Allerbeste Freunde

10. April 2022. Leonie Böhm hat sich mit leichthändigen Improvisationen über klassischen Theaterstoffen einen Namen gemacht. Im Team mit Gala Othero Winter und Jörg Pohl greift sie sich in Basel jetzt den Ödipus-Mythos nach Sophokles. Und stellt die Verhältnisse kräftig um: "König Teiresias" als flockige Entwicklungsgeschichte in Zeiten von Social-Media-Stress.

Von Reingart Sauppe

10. April 2022. Ach ja, man ist eigentlich hier, um professionell Theater zu spielen. Doch erst einmal geht es ganz peergroup-adäquat darum, die eigene Befindlichkeit zu klären: Teiresias, alter blinder Seher bei Sophokles, frühgereifter jungenhafter Mädchenversteher bei Leonie Böhm, bedankt sich emphatisch bei seiner kindlich-naiven Freundin Ödipus. "Danke, dass du fragst (wie es mir geht). Bist du aufgeregt?" Und die quirlige Kleine juchzt ins Publikum: "Ich will, dass ihr am Schluss Blumen und Bonbons nach mir werft."

Ödipus, tragischer Held mit toxischem Hang zur Verdrängung bei Sophokles, eine bewegungsfreudige Vorpubertierende mit infantilen Allmachtsphantasien und ausgeprägtem Perfektionsanspruch bei Leonie Böhm, und Teiresias sind zwei ungleiche Freunde. Ein bisschen wie großer Bruder und kleine Schwester. Er gefällt sich als überlegend-lächelnder, sanfter Ratgeber für Ödipus. Sie bewundert ihn, weil er alles weiß und ihr bester Freund ist. 

Ödipus als weibliche Entwicklungsgeschichte

Leonie Böhm, Regisseurin und Klassikerinterpretin mit radikal subjektiv-heutigem Blick, hat sich fürs Theater Basel der antiken Tragödie um den tragischen Vatermörder und Mutterehemann Ödipus als Materialvorlage bedient.
Ödipus, in der Psychoanalyse Metapher für seelische Entwicklungsaufgaben des männlichen Kleinkinds, steht auch bei Böhm für eine Individuationsgeschichte. Nur mit umgekehrten Geschlechtervorzeichen: Ödipus ist das Mädchen, Teiresias – der bei Sophokles nur eine aufklärende Nebenrolle spielt – der Junge.

Titel "König Teiresias" und Ankündigung suggerieren, dass Teiresias im Mittelpunkt des Abends stehe, weil er aufgrund seiner transsexuellen Erfahrung – im antiken Mythos wechselt er zweimal das Geschlecht – der bessere König sei. Doch die dynamische Arbeitsweise von Böhm – kein fertiges Konzept, sondern prozessuales Vorgehen mit offenem Ausgang – kam zu einem anderen Ergebnis: Auf der nackten, betongrauen Bühne stehen Ödipus und Teiresias in togaähnlichen Gewändern – sie rot, er blau – mit ebenso gefärbtem Haar und wollen spielen. Ein tiefer Spalt zieht sich quer über den Bühnenboden, aus dem vulkanähnliche Dämpfe wabern und in dem das Orakel haust: Sinnbild für die explosive Mischung unter der Oberfläche.

Teiresias3 805 Maurice Korbel uLost in Sinnsuche: Gala Othero Winter und Jörg Pohl auf der Bühne von Zahava Rodrigo © Maurice Korbel

Doch zunächst wirkt alles wie auf einem Kindergeburtstag. "Sag mal, was du siehst?", plappert Ödipus aufgekratzt. Teiresias schaut forschend ins Publikum, also zum Volk von Theben, und bilanziert: "Viele Sorgen, großer Kummer". Steilvorlage für den Kalauer: "Siehst du, wenn du die Wahrheit sagst, sackt die Stimmung ab."

Gute Laune mit Fußheilkunde

Ein Gute-Laune-Spiel hebt an: Ödipus plaudert mit einzelnen Zuschauern über Fußprobleme (in Anspielung auf Ödipus' Schwellfuß im Mythos), Teiresias gibt Therapietipps, und Musikerin und Komponistin Fritzi Ernst (in glänzend-gelbem Jumpsuit mit Fellperücke als antike Tier-Mensch-Satyrfigur) liefert am Keyboard die passenden, eingängigen Songs.

Das Schauspielerduo Gala Othero Winter und Jörg Pohl ergänzt sich perfekt: Jörg Pohl gibt den jugendlichen Teiresias lässig und entspannt: Er weiß, dass er der impulsgesteuerten Ödipus vom intellektuellen wie emotionalen Reifegrad haushoch überlegen ist und manipuliert sie. "Die Welt, sie droht zu versinken. Was willst du tun, Ödipus?", treibt er die Naive in die Enge, die Gala Othero Winter mit bemerkenswerter Energie und kindlicher Ungebrochenheit spielt. "Ich muss das Leid bei der Wurzel packen", nimmt sich Ödipus in infantiler Selbstüberschätzung vor und befragt das deppert stammelnde Orakel von Delphi, das nur ein mühsames "Erkenne dich selbst" herausbringt. Als Retourkutsche auf die weibliche Selbst-Überforderung singt Satyr Fritzi Ernst: "Siehst nicht, was kommt, weißt nicht, wer du bist, furchtbar, furchtbar…".

Viel wissen, nix machen

Leonie Böhm nimmt sich viel Zeit, um ihre Sicht der Dinge auf das ungleiche Paar Teiresias/Ödipus zu entwickeln. Anders als bei Sophokles hat im Böhmschen Machtgefüge Teiresias zunächst klar die Nase vorn: Er hat die Deutungshoheit, er ist der König. Erst nach einer Dreiviertelstunde wendet sich das Blatt, und die antike Vorlage schimmert durch. Ödipus provoziert den älteren Freund: "Solche sind mir die liebsten: die alles wissen, aber nix machen", woraufhin Teiresias dem nach Liebe und Anerkennung süchtigen Mädchen Ödipus die größtmögliche Kränkung zufügt: "Du bist der Feind, du bist der Fehler." Ödipus geht aufs Ganze, legt die Toga ab, erscheint kampfesbereit in rotem Pailettenhemd, kurzen Hosen und brauner Kappe und fordert den oberschlauen Ich-weiß-was-für-dich-gut-ist-Beratertyp Teiresias heraus: "Übernimm du doch den Job".

Teiresias2 805 Maurice Korbel uReinigende Prügelei: Gala Othero Winter und Jörg Pohl © Maurice Korbel

Es kommt zur Prügelei, die Musikerin Fritzi schlichten muss. Ein reinigender Kampf, danach lassen beide die Hosen herunter. In einem furiosen Selbstbekenntnis-Monolog bricht es aus Teiresias heraus: Der Jugendliche leidet ganz zeitgemäß unter der Informationsflut von Social-Media-Kanälen. Machtausübung setzt er mit Kompromiss und Gewissensverrat gleich, Hoffnung ist für ihn keine Option. Denn: "Wer was macht, macht alles nur noch schlimmer." Es sind solch griffige Sätze, mit denen Leonie Böhm den Konflikt zwischen Idealismus und Ohnmacht beschreibt.

Theatrales Anti-Aggressionstraining

Ödipus wählt die Schreiperformance als Selbstentäußerung. Wie ein waidwundes Tier windet sich Gala Othero Winter und stellt die Selbstdiagnose: Hoher Ehrgeiz gepaart mit Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit als Auslöser für Wut und Aggression. "Am meisten schmerzt das Leid, von dem man weiß, dass man es selber schafft." Jeder Jugendtherapeut im Anti-Aggressionstraining wäre begeistert angesichts dieses Reflexionsniveaus.

Selbsterkenntnis als Schritt zum Erwachsenwerden: Entwicklungsaufgabe gelöst. Doch das Problem bleibt: Wie leben in einer Welt voller Kriege und Konflikte? In der antiken Tragödie ist das noch keine Frage, alles ist Schicksal. Ödipus bleibt nur die Selbstverletzung. Leonie Böhm sucht nach einem friedlichen Ausweg und scheitert damit ebenfalls. Gala Othero Winter findet in einem wunderschönen italienischen Song zum authentisch-gereiften Gefühlsausdruck, Jörg Pohl verspricht: Dann wandern wir durch das Tal gemeinsam.

Am Ende verwandelt sich Ödipus in eine märchenhafte rosa Ratte mit tiefen roten Augen. Teiresias hilft ihr aufzustehen und neu laufen zu lernen. Sie tanzen, er wirft Goldkonfetti in die Luft. So viel kitschiges Happy End, es ist kaum zu fassen. Leonie Böhm aber bleibt sich treu und beschert uns einen kurzweiligen, spielerisch-kreativen Abend, dem man am Ende seine allzu didaktisch durchschimmernde Absicht milde verzeiht.

 

König Teiresias
frei nach "König Ödipus" von Sophokles
Regie: Leonie Böhm, Bühne: Zahava Rodrigo, Kostüme: Helen Stein und Lena Schön, Komposition: Fritzi Ernst, Licht: Cornelius Hunziker, Dramaturgie: Helena Fiona Rahel Eckert und Angela Osthoff.
Mit: Gala Othero Winter, Jörg Pohl, Live-Musik: Fritzi Ernst.
Premiere am 9. April 2022
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

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