Sprachakrobatik gesucht

von Charles Linsmayer

Basel, 24. September 2009. Den Namen verdankt das Stück, dessen Dialoge Ionesco einem Englisch-Sprachkurs entnommen hat, einem Versprecher bei den Proben zur Uraufführung 1950 im Pariser Théâtre des Noctambules. Statt "institutrice blonde" sagte eine Akteurin "cantatrice chauve", und schon hatte das Stück seinen endgültigen Titel. Obwohl " Die kahle Sängerin" im Pariser Théâtre de la Hachette von 1957 bis heute 17.000 Mal gespielt wurde, ist das Paradestück des absurden Theaters hierzulande längst zum Laien- und Schülertheater abgewandert. Mit Ausnahme der Inszenierung von Jan Bosse, der es 2006 in Bochum zu einem atemlos überdrehten Gleichnis für die heutige Klatsch- und TV-Small-Talk-Gesellschaft machte.

Nagelfeile an 26 Paar Schuhe

Regisseur Werner Düggelin steht in Basel mit Jörg Schröder und Nikola Weisse als Ehepaar Smith, Vincent Leitersdorf und Katharina von Bock als Mr. und Mrs. Martin, Marie Jung als Dienstmädchen und Bastian Heidenreich als Feuerwehrmann ein Ensemble der Extraklasse zur Verfügung.

Das Bühnenbild, in dem es auftritt, ist von Raimund Bauer ganz auf England in den Fünfzigern getrimmt worden, und die Smiths setzen denn auch zu einer typisch englischen Boulevardkomödie an, bei der die Dialoge sich schon bald zu einer Art Rosenkrieg zuspitzen. "Ich kann nicht auf alle deine idiotischen Fragen eine Antwort geben", schreit er sie an. "Das sagst du, um mich zu demütigen", kontert sie, "Ihr Männer seid doch alle gleich", und schon wirft sie in ohnmächtigem Zorn die Zeitungen, hinter denen er sich immer versteckt hat, zum Fenster hinaus, während er die 26 Paar Schuhe, die sie sich mittels Nagelfeile zum Passen zu bringen versuchte, ins Abseits befördert. Um dem Drama dann unvermittelt das Happyend mit dem trauten "O! Mon petit poulet" folgen zu lassen.

Nachhaltige Langeweile

Ebenso dramatisch und bitter ernst machen die Martins aus der Szene, in der die Frau den Mann partout nicht wiedererkennen will, obschon sie bis zur gleichen Wohnung, dem gleichen Ehebett und der gleichen Tochter alles mit ihm teilt, einen gnadenlos heftigen Schlagabtausch.

Obwohl man die Aufführung und den Regisseur am Ende demonstrativ feiern wird, bricht das Publikum kaum je in Gelächter aus, und auch die achte Szene, als die beiden Paare mit dem Feuerwehrmann um die Wette absurde Geschichten erzählen, wirkt trotz den zusätzlich eingebauten Texten von Händl Klaus nicht wie ein absurdes Pandämonium, sondern wie der krampfhafte Versuch, sich selbst und das Publikum möglichst nachhaltig zu langweilen.

Chargieren statt jandln

Nichts ist so fehl am Platz bei dieser Aufführung wie die gegenläufig sich drehenden Lehnsessel, denn statt dass man mit den absurden Dialogen in Dadaismus machen oder jandln würde, spielt man bierernst Komödienstadl damit.

Von der "Tragödie der Sprache" hat Ionesco gesprochen, und davon, dass die Figuren angesichts des "Fehlens eines Innenlebens" und des "Verfallenseins an den Mechanismus des Alltäglichen" immer nur "reden sollten, ohne etwas zu sagen." Statt dessen chargieren sie drauflos, die Smiths und die Martins. Nikola Weisse als melancholisch verbrämte alternde Society-Dame, Katharina von Bock als von der Ehe enttäuschte Schönheit, Jörg Schröder als brummiger Pascha Mr. Smith füllen, wo immer möglich, die leeren Floskeln mit Inhalten wie Aggressionen, Wut, Hass oder Enttäuschung.

Je länger je mehr aber vermisst man die wirklich absurde Sprachakrobatik und den Nonsen um des Nonsens willen. Der Inszenierung sei wohl der falsche Text unterlegt worden, vermutet man, und als die Crew am Schluss auch noch zu singen beginnt und die finale Auflösung der Sprache in ein blosses Gestammel nicht zu einem Höhepunkt in Sachen Absurdität und Nonsens, sondern zu einem kleinlichen Wörterkampf aller gegen alle ausartet, weiss man, dass die sechs Personen auf keinem anderen Trip als auf der Suche nach einem Autor gewesen sind…

 

 

Die kahle Sängerin
von Eugène Ionesco
Regie: Werner Düggelin, Ausstattung: Raimund Bauer.
Mit: Jörg Schröder, Nikola Weisse, Vincent Leittersdorf, Katharina von Bock, Marie Jung, Bastian Heidenreich.

www.theater-basel.ch


Über die Arbeit von Werner Düggelin, früherer Intendant des Basler Theaters, schrieb nachtkritik.de im März 2009 anläßlich einer Aufführung von Albert Camus' Die Gerechten.

 

Kritikenrundschau

Als "leichtfüßig" wie "denkwürdig" empfindet Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zücher Zeitung (26.9.) diese Inszenierung. Unter anderem auch deshalb, weil Werner Düggelin aus ihrer Sicht das Absurde wie das Normale nimmt, und auf Ionescos "überdeutliche Symbole" verzichte. Er verwende stattdessen diesen "modernen Klassiker als Partitur", und sein "exquisites Ensemble" orchestriere die "Simulation von banalem Alltagsgeschwätz mit musikalischer Dynamik". Ionescos Stück handele von der "Unmöglichkeit verbaler Kommunikation". Düggelins Inszenierung unterlege "Phrasen, Floskeln, Wortspiele, Redensarten und Pausen mit nonverbaler Gestik", die für die Kritikerin "eine durch und durch verständliche Sprache spricht". Auch die "irritierende Tiefenwirkung" von Raimund Bauers "Trompe-l'Œil-Vorhang" aus gefärbten Perlenschnüren beeindruckt sie sehr.

Puren Slapstick zwischen Loriot und Beckett gibt Stefan Reuter in der Baseler Zeitung (26.9.) zu Protokoll. Werner Düggelin habe eine ranzige Satire in souveräne Unterhaltung verwandelt. Trotzdem bekommt der Abend von ihm das Etikett "plump". "Nicht wegen des Ensembles, das spielt amüsant. Sondern wegen der schlichten Botschaft, die der Autor verhandelt: Das Bürgertum dreht sich im Kreis und zelebriert den Stillstand  –  das ist doch keine Neuigkeit. Dazu hätte niemand Ionesco aus dem Archiv für abgespielte Stücke angeln müssen. Denn im 21. Jahrhundert löse die "kahle Sängerin" kein Unbehagen mehr aus, sondern sei bestenfalls noch putzig. 

 
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