Erst kommen die Götter, dann die Hausmannskost

von Matthias Weigel

Potsdam, 6. März 2011. Ein Stück über Identitätsfindung und -verlust, über die Suche nach dem eigenen Ich, über Selbstgewissheit und Selbstzweifel: Dies und ähnliches wird über "Amphitryon" gesagt, wenn es um – Achtung! – Heinrich von Kleists Tragikomödie geht, eine Übersetzung und Bearbeitung von Molières Gesellschaftskomödie, die wiederum auf der griechischen Mythologie basiert.

Nun handelt aber erstens so ziemlich jedes Stück immer (auch) vom Thema der eigenen und der (dadurch gleichermaßen bedingten) fremden Identität. Und zweitens ist "Amphitryon" auch noch ein Beispiel, in dem das sogenannte Identitätsproblem ausgesprochen oberflächlich und platt durchexerziert wird. Was also hat die 32-jährige Regisseurin Julia Hölscher interessiert an Kleists Drama über Amphitryon, den Menschenvater von Herkules, welches sie im Potsdamer Schlosstheater im Neuen Palais auf die Bühne gebracht hat?

Postmoderne Subjekte oder Götter-Quatsch?

Der Plot ist nämlich typisch griechisch hanebüchen: Gott Jupiter nimmt die Gestalt von Amphitryon an, der sich gerade im Krieg befindet. So kann Jupiter ungestört Amphitryons Frau Alkmene flachlegen, da diese ja denkt, ihren heimgekehrten Mann zu beglücken. Zitat Jupiter: "Auch der Olymp ist öde ohne Liebe." Wenn man schon göttliche Tricks drauf hat, warum nicht mal sinnvoll einsetzen?

Währenddessen muss Götterkollege Merkur Schmiere stehen, passend verwandelt als Amphitryons Diener namens Sosias. Schon bald kehren aber die echten Männer vom Krieg zurück, was erwartungsgemäß zu einigen Verwechslungen, Enttäuschungen und Missverständnissen führt. Die Krone des Ganzen hat Julia Hölscher immerhin gestrichen: Als alles aufgeklärt ist, wünscht sich der echte Amphitryon als Wiedergutmachung von Jupiter: einen starken Sohn (Herkules).

Trotzdem fragt man sich, was man aus dem "Identitätsproblem" von Amphitryon (Christoph Hohmann) ziehen soll, wenn er plötzlich seinem alter Ego Jupiter (Peter Pagel) gegenübersteht. Postmodernes Subjekt, Globalisierungsopfer oder prekäre Arbeitsmarktsituation? Oder nicht einfach nur Götter-Quatsch, peinlich plakatiert durch "realistisches" Erschrecken übers eigene Spiegelbild? Denn ein Problem mit der eigenen Identität haben weder Amphitryon noch analog Sosias (Michael Schrodt) durch sein alter Ego Merkur (Marcus Kaloff). Beide Menschen wissen im Grunde ganz genau, wer sie sind, wenngleich sie verständlicherweise etwas verblüfft sind, von ihren Doppelgängern zu erfahren.

Heißsporn, Memme und Arschloch

Bei Hölscher haben die beiden Dreier-Konstellationen auch mehr von Dreiecksbeziehungen als von Verwechslungsverwirrungen. Jeweils zwei Männer kämpfen um eine Frau: Einmal der cholerische Geschäftsreisende, der sich in letzter Zeit zu wenig Mühe gegeben hat (Amphitryon), gegen den charismatischen Heißsporn, die aufregende Affäre zum Zeitvertreib (Jupiter). Und dann eine wimmernde Memme (Sosias) gegen ein chauvinistisches Arschloch (Merkur), das endlich mal zeigt, wo's langgeht. Nach den göttlichen Appetithappen geht den Damen (Marianna Linden als Alkmene und Nele Jung als Sosias' Frau) aber auf, dass sie eigentlich doch nur die alte Hausmannskost mampfen wollen. Und für eine tiefere Beziehungsstudie ist das Verwechslungs-Motiv zu stark im Kleist'schen Stück verankert.

Sowieso liegt der Akzent bei Hölscher eher auf der Komödie denn auf der Tragik. Politisch total korrekt, mit kleinen Witzchen und ganz ohne Aufreger kommt der Abend aus, auf der eleganten, weißen Bühne mit riesenroter Stoff-Jalousie von Mascha Schubert. Das passt zwar prima zum Ort: Hier ist alles goldbesetzt und aus dem 18. Jahrhundert. Womit keinesfalls das Publikum gemeint ist, sondern das unter Friedrich dem Großen erbaute Theater im Neuen Palais. Warum man sich aber heute, und dazu noch als Nicht-Gott ohne Doppelgänger, mit Kleists "Amphitryon" beschäftigen sollte, kann Julia Hölscher nicht beantworten.

 

Amphitryon
von Heinrich von Kleist
Regie: Julia Hölscher, Bühne und Kostüme: Mascha Schubert, Künstlerische Mitarbeit: Martin Hammer, Musik: Tobias Vethake.
Mit: Peter Pagel, Marcus Kaloff, Christoph Hohmann, Michael Schrodt, Marianna Linden, Nele Jung

www.hansottotheater.de

 

Mehr Kleist im Kleist-Jahr gefällig? Zum Aufgalopp inszenierte Bettina Rehm in Rostock Kleists Vorlage, Molières Amphitryon, Dieter Dorn brachte in München zum eigenen Abschied Das Käthchen von Heilbronn und Armin Petras experimentierte in Dresden mit Das Erdbeben in Chili.


Kritikenrundschau

Manchmal "leicht lächelnd, meistens aber mit sehr großem Ernst" umzingle Julia Hölschers Inszenierung die Kleist-Frage, "was der Mensch ist und was ihn vom Göttlichen trennt", schreibt Frank Dietschreit in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (7.3.2011). Die Komödie sei hier "ein spannendes, intellektuelles Traumspiel geworden. Alles scheint nur Fantasie zu sein, Stoff, aus dem die erotischen Wünsche und Ängste sind." Erotomanische Götter und Menschen würden sich hier ähnlich: "Wo die Schranken zwischen ihnen fallen, kann es auch nicht sein, dass, wie bei Kleist, in jener seltsamen, verwirrenden Nacht Halbgott Herkules gezeugt wird. Das Kind: gestrichen. Und das 'Ach!', mit dem Alkmene die Sinnen-Verwirrung beendet, klingt nicht vieldeutig und lüstern, sondern eindeutig traurig."

Julia Hölscher habe sich "der heutigen Theater-Mode angepasst, Stücke der Klassik zu straffen", berichtet Klaus Büstrin in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (7.3.2011). Doch Kleists Lustspiel leide darunter nicht. "Denn Julia Hölscher hat das Stück auf seinen inneren Kern hinterfragt und das Wesentliche herausgearbeitet. Sie erzählt die Geschichte mit geballter Konzentration und anrührender Leichtigkeit, bei der die Schauspielerinnen und Schauspieler mit einer wunderbaren Ensembleleistung glänzen."

Ganz anders die Einschätzung von Lorenz Tomerius in der Märkischen Oderzeitung (7.3.2011): Hölscher könne "mit dieser geistvoll-erotischen Komödie offensichtlich nicht viel anfangen. Sie zerrinnt ihr in nur 75 Minuten und hinterlässt wenig Eindruck." Die Götter wirkten, als seien sie "aus einem Prekariatsolymp zu den Sterblichen geflohen", sprich: "Sie sind schon äußerlich farblos und nichtssagend." Die menschlichen und göttlichen Liebesakteure "treten im Feinripphemd auf und dozieren entsprechend kleinkariert". Mit Ausnahme von Peter Pagel als Jupiter werde "Kleists unverwechselbare Sprache" vom Ensemble in "Ton und Diktion" kaum getroffen.



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