Die Körper der Anderen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 30. September 2021. Der Fotograf Ren Hang war noch keine 30, als er sich im Februar 2017 das Leben nahm. Auf seinem Blog hatte er offen über seine Depression geschrieben, seine Bilder allerdings, die er auch online (sowie in im Eigenverlag herausgegebenen Fotobüchern) veröffentlichte, feiern das Leben, die – meistens nackten, größtenteils normschönen, schlanken, jungen – Körper seiner Freund:innen. Sie liegen auf Hochhaus-Dächern, sie verflechten Gliedmaßen und Haare zu Körperkollektiven, oder lassen prächtige Schnittblumen aus ihren Öffnungen wachsen. 

Feier queerer Körperlichkeit

Kurz bevor Ren in Peking aus seinem Fenster im 14. Stockwerk sprang, hatte er sich noch mit dem Moskauer Regisseur Kirill Serebrennikow zu einem Telefonat verabredet. Serebrennikow wollte unbedingt mit ihm zusammenarbeiten, nachdem er in einem Museumsshop in Stuttgart zufällig auf eines seiner Fotobücher gestoßen war. Und diese Kooperation leuchtet direkt ein, denn auch Serebrennikow ist ein Bildermacher, ein Feierer queerer Körperlichkeit, stets auf der Jagd  nach der Schönheit des Moments.

Letzteres wird für seine Inszenierungen manchmal zum Fallstrick, weil sie in Assoziationsketten zerfallen, und das passiert leider auch hier, in "Outside", Serebrennikows Hommage an Ren Hang, die er nach dem verfehlten Zusammentreffen 2017 erarbeitete – und in der er sich eine Begegnung eben einfach vorstellt, indem er sich und Ren jeweils ein Alter Ego gibt. Die beiden tauschen sich aus über verschiedene Arten der Isolation – die psychische sowie die, zu der Serebrennikow durch den Hausarrest nach einer politisch motivierten Anklage wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder von August 2017 bis April 2019 verbannt war.

1579603290 find2020 outside img 6741 copyirapolarReflexionen über die Isolation: "Outside" von Kirill Serebrennikow © Ira Polar

Ren Hang erklärt Serebrennikow seine Kunst und deren Entstehungsprozess – eigentlich befand er sich meistens in Gesellschaft seiner Freunde, die Bilder entstanden aus dem gemeinsamen Leben heraus – als kulturelle Selbstverständlichkeit. Die Assoziation nackter Körper mit Schuld und teuflischem Trieb will er gar nicht erst zu verstehen versuchen, aber in den Darkroom im Berliner Berghain reist er trotzdem gerne mit und erkennt hier etwas wieder aus seiner eigenen, freien Welt. Es war die Freiheit einer bedrohten Subkultur, Ren wurde in China wiederholt festgenommen mit dem Vorwurf, seine Bilder seien pornografisch. Auch er wurde also als Künstler von einem repressiven Regime unter Druck gesetzt, aber eine wirklich große Rolle spielt das nicht in "Outside".

Es kracht nur in der Fantasie

Auch seine eigene Situation im Hausarrest in Moskau biegt Serebrennikow weniger auf die Rolle des verfolgten Künstlers hin als vielmehr auf die Sehnsucht nach den Freiheiten, die er entbehren muss. Das Sich-Verlieren in anonymen Räumen, das Erkunden unbekannter Körper, all das ist nur sehr begrenzt möglich, wenn der Lebensraum auf eine Wohnung plus zwei Stunden Spaziergang pro Tag (mit einem festgelegten Radius um die Wohnung) beschränkt ist. Also lässt Serebrennikow es imaginär krachen, reiht Fantasie-Exzesse aneinander, und bedient sich dabei motivisch bei Ren Hang, stellt manche seiner Bilder gar originalgetreu nach und bringt Bewegung nur insofern hinein, als dass er versucht, das Leben, das einst in diese Bilder geronnen ist, noch einmal herzustellen.

Es ist ein Wiederbelebungsversuch, der seine anrührenden Momente hat, aus dem aber schon bald die Spannung gewichen ist, der auch immer wieder kitschig wird. Serebrennikow hat sich mit Künstlerporträts einen Namen gemacht, besser haben sie funktioniert, wenn er seine – stets großartigen, auch tänzerisch und musikalisch virtuosen – Ensembles mit Leidenschaft und ohne zuviel Respekt um schon länger tote Legenden wie Heiner Müller oder Franz Kafka kreisen ließ.

Aus der Trilogie der Ungleichheiten

Die Trauer um Ren Hang, darum, den vermeintlich Seelenverwandten gar nicht erst kennengelernt zu haben, war vielleicht noch zu frisch – gleichzeitig ist "Outside" unter wahrlich erschwerten Bedingungen, eben aus dem Hausarrest heraus, enstanden. Im Frühjahr 2020 sollte die Inszenierung beim FIND Festival der Schaubühne laufen, das wegen der Pandemie abgesagt werden musste – anderthalb Jahre später krankt sie vielleicht auch daran, dass wir uns nicht mehr mit der Gefangenschaft im eigenen Zuhause beschäftigen wollen, weil wir sie alle zu gut kennengelernt haben.

1632820772 bestchoice love 8591 c nurith wagner strauss 1Scharf gestellt: "Love" von Alexander Zeldin © Nurith Wagner Strauss
Das zweite Gastspiel zur Eröffnung des postpandemisch wiederauferstandenen FIND Festivals könnte ästhetisch kaum unterschiedlicher sein, Alexander Zeldins "Love" beschäftigt sich in hypernaturalistischem Bühnenbild mit den Bewohner:innen einer Notunterkunft des Sozialamts, nach "Faith, Hope and Charity", das diesen Juli bei den Wiener Festwochen gastierte, eine weitere Folge in der "Trilogie der Ungleichheiten" des britischen Autor-Regisseurs.

Die Notunterkunft steht für den Teufelskreis der Armut. Zeldins Protagonist:innen werden davon allerdings nicht auf ihr schlechtestes, sondern am Ende sogar auf ihr bestes ("Love") reduziert, ein Weihnachtswunder – das aber nicht all die Kämpfe und Ungerechtigkeiten überdeckt, die ihr Zusammenleben auf viel zu engem, dreckigen Raum vorher produziert hat. Die Patchwork-Familie, der dauerfluchende Sohn mit seiner inkontinenten alten Mutter, die beiden einsamen Geflüchteten, sie alle werden vom Ensemble aus Profis und Laien als Figuren scharf gestellt über anderthalb Stunden, in denen eigentlich wenig passiert und die Spannung trotzdem stets gehalten wird.

 

Outside
von Kirill Serebrennikow
Regie: Kirill Srebrennikow, Choreografie: Evgeny Kulagin, Ivan Estegneev, Komposition Musik: Ilya Demutsky.
Mit: Odin Lund Biron, Yang Ge, Georgy Kudrenko, Nikita Kukushkin, Andrey Petrushenkov, Evgeny Romantsov, Anastasia Radkova, Evgeny Sangadzhiev, Igor Sharoyko, Elizaveta Yuryeva sowie Alexey Bychkov, Daniil Orlov, Andrey Polyakov (Musiker).
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Produktion: M.ART, Koproduktion: Festival d’Avignon

LOVE
von Alexander Zeldin
Regie: Alexander Zeldin, Regieassistenz: Elin Schofield, Ausstattung und Kostüme: Natasha Jenkins, Kostümassistenz: Caroline McCall, Licht: Marc Williams, Sound Design: Josh Anio Grigg, Bewegung: Marcin Rudy.
Mit: Amelda Brown, Naby Dhakli, Janet Etuk, Amelia Finnegan, Oliver Finngenan, Joel MacCormack, Hind Swareldahab, Daniel York Loh.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Produktion: Odéon – Théâtre de l’Europe (Paris), Koproduktion: A Zeldin Company, Originalproduktion: National Theatre of Great Britain (London), Koproduktion: Birmingham Repertory Theatre

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Als "Geste von großem Respekt, großer Ratlosigkeit und noch größerer Wut", empfindet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (4. Oktober 2021) Kirill Serebrennikows Inszenierung. "Als Hommage an Ren Hangs Kunst stellen die Tänzer und Performer seine Fotos nach, begleitet von einem mitreißenden Techno-Soul-Groove. Einerseits: existenzverlorener Hedonismus der krasseren, melancholisch grundierten Art. Andererseits: pure Dissidenz mit Mitteln der Poesie."
Alexander Zeldin zeige keine theaterklischeeübliche Freakshow der Deklassierten, heißt es in der gleichen Kritik, "sondern höfliche Kleinbürger, die sich immer an die Regeln gehalten haben. Nur waren die Regeln nicht für sie gemacht." Auf dramatische Zuspitzungen, Sozialkitsch oder Anklage-Parolen könne Zeldins "Theater der nüchternen Empathie verzichten. Umso beklemmender wirkt seine Inszenierung, die man am besten mit einem altmodischen Wort beschreibt: warmherzig."

Der Abend "Outside ist aus Sicht von Ina Beyer in der Berliner Morgenpost (Oktober 2021) "ein Requiem für den bewunderten Künstler-Kollegen. Eine weihevolle, sinnliche, in oppulenten Bildern schwelgende Würdigung Ren Hangs."Begleitet von exzellenten Musiker:innen singen, spielen und tanzen die Darsteller:innen sich durch die fantasievollen, bilderstarken Szenen. Ob in der Wohnung des Fotografen, dem Darkroom einer Technodisko, in einem Wald oder auf einem Rummelplatz."

Patrick Wildermann schreibt im Berliner Tagesspiegel (online 9.10.2021, 16:43 Uhr): Mit einem "herausragenden Ensemble", das "ohne Kunstanstrengung" Menschen darzustellen vermöge, die "Empathie verdienen und nicht bekommen", zeige Zeldin die "Alltagsbewältigung im Ausnahmezustand". Niemals drohe "Love" dabei in den "Sozialporno" zu kippen. Ganz anders politisch gehe Kiril Serebrennikov in "Outside" zu Werke. In seinem "assoziativen, von queerer Energie durchpulsten Bilderstürmerstück" lasse er den chinesischen Fotografen Ren Hang wieder auferstehen. Und erforsche, wo sich "Freiräume in einem repressiven Staat" öffneten. Wie eine Rebellion aussehen könne, "die nicht zur Pose gerinnt". Eine "starke Arbeit in einer sehr guten Festivalausgabe".

Die Entstehung der Fotografien Hangs würden in einer mitreißenden Mischung aus Schauspiel und Tanz nachgezeichnet, findet Christoph Weissermel von der FAZ (14.10.2021). "Als es um Hangs tödlichen Sprung geht, haben auf der gänzlich abgedunkelten Bühne plötzlich die Tänzer jene Stroboskoplichter in der Hand, mit denen vorher das Fotografieren symbolisiert wurde. Wie im Fallen rudern sie mit den Armen, und doch ist es, als würden sie, wie in einem gerade vorgetragenen Gedicht Hangs, fliegen wie Schmetterlinge und dabei unentwegt weiter Fotos schießen. In der Bildwelt der Inszenierung wird dies zum grandiosen Triumph von Kunst, Erotik und Freundschaft über staatliche Repressionsversuche und persönliche Verzweiflung."

 

 
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