Der Strizzi mit der sanften Seele

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 12. März 2010. Wie einen Galgenstrick hat er die Schnur eines Gasluftballons um seinen Hals gelegt, als schlacksiger Guignol in gestreifter Hose kommt er daher und macht billige Taschenspieler-Tricks: Liliom, der Erz-Strizzi, dem aus unerfindlichen Gründen die Frauen nachlaufen. Im konkreten Fall Julie, das Dienstmädel, und Frau Muskat, die Karussellbesitzerin. Sie täte der Jungen am liebsten die Augen auskratzen in ihrer Eifersucht.

Wer ist dieser Liliom? Hauptamtlicher Herzensbrecher und professioneller Tunichtgut im Doppelberuf – ein Gewaltmensch mit ungestillter Sehnsucht nach bürgerlicher Eingliederung. Andauernd steht er sich selbst im Weg, in den entscheidenden Momenten (solche gibt es nicht wenige im Leben und im Nach-Leben des Hutschenschleuderers) macht er unter Garantie das Falsche.

Galgenstrick und Flüster-Razzia

Für Ferenc Molnárs "Liliom" kommt ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler wie der junge ungarische Theater-Shootingstar Viktor Bodó gerade recht. Der Vollblut-Theatermann ist heuer zum Berliner Theatertreffen eingeladen mit seiner wundervollen Grazer Vorjahres-Produktion, Peter Handkes "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten". Das Grazer Schauspielhaus ist für Bodó eine zweite Heimstatt geworden. Mit "Alice" war er 2008 zu den Salzburger Festspielen ins Young Directors Project geladen.

Auch in "Liliom" kann Bodó sich selbst und seine Hauptfigur als Jahrmarkts-Seelen-Seiltänzer einführen. Jan Thümer spielt den Liliom immer eine Spur leiser und hintergründiger, als man es im jeweiligen Moment erwartet. Aus dem Krakeeler, der eben noch Frau Muskat wüst beschimpft hat und gekündigt worden ist, wird augenblicklich ein Duckmäuser, wenn die beiden Polizeibeamten daherkommen: eine bedrohliche Flüster-Razzia.

Und dann sitzt er mit Julie auf der Parkbank, wie ein Pennäler. Verlegen nestelt er an seinem Zylinderhut, wenn er ihr anvertraut: "Aus so einem Nichtsnutz, einem Galgenstrick, kann doch noch ein ordentlicher Mensch werden." So leise er das sagt, ist es doch flehentlicher Aufschrei.

Mit ungarischem Zungenschlag

Regisseur Bodó nutzt seine österreichisch-ungarische Kulturbindung. Das beginnt bei der Live-Musik (Komposition: Klaus von Heydenaber), mit Cymbalom eindeutig ungarisch verortet und im Wiener Walzertakt tändelnd. Julie – Kata Petö – ist eine einprägsam charakterstarke Schauspielerin mit echtem ungarischem Zungenschlag. Die junge Frau fällt, wenn sie leidet, in ihre Muttersprache (und Originalsprache des Stücks) zurück. Das ist ein schöne, unaufdringliche Farbe.

"Liliom" spielt, wie es die hier sehr ernst genommene Übersetzung von Alfred Polgar vorsieht, nicht im Budapester Stadtwäldchen, sondern im Wiener Prater. Viktor Bodó kommt ganz ohne Aktualisierung aus. Wien war damals und ist heute Ostmitteleuropa-Metropole, da braucht man nicht eigens heutiges Kolorit drauf zu setzen.

Wo man eher nachhelfen muss: bei der karikaturhaften Überhöhung. Da zeigt Viktor Bodó keine Angst vor krasser Übertreibung. Lilioms Selbstmord-Szene ist verdächtig nah am Klamauk, wird aber augenblicklich aufgefangen, wenn Julie den Kopf des Sterbenden streichelt, wenn die beiden einander ihre Liebe versichern.

Von Verstellungen befreit

Gleich drauf passiert barockes Maschinentheater, eine Apokalypse sondergleichen steht am Ende von Lilioms irdischem Leben. In der himmlischen "Amtsstube" herrscht wieder pure Parodie, die größter Ernsthaftigkeit und Leisheit weicht, sobald der Lastenlift aus dem Fegefeuer Liliom als Erd-Wiederkehrer, als armen Bettler ausgespuckt hat. Wieder sitzt Liliom verlegen Julie (und nun auch seiner sechzehnjährigen Tochter) gegenüber – und wieder vergeigt er alles mit seiner Unbeherrschtheit.

Während Liliom beim Kartenspiel alles einbüßt, badet die bemitleidenswerte Julie armselig im Zuber. Und wenn Liliom erfährt, dass er bald Vater wird, reißt er sich das Gewand vom Leib, steht einen Moment ungeschützt splitternackt da – so als ob er sich selbst versichern will: Familie geschafft, Verkleidung, Verstellung nicht mehr notwendig! Ein bitterer Trugschluss, wie sich zeigen wird.

Viktor Bodó beschert Wechselbäder im Stil der Szenen und weiß doch schlüssig zu tarieren. Das denkbar Überdrehte beruhigt er im Handumdrehen und zeigt wie unter einem Vergrößerungsglas die Nervenstränge seiner Figuren. Das ist echtes "Volkstheater", wie Molnár und der kongeniale Alfred Polgar als Übersetzer es sich wohl gewünscht haben.

 

Liliom
von Ferenc Molnár
nach der Übersetzung von Alfred Polgar
Regie: Viktor Bodó, Bühne: Pascal Reich, Kostüme: Andrea Kovács, Musik: Klaus von Heydenaber, Dramaturgie: Anna Veress, Andreas Karlaganis.
Mit: Jan Thümer, Kata Petö, Sophie Hottinger, Steffi Kautz, Sebastian Reiß, Gerti Pall, Andrea Wenzl.

www.buehnen-graz.com/schauspielhaus

 

Mehr zu Viktor Bodó? nachtkritik.de besuchte seine später zum Theatertreffen 2010 eingeladene Handke-Inszenierung Die Stunde da wir nichts voneinander wussten in Graz. 2007 gastierte Bodó bereits im Haus der Berliner Festspiele mit dem kleinen Ganovenstück Schock.

 

Kritikenrundschau

Der ungarische Regisseur Viktor Bodó präsentiere in Graz "einen großen, vielseitigen, trotzigen Liliom, der sich nicht anbiedert, nicht sympathisch sein will – und es freilich ist", schreibt Colette M. Schmidt im Standard (15.3.). "Jan Thümer setzt ihn mit großer Sensibilität um und verzichtet auf den halbseidenen Schablonen-Praterstrizzi." Bodó lasse "in einer berauschend flotten Inszenierung trotzdem jedem Zeit, nach Herzenslust zu spielen. Dabei werden vielsagende und wunderschöne Bilder (...) in ihrer Abfolge zur anregenden Achterbahnfahrt."

Alfred Polgar, der Übersetzer von Fernc Molnárs "Liliom", hatte für die ersten Bühnenversionen des Stücks nicht viel übrig, wie Werner Krause in der Kleinen Zeitung (15.3.) zu berichten weiß: "'Pathetischer Bockmist' war eine der nettesten Bezeichnungen für das dürre, mit viel Kitschkanonen und künstlichem Seelendampf bestrahlte Gefühlskraut, das sich da breitmachte." Wahrscheinlich aber "hätte Polgar die Grazer 'Liliom'-Aufführung ähnlich beglückt und berührt verlassen, wie es auch ein Großteil der Premierenbesucher tat." Denn dem "Theater-Feinschmied" Viktor Bodó gelinge hier "ein Theater-Glücksfall, wie er sich nur alle paar Jahre ereignet, ein Geniestreich, der nach einer Steigerungsform für ein alle Sinne bedienendes Gesamtkunstwerk verlangt." Denn in Bodó habe Molnárs Stück "einen Meister der Zauberformeln" gefunden, "der es mit Essenzen von Tschechow, Ibsen und Strindberg anreichert, ohne Mundraub zu begehen, und der seinen Tunichtimmergut in die Nähe von Büchners Woyzeck rückt." Auf der ungarischen Darstellerin Kata Petö schließlich, die die Julia verkörpert, ruhe "der Segen künstlerischer Selbstverständlichkeit, so hell, düster, fragil wie dieser Abend." Fazit: "Man sieht's, man spürt's, man fasst es kaum."

 

 
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