Ältere Herren mit geschorenem Kopf

von Ute Grundmann

Erfurt, 30. September 2009. Margarete ist nicht in der Nachbarin Garten, sondern unter der Dusche, als Faust und Mephisto ihr kleines Reich erkunden. Natürlich ist sie züchtig hinter einem Tuch verborgen, aber ihre Silhouette ist für die beiden Männer deutlich erkennbar. Als Faust dann allein ist im Kämmerchen der Angebeteten, wird er von Mephisto per Videokamera abgefilmt und auf Monitore übertragen. Mit solchen Beigaben versucht Regisseur Frank Voigtmann im Erfurter Studiotheater Goethes "Urfaust" aufzuhübschen für ein vor allem jugendliches (Schüler-)Publikum. Das Kichern und Tuscheln im Publikum kann er damit aber nicht abstellen.

Die eigentlich zweite Vorstellung wurde zur Premiere, weil Elisabeth Veit als Gretchen krankheitsbedingt ausfiel, Paola Trieschmann sprang eine Woche vor der Premiere ein. Mit diesem "Urfaust" stellte sich ein kleines Schauspieler-Ensemble aus fünf festangestellten Schauspielern vor, das Erfurt nun wieder hat. Zur Eröffnung des 60 Millionen Euro teuren Theaterneubaus (und weil die Fusion mit Weimar gescheitert war), hatte man 2003 das Schauspiel abgewickelt. Seitdem gab es, neben Kleinst-Produktionen, Theater im Theater der Landeshauptstadt Erfurt nur noch als Gastspiel. Weil es aber "Bedarf an Schauspiel im kleinen Rahmen" in der Stadt gebe, so Intendant Guy Montavon, ist er nun "sehr stolz und zufrieden, so eine kleine Truppe zu basteln", mit der sich im Laufe der Saison besser arbeiten ließe.

Schwerer Beginn nach schwerer Nacht

Zum Neubeginn der Mini-Sparte also Goethes "Urfaust", der sich wie im Zeitraffer und unter einem Brennglas zugleich ganz auf die Gretchen-Tragödie konzentriert. Dafür hat Hannah Hamburger in den schmucklosen Studio-Raum einen Würfel gesetzt: eine aufgeschnittene Zimmer-Kiste. In ihr erwacht zu rhythmischen Xylophon-Klängen Faust (Jürgen Bierfreund) schwer nach einer vielleicht schweren Nacht und muss sein "Habe nun, ach" mit dem Kopf an die Wand gelehnt mehrfach ansetzen. Bald souffliert ihm Mephisto (Reinhard Friedrich), der im Dunkeln auf dem Dach der Kiste liegt.

Die beiden sind zwei Seiten einer Medaille. Ältere Herren mit geschorenem Kopf, Faust im Unterhemd, Mephisto trägt Jackett zu offenem Hemdkragen. Faust ackert sich redlich durch seinen Monolog, doch dass da einer mit sich und der Welt ringt, ist kaum nachzuvollziehen. Das ist es, woran es der Inszenierung von Anfang an mangelt: an Spannung. Famulus Wagner (Gregor Nöllen) kommt in Kapuzenjacke reingejoggt und streckt, Dehnübungen machend, Faust ein Diktaphon entgegen. Der greift zur Bierbüchse und spielt die "Schülerszene" mit Ränzlein auf dem Rücken gleich selbst.

Eindeutiges Rappeln der Kistenwand

Doch weder hier noch im Folgenden sprühen zwischen dem grübelnden Wissenschaftler und dem Teufel irgendwelche Funken. Zur "Brautschau" wird Faust im Gartenstuhl vor die erste Reihe gesetzt, Mephisto dreht die Zimmerkiste und mit ihr Margarete und Marthe herein und wieder raus. Der Spaziergang der beiden ungleichen Pärchen gleicht einem Beerdigungsmarsch; und wenn Faust zu Gretchen zarte Worte spricht, lassen Mephisto und Marthe eindeutig die Kistenwand rappeln.

Richtig ungeschickt wird es in der Szene "Am Brunnen". "Tut, tut" muss Maria-Elisabeth Weys Marthe immer wieder machen, um einen Telefonanruf zu simulieren, in dem sie der schwangeren Margarete mitteilen will, dass eine andere sich "betört" habe. Doch wie das so ist in heutigen Zeiten, sie erreicht lange nur den Anrufbeanworter.

Auch das sehr junge Gretchen der (eingesprungenen) Paola Trieschmann vermag dem gut 90-minütigen Geplänkel erst gegen Ende so etwas wie die Kontur eines Konfliktes zu geben: Aggressiv-trotzig fragt sie Faust nach seiner Religion und im Kerker steht sie festgezurrt an der Kiste und bekennt sich zu ihrem Tun, während Faust wie im Monitor einer Türsprechanlage erscheint und nicht auf Gretchen, sondern ins Publikum schaut.

 

 

Urfaust
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Frank Voigtmann, Ausstattung: Hannah Hamburger, Dramaturgie: Doris Schmidt.
Mit: Jürgen Bierfreund, Reinhard Friedrich, Paola Trieschmann, Maria-Elisabeth Wey, Gregor Nöllen.

theater-erfurt.de

 

 

 

Mehr zum Urfaust? Andere Inszenierungen zeigten Andreas Kriegenburg im Januar 2009 in Hamburg und Felicitas Brucker im Januar 2008 in Berlin.

 

Kritikenrundschau

Frank Voigtmanns anderthalbstündigen "Urfaust" hält Frank Quilitzsch von der Thüringischen Landeszeitung (2.10.) für eine "intelligente, in ihrer Reduziertheit überzeugende Inszenierung mit witzigen Einfällen, schönen Bildern und einigen Schwächen in der szenischen Umsetzung". Sie biete "besonders jungen Leuten Gelegenheit, einen Zugang zu Goethes Menschheitsdichtung zu finden". Die Ausstatterin Hannah Hamburger lobt der Kritiker für ihren "wunderbaren hölzernen Multifunktionscontainers", der einen "in seiner puppenstubenhaften Enge so überschau- wie wandelbaren Spielraum" abgibt. Blass bleibe allerdings die Faustfigur: "Der mit den Augenlidern klappernde Jürgen Bierfreund verleiht ihr nur holzschnittartige Züge, während sein Teufelsbruder Reinhard Friedrich Charakter beweist und die kleine Welt ordentlich in Schwung bringt." Maria-Elisabeth Wey als Marthe schwinge sich "zu herzhaftem Volkstheater auf, was der Urfaust ja in seinem Wesen auch ist". Paola Trieschmann als Margarete habe "Artikulationsprobleme, ist manchmal zu leise, dann wieder zu laut (...), wird aber zusehens sicherer, und spätestens, wenn sie sich eigenhändig mit dem Strick an ihren Kerker fesselt, trifft sie den hohen Ton der Tragödie".

"Gewiss, der Versuch des Intendanten Guy Montavon, an der Oper wieder ein kleines Schauspiel zu versuchen, ist allen Respektes wert", schreibt Henryk Goldberg (Thüringer Allgemeine, 2.9.). "Gewiss", so fährt er fort, "der Urfaust ist ein Stück für junge Menschen. Und, ebenso gewiss, es ist auch deshalb dieses Stück, weil alle Philosophierei hier entfällt, da hat ein Kerl es einfach satt, verbündet sich mit dem Teufel gegen die Ödnis undschwängert ein Mädchen. Aber zum Teufel, was hat er satt?" Das Problem der Inszenierung sei nämlich, "dass sie kein Problem hat, keine definierten Vorgänge". Dieser Faust ist "einfach lustlos, in jeglichem Betracht". Und "so hat der Abend zwar den Stoff, aber keinen Grund dafür, keinen Konflikt". Jürgen Bierfreund sei als Faust zudem eine Fehlbesetzung, dies aber hat "der Regisseur zu verantworten". Immerhin zwei Schauspieler werden "rettend kenntlich". "Reinhard Friedrich ist ein Gaukel-Teufel mit viel Lust an seinem Treiben. Friedrich, ein stets verlässlicher
Schauspieler, bringt gleichsam Mephistos Muhme, die Schlange, mit viel körperlichem Spiel zur Anschauung und  wenn er den Faust im Nacken des Schülers macht, dann durchblubbert ihn die Lust. Nur, dass er keinen Partner
hat, an dem er sich, weshalb auch immer, reiben könnte." Fazit: "Eine zwar ziellose, doch in Teilen unterhaltsame Aufführung.

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