Der Kreislauf muss in Bewegung bleiben

von Anne Peter

Berlin, 20. Februar 2010. Geiz ist geil. Und der Geizige einmal nicht der Buhmann. Sondern quasi Systemverweigerer. Diese verblüffende Wendung gibt PeterLicht, der stets gesichtslos fotografierte, melancholisch-ironisch dichtende Liedermacher und jüngst auch Theatermacher, seiner Molière-Bearbeitung.

Allerdings verkörpert Titelheld Harpagon so ziemlich das Gegenteil jenes konsumterroristischen Schnäppchenjäger-Slogans, mit der der bekannte Elektromarkt unsere Ex-und-Hopp-Mentalität auf den Punkt gebracht hat. Zielt das dort beworbene Immer-Niedriger an Verkaufspreis ja letztlich bloß auf ein Immer-Mehr und Immer-Wieder an Konsum.

Und in diesem System ist Harpagon, der lediglich Geld anhäuft, aber nicht ausgibt, der reinste Störfaktor. Peter Kurth spielt diesen Reichen, und schon sein massiger Körper ist die schönste Veranschaulichung des Anhäufungsprinzips.

Was Dein war, soll mein werden

Genüsslich souverän suhlt er sich in seiner Überlegenheit, thront zunächst ungerührt stumm am Kopfende jenes Bühnen-füllenden Tisches, an den die Familienmitglieder zur Abrechnung in Sachen Geld und Generationen gebeten sind, und stampft dann in beschleiften Absatzschuhen übers Tischtuch bis vorn zur Kante. In strahlendes Weiß gekleidet verkündet er: Das Geld sei ihm "ganz rein und abstrakt", eine "bloße Idee", eine "Möglichkeit". Und "nur was möglich ist, ist wirklich schön. Was noch nicht da ist. ... Das ist rein und mein Geiz möge mich reinigen."

Der kurz gehaltene Nichtstuer-Sohnemann Cleanthe im "Will haben"-Modus sieht das naturgemäß anders: "Der hat das nicht begriffen: das Zeug muß fließen, die Kohle, die Penunnse, der Zaster, die Pinke Pinke, die Kröten, die Asche... das muß hin und her das muß sich verwandeln. Das muß morphen. Von einem Zustand in den andern. Von dem Zustand DEINE KOHLE in den Zustand MEINE KOHLE. Der Kreislauf muß in Bewegung bleiben."

Die Beine hat Robert Kuchenbuch dabei, wie die meiste Zeit des Abends, in bester Bedien-mich-Manier auf dem Tisch übereinandergeschlagen. Doch so richtig locker ist er trotzdem nicht. Schließlich kriegt er nichts zustande und muss immer wieder beim Papi anklopfen, damit der mal wieder was in den Kreislauf einspeisen kann. Cleanthe ist also "voll so: GENERVT". Doppelt genervt, weil Papa Harpi ihm auch noch die Braut ausspannen will, jene projektionsflächige Traumfrau, die dem Abend einen seiner Running Gags schenkt: "Die Marianne kommt gleich." Und kommt natürlich nie. Auch so ein virtueller Wert.

Ringelreihen ums Goldene Kalb

Jan Bosse inszeniert PeterLichts Molière-Verheutigung in Stéphane Laimés sich zentralperspektivisch nach hinten verjüngendem Spiegelsaal als einen schrägen, klugen und trotz Handlungsarmut höchst unterhaltsamen Tanz der Vampire. Zu Jonas Landerschiers säuselnden Orgel-Schauern tragen die glänzend aufgelegten Schauspieler barockisiertes Bausch- und Rüschen-Zeug (kreiert von Kathrin Plath), staubende Perücken, haben weiße Gesichter und dunkle Schatten um die Augen.

Hilke Altefrohne als Tochter Elise beliebt ihre Finger zu Krallen zu krümmen oder ihren Körper in Trance-Tanz zu wiegen. Mitunter zischt man sich über dem Tisch raubtierhaft, wie zwischen verlängerten Eckzähnen zu oder reißt blutlüstern die Augen auf. Das sind Zombies, denen der morbide Glanz von Magersuchts-Model-Strecken anhaftet, Halbtote, die vor sich hinschimmeln – so dass ob der Müffelei auch schon mal forciert in Richtung Nebenmann geschnüffelt wird.

Damit hat Bosse ein bestechend treffendes Bild für die versnobte Tischgesellschaft gefunden, die sich beim Warten auf den Tod des Patrons – denn nur so kann geerbt und ergo gelebt werden – gen Leblosigkeit auflöst. Für die schlaffen Kinder, die sich bar jeder Eigeninitiative nur noch vom Blut – also Geld – der Väter zu ernähren vermögen. Für eine werteverwirrte Gesellschaft, die sich beim Ringelreihen ums Goldene Kalb halbtot getanzt hat. Was aber, wenn die Besitzenden immer älter und älter werden und ihr Hab und Gut gar nicht mehr vererben, sondern im Pflegeheim verprassen?

Und ewig lockt das Versprechen

Neben den großen Themen Konsumkritik und Demographiefalle setzt PeterLicht noch diverse andere Diskurstupfer, die den "Geizigen" assoziativ umkreisen. Die Schauspieler blähen diese Assoziationssplitter an der Tischkante zu Exkurs-Blasen auf: über Zahnpastatuben, Mülltrennung, Rückenschmerzen. Daneben gibt es schöne Dialog-Parodien, wenn etwa Harpagon und Cleanthe sich nur in Satzanfangsformeln unterhalten und dabei aufs Vergnüglichste jede sinnhafte Kommunikation umschiffen.

PeterLichts leichthändig heutige "Geizigen"-Impro, mit der Bosse wiederum leichthändig frei umgeht, hat nur auf den ersten Blick kaum noch etwas mit Molières plakativer Geiz-Basher-Schnurre zu tun. Die Liebeshändel, um die es dort vornehmlich geht, sind stark zurückgefahren, aber fast alle Aktualisierungen und Abschweifungen docken auf die eine oder andere Weise an die alte Geschichte an. Wenn der Sohn bei Molière über einen Mittelsmann beim Vater Kredit aufnehmen will, schminken sich die Kinder hier ihre Gesichter schwarz und gelb, um als gefakte Dritte-Welt-Patenkinder von der Spendenbereitsschaft ihres Daddys zu profitieren. Molières rumpelndes Deus-Ex-Machina-Happy-End wiederum wird parodiert, indem Sabine Waibels aufgeweckt schrille "Onkeltante" verkündet, dass allen alle Wünsche erfüllt werden: "Ihr kriegt alle, was ihr wollt".

Auch das nimmt noch einmal jene Ideologie aufs Korn, die mit dem Versprechen lockt, dass alle immer nur gewinnen können.


Der Geizige. Ein Familiengemälde (UA)
von PeterLicht nach Molière
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Jonas Landerschier, Dramaturgie: Andrea Koschwitz/Ludwig Haugk.
Mit: Peter Kurth, Robert Kuchenbuch, Hilke Altefrohne, Johann Jürgens, Matti Krause, Sabine Waibel, Jonas Landerschier.

www.gorki.de


Der Blick von PeterLicht auf die gegenwärtigen Formen des Kapitalismus war auch das Maß von Florentine Kleppers Abend Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends mit Texten des Kölner Musikers und Theatermachers im September 2009 Theater Basel. PeterLicht himself riss die Münchner im Januar 2009 an den Kammerspielen mit Räumen Räumen hin.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=BjAJvxGpcio&feature=channel}

 

Kritikenrundschau

"Das Einzige, was man diesem grellen Kabarett- und Diskursspektakel vorwerfen kann, ist seine Länge", so Andreas Schäfer im Tagesspiegel (22.2.2010), "eine halbe Stunde kürzer wäre noch unterhaltsamer gewesen." Die Reifröcke und eng geknöpften Seidenoberteile mit Puffärmeln wirken einerseits verlottert, die fiesen Pastelltöne ließen andererseits an eine puppenhafte Bonbon-Unwirklichkeit denken. "Die sitzen da offensichtlich seit Jahrhunderten in einer dekadenten Spätzeit (...) und simulieren den immer gleichen Konflikt ums leidige Geld. Papa hat es, die Kinder wollen es." Peter Licht habe Molières Sympathieträger quasi vertauscht. Die Kinder seien die narzisstischen, konsumorientierten Weicheier. Umgekehrt wird aus Harpagon eine Art Zen-Buddhist des Geldes. Allen Figuren seien überdrehte "Zwischenmonologe aus der Hölle der heutigen Konsum- und Alltagswelt auf den Leib geschrieben". Jan Bosse habe das vergnüglich, mit dezenter Verbeugung vor der Ästhetik der alten Volksbühne umgesetzt. "Der Rhythmus stimmt, die Pointen sitzen, und als Running Gag klingelt immer wieder das Telefon."

"Hübsche Idee: der Geizige als Dissident, der Geiz als Systemverweigerung. Besonders hübsch wird sie bei dem schönseligen Liedersänger und Gedankensammler PeterLicht", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (22.2.2010). Molières Moralkomödie "Der Geizige" habe er zu knuddeliger Kapitalismuskritik umgestrickt, und so links- wie leichthändig genommen dem Theater "ein entspanntes Stück Gegenwartsumtänzelung" geschenkt. Eine Komödie, die gewitzt mit dem Ernst der realen Geld- und Ausbeuterverhältnisse flirte. "Jan Bosse wollte sich keineswegs als Spielverderber erweisen - er hat die Vorlage als lässige Augenzwinkerkomödie urinszeniert." Alles sei furchtbar sympathisch. "Alle sprechen sie, als badeten sie ihre Worte in wohlig warmem Silbenschaum, jede Kapitalismus-, Gesellschafts- und Familienkritik fühlt sich entsprechend kuschelig an."

"Eine Hauptrolle spielt an diesem Theaterabend der Buchstabe 'I'", holt Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung (22.2.2010) aus. Aus dem Familienvater ist "Harpi" geworden, aus seinem Sohn Cléante "Cléanti". Und wenn dann Cléanti über seinen Vater ("dieser Typ, der Geizi") zu ätzen beginne, klänge das so: "Pflegeratzky. Pipi. Vergessi. Versinki in frühkindliche Verhaltensweisi...Und dann zehn Jahre Pflegipflegi". Will sagen: "Das Gegenüber der Altengesellschaft ist nicht die Jugend, sondern die Jugend, die nicht erwachsen werden will." Die unerschütterliche Souveränität aber, "mit der dieser Geizige durch das Stück geht, hat einen einfachen Grund: Er hat die Sympathie seines Autors." PeterLicht mache seinen "Harpi" zu einem "Systemverweigerer, der den Konsumismus der infantilen Jugend sabotiert und am Geld nur die Verzinsung liebt". In Gestalt des Schauspielers Peter Kurth ist dieser Geizige ein unangefochtener Herr des Hauses, "der demonstrativ seine massive physische Präsenz genießt." PeterLichts Molière-Figuren haben aber vor allem mit seinem Gespür für die eigene Begabung zu tun: Sprachmix und Mimikry, Parodie von Szene- und Jugendsprache. Jan Bosse schien etwas ratlos davor gestanden zu haben, "den Auftritten der Standup-Comedians lässt er zwei pausenlosen Stunden widerstandslos ihren additiven Lauf". Fazit: "Als aktuelle Komödie des Geizes ist das Ganze doch sehr, sehr harmlos."

"Das Stück zerfällt, es greift viele aktuelle Diskurse auf, weiß sie dann jedoch nicht einzuflechten in den Handlungsfaden", findet Jörg Sundermeier in der Berlin-Kultur der taz (22.2.2010). "Dennoch - obschon man unbefriedigt bleibt, vieles angerissen ist, man mit dem Jargon der Kapitalismuskritik ebenso sinnlos behelligt wurde wie mit der Kritik der Kritik - lacht man oft in den ersten anderthalb Stunden des Stückes, weil man sich, buchstäblich, spiegelt in der Bühne." Das Apellative, was Theater haben kann, interessiert PeterLicht und Jan Bosse nicht, sie wollen nicht ändern, nur zeigen. Und "ausgestellte Affirmation ist ihnen genug. Sie verweigern die Problemlösung nicht, weil sie keine haben, sondern weil sie keine suchen. Und kaprizieren sich auf originelle Stückchen im Stück." Mit diesem Ensemble allerdings gelinge das oft ganz hervorragend, "es hat begriffen, dass es Kabarett macht, also macht es, kunstvoll, Kabarett".

PeterLicht nehme "ein paar Motive aus dem 'Geizigen' auf die Zeitgeist-Schippe und bringt sie zum Teil ganz amüsant in heutiges cooles Jugend-Sprech". Allerdings, wendet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (23.2.2010) ein, werde daraus "keine Bearbeitung und schon gar kein Stück. Dramaturgisch scheint ihm niemand unter die Arme gegriffen zu haben, was dringend nötig gewesen wäre". Die "zunehmend fade Angelegenheit" basiere auf "stereotypen Phrasen" oder "krampfhaft ironischen Unsinnsmonologen" und habe auch den Regisseur offenbar "kein bisschen inspiriert". Die Schauspieler hingen "saft-, kraft- und hirnlos" herum. Bis auf die Vernunft von Peter Kurths Harpagon reiche es in Berlin "zu nichts als grobem Unfug". Der Name Molière werde seitens des Gorki Theaters nur deshalb mit der Produktion in Verbindung gebracht, mutmaßt Bazinger, "um gutgläubiges Publikum anzulocken". Da seien sich "Popbarde, Politiker und Pfennigfuchser (...) plötzlich sehr nahe".

In der Frankfurter Rundschau (23.2.2010) schreibt Tobi Müller davon, wie PeterLicht, bewehrt "mit postironischem Rohrstock", "vom Katheder recht ernst die aktuelle Lage des Kapitalismus" verkünde. Zwar gebe es "ein paar Volten und Vignetten im Stücktext, bei denen man gerne lacht". "Ich nach zwanzig Minuten Guckigucki aber voll so: Nerv." "Unerträglich" sei der Text, weil "die Ironie selten spielerisch oder anarchisch oder in irgendeiner Weise autonom ist, umso öfter aber bloß das sprunghafte Diktat und das Denken des 'Was ich auch noch sagen wollte' verschleiert". "Noch bizarrer" werde der Abend durch die Regie Jan Bosses – das reinste "Scheiternschauen". Die Schauspieler behandelten den Jugendsprech, "als wären sie in der Comédie Française: Künstlich, gespreizt, als redete man tatsächlich in Versen". Das Stück drifte "bald in eine Nummerndramaturgie jugendlicher Privat-Obsessiönchen", diese Generation eine "nichts, außer die Verschiedenheit und der Zwang zur Selbstzerfleischung". Das findet Müller noch interessant, nicht jedoch das "Achtundsechziger-Ding". Wenn etwa Peter Kurths Harpagon "die Jugend zur Kritik auffordert, weil der Achtundsechziger, you know, nichts besser kann, als die Kritik an ihm zu vereinnahmen, dann schafft das auch ein ruhiger Mann wie Kurth nur noch in der Klamotte". Wie kann man, fragt der Kritiker zum Schluss, in Berlin "mit einem derart dünnen Stücklein an den Start gehen?"

Aus der Idee, "Molières ziemlich plakatives Stück (...) neu zu denken, also postpostmodern", sei eine "extrem assoziationsreiche Paraphrase über, so der Autor, 'Bewahren, Vermehren, Ansammeln, Verknappen, Sparen, Ausbeuten, Verfetten'", ein "aasiges, aus Wissenschaft, Quatsch und Kitsch zusammengekünsteltes Familienbild von heute" entstanden, schreibt Reinhard Wengierek in der Welt (23.2.2010). Die Monologe in Lichts "pamphletischem Stück" seien "so fantastisch verschwurbelt wie ernüchternd komisch", "so wolkig wie messerscharf", "so unterkomplex lebensnah wie überkomplex gesellschaftsbetrachtend" seien – und "so zum Grinsen, Kichern, Kopfschütteln, als seien es Büttenreden vom Karneval aller geisteswissenschaftlichen Fakultäten". Eines werde immerhin "signifikant überdeutlich": Kurths Harpagnon, ein "sympathisch sarkastischer Selbstverwirklicher, ein theoriestarker, witziger Macho", putze seine Schlaffi-Kinder "runter wie zu Bismarcks Zeiten ein Boss die Sozis". Allerdings so "artifiziell geschliffen und verschnörkelt", das ihn kaum jemand verstehe, "aber Peter Kurth macht es toll". Überhaupt verstehe man "in den kapriziösen 90 Minuten" "irgendwie fast alles und irgendwie fast nichts". Fazit: "Ein vertrackter Ulk; eine höhere, zuweilen auch unkapierbar hohe Blödelei über das so elend komische und todernste Ding mit dem Geld, dem Glück und der Macht."

"Es ist um seinen 'Geizigen' um nichts schade, weder um einen Augenblick, noch um einen Menschen", schreibt Peter Kümmel (Die Zeit, 25.2.) über PeterLichts Molière-Fassung. Es sei eine "eiskalte" Bühnenwelt, in die man hier blicke: "Alle, die auf der Bühne des Gorki-Theaters an einem riesigen Tisch sitzen (riesige Tische auf Theaterbühnen bedeuten immer Unheil), gehören zum Reich der Untoten". Es gehe zwar um einen "Vater-Sohn-Konflikt", dabei aber nicht um "Nähe und Wahrhaftigkeit", sondern bloß ums Geld. Und in allem wirke die "Säure der Groteske": "Es herrscht die dumme Ewigkeit der hingehaltenen Erben. Sie sprechen das Comicblasendeutsch aufgedrehter Schulhofkinder." Das Geld trete dabei als "letzter absoluter Wert" auf, und die Bühne erscheine als "End-Ort": "Die Bewegungen der Schauspieler nehmen sich an der Spiegeldecke aus wie Wolkenballungen." Jan Bosse hat die "Idee des Glücks als ferne Zerrvorstellung inszeniert, und Peter Kurth spielt den Geizigen als Mischung aus Van Morrison und Bär Balou: eine Schreckgestalt am leeren Himmel."

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