Ein Tag bei mir, und du bist tot!

 von Anne Peter

Berlin, 12. November 2010. Nein – Trittbrettfahrerei kann man diesem Theater nun wirklich nicht vorwerfen. Es springt nicht einfach auf den Integrationsdebattenzug auf. Die rührigen Theatermacherinnen vom Heimathafen Neukölln setzen einfach die Arbeit fort, mit der sie seit anderthalb Jahren im ehemaligen Saalbau Neukölln erfolgreich sind.

"Berlin hat wieder Volkstheater!" lautete der selbstbewusste Antritts-Slogan des von zehn Frauen geleiteten Hauses mitten in Deutschlands wohl berüchtigtstem Kiez. Sie wollen "Theater für das ganze Volk machen, nicht nur für eine Zielgruppe", und "auf jeden Fall den Berlin-Bezug". Tatsächlich ist das bunte Heimathafen-Programm zwischen wieder ausgegrabenen Alt-Berliner Volksstücken, schnoddrigen Gassenhauer-Revuen und den Sozialreal-Stücken aus dem Kiez- und Kids-Alltag ganz auf das heterogene Lokalpublikum zugeschnitten.

Teil drei einer Neukölln-Trilogie
Schirmherr ist der bekennende Neuköllner und Comedy-Star Kurt Krömer, zusammen mit der Journalistin Güner Yasemin Balci. Ihre Erfahrungen als Sozialarbeiterin im benachbarten Rollbergviertel hat sie 2008 in den Roman "Arabboy" einfließen lassen. Nicole Oders Bühnen-Adaption mit dem Power-vollen 18jährigen Neuköllner Hüseyin Ekici war Teil der Heimathafen-Eröffnungs-Session und wurde schnell zum Publikumsrenner. Das war Teil eins der Neukölln-Trilogie. Nach dem zweiten Teil "Sisters" über eine knallharte Mädchengang folgt nun "ArabQueen", nach Balcis neuem Doku-Roman.

Er wechselt von der Jungs- in die Mädchenperspektive und erzählt, erklärtermaßen real grundiert, von dem Leben zweier muslimischer Mädchen, den Schwestern Mariam und Fatme. Am liebsten würde Mariam den ganzen Tag mit ihrer Freundin Lena beim Shoppingcenter abhängen; stattdessen darf sie kaum allein auf die Straße und kann die sexy Klamotten, von denen sie träumt, höchstens heimlich zu Hause vorm Spiegel tragen. Was für andere junge Frauen selbstverständlich ist, muss sie sich unter dem strengen Überwachungs-Blick der Eltern, Brüder und Nachbarn erst mühsam erkämpfen.

Güner Balcis Verdienst ist es, einen Blick in jene so genannte Parallelwelt zu eröffnen, von der wir allzu oft kaum etwas wissen, obwohl uns von ihr vielleicht gerade mal eine Altbauwand trennt. Sie schaut dabei nicht einseitig denunzierend auf gewalttätige Väter, herrische Brüder und hilflos unterwürfige Mütter, sondern versucht, deren Denkweisen und Werteverhaftungen, Minderwertigkeits- und Ohnmachtsgefühle genauso nachvollziehbar zu schildern wie die verzweifelte Ausbruchssehnsucht ihrer Töchter. Trotzdem ist immer klar, wem die Sympathie gehört.

Unverkrampfter Umgang mit Brisantem
Balci schreibt mit deutlich sozialpädagogischem Impetus, hält ihre Sätze denkbar schlicht, will ganz konkret informieren – und aufrütteln. Am Ende von "ArabQueen" sind sogar die Adressen von Einrichtungen für Frauen in Notsituationen abgedruckt. Und der mittlerweile deutschlandweit bekannte Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky wünscht sich, das Buch würde in ganzen Klassensätzen in Schulen und Lehrerhänden landen.

Bei der Heimathafen-Premiere sitzt Buschkowsky im Publikum, ebenso wie Autorin Güner Balci. Mit deren Roman erlaubt sich die Regisseurin Nicole Oder auf schlichter Studio-Bühne mit Podest allerdings zahlreiche Freiheiten, zieht ihn ins Komische und verlegt ihn – natürlich – aus dem Wedding nach Neukölln. Diverse Figuren, vornehmlich männliche, werden dabei links liegen gelassen, die Story stark verschlankt. Erstaunlich unverkrampft geht das Team dabei mit dem brisanten Stoff um, bei dessen Ansicht kaum ein Zuschauer die in der Luft liegenden Diskussionen ganz wird ausblenden können.

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Tanya Erartsin ist die Arabqueen © Verena Eidel

Tanya Erartsin, Sascha Ö. Soydan und Inka Löwendorf switchen sich munter durch diverse Rollen, die auf den ersten Blick entsprechend auf wiedererkennbare Sprech- und Körperhaltungen gebürstet sind: Die Mutter walkt wütend den immergleichen Teigklumpen, die Männer sitzen breitbeinig, die Jungs schlurfen unter der Kapuze. Mariam (Erartsin) schaut stolz unter den cool gesenkten Lidern, Lena (Löwendorf) trägt offenherzig Pferdeschwanz. Man wirft sich die Slang-Pointen zu, fällt zwischendurch immer wieder ins Arabische und pöbelt ins hörbar amüsierte Publikum ("Was guckst du?" – "Ah, lass, die trägt Brille, die kann höchstens lesen.").

Jenseits von Klischees und Rollenbildern
Das beständige Hin- und Her-Springen zwischen den Figuren spiegelt dabei auch das empathische Prinzip wieder, das Sich-Hineinversetzten in andere, für das hier letztlich geworben wird. Wo hört das Klischee auf, wo fängt der Mensch an?, scheint die Spielweise beständig zu fragen. Denn wenn das vorgefertigte Rollenbild sichtbar von ihm abplatzt, scheint dieser umso berührender auf: etwa in der schüchternen Annäherung zwischen Mariam und dem dilettantischen Breakdance-Beeindrucker Ercan.

Heimathafen-Mitgründerin Löwendorf, hauptberuflich an der Volksbühne engagiert, kann hingegen ihr urkomisches Impro-Talent ausleben, wenn sie als resolute Friseuse das Publikum erst mit Haarspray traktiert und ihm dann erklärt, warum sich die vollverschleierte Tante Zaynab allmonatlich von ihr blondieren lässt: "Ihr Oller hat zu viel Pornos geschaut und kriegt jetzt keinen mehr hoch, wenn seine Frau nicht aussieht wie Dolly Buster".

Um ihren Männern zu gefallen, um sie zu täuschen, sich etwas zu erbetteln, wird das Sich-Verstellen und Theaterspielen überhaupt zum Überlebensmittel für diese Frauen. "Du bist voll die gute Schauspielerin", bewundert Mariam ihre Tante Hayat, die sich mit gespielten Schwächeanfällen die Begleitung der Nichte erschwindelt hat – mit der sie dann zum wilden Disko-Ausflug aufbricht.

Symbolischer Schluss
"Ein Tag bei mir und du wirst irre", stöhnt Lena ob ihrer plappernden Gutmenschen-Eltern. "Zwei Tage bei mir und du bist tot", kontert Mariam bierernst. Im Roman schenkt Balci ihrer Heldin eine geglückte Flucht vor der Zwangsheirat mit dem Cousin, über die Toilette eines Mädchentreffs. Nicole Oder, die diesen Handlungsstrang gekappt hat, löst das in einem etwas behelfsmäßigen, eher symbolischen Schluss: Während die Frauen den Verlobungstanz tanzen, bläst Mariam die Kerzen aus und geht einfach von der Bühne ab.

Wo allzu gern in pauschalisierenden Statistiken und populistischen Sprücheklopfereien über die einzelnen Menschen hinweggegangen wird, braucht es solches Theater, das von ihnen erzählt, von ihrem Leben, ihren Gefühlen und Ängsten spielt. Wo, wenn nicht hier? Wann, wenn nicht jetzt?

 

ArabQueen
nach dem Roman von Güner Yasemin Balci
Regie: Nicole Oder, Kostüm: Wiebke Meier, Bühne: Julia v. Schacky, Musik: Heiko Schnurpel, Dramaturgie: Elisabeth Tropper.
Mit: Tanya Erartsin, Inka Löwendorf, Sascha Ö. Soydan.

www.heimathafen-neukoelln.de

 

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Kritikenrundschau

Güner Balcis Romanvorlage ziele zwar auf Eindeutigkeit, doch Nicole Oders Inszenierung des Stoffes fächere die Ambivalenzen des Lebens der muslimischen Migratentochter Mariam auf, schreibt Harald Staun in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (14.11.2010). Denn seinem Eindruck zufolge liegt der Regisseurin weniger an einer Botschaft, als daran, "die Klischees von Kopftuchzwang und Integrationsverweigerung mit Leben zu füllen". Dass der Abend so überaus gelang, sei jedoch vor allem "den drei sensationellen Schauspielerinnen" zu verdanken, die neben ihren Hauptrollen auch noch eine ganze Reihe von Nebenfiguren spielen: "Tanya Erartsin, die sich als Mariam so glaubwürdig zwischen tougher Migrantenzicke und höriger Tochter bewegt; Inka Löwendorf, die nicht nur ihre Freundin Lena als Tochter freizügiger Künstlereltern, sondern auch die schnoddrige Neuköllner Friseuse mit jeweils passendem Temperament spielt; und Sascha Ö. Soydan, die als Mariams Schwester Fatme genauso einleuchtend ist wie als einer von Mariams machismobeladenen Brüdern." Für den Kritiker sind die Schauspielerinnen auch deshalb so überzeugend, weil für ihn in ihrer Wandelbarkeit sehr deutlich wird, dass "es sich bei all den Figuren der Integrationsdebatte immer auch um Posen handelt: die halbstarken Brüder, die weinenden Mütter, die Töchter, die schon wissen, welche Rolle sie für wen spielen müssen. Schon möglich, dass auch im sogenannten echten Leben gelegentlich ein Zwangsehemann über solche Mädchen kommt wie ein schlechter Drehbuchplot."

Für Christian Rakow in der Berliner Zeitung (15.11.2010) ist "ArabQueen" ein "groovender Trip (...), der vom Kopf durchs Herz in die Beine geht - und zurück in den Kopf". Nicole Oder habe das Milieudrama "wunderbar getimt" inszeniert: "mal locker anchargierend, mal beklemmend ausgemalt". "Arab Queen" sei "ein Jugendstück der Extraklasse, vor allem weil die drei Schauspielerinnen Tanya Erartsin, Inka Löwendorf und Sascha Ö. Soydan überaus souverän auf dem schmalen Grad der Tragikomödie balancieren. Trocken exerzieren sie Möchtegernposen der Stärke: 'Hat Dir jemand Schawarma ins Hirn geschissen, oder was?' Unsentimental loten sie den darunter liegenden Problemstau aus. Angesichts der jüngsten mit maximaler Distanziertheit vorgetragenen Einwanderungsdebatten ist eine solche kraftvolle Innenansicht schon allein den Theaterbesuch wert."

Nicole Oder durchspüle die Geschichte der Schwestern Mariam und Fatme "mit viel Witz und einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit", meint Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (15.11.2010). Die drei Schauspielerinnen legten "mit enormer Verve die Verletzbarkeit, die Verzweiflung, die Hilflosigkeit frei, die hinter den coolen Sprüchen der muslimischen Mädchen gärt. Diese Mädchen sind derb, frech und ungemein liebenswert, sie sind echt, weil es sie wirklich gibt."

"Arab Queen"bastele wie schon "Arab Boy" "aus den Stereotypen über präpotente Sackkrauler und geknechtete Mädchen eine komplexe Betrachtung über jugendliche deutsche Araber, die zwischen traditionellen Ehrvorstellungen und westlichen Freiheitsrechten zerrieben werden", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (24.11.2010). "Das mag sich thematisch noch nicht groß von den vielen Gutmeiner-Produktionen abheben, die landauf landab zum 'Migranten'-Thema entstehen und meist die Stereotypen, die sie zu bekämpfen vorgeben, bloß zementieren. Doch den drei Inszenierungen von Nicole Oder gelingt eine sehr persönliche Balance aus Mitgefühl und Argwohn, aus Kenntnis und Distanz, die mit den gewöhnlichen Anmaßungen des Doku-Theaters nichts zu tun hat." In einem gut austarierten Dreiklang aus Kunst, Recherche und Humor, ohne Bühnenbild und mit minimalen Requisiten, komponiere Oder dichte Erzählungen von scheußlichen Umständen und schmerzlichen Erfahrungen, die zu einem kitschfreien Realismus führen.

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