In der Spaßfalle

von Wolfgang Behrens

Berlin, 6. Juni 2010. Vor zwei Wochen noch hatten ihn die Berliner beim Theatertreffen-Gastspiel der Kontrakte des Kaufmanns gefeiert. Nun nahm Nicolas Stemann jungenhaft lächelnd und sogar ein wenig verlegen den satten, fast einhelligen Buh-Sturm entgegen. Das alles durchdringende giftige Serum des Jelinekators, das dieser der Operette und dem Operettenvolk zu injizieren angetreten war, hatte gewirkt. Alles richtig gemacht also. Hatte er?

Stemann nimmt sich an der Komischen Oper eine Operette her, um zu demonstrieren, wie die Unterhaltungsmaschinerie der Kulturindustrie über jegliche Ernsthaftigkeit, über jeden Versuch, eine Haltung zu entwickeln oder etwas Bleibendes zu produzieren, hinwegrollt. Welche Operette es trifft, scheint dabei fast egal: es hätte "Die Fledermaus" sein können, ohne dass die Inszenierung grundsätzlich anders hätte aussehen müssen; es ist schließlich Offenbachs "La Périchole" geworden.

Ironie, so dick, dass es schmerzt

Und so beginnt es: Vor den Vorhang tritt ein Conferencier. Er kündigt an, dass es nichts anzukündigen gibt. Gewöhnlich habe ja ein solcher Auftritt vor der Vorstellung Schlimmes zu bedeuten, heute jedoch sei es anders: "Alles ist gut! Alles ist in Ordnung!" Es ist dieses Mantra der zwanghaften guten Laune, das die Aufführung fortan beherrscht. Zum ersten Conferencier gesellt sich ein zweiter (schmierig, schmierig, Siegfried und Roy lassen grüßen: Günter Papendell und Peter Renz), und gemeinsam führen sie durchs Stück. Mit der zersetzenden Kraft des Augenzwinkerns kommentieren sie die Handlung, moderieren einzelne Nummern an ("Sie hören nun das superlustige Hoppla-Lied!") und wünschen ununterbrochen "Viel Vergnügen". Selbstredend, dass einem das bald vergeht.

© Freese/drama-berlin.de
Der Vizekönig (Roger Smeets) im inkognito-Gewand unters Volk gemischt © Freese/drama-berlin.de

Stemanns Rahmung folgt einer simplen Didaktik: Anstatt dem Publikum einen Spaß zu gönnen, schreibt er auf den Spaß "Spaß" drauf, und schon ist er einem vergällt. Spaß entsteht allenthalben noch dabei, der Spaßverfertigung zuzusehen: Spaß zweiter Ordnung gewissermaßen. Ironie wäre ein anderes Wort. Die Ironie verstanden zu haben, ist ja immer ein Vergnügen eigener Art. Hier indes wird sie so dick aufgetragen, dass es mitunter schmerzt.

Abba-artiger Background-Gesang

Das Ätzende an Stemanns Verfahren ist, dass es tatsächlich alles, was auf der Bühne vor sich geht, kontaminiert. Wenn etwa die Périchole (eine hungerleidende Bänkelsängerin, die ihren Geliebten verlässt, um Ehrendame beim Vizekönig zu werden - was hier allerdings irgendwie nicht wirklich etwas zur Sache tut) ihre berühmte, von Karl Kraus so tief verehrte Briefarie oder später ihre Schwipsarie singt, dann kann Karolina Gumos zwar ein paar verführerisch dunkle Mezzofarben vorführen, glänzen indes darf sie nicht: Die Inszenierung entzieht ihr a priori alle Momente der Intensität oder auch nur der Koketterie. Stattdessen wird ihr - und das ist schon ein ziemlich böser Witz - gegen Ende der Briefarie noch ein schauerlich Abba-artiger Uuh-ahh-Background-Gesang zur Seite gestellt.

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© Freese/drama-berlin.de

Die Operette als Unterhaltungsprodukt zu denunzieren - das allein wäre freilich arg banal. Stemann holt weiter aus. Von Beginn an etabliert er zur Operettenwirklichkeit zum einen die Klangwelt von Wagners "Tristan", dessen Vorspiel nach der ersten Conferenciersankündigung der Operette "Périchole" anhebt - wo man Offenbach erwartet, wird der Tristanakkord natürlich zum Lacher. Zum anderen schickt Stemann den Schauspieler Andreas Döhler ins Rennen, der immer wieder mit zerschlissener roter Fahne einen Aufruf der Pariser Kommune von 1871 an das Publikum zu richten versucht: "Erhebt euch und schleudert mit heftiger Hand die schmutzige Reaktion zu Boden!"

Unter den Rädern der Unterhaltungswut

Die schmutzige Reaktion geht dann auch wirklich zu Boden, denn hereinschneiendes, amüsierfreudiges Partyvolk ist dem Revolutionär zu Willen und wirft sich - im Spiel, versteht sich - nieder. Und wenn's doch zu dolle wird, greifen halt die Moderatoren ein und bringen alles aufs Gleis der Spaßgesellschaft und der Operettenhandlung zurück. Kunsternst und Revolutionspathos werden gleichermaßen unter den Rädern der Unterhaltungswut zermahlen.

Vor der Pause bleiben die "Tristan"-Musik und Döhlers Kommune-Manifest lächerliche und in dieser Lächerlichkeit penetrant wiederholte Episoden in öder Lehrhaftigkeit - "jaja, wir haben's begriffen", will man rufen, "aber jetzt wollen wir auch noch ein bisschen Spaß haben, entlarvt hast Du uns ja schon." Nach der Pause wachsen sich die Episoden jedoch zu veritablen Bedrohungen aus, sie beginnen das alles vereinnahmende Rahmensystem massiv zu stören. Dynamit fliegt in den Orchestergraben, für Augenblicke gewinnt der Gedanke des Aufstands etwas Zwingendes, und Johannes Chum und Karolina Gumos stimmen im weltstillstellenden Gegenlicht "O sink hernieder, Nacht der Liebe" an. Sind das Utopien, Inseln des Widerstands gegen das Gleichmacherische der zynischen Unterhaltungsmaschine? Oder sind auch das nur Ausformungen der Kulturindustrie? Es bleibt in der Schwebe.

Glücklich ist, wer vergisst...

Stemann gibt einem mit dieser "Périchole" viel zu verstehen. Ein schaler Nachgeschmack bleibt: Vor dem Terror der verordneten Unterhaltung und der alles zerwitzelnden Ironie gibt es kein Entrinnen - wir haben das längst verstanden. Darauf hingewiesen zu werden nervt. Wie lautet die Operettenweisheit schlechthin (und sie fehlt auch an diesem Abend nicht)? "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist." Genau! Wir sind schon lange soweit: Wir wollen nichts mehr ändern, Revolution ist passé! Ein Buh für den Regisseur.

P.S. Für den, der's vermisst: Der mit gelben Smilies und neckischen Choreografien ausgestattete Chor singt und agiert fulminant, und das luftig aufspielende Orchester wurde von Markus Poschner jederzeit reaktionsschnell geführt.

 

La Périchole
von Jacques Offenbach
Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Deutsche Übersetzung von Bernd Wilms
Regie: Nicolas Stemann, Musikalische Leitung: Markus Poschner, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüme: Marysol del Castillo, Dramaturgie: Bettina Auer, Chöre: Barbara Kler, Licht: Franck Evin, Video: Claudia Lehmann.
Mit: Karolina Gumos, Johannes Chum, Roger Smeets, Peter Renz, Günter Papendell, Anna Borchers, Mirka Wagner, Olivia Vermeulen, Andreas Döhler. Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Mitglieder des Ernst Senff Chores Berlin, Orchester der Komischen Oper Berlin.

www.komische-oper-berlin.de

 

Sie wollen mehr erfahren zu Nicolas Stemann und seinen Inszenierungen? Dann sind Sie im Glossar richtig.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=PaERzn8-Up8}

 

Kritikenrundschau

Bernhard Doppler schreibt auf der Webseite von Deutschlandradio Kultur (6.6.2010): Nicolas Stemann mache das Genre selbst zum Thema und vertiefe es, indem er "dessen Paradoxa" seziere. Sein Blick sei dabei dem von Elfriede Jelinek verwandt. Auch bei ihr würden nicht "Handlungen und Personen, sondern Meinungen vorgestellt". Auch sei es nicht weit "zu Brechts epischem Theater, zur Lehrstückhaltung". Stemanns "Sezieren der Operette" funktioniere deshalb "überzeugend", weil er im Dirigenten Markus Poschner einen gleichgesinnten Partner habe. Poschner montiere Wagners Musik in die Offenbachs und koste die einzelnen Nummern "einfallsreich geistreich und hin und wieder durchaus berührend" aus. Mit Poschners Hilfe habe die Operette den "Stemann-Test bestanden".

In der taz (8.6.2010) schreibt Niklaus Halblützel, er finde, die Intendanz der Komischen Oper habe sich geirrt mit dem ja nahe liegenden Gedanken, "Stemann einmal ein richtiges Stück Musik in die Hand zu geben". Stemann habe "zwei endlose Stunden lang" einen "mit viel Getöse illustrierten Vortrag" gehalten, über das, was er, "zwischen all den Partys und Interviewterminen" in den "einschlägigen Clubs" über "unsere Gesellschaft" gehört habe. "Die Finanzkrise und den modernen Kapitalismus im Allgemeinen" und "dass wir zum Konsum gezwungen werden", mit "ziemlich katastrophalen Folgen für unser Seelenleben". Man lerne dabei viel über den "Zustand des gegenwärtigen deutschen Regietheaters" wo es "niemals" darum gehe ein Stück aufzuführen. "Es geht darum zu zeigen, dass der Regisseur weiß, wie man sich unter Gleichgesinnten zu benehmen hat." Dagegen sei nichts zu sagen, wäre das, was im Theater geschieht, "nicht so unfassbar quälend langweilig". Der Offenbach werde vom Orchester "so lausig" gespielt, "wie es nur irgendwie geht". Auf der Szene laufe die "Maschine auf Hochtouren", aber es geschehe "buchstäblich nichts", denn Stemann könne "keinen einzigen seiner angesagten Gedanken selber denken". Er selber würde "vermutlich das Wort "Selbstreferenzialität" fallen lassen". Ins Deutsche übersetzt heiße das: "Es geht um mich, und um sonst gar nichts."

Im Berliner Tagesspiegel (8.6.2010) schreibt Jörg Königsdorf die "Lernziele" auf, die Stemann ausgegeben habe. Der Regisseur ginge dabei zu Werke wie "ein Lehrer, der einem desinteressierten Teenagerhaufen die Rechtschreibregeln einbimsen muss". Er bestehe auf "gebetsmühlenartiger Wiederholung", auf "bewährte Unterrichtsmethoden wie Einar-Schleef-Chorjogging und postbrechtsche Theater-zeigt-Theater-Didaktik" sowie "fortlaufende Ergebnissicherung, für die die Musikbeispiele aus Offenbachs Operette auch gerne mal unterbrochen" würden. Wie könne es sein, fragt Königsdorf, "dass einer der erfolgreichsten deutschen Schauspielregisseure" bei seinem "ersten Ausflug ins Musiktheater so überhaupt nicht einschätzen kann, wann die Belehrung "zu nerven" beginne? Stemanns Grundfehler sei es, dass er den "inzwischen etwas ausgeblichenen sarkastischen Witz" Offenbachs nicht durch "frischere Pointen", sondern durch "moralisierende Botschaften" ersetze. Die seien der "Tod jeder Operette". Erst recht, wenn die Musik "zusammengestrichen" werde, ohne dass der Abend "kurzweiliger" würde. Obschon Markus Poschner "süffig und schwungvoll" dirigiere.

In der Berliner Zeitung (8.6.2010) berichtet Peter Uehling von einem "regietheatralischen Exzess". Stemann wolle nicht die Geschichte des Straßensänger-Pärchens erzählen. Er wolle "etwas Grundsätzliches zur Operette mitteilen". "Konsequenz, Intelligenz und auch Fantasie" könne man ihm "schwerlich absprechen", aber "die Fragmente" türmten sich am Ende "zu einem Haufen Schrott". Die "kritische Einsicht des Ganzen" sei so "karg wie altbacken": Das Amüsement sei "Existenzbedingung" einer Gesellschaft, "die ihre Gewalttätigkeit und ihr Unrecht verdrängt", und somit sei das "Amüsement selbst gewalttätig und unrecht". Und weil "diesen Refrain aus der Kritischen Theorie" mittlerweile alle "mitpfeifen" könnten, gehe er selbst noch "als Unterhaltung in Stemanns Inszenierung ein. Nicht einmal das Fähnchen der Kulturkritik ragt am Ende aus dem ganzen Schutt heraus." Weil sie "keine Rolle" spiele, entwickele die Musik auch "kein rechtes Profil". Markus Poschner dirigiere "anständig und sehr geradeaus". Nur drehe die Inszenierung die "dosierte Ironie von Offenbachs Musik" stets "volle Pulle" auf.

"Opern-Novizen" machten zwar gern "frischen Wind", "kennen sich aber oft nicht aus", so Kai Luehrs-Kaiser in der Welt (8.6.2010). Stemann vertraue Offenbachs "kaum durchgesetzten Meisterwerk (...) keine Sekunde lang". Die Aufführung trete "trotz enormen Verbrauchs von Strass, Pailletten und Perücken (...) unerbittlich auf der Stelle". "Seltsam", findet der Kritiker, "dass Inszenierungen, die vom Ansatz her intellektuell funktionieren, heutzutage meistens auf Leute-Verdummung hinauslaufen". Überdies müsse die Inszenierung "ohne darstellerisches Zentrum auskommen", da die Titelfigur von Stemann "für eine graue Maus gehalten" werde und mit Karolina Gumos auch noch "vokal und vor allem darstellerisch (...) zu schwach besetzt" sei. Unter Markus Poschner, "der mit spitzen Fingern dirigiert", musizierten Chor und Orchester einen "spritzig exakten, aber nie preußisch exerzierenden Offenbach" - "der beste in Berlin seit vielen Jahren. Reißt das die Sache raus? Nein. Mit 'La Périchole' vergeigt Nicholas Stemann sein Musiktheater-Debüt."

Sehr angetan zeigt sich Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (10.6.2010): „Immer wieder kippt das Tragische ins Komische, das Komische ins Tragische. Stets kommentiert das eine das andere. Das Werk betrachtet sich gleichsam im Vexierspiegel. Manchmal gerät es dabei in brüllend-sardonisches Gelächter, manchmal muss es hemmungslos weinen." Darum, dass die Wirklichkeit im Spaßbad Operette handhabbar gemacht werde, gehe es schon bei Offenbach: "Wer das als zu komplex oder gar zu (de)konstruktivistisch empfindet, wird diese Inszenierung nicht mögen können. Er wird sich, weil das traditionelle Motiv eines narrativ-linearen Amüsements überwölbt wird von der dialektischen Durchdringung des Stoffes, womöglich langweilen oder ärgern. Oder beides. Wer genauer hinsieht und ein Herz für dramaturgische Logik hat (und einen schwarzen Humor, der selten geworden ist hierzulande), der wird diesen Abend begeistert mitdenken und -erleben."

 

"Stemanns Musiktheaterdebüt ist furios und fürchterlich zugleich", findet Claus Spahn in der ZEIT (17.6.2010). "Wer gut Operette machen will, so heißt es, braucht ein Gespür für das Tempo. Stemann hat ein perfektes Gespür fürs Antitempo. Die Offenbachiade an der Komischen Oper in Berlin hält das locker aus." Im Jahr des 175. Geburtstags der deutschen Eisenbahn wagt Spahn zudem einen dynamischen Vergleich: "Offenbachs Musik behandeln Stemann und der Dirigent Markus Poschner wie eine Unterhaltungs-Dampflok, bei der die Bremsen ausgefallen sind. Die Pleuelstangen des maschinellen Amüsements rattern unermüdlich, und alles, was auf dieser infernalisch kitschquietschenden Zwangsfahrt vor die Schienen gerät, wird überrollt. Auf den Selbstmordversuch des jugendlichen Liebhabers kann leider keine Rücksicht genommen werden. Dann muss er sich eben aufhängen, die Musik jedenfalls rast weiter. Der Zug kommt nur zum Stehen, indem die Regie ihn auf toten Gleisen austrudeln oder mit voller Geschwindigkeit gegen den Rammbock knallen lässt."

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