Alle im selben U-Boot

17. Mai 2022. Ein Auftragswerk des Oldenburgischen Staatstheater nimmt die Zuschauer:innen mit auf eine Tiefsee-Expedition. In der Enge des U-Boots lauert die Suche nach wissenschaftlicher Relevanz und menschliches Drama.

Von Martin Thomas Pesl

17. Mai 2022. Forscher:innen sind schon ein spezielles Völkchen. Sie haben ihr eigenes Vokabular und reden oft ohne Grund englisch. Den Geldern, also dem "Funding", panisch nachhechelnd behaupten sie, ihre Ergebnisse seien höchstens fünf Jahre von praktischer Anwendbarkeit entfernt. Gleichzeitig ist wissenschaftliche Integrität für sie eine Frage der Ehre. Tiefsee-Expedition schön und gut, sie bleiben doch Menschen mit Gefühlen, die mal aus lauter Müdigkeit das Thermostat beim hinteren Kühlschrank verstellen – eine Katastrophe für die aus 5000 Metern heraufgeholten Mikroben.

Krimi-Flair im U-Boot

Wahrlich tief in die Materie eingetaucht ist Ulrike Syha als "Writer in Residence" am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst – obwohl der Rechercheaufenthalt für ihr neues Stück "Das Institut" in den ersten Corona-Lockdown fiel. Die vielfach preisgekrönte Autorin schafft es, so ziemlich alles reinzupacken, was die moderne Forschung umtreibt, ohne dabei auf menschliches Drama zu verzichten. Okay, die sinnlich-sexy Screwball-Komödie oder der packende Thriller ist es nicht geworden, aber die Emotionen gehen hoch, ein Krimi-Flair weht durchs U-Boot, und Humor hat Syha auch. Als sich eine Affäre zwischen der Postdoktorandin und dem Labortechniker anbahnt, führt Erstere wortreich Bedenken dagegen an, die ihre akademische Karriere betreffen, um nach einer Sekunde nachzuschieben: "Und außerdem bin ich verheiratet."

Klaustrophobisches Bühnenbild in kurioser Raumform

"Das Institut" ist zwar ein Auftragswerk des Oldenburgischen Staatstheaters, wurde aber wie schon "Der öffentliche Raum" 2020 am Wiener Theater Drachengasse durch Sandra Schüddekopf uraufgeführt. Das freie Haus, das kürzlich sein 40-jähriges Bestehen – durchgehend unter weiblicher Leitung – feierte, hat eine kuriose Raumform: An den beiden schrägen Seiten eines Trapezes steht je eine Tribüne für etwa 30 Zuschauer:innen. Dazwischen muss ein bespielbares Bühnenbild gezwängt werden, und man wundert sich jedes Mal, dass das überhaupt geht. Hier gelingt es Ausstatterin Ágnes Hamvas hervorragend mit der stilisierten Zentrale eines Sci-Fi-Raumschiffs – oder besser U-Boots. Man wird schon klaustrophobisch, wenn mehr als zwei Personen anwesend sind.

                               Die Tiefseetaucher:innen in Bühne und Kostüm von Ágnes Hamvas © Nela Pichl

Und manchmal sind es sogar sechs. Die charismatische, aber auch cholerische Forschungsleiterin hat neben dem heimlichen Liebespaar eine Studentin zur Aushilfe sowie eine Journalistin mitgenommen, die ein Buch über die Expedition plant. Außerdem hat sich auf eigene Kosten (oder die einer ungenannten Geldquelle?) ein altgedienter Kollege angehängt. Ihm als einzigem gönnt Syha einen Namen: Owl, passend zu seiner Kauzigkeit, wenn er Forscherwitze erzählt oder der Poirot in ihm erwacht. Wir erleben die Truppe beim Kontakt mit der Außenwelt, beim Diskurs über ihre Arbeit und auch bei der Arbeit selbst. In verschiedenen Szenarien passieren nämlich Unregelmäßigkeiten, denen es gilt, auf den Grund zu gehen.

Werktreue und Überinszenierung

Sandra Schüddekopf hält dem uraufzuführenden Text die absolute Werktreue, Streichungen gibt es höchstens im Mikroben-Ausmaß. Abseits der Textebene neigt sie leider zur Überinszenierung. Ana Grigalishvili muss – weil die Journalistin lesbisch ist? – die Forschungsleiterin beim Interview selbstvergessen "irrtümlich" begrapschen. Die wiederum greift sich morgens jeden einzelnen hereingebrachten Kaffeebecher und trinkt sie alle aus, um sie nachher schön zwänglich immer in Reih und Glied zu ordnen.

Solch aufgesetzte Künstlichkeiten nerven. Später häufen sich glücklicherweise die Momente, in denen sich Schüddekopf auf das verlässt, was da ist: einerseits die eigenwillige Dramaturgie des Stückes, wonach wie bei frustrierenden wissenschaftlichen Experimenten der gleiche Vorgang zu unterschiedlichen Ergebnissen führt, andererseits die Schauspieler:innen. Allen voran Zeynep Buyraç: Eine Diva von einer Chefin, den Kopf stets vom weißen Rollkragen hochgehalten, wechselt sie zwischen abgebrühtem Zynismus und bitteren Tränen und versetzt ihre Crew allein mit ihren unberechenbaren Silbenbetonungen in Alarmbereitschaft. Oder Johanna Wolff: sooo müde vom Kampf um Anerkennung, dass sie weinen muss, wenn sie über fluoreszierende Probenreste spricht.

Suche nach Relevanz

Wäre Owl bei Dennis Kozeluh etwas souveräner und weniger schrullig angelegt, entfielen sogar die kleinen Längen, wenn der alte Prof doziert. Die gescheiten wissenschaftsphilosophischen Ausführungen manifestieren schließlich die Relevanz dieses gelungenen Theatertextes, der seinerseits der Wissenschaft bei ihrer Suche nach der eigenen Relevanz über die Schulter schaut.

 

Das Institut
Von Ulrike Syha
Uraufführung
Regie: Sandra Schüddekopf, Bühne und Kostüme: Ágnes Hamvas, Video: Nela-Valentina Pichl.
Mit: Zeynep Buyraç, Ana Grigalashvili, Elisabeth Halikiopoulos, Dennis Kozeluh, Johannes Schüchner, Johanna Wolff und der Stimme von Roman Blumenschein.
Premiere am 16. Mai 2022
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.drachengasse.at

 

Kritikenrundschau

"Die Forschungslandschaft hat Problemzonen, das Theater gehört mit dieser Produktion leider dazu", findet Michael Wurmitzer im Standard (17.5.2022). Trotz kleinerer Wissenschaftskrimis zögen sich die 90 Minuten ziemlich. Regisseurin Sandra Schüddekopf inszeniere das Stück ohne zündende Ideen als aufgekratzte Komödie. "Das Ergebnis ist betulich und dröge, lässt als Bestandsaufnahme aber auch formal Originalität vermissen."

Das Ensemble trage die zwischenmenschlichen, technischen und wissenschaftlichen Konflikte "sehr anschaulich und nachvollziehbar aus, rauft sich zusammen, bricht teilweise auseinander, ganz wie in der jeweiligen Variante passend", so Martin Lhotzky im Falter (25.5.2022). "Was der spannenden Inszenierung ein bisschen an Überzeugungskraft raubt, ist die übertriebene Verwendung von – echtem oder frei erfundenem – Fachjargon."

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