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Selten sexy

von Alexander Kohlmann

Kassel, 11. März 2011. Sex sells – das gilt offenbar nur eingeschränkt für Justine del Cortes gleichnamiges Stück, das gestern Abend in Kassel doch noch seine deutsche Erstaufführung feiern durfte. Doch noch, weil "Sex" bereits 2008 in Zürich uraufgeführt und dann trotz des werbewirksamen Titels nirgendwo in Deutschland nachgespielt wurde. Und ganz ehrlich: Wer den Text liest, weiß auch warum. Ein bisschen verklemmt und über weite Strecken ziemlich trivial kommen del Cortes zehn Szenen daher, in denen junge und alte Menschen – nun ja – Sex haben und sich davor, dabei und danach auch noch mehr oder weniger kluge Gedanken über das machen, was sie da tun (Kostprobe: "Ich stecke in ihr drin, das gibt es doch nicht").

Welche Gründe das Staatstheater Kassel bewogen haben mögen, ausgerecht diesen Text ins Schauspielhaus zu bringen, bleibt dann auch so undurchsichtig wie das Wasser, das aus einem langen Rohr in den weiß getünchten Bühnenraum spritzt. Viel spannender war bei der Premiere die Frage, ob es Johannes Schütz, Jürgen Goschs langjährigem Bühnenpartner, in seiner Inszenierung gelingen würde, aus dem ziemlich unsexy Textabenteuer doch noch etwas Spannendes, vielleicht sogar Aufregendes auf die Bühne zu zaubern.

Männlichkeit, wo bist du?

Die Inszenierung macht es sich wirklich nicht eben einfach. Die schwerwiegendste konzeptionelle Entscheidung ist das Fehlen der Männer: Denn Sex haben in Kassel ausschließlich Frauen. Die männlichen Rollen werden allerdings nicht etwa in weibliche verwandelt (überhaupt fehlen homoerotische Szenen ganz), sondern die Schauspielerinnen versuchen, Jungs zu spielen – und werden dafür am Ende mit kräftigem Applaus belohnt. Einschlägige Gendertheorien lassen grüßen, nur leider führt dieser Geschlechtertausch dazu, dass gerade die nicht-weiblichen Charaktere an diesem Abend oft klischeehaft und überzeichnet daher kommen. Vielleicht hätte ein Hauch mehr Männlichkeit der Sache dann doch ganz gut getan.

Überhaupt gleiten viele der Duo-Szenen (auch Dreier gibt es nicht) allzu sehr ins Slapstickhafte ab: Etwa wenn ein Klempner (Birte Leest) immer größere "Werkzeuge" auspackt, um die Frau (Anke Stedingk) zu befreien, die sich mit ihrem Fuss im Abfluss (!) des Bühnenkastens verfangen hat. Die Schauspielerinnen agieren in Momenten wie diesen so comichaft überdreht, dass wirklich keine Identifikation mehr möglich ist, aber auch sonst nicht klar wird, wohin diese Szenen führen sollen. Fast entsteht der Eindruck, als wolle man sich hier durch Distanzierung von den offensichtlichen Textschwächen absetzen. Nur: Warum dann nicht gleich die Szenen ganz streichen, wie bei der Züricher Uraufführung geschehen?

Surreal am Schwanensee

Doch es gibt auch Höhepunkte, die bezeichnenderweise fast immer diejenigen Momente sind, die von Ensemble und Regie erkennbar ernst genommen werden. Das Pärchen zum Beispiel (Nora Dörries und Agnes Mann), das erst im Gartenschlauch-Regen zueinander findet, sich dann auf einer imaginierten, pantomimisch-kippeligen Surftour verliebt, und schließlich nach einem Koitus Interruptus verstört auseinandergeht. Oder die alternde Frau (Geno Lechner), der vor ihrem jugendlichen Liebhaber (Agnes Mann) die Tränen kommen, weil er ihr Alter nicht riechen kann.

Oder auch das Mädchen am See, deren potenter Liebhaber sich als ein weißer Schwan entpuppt: Nora Dörries spielt diese Szene so ernsthaft und verträumt, dass man trotz des obskuren Textes merkt, dass sich hinter der Oberfläche ein echtes Geheimnis verbirgt. Und in dieser einen surrealen Szene ist "Sex" vielleicht näher am Thema dran, als in den bemühten Aktionen der vielen situativ gespielten Darstellungen. So bleibt das Erlebnis sehr zwiespältig: irgendwo zwischen unterhaltsamem Karneval und aus dem Hinterhalt zupackenden, doch noch berührenden Momenten.

 

Sex
von Justine Del Corte
Regie und Bühne: Johannes Schütz, Regie-Mitarbeit: Justine del Corte, Kostüme: Lane Schäfer, Musik: Wolfgang Siuda, Dramaturgie: Michael Volk.
Mit: Nora Dörries, Geno Lechner, Birte Leest, Marie-Claire Ludwig, Agnes Mann, Anke Stedingk, Christina Weiser.

www.staatstheater-kassel.de

 

Die Uraufführung von Justine del Cortes "Sex" besorgte der Burgtheater-Chef Matthias Hartmann, damals noch Intendant in Zürich.


Kritikenrundschau

Über eine "kräftig beklatschte deutsche Erstaufführung" von "Sex", berichtet Bettina Fraschke in der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (14.3.2011). Das Stück "fächert in zehn Szenen dieses existenzielle Bedürfnis auf, zeigt Annäherung, Kopulation und Zurückweisung und lässt die Theaterfiguren manchmal parallel zum Handeln auch noch laut denken." Allerdings, so dämpft die Kritikerin ihr Lob, werde der Facettenreichtum "durch die recht unterschiedliche Textqualität eingeschränkt, manche Szenen bleiben im betulichen Tagebuch-Sti"“. Regisseur Johannes Schütz habe für seine Inszenierung "zwei überzeugende Grundentscheidungen getroffen. Er lässt alle 23 Figuren von sieben Frauen spielen. Und er setzt die Verwandlung – das Entstehen von Theater – virtuos mit in Szene: sich umkleiden, mit Filzstift Brustwarzen auf den BH malen, die Bühne umräumen, in einer Plastikwanne Farbe vom Körper schrubben." Im leeren "blendendweißen“ Bühnenkasten, "in den über ein Rohr Wasser plätschern kann", könnten sich die Akteure "(fast) ausziehen, lüstern stöhnen, angedeutet Geschlechtsteile ineinanderfügen, ohne dass das peinlich oder pornografisch wird." Mit einem "gemischtgeschlechtlichen Ensemble wäre das grenzwertig."

Was zunächst an ein modernes Remake von Arthur Schnitzlers "Reigen" denken lasse, erweise sich in "Sex" als tragikomische Versuchsanordnung, schreibt Joachim F. Tornau in der Frankfurter Rundschau (14.3.2011): "In diversen Konstellationen werden Menschen, vom Teenager bis zur frustrierten Mittfünfzigerin, aufeinander losgelassen und haben Sex. Oder reden zumindest davon." Ein "Laboratorium mit Probenraumatmosphäre" habe Johannes Schütz dafür geschaffen: "Rampenlicht gibt es nicht; ein einziger Scheinwerfer beleuchtet mehr schlecht als recht die Bühne, dafür bleibt das Saallicht eingeschaltet. Die Bühne des Schauspielhauses füllt ein weißer Guckkasten, mit nackten Stühlen und Spiegeln als Garderoben für die sieben Schauspielerinnen, die sich die 23 Rollen teilen." Dass auch die Männer von Frauen gespielt werden, ermögliche "die eine oder andere hübsche Darstellung", sei aber kaum mehr als eine Fußnote: "Geschlechterrollen jedenfalls werden damit nicht aufgebrochen."

 
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