Red mit mir!

von Anne Peter

Berlin, 12. Oktober 2009. Man könnte es einen positiven Fall von Kolonisation nennen. Keine Eroberung, keine Unterwerfung, keine feindliche Übernahme. Stattdessen die neugierig fragende Vereinnahmung jenes Großklassikers der westlichen Dramenliteratur, die Besetzung des überforschten Territoriums mit eigener Biographie und Erfahrung, die auch eine Befreiung vom Ballast der Bibliotheken ist.

"7% Hamlet" heißt der neue Abend von Monika Gintersdorfer, einer der derzeit gefragtesten Theatermacherinnen der freien Szene, die diesmal nicht auf Kampnagel oder in den Sophiensaelen, sondern in der Box des Deutschen Theaters inszeniert. Wieder dabei ist ihr Stammperformer, der ivorische Tänzer, Sänger und Choreograph Franck Edmond Yao, der seit 2005 mit Gintersdorfer zusammenarbeitet.

Die 1967 in Peru geborene Tochter österreichischer Eltern lernte die westafrikanische Migrantenszene über ihren von der Elfenbeinküste stammenden Mann, den Designer Bob Abdoulaye Kone, kennen. Nach einer typischen Stadttheaterlaufbahn mit Regiestudium, Assistenzen und Inszenierungen u.a. in München und Hamburg war sie 2004 Mitbegründerin der Performancegruppe Rekolonisation, die von der Alster aus spontane "Eroberungsaktionen" in die Stadt unternahm, ohne institutionelle Unterstützung, ohne Geld und feste Uhrzeit.

Der Geist erscheint nicht

Wie gewohnt spricht Yao Französisch und wird dabei von einem Mitspieler "übersetzt". Diesmal übernimmt das der frisch von den Münchner Kammerspielen ans DT engagierte Schauspieler Bernd Moss, kurzfristig eingesprungen für die anfangs besetzte Maren Eggert. Doch diese Übersetzung ist mehr als eine Übertragung der Sätze von einer Sprache in die andere. Die beiden übernehmen immer wieder auch die Haltungen, Bewegungen, Gesten des anderen. Es sind Spiegelungen, die nicht auf Angleichung oder Synchronität zielen, sondern im Gegenteil beständig auf die Verschiedenheit verweisen – so hat man mit diesem ungleichen Paar eine permanente Differenz-Behauptung leibhaftig vor Augen.

Als die beiden zu Anfang in den vollkommen leeren Raum der kleinen Box-Bühne treten – Moss im Casual-Look, Yao kontrastierend in beige-brauner Stiefelhosen-Uniform, die Militär- und Kolonialstil-Assoziationen weckt (Ausstattung: Knut Klaßen) –, schwanken sie im Seite-an-Seite-Gang aufs Publikum zu und wieder zurück.

Yao taxiert dabei die Zuschauer, Moss fixiert ungläubig einen Punkt über deren Köpfen und spricht schließlich die Worte Horatios, wenn dieser des Geistes von Hamlets Vater ansichtig wird: "Als Rom am reichsten war an Siegespalmen, / Ganz knapp, bevor der mächtige Julius fiel, / Standen die Gräber leer und in Roms Straßen / Kreischten und wimmerten verhüllte Tote." Während er zurückhaltend den Geist um Antwort anruft, geht Yao direkter zur Sache, Befehls-O-Ton: "Komm her! Willst du eine geknallt kriegen? Red mit mir!". Der Geist mag sich in beiden Fällen nicht zu Wort melden und bleibt unsichtbar.

Persönliche Anknüpfungspunkte

Doch das Thema Geistererscheinung, Magie und Mystik zieht sich durch den gesamten Abend. Yao weiß, "dass ihr Weißen nicht wirklich glaubt", erzählt von Fetischeuren, die ohne Geld keinen magischen Finger krümmen, aber Gutes wie Böses bewirken können, während Hexer immer nur "das pure Schlechte" tun. Moss räumt hingegen ein, nur so "ungefähr" zu glauben, also vornehmlich in brenzligen Situationen. Von mystischen Dingen hat er jedoch – trotz Gläserrück-Erfahrung – in Yaos Augen keine Ahnung.

Ganz ähnlich wie bei Gintersdorfers viel beachteter Inszenierung "Othello c'est qui", die übrigens auch mit einer Art Böser-Geist-Exorzismus endet, ist der Shakespeare-Text hier vor allem Sprungbrett für eine Befragung des Stücks auf persönliche Anknüpfungspunkte der Performer hin. Den "7%" im Titel entsprechend, gleitet Bernd Moss nur sporadisch und fast unmerklich in Hamlet'sche Monologfetzen hinüber, die ihm unangestrengt beiläufig über die Lippen gehen.

"Den Geist, den ich gesehen, das könnt ein Teufel sein", zweifelt er, "ich brauche Grund, der sichrer ist". Das ist auch so ein Schlüsselsatz, in dem Yaos afrikanische Mystik plötzlich ganz nah bei Shakespeare zu sein scheint und sich gleichzeitig der "Sein oder nicht sein"-Mensch, dessen bekanntesten Monolog Moss bezeichnender Weise auf Französisch spricht und also fremd klingen lässt, als der paradigmatische weiße Mann entpuppt.

Für dessen ewig schwankende Unentschiedenheit führt Yao, mit der Hand hin und her schlingernd, eine Art Running-Gag-Geste ein. Andererseits – ein unfreiwilliger Widerspruch des Abends? – preist Yao Hamlet als den erfolgreichen Superschlauen an, der alle planvoll hinters Licht zu führen weiß.

Wissen wollen, wie das Gegenüber tickt

Die buchstäblich schwarz-weißen Antinomien – "ihr Weißen" und "wir Schwarzen" – werden, auch in ihren Klischee-Anflügen, hier zunächst einfach nebeneinander gestellt, ohne dass eine Arbeit an ihrer Auflösung intendiert wäre. Mit latentem Staunen werden die Positionen und Anekdoten des jeweils anderen zur Kenntnis genommen – eine vorläufige Bestandsaufnahme der Unterschiede. Erstmal wissen wollen, wie das Gegenüber tickt. Überlappungen ergeben sich zwanglos, oder eben nicht; Überzeugungsversuche finden nicht statt. Das Andere wird in seinem Anderssein belassen und dadurch auch in seiner Irritationskraft erhalten. So ist dieser angenehm unprätentiöse Siebzigminüter vielleicht die spannendste Arbeit des angebrochenen DT-Saisonstarts. Ein Aufbruch in die Fremde, der dieser zu werden versprach, hat damit nun stattgefunden.


7% Hamlet (UA)
Ein Projekt von Gintersdorfer/Klaßen
Regie: Monika Gintersdorfer, Ausstattung: Knut Klaßen, Dramaturgie: Claus Caesar. Mit: 
Bernd Moss, Franck Edmond Yao.

www.deutschestheater.de


Hier geht es zur Kritik zu Monika Gintersdorfers Afterdark, der Dramatisierung eines Romans von Haruki Murakami im Oktober 2008 in Aachen.

 

Kritikenrundschau

Die Regisseurin nutze Shakespeares Motive "lediglich als Stichwortgeber für eine interkulturelle Plauderei über Religion, Mystik, Frauen und Tod", meint Christine Wahl (Der Tagesspiegel, 14.10.). Man kenne diese Methode aus Vorgängerproduktionen des Duos Gintersdorfer/Klaßen. Ihre Methode sei "eine Art multiples Brechungsprinzip, auf dessen permanente Differenzproduktion man sich blind verlassen kann. Kurzum: Der perfekte Anschauungsnachhilfeunterricht für alle, die immer noch dem naiven Glauben anhängen, ein System ließe sich rückstandsfrei in ein anderes übersetzen oder zumindest restlos von einer süffisanten Außenperspektive aus erklären". Das sei "definitiv ein sinnvoller Ansatz, wenn man sich mit solchen komplizierten Themen wie "dem anderen" beschäftigen will, ohne geradewegs in die weit verbreitete Vereinnahmungsfalle zu tappen". Zudem verfügten Gintersdorfer/Klaßen "in Gestalt ihrer Akteure tatsächlich über ein beneidenswertes performatives Kapital". An Moss und Yao liege es jedenfalls nicht, "wenn der Abend im Nachgang dennoch wenig ertragreich ist". Daran sei Gintersdorfers Text schuld, "der oft so vorhersehbar ins Anekdotische, bisweilen auch Banale kippt, dass er den geöffneten Spiel-Raum verbal unnötig wieder verengt".

Monika Gintersdorfer nehme den Geist, schreibt Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 14.10.), als das, "was er für uns heutige Leser vor allem ist: als etwas Fremdes, Unverstandenes und deshalb mit Projektionen und Vorurteilen Überformtes. Und sie nimmt ihn schnurgerade als Ausdruck unseres Umgangs mit dem Fremden überhaupt". Ihr Inszenierungstrick sei dabei "einfach, aber wirkungsvoll. Sie lässt Franck Edmond Yao und Bernd Moss erzählen, was ihnen zu "Hamlet" und dem Geist so einfällt." Die Differenzen werden dabei "ausgestellt und gleichzeitig übersetzt, sie werden nachgeahmt und gedolmetscht, ohne sie ästhetisch und ideologisch einzugemeinden – so wie der Text mit Fremdinhalten kolonisiert wird, wie der Hamlet-Geist als Folie hergenommen wird, so ist unser (westlicher) Umgang mit allem Fremden." Diese Inszenierung sei damit "erfrischenderweise mit der Welt und ihrer Sicht darauf nicht schon vor Probenbeginn fertig. Dennoch kommt sie nicht über die bloße Feststellung hinaus, dass das Fremde vor allem fremd ist."

"Für Gintersdorfer ist es die 15. Premiere in diesem Jahr, immer nach demselben Prinzip", weiß Arnd Wesemann (Süddeutsche Zeitung, 16.10.): "94 Vorstellungen gibt ihre deutsch-ivorische Kompanie in diesem Jahr, weil sie nur so Geld verdient." Sie "ist getrieben von ihren Tänzern, die hier sind, um unbedingt etwas zu klären". Die Geschichte mit Hamlet zum Beispiel, genauer: die Sache mit Hamlets Vater. "Ist das nicht die "zweite Armee", fragt Franck Edmond Yao. "Die zweite Armee", übersetzt der Schauspieler Bernd Moss mit Fragezeichen." Yao glaube, keine Armee könne eine andere besiegen, wenn sie nicht eine zweite Armee der Geister besitze. Also erkläre er uns das Stück: "Hamlet, der die Wahrheit über den Tod stellt, ist ein Held im ivorischen Bürgerkrieg – weil die Unwahrheit, die Manipulation in Abidjan eine strategisch wichtige Rolle spielt." Und so zweifelhaft das in europäischen Ohren klinge, so sehr mache sich die Inszenierung "über unseren Zweifel am Glauben lustig": "Um ein Gelächter über die da oben anzustimmen, die, man weiß es, alle im selben Stadtviertel leben, alle auf dieselben Eliteschulen gegangen sind, eine Kaste, die sich gegenseitig zum Barbecue einlädt."

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