Enjoy(ce) the chaos!

10. Dezember 2021. Ulysses auf 120 Miuten lautet der Plan. Klingt ähnlich unzivilisiert wie Europe-in-ten-days. Hingabe ans Chaos, Meta-Kniffe und ein glänzendes Ensemble holen den Trip aber aus der Tourismusfalle.

Von Reingart Sauppe

 

10. Dezember 2021. Ulysses in 120 Minuten. Das klingt wie der Europe-in-one-week-trip amerikanischer Pauschaltouristen, auf die bildungsbeflissene Baedeker-Studiosus-Reisende mit Verachtung blicken. Auch die zweistündige Kurzfassung des 1000 Seiten starken Jahrhundertwerks der Weltliteratur fürs Theater Basel kommt aus den USA: Erarbeitet vom Team um den New Yorker Regisseur John Collins, die sich unter dem Label "Elevator Repair Service" mit Romanadaptionen einen Namen machten. "The Great Gatsby" von F.Scott Fitzgerald kam 2006 als achtstündiges Gesamtkunstwerk auf die Bühne.

Zumutugen

Diesmal entschieden sich John Collins und sein Dramaturg Scott Shepherd für eine Bearbeitung im Fast-Forward-Modus: Aus jedem der 18 Kapitel des Joycen Mammutwerks wurden Fragmente ausgewählt, dazwischen wie beim guten alten Videorekorder vorgespult. Das hätte der ehrwürdigen Zürcher James-Joyce-Foundation, die zur Premiere nach Basel extra anreiste, die Zornesröte ins Gesicht schiessen lassen können. Doch das Experiment, den schwerverdaulichen Roman 100 Jahre nach seiner Veröffentlichung vom hohen Sockel des literarischen Olymp zu holen, glückte.

Es beginnt mit der Zumutung, die James Joyce seinen Lesern da aufgebürdet hat. An kargen Schreibtischen in kleinen Bibliothekskabinen quälen sich vier Schauspieler mit der Lektüre des literarischen Brocken. Sie sind nicht allein: Die Stimmen laut Lesender formieren sich zu einem polyphonen Stimmengewirr, dazwischen fuchtelt Fabian Krüger als schlaksiger James Joyce oberlehrerhaft dazwischen. Es wird gelesen und vorgelesen wie im literarischen Proseminar. Die Verwirrung ist groß. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum. Denn unvermittelt wird aus dem Lesenden für einen Moment eine Romanfigur. James Joyce verwandelt sich in Buck Mulligan, aus dem Blondgescheitelten im türkisfarbenen Anzug wird der junge Lehrer Stephen Daedalus, der sich gerade in die Rolle des Schriftstellers hineinträumt. Laut vorgelesene Sätze klingen mehr und mehr wie Regieanweisungen.

Gebt's auf, Ulysses verstehen zu wollen

Regisseur John Collins treibt nicht nur den Perspektivenwechsel auf die Spitze, er zieht auch das Tempo an. Kaum hat der Zuschauer eine Ahnung, wo man sich im Roman gerade befindet – mancher versucht den Überblick mithilfe der Kapitelübersicht aus dem Programmheft zu behalten oder sich am englischen Originaltext, der auf zwei Monitoren am Bühnenrand mitläuft, zu orientieren – bricht die Szene schon wieder ab. Im Schnelldurchlauf sehen wir Romanhauptfigur Leopold Bloom beim Frühstück, dann in der Zeitungsredaktion,in der hektisch Papier durch die Luft fliegt. Eine Schiebetür schiebt sich vor die Figuren in ihren Bibliothekskabinen, wird zur quietschenden Straßenbahntür, schließt die Pferdekutsche, in der Bloom zum Begräbnis des armen Paddy Dignam fährt.

Gebt’s auf, Ulysses verstehen und interpretieren zu wollen. Wer sich entspannt dem Chaos überlässt, hat gewonnen! Das ist die Botschaft von John Collins, der mit slapstickhaften Nummern das Thema der Überforderung durch Geschwindigkeit und Komplexität humorvoll variiert. Großartig etwa die Szene, als aus den braven Lesestudenten in ihren Bibliotheksbuden im Handumdrehen gefräßige Esser am Restauranttisch werden, die im gierigen Fast-Food-Modus grobschlächtige Nahrung in sich reinstopfen. Sinnbildlich, wenn die Diskussion über Shakespeares Hamlet im Studienseminar im vielstimmigen Chor von Straßengeräuschen einfach untergeht oder James Joyce wie ein aufgekratzter Entertainer durchs Werk führt. Der literarische Riese wird von John Collins respektlos vom Sockel geholt und der am Werk gescheiterte Leser verständnisvoll rehabilitiert.

Ulysses2 Bettini Hadodo c Maurice KorbelVerzweifelte Schauspieler bei der Mammut-Lektüre © Maurice Korbel

Für eine Romanadaption ist das freilich ein bißchen wenig. Denn in der ersten Hälfte des Abends haben die Romanfiguren noch kaum an Profil gewonnen. Die Inszenierung nimmt sich jetzt mehr Zeit dafür und konzentriert sich auf das Psychogramm der Hauptfigur Leopold Bloom. Im Gegensatz zum antiken Vorbild ist Joyces Ulysses vordergründig ein Alltagsheld ist, ein jovialer Ehemann, der von seiner Gattin betrogen wird und am Schluss trotzdem zu ihr zurückkehrt. Regisseur John Collins interessiert sich für die Abgründe dieses Durchschnittsmanns und Außenseiters, schält die Szenen heraus, in der Bloom davon träumt, auserwählt zu sein oder sich gar als Imperator inszeniert. Ironisch überhöht sehen wir den Möchtegernhelden in pathetischem Bühnennebel. Andrea Bettinis Bloom wirkt dabei trotzdem seltsam verdruckst wie einer, der immer nur heimlich wünscht oder begehrt, nie die Selbstkontrolle verliert, sich als jüdischer Migrant vor antisemitischen Angriffen durch Unauffälligkeit und stillem Erdulden zu schützen versucht. Nicht grundlos, wie sich zeigt, wenn Fabian Demmich blitzartig vom netten blondgescheitelten Lehrer Dedalus in die Rolle eines prototypischen Nazi-Hetzers wechselt.

Vom Sockel geholt

Immer mehr steigert sich die Inszenierung ins Surreale, Alptraumhafte, um die verborgenen Ängste der beiden Protagonisten Bloom und Dedalus zu entlarven. Dramaturg Scott Shepherd wählte lange Passagen aus dem 15. Kapitel der Romanvorlage, in der die beiden zu fortgeschrittener Stunde halluzinatorische Phantasien im Dubliner Rotlichtviertel durchleben. Bloom offenbart seine transsexuellen Neigungen, Dedalus wird – ganz klassisch – von der großen strafenden Mutter heimgesucht und zerschlägt stellvertretend den Kronleuchter.
Der irre Rausch der Nacht endet ganz profan beim gemeinsamen Pinkeln. Oh Mann. Mit ironischem Unterton inszeniert John Collins das Psychogramm dieser männlichen Alltagshelden, die selbst in ihren schlimmsten Alpträumen tragikomisch wirken.
"Jeder bildet sich ein, der Einzige, Alleinige, Letzte zu sein, dabei ist er nur einer in einer langen Reihe" heißt es am Schluss. Das klingt dann auch wie ein lakonischer Abgesang nicht nur auf den männlichen Helden, sondern auch auf die literarischen Genies. James Joyce vom Sockel geholt…

Und Molly Bloom? Sie sitzt am Schluss alleine rauchend am Küchentisch und spricht den nächtlichen Monolog so abgeklärt, nüchtern und leidenschaftslos wie eine, die in diesem Leben nichts mehr erwartet.
Nimmt die Perücke ab, erinnert sich kurz, wie sie als junges Mädchen, Bloom ihr Ja-Wort gab und zündet sich noch eine Zigarette an. Mehr nicht. Dass man sich von dieser zwei Stunden dauernden Romanadaption manchmal verwirrt, niemals gelangweilt, und insgesamt prächtig unterhalten fühlte, ist nicht zuletzt das Verdienst des glänzend aufgelegten fünfköpfigen Schauspielensembles.

 

Ulysses
von James Joyce
in einer Textfassung von Scott Shepherd
Inszenierung: John Collins, Bühne und Kostüme: David Zinn, Sounddesign: Ben Williams, Lichtdesign: Vassilios Chassapakis, Dramaturgie: Angela Osthoff, Scott Shepherd.
Mit: Andrea Bettini, Carina Braunschmidt, Fabian Dämmich, Nairi Hadodo, Fabian Krüger.
Premiere am 9. Dezember 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-basel.ch

Kritikenrundschau

In der Basler Zeitung (10.12.2021) nennt Mélanie Honegger den Abend einen "harten Brocken": "Dass Joyces Werk schwere Kost ist, das möchte hier von Beginn weg niemand in Abrede stellen. Offenbar hat aber auch gar niemand den Anspruch, das Stück verständlich zu inszenieren." Das Ensemble stürze sich "genüsslich in die Wirren der Worte und verschachtelten Sätze" und im Schlussmonolog spiele Carina Braunschmidt die abgeklärte Molly Bloom Braunschmidt so voller Finessen und lässiger Überheblichkeit, "dass man hofft, sie möge nicht mehr aufhören." Dennoch: "Es ist die grenzenlose Überforderung, die der Abend mit sich bringt, die bleibt."

"Ein sehr lebendiges, anschauliches Erzählen, sehr komödiantisch, so dass es niemals steckenbleibt, auch schauspielerisch sehr geschmeidig", so Andreas Klaeui im SRF 2 Kultur (10.12.2021). Die Inszenierung arbeite sehr präzis für jedes Kapitel die passende Stimmung heraus, die passende Tonalität, das schafft sie sehr treffend." Fazit: Wer den Roman kenne, wird das mit Freude wiedererkennen - und wer ihn nicht kennt, bekommt zumindest einen Eindruck von dieser fabelhaften Vielstimmigkeit.

 

 

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