren keine zu finden, haucht dem Publikum leise «Das ist Vergangenheit» zu. Und ein paar Slapstick-Einsprengsel erlaubte sich die Ensemble-Regie, die sich im Übrigen ganz dem Rhythmus der Handlung unterstellt.

physiker 2 560 carina braunschmidt andrea bettini c ingo hoehnDie Irrenärztin und der Kriminal-Inspektor: Carina Braunschmidt und Andrea Bettini in "Die Physiker" © Ingo Hoehn

Wer etwa wissen will, wie Carina Braunschmidt die Hauptrolle der Irrenhauschefin Doktor Mathilde von Zahnd bewältigte, findet auf Youtube eine vollständige Fernsehinszenierung von 1964 mit Therese Giehse, der Dürrenmatt die Rolle auf den Leib geschrieben hatte. Braunschmidt ahmt sie bis in den immer wieder empor gereckten Zeigefinger in allem nach: bucklige Körperhaltung, massive Augenringe, absichtsvoll-unbestimmter Blick, skandierter Satzanfang, dann radikaler fadeout zum geraunten Satzende.

Der akribischen Erarbeitung Braunschmidts gebührt Respekt. Besonders ihre mutige, ans Absurde reichende, manieristische Überspitzung füllt die Bühne mit Leben, versetzt uns immer neu in die vom Weltgeschehen hermetisch abgeschiedenen Luxus-Irrenanstalt. Aber gelegentlich, wenn ihr der direkte Impuls, der frische Zugriff fehlt, fällt Braunschmidt in Mache ab – und offenbart den Mangel an klarer Linie in der Schauspielführung, die dem Ensemble insgesamt fehlt.

In Zeiten global vernetzter Forschungstätigkeit

Zu viele unterschiedliche Stile sind im Spiel, die kein Ganzes ergeben: Carina Braunschmidt und auch Vera Flück als Boll versuchen der Figur die erforderliche Übergröße zu geben, Möbius aber wird von Fabian Krüger naturalistisch als komplizierte Problemfigur gespielt. Neben individuellen Fertigkeiten, die bisweilen fehlen, sind die Basler Spielerinnen und Spieler im Gegensatz zur Generation 1962 gar nicht darauf trainiert, einen auf ein Stück zugeschnittenen Rollenstil zu erspüren, zu erarbeiten und durchzuhalten. Damals wussten Schauspielende klar: Moliere spielt man so, bei Beckett braucht es dies, bei Shakespeare das. So etwas kann man nicht einfach copy-pasten.

Nicht selten kippt das Spiel bedrohlich Richtung Schwank. Auch ist die Aussprache nicht bei allen genügend ausgeformt. Eine Reihe von Nebenfiguren wirken überkostümiert und papierpuppenhaft: Kommentar zum 60er-Jahre-Theater oder Unvermögen? Herausragende Gegenbeispiele: Vera Flück als strenge Oberschwester Boll und Andrea Bettini als Inspektor Voss – beide saftig und kräftig.

physiker 1 560 kruger dammich pohl braunschmidt cPapierpuppenhaft überkostümierte Forscher: Fabian Krüger, Fabian Dämmich und Jörg Pohl (v.l.) mit Carina Braunschmidt © Ingo Hoehn

Wagemutig ist der gewählte Ansatz deshalb, weil er unweigerlich die ernsten Inhalte, die verhandelt werden, der Frage aussetzt, inwiefern sie uns in der ursprünglichen Form dieses Stücks noch etwas angehen. Antwort: nichts. Die Vorstellung, dass ein "genialer" Physiker namens Möbius sich mit seinen im stillen Kämmerchen zusammengestellten Erkenntnissen in eine Irrenanstalt absetzt, weil seine Entdeckungen von Großmächten zur globalen Vernichtung missbraucht werden könnten, ist in Zeiten global vernetzter Forschungstätigkeit abwegig. Auch gibt es heute keine zwei gegenüberliegende System-Großmächte mehr, die einen "Einstein" oder einen "Newton" als Agenten auf ihn ansetzen könnten.

Herrenwitz im Uhrwerk-Aufbau

Die wissenschaftskritische Debatte im Stück, man müsse die fortschreitende Erkenntnis stoppen, weil wir Menschen sie nicht verwalten könnten, trifft heute auf ein Publikum, das den Alltag nur mehr mit einem aktuellen Smartphone bewältigt und das das Theater überhaupt nur dank medizinischer Impfforschung betreten kann. Überhaupt: Die grundsätzliche Debatte um bildungsbürgerliche Erbauung, wie sie das Stück ausstrahlt, wirkt vorgestrig – heute kleben wir an Notwendigkeiten. Visionär war durchaus die Idee, dass, verkörpert von der Irrenärztin, am Ende Firmen die (Agenten der) Großmächte ausbooten und die Erkenntnisse der Physiker zur Gewinnmaximierung benutzen. Aber im Stück ist das bloß die böse Schlusspointe.

Auch guckt man heute reflexartig etwas verlegen auf Dürrenmatts Herrenwitz, dass die drei Physiker ihre liebesbedürftigen Krankenschwestern ermorden, um ihre jeweiligen Missionen nicht zu gefährden. Aber der Basler Abend hat bewiesen, dass Dürrenmatt mit schrägen Szenen und Einfällen, einem Uhrwerk-Spannungsaufbau und virtuosem Sprachhandwerk gutes und immer noch anregendes Unterhaltungstheater bieten kann – auch in einer Copy-Paste-Aufführung.

 

Die Physiker
von Friedrich Dürrenmatt.
Nach der Uraufführung am Schauspielhaus Zürich von 1962
Inszenierung: Basler Compagnie, Bühne: Ute Radler nach den Entwürfen von Teo Otto, Kostüme: Benjamin Burgunder, Lichtdesign: Vassilios Chassapakis, Dramaturgie: Michael Gmaj, Ton: Ralf Holtmann, Christof Stürchler
Mit: Andrea Bettini, Carina Braunschmidt, Fabian Dämmich, Vera Flück, Marvin Groh*, Nairi Hadodo, Fabian Krüger, Jörg Pohl, Julian Anatol Schneider, Antoinette Ullrich*, Josua Walton*. (*Studiogäste Hochschule der Künste Bern, HKB)
Premiere am 17. September 2021
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten mit Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

"Es ist nicht nur Theater-Museum, sondern schon auch ein Blick von heute", sagt Andreas Klaeui im SRF (20.9.2021)."Vor allem der spannende Plot und der schwarze Humor von Dürrenmatt funktionieren ungebrochen. Ewas weniger seine moralphilosophischen Überlegungen – da (...) kann diese Inszenierung keine Übertragungsarbeit leisten. Aber was sie leisten kann, ist die Lust am Eintauchen in die Vergangenheit. Den Schauspieler*innen macht das sichtlich Spass, und es ist unglaublich lustig zum Zuschauen."

Mélanie Honegger von der Baseler Zeitung (20.9.21) schreibt: "Mit einer Inszenierung ohne Regie, die eine Uraufführung kopieren soll, hat sich das neue Schauspielensemble einiges vorgenommen. Spannend sind vor allem die kleinen, ungewollten Zufälle, die einen Sprung in die Gegenwart ermöglichen." Auch wenn "die Dialoge auf der Bühne bisweilen etwas langfädig werden" in dieser Rekonstruktions-Inszenierung, bleibt der Theaterabend "vergnüglich" - das sei auch der klugen Textvorlage geschuldet, "die die Schwere immer wieder mit geistreichem Schalk aufbricht." Diese "neue, alte Version, die am Freitag im Schauspielhaus Premiere feierte, lässt uns verstehen, wie das Stück zum Klassiker wurde, der es heute ist." Alles in allem: Experiment geglückt.

"Das kompetente Ensemble hat auf die Regie verzichtet, um stattdessen die Zürcher Uraufführung von 1962 zu rekonstruieren", schreibt Ueli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung (24.9.2021). Eigentlich erweist sich der erste Akt als blosse dramatisch-komische Anflugschneise. Sinn und Bedeutung wird ihm erst rückwirkend durch den zweiten Akt verliehen, in dem Dürrenmatt endlich mit Sinn und Geist auftrumpft. Damit können auch die Protagonisten brillieren.

 
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