Kleine Kämpfchen im Generationenkonflikt

von Rudolf Mast

Berlin, 25. Februar 2010. Zu den befremdlichen Erscheinungen des zeitgenössischen Theaters gehört die Tendenz, private Befindlichkeiten auf die Bühne zu zerren und sie dort als gesellschaftliche und/oder künstlerische Fragestellungen auszugeben. Zu den offensiven Vertretern dieser "Schule" gehört She She Pop, das siebenköpfige, in der Hauptsache weibliche "Performance"-Kollektiv, das sich 1998 beim Studium der angewandten Theaterwissenschaft in Gießen bildete.

Für ihre neueste Arbeit spitzen sie die Thematisierung von Privatem noch einmal gehörig zu und schleppen ihre Väter mit auf die Bühne. Anlass bildet ein Versuch, der in der Papierform der Ankündigung durchaus spannend klingt: Der Abend greift auf Shakespeares Königsdrama "King Lear" zurück, dessen Versuch, sein Reich zu Lebzeiten unter den drei Töchtern aufzuteilen, in Mord und Totschlag endet. Dieser Stoff soll den Performern von She She Pop und ihren Vätern als entfernte Vorlage dienen, um daran "Vorbereitungen zum Generationswechsel", so der Untertitel des Unterfangens, durchzuspielen und auf unblutige Weise einen "Ausgleich zwischen den Generationen" zu finden. So weit die Papierform.

Lear im Wohnzimmer

Auf der Bühne des HAU 2 sieht das Ganze so aus: Von drei Sesseln zur Linken, Tisch und Stühlen zur Rechten eingerahmt, befindet sich ein "Wohnzimmer" als Spielfläche. Dahinter erhebt sich eine löchrige Rückwand, an der drei leere Bilderrahmen hängen. Die werden später als Videoleinwand dienen, während durch die Löcher Bonbon-Licht in verschiedenen Farben dringt. Am rechten Rand steht ein Flipchart, und alles, was dort notiert und entworfen wird, wird per Kamera auf eine Leinwand übertragen.

In dieses Setting treten vier Spieler, um die Hälse Krägen aus elisabethanischer Zeit, und beschreiben kurz ihre Väter. Die Kinder stammen demnach alle aus dem Bildungsbürgertum. Dem Abend ist das anzusehen. Eine Frau hat ihren Vater gar nicht erst gefragt. Es sind also drei Herren, die zu Trompetenstößen in Stiefeln aufmarschieren und links in den Sesseln Platz nehmen. Nachdem sie singend beteuert haben, wie sehr sie ihre Kinder lieben, beginnt das Spiel – und zwar mit einem Sprung in den ersten Akt von "König Lear", zugleich in die erste Probephase vor einem knappen Jahr. Und wie der Abend in der Folge auch die weiteren Probenabschnitte durchläuft, so arbeitet er sich durch die fünf Akte von "König Lear".

Zweifelhafte Tauschgeschäfte

Beider Anfang ist von Zweifeln und Konflikten geprägt, und nun wird gemeinsam überlegt, wie man sie rechtzeitig und damit anders als bei Lear ausräumen kann. Von "Tauschgeschäft" ist die Rede und von Punkten, die einem wunschgemäßen Generationswechsel im Wege stehen. Doch ein Vater meldet auch Bedenken gegen den Spielvorgang selbst an, dessen Konflikte letztlich nur gestellt seien. Was man in älteren Begriffen "Aussteigen" aus der Rolle nennen würde, zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend, so dass die Funktion deutlich sichtbar wird: Dieses Theater hat das "alte" Theater hinter sich gelassen und will es dadurch erweisen, dass es sämtliche Einwände, die sich gegen die Mischung aus Trash und Intellektualität vorbringen lassen, selbst benennt.

Entkräftet sind sie dadurch jedoch nicht, wie sich auch hier sehr bald zeigt. Denn wie mit jeder Szene, jedem Akt die Nähe zu "König Lear" abnimmt, so aufgesetzt und (gelegentlich auch an den Haaren) herbeigezogen geraten die "Realszenen" zwischen den Generationen, die sich daraus entspinnen: Der Sturm, der Lear erwischt, endet auf der Bühne damit, dass die Kinder Krone, Sessel und Oberhemden von den Vätern übernehmen, und Lears Wiedersehen mit Cordelia mündet in eine schnulzige Kakophonie des gegenseitigen Verzeihens.

Vater sein ist Privatsache

Den "Stall, den es auszumisten gilt", betritt der Abend so nicht einmal, nicht als "Versuchsanordnung" und schon gar nicht hinsichtlich der privaten Beziehungen, wie sie auf der Bühne stehen. Aber wie hatte ein Vater gleich zu Beginn gesagt? "Das gehört nicht in die Öffentlichkeit." Recht hat er. Doch paradoxerweise hätte der Abend gerade in der Flucht nach vorn, die hier ein entschiedener Schritt zurück gewesen wäre, zu sich finden können: Dafür hätte der Konflikt zwischen den Generationen, von dem hier ständig die Rede ist, "nur" offen ausgetragen werden müssen. Proben hätte es dafür nicht bedurft, und der Premiere wären keine Vorstellungen gefolgt. Dafür hätte sich das, was großmundig ankündigt wurde, auch erfüllen können. So aber bleibt der Abend das, was der Name der Urheber erwarten ließ: Pop.


Testament – verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear - She She Pop und Ihre Väter
von und mit: Sebastian und Joachim Bark, Fanni und Peter Halmburger, Mieke und Manfred Matzke, Lisa Lucassen, Ilia Theo Papatheodorou, Berit Stumpf, Johanna Freiburg, Bühne: She She Pop und Sandra Fox, Kostüme: Lea Søvsø, Musik: Christopher Uhe.

www.hebbel-am-ufer.de
www.kampnagel.de
www.forum-freies-theater.de


Mehr zu She She Pop im nachtkritik-Archiv: Besprochen wurde Die Welt, in der wir leben, das im März 2009 im Berliner HAU Premiere hatte. Ebendort kam im März 2008 Familienalbum heraus und im Juni 2007 die Relevanzshow.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=mUnyfBUfsAQ}

 

Kritikenrundschau

Als "wache, offene Kunst" beschreibt Tobi Müller in der Frankfurter Rundschau (27.2.2010) diese Lear-Variation, für den sich schon nach der ersten Lear-Szene "das schöne Delirium auf die Bühne" schleicht, mit dem She She Pop so virtuos arbeiten könnten. "Die Frauen und der eine Mann von She She Pop haben ihre Väter zur Probe gebeten, mit ihnen Shakespeares "König Lear" gelesen und dann einen Abend entwickelt. Er heißt "Testament - Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear". Man spricht über die Liebe und das Unverständnis und die Abhängigkeit, man stellt die wichtigen Fragen sehr direkt", um sie dann wach in offene Kunst zu überführen. "Nur so kann man diese Fragen ernsthaft stellen: im Spiel".

"Einen so versöhnlichen 'Lear' sieht man selten", schreibt Katrin Bettina Müller in der Berliner tageszeitung (27.2.2010). Es sei ein behutsamer und für She She Pop auch leiser Abend, "sicher auch den Vätern zuliebe, denen das Performen der berühmten Töchter (und eines Sohns) oft als peinliche Entblößung aufstieß." Dass dennoch Themen über Themen geschichtet werden, liegt für die Kritikerin am analytischen Zugriff auf den Stoff: "Es geht um Macht und die Kompensation ihres Verlustes; um die 68er-Generation und das tendenziell schlechte Gewissen ihrer Kinder, deren Ansprüchen nie gerecht werden zu können; um den Umgang mit Text und die Repräsentation in Bildern." Am Ende habe man nebenbei viel über die bildungsbürgerliche Herkunft dieser Gruppe erfahren.

Ellinor Landmann hat für die Sendung Reflexe (DRS 2, 22.6.2011) mit Ilia Theo Papatheodorou und Johanna Freiburg gesprochen. "Die Väter-Generation tritt langsam, langsam ab", sagt Papatheodorou, das Gespräch zwischen den Generationen tritt spät, sehr spät ein, sagt Freiburg. Und dieses "Ringen um Anerkennung zwischen Töchtern und Vätern" werde auf der Bühne sichtbar gemacht, erklärt Landmann.

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