altPollesch in love?

von Matthias Weigel

Berlin, 18. Januar 2012. Eine Viertelstunde vor Vorstellungsbeginn kommt er mit roten Backen angeradelt, der Fabian. Als sich die Menge im Saal der Volksbühne eingefunden hat, winkt er vom Bühnenrand noch schnell dem ein oder anderen zu. Eine Baggerschaufel lugt schon hinterm Seitenvorhang vor, während er auf der anderen Seite halbverdeckt in den Bühnenhimmel hinaufgezogen wird. Es ist, als habe ein guter Freund zur Voraufführung seiner neuen Show eingeladen, die er erst im kleinen Bekanntenkreise testen will. In jedem seiner noch so strengen Ausrufe wird später mitschwingen, dass es ja eigentlich ein bisschen lustig ist, dass er gerade uns jetzt diese sperrigen Sätze über Netzwerk und Kapitalismus hinschleudert, und dass er sich schon aufs gemeinsame Bier danach freut, um über alte Zeiten zu plaudern.

Weltklasse-Früchtchen im Akrobaten-Chor

Fabian Hinrichs, unser Freundchen, das Früchtchen, den Spargeltarzan, den Max-und-Moritz, den Oberschelm, man muss ihn lieben. Denn er liebt uns auch, bestimmt. Er scheint überhaupt alles und jeden grundsätzlich zu mögen, und wahrscheinlich hat er mit seiner entwaffnenden Menschenfreundlichkeit nun auch Regisseur-Autor René Pollesch endgültig rumgekriegt, beim neuen Stück "Kill your Darlings! Streets of Berladelphia".

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Fabian Hinrichs umarmt das Publikum – im Mehrwert-Krakenkostüm. © Thomas Aurin

Vor ziemlich genau zwei Jahren schickte Pollesch Fabian Hinrichs in Berlin ganz allein in den Ring, um uns interpassiv auf den Verblendungszusammenhang hinzuweisen. Bereits damals hatte es für Pollesch-Verhältnisse verdächtig warmherzig gemenschelt. Jetzt ist Hinrichs mit einem Chor zurück – ein Mittel, auf das Pollesch in den letzten Jahren öfters zurückgegriffen hat (u.a. Ein Chor irrt sich gewaltig, Mädchen in Uniform). Und es ist nicht irgendein Chor, hören wir: Nicht etwa ein Arbeiter-Chor, ein Chor des Proletariats oder der kommunistischen Genossen – alte Hüte. Diesmal repräsentiert der Chor nicht weniger als den Kapitalismus höchstpersönlich, und zwar als Netzwerk! Das sich zusammensetzt aus fünfzehn jungen Turn-Akrobaten.

Sie schweben zu Beginn mit Hinrichs auf die Bühne. Schon seit ein paar Minuten läuft der knackige Schlagzeug-Beat, der das (sonst getragene) Streets of Philadelphia von Bruce Springsteen einleitet. "Achtung, wir springen jetzt", sagt eine Stimme, "Mut, Mut, Mut", und das letzte gedehnte "U" geht nahtlos über in die triefenden Synthesizerklänge des Weltschmerzes. Weltklasse.

Übrig bleibt die Pizza

Also früher!, früher hätte es sowas nicht gegeben bei Pollesch. Im Programmzettel finden sich zwei rote Herzen, aber keine Geisteswissenschaftler. Und Hinrichs' Spiel macht die Thematisierung der Theatersituation ja sowieso überflüssig. Was bleibt also? Fabian Hinrichs will nicht mit dem Netzwerk des Kapitalismus ins Bett gehen, er zankt, zieht, zerrt an den Turnern. Menschenpyramiden, Menschen-Sofas, Menschen-Treppen entstehen, choreographierte Illustrationen seiner Sätze. Die Theorie war nie leichter.

Doch das wirkliche Problem an diesem Abend ist auch ein anderes. "Dass es uns heute Abend nicht reicht, dass wir zusammen Pizza essen gehen, das ist wirklich gefährlich." Das ist es. Natürlich reicht es uns nicht. Wir wollen nicht, dass es uns reicht. Wer gesteht sich schon gerne ein, dass einem nicht mehr einfällt, als Pizza essen zu gehen.

Zum Beispiel: Um sich die (durchwegs beeindruckend virtuosen) Akrobaten allein in einer Mehrzweckhalle anzusehen, da hat Hinrichs recht, würde wohl keiner 45 Euro hinlegen. Es muss ein Mehrwert her, in der Volksbühne: Musik, Kraken-Kostüm, Lichtshow! Wir brauchen einen Mehrwert! Ach, übrigens war der zweisame Urlaub auf Sylt auch langweilig. Es fehlte etwas.

Liebe und Leim

Das alles umspielt auch eine tragische Liebesgeschichte. Ja, Pollesch und Hinrichs erzählen tatsächlich ein bisschen von der Liebe, die dem postdramatischen Entzauberer sonst doch eher entlarvungswürdiger Verblendungszusammenhang war. Oder von deren Ende, wenn die große Liebe auf einmal nur noch Pizza Essen ist und plötzlich eine Panna Cotta her muss. Von der Sucht nach immer höheren Dosen.

Das ist, wenn man den Schluss ziehen will, ja auch Polleschs Verhältnis zum Theater. Die Pizza gab's bei ihm nie ohne den theoretischen Mehrwert, es reichte ihm nie, bis zur völligen theoretischen Über- und Unterwanderung, Abschnürung, Aushebelung. Eigentlich fasst er in "Kill your Darlings!" seine Stücke in ein paar Sätzen zusammen: "Gibt es eine Antwort? Ja. Aber wir mussten sie raus schneiden. Ihr hättet das einfach nicht ertragen, und wir hätten das auch nicht ertragen. Es war eine Antwort, die nicht zu leben ist." Diese durch Fabian Hinrichs personifizierte Selbstbefragung ist als Pollesch-Theater-Theaterstück sehr berührend. Trotz aller natürlich vorhandenen Ironie, trotz der Brechungen und Zweideutigkeiten: "Kill your Darlings!" schüttelt sich ganz sanft den eigenen Mehrwert des Theoriedefätismus' ab und bejaht das Leben, umarmt die Menschen. Ganz warm, ganz nah, ganz herzlich. Pollesch hat seine Darlings gekillt.

Und wenn ich ihm jetzt so richtig auf den Leim gegangen bin – so tat ich's gern.

 

Kill your Darlings! Streets of Berladelphia (UA)
Regie: René Pollesch, Bühne und Kostüme: Bert Neumann, Licht: Frank Novak, Torsten König, Dramaturgie: Henning Nass.
Mit: Fabian Hinrichs und Chor (Eduard Anselm, Johanna Berger, Christin Fust, Hannes Hirsch, Emma Laule, Ronny Lorenz, Martina Marti, Fynn Neb, Rudolph Perry, Simone Riccio, Nicola Rietmann, Paula Schöne, Anna Smith, Lukas Vernaldi und Claudia Vila Peremiquel).

www.volksbuehne-berlin.de

 

Noch mehr lesen über die gemeinsamen Arbeiten des fabelhaften Duos Pollesch/Hinrichs? Bitte schön: Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang! in der Volksbühne (Januar 2010), Der perfekte Tag (Ruhrtrilogie III) in Mülheim an der Ruhr (Juni 2010), XY Beat an den Münchner Kammerspielen (November 2010).

 

Kritikenrundschau

"Wieso rufst du mich nicht an. Du hast doch meine Nummer. Ich sitze zu Hause rum und du bist nicht da." - Wer hätte gedacht, dass wir solche Sätze in einem Pollesch-Stück zu hören kriegen werden, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau (20.1.2012) und fragt sich: "Ist das ein Pollesch-Paradigmenwechsel, weg von den bescheidwisserischen Theorie-Verwurstelungen hin zu unverstellt privaten Problemen, wie der hoch geschätzte Kritiker-Kollege, der dem hier schreibenden gegenüber sitzt, vermutet?" Oder sei da nur eine künstlerische Resignation zum Vorschein gekommen? "So oder so ist Pollesch irgendwie die Ironie ausgegangen", findet Seidler, und das mache durchaus neugierig.

Die Inszenierung jongliere mit den alten antikapitalistischen Behauptungen, aber nur, um sie sofort wieder in freiem Spiel und Doppelbödigkeiten aufzulösen, so Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (20.1.2012). "Jede von ihnen hat hier eine Rückseite, ihr genau so schlagendes Gegenteil." Hinrichs katapultiere sich im Solo durch einen Text, der gleichzeitig hochbeschleunigtes Gedankenspiel, scheinbar privates Statement und vor allem eine große Freude ist. Fazit: "So lustig, klug, bei allen Selbstreferenzschleifen präzise in der Gesellschaftsdiagnose war das Theater lange nicht."

"70 Minuten Zuschau-Rausch", sah Christine Wahl (Tagesspiegel, 20.1.2012), und schreibt, "was diesen Abend so herausragend macht, ist die Tatsache, dass man ihn auf unzähligen Ebenen gleichzeitig lesen kann." Das Allerbeste sei, dass man auch ohne Brecht, Schleef, Jean-Luc Nancy & Co. ein komplexes Vergnügen an ihm finden könne. Dafür sei Fabian Hinrichs verantwortlich, der den oft als ausgeschöpft beschriebenen PolleschSound "noch einmal neu hinterfragt und ihm dabei überraschend vielgestaltige Töne abgewinnt". Man verlasse die Volksbühne so gut gelaunt wie schon lange kein Theater mehr.

"Auch diesmal ist Polleschs Theater wieder Boulevard für Intellektuelle, aber wärmer, emotionaler als sonst", lobt auch Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (20.1.2012). Natürlich gebe es wieder die absurden Reibungen zwischen Theorien und Camp, dem großen Ganzen und dem Individuum. "Und es gibt die Glamourshow-Versatzstücke, Morrissey singt, Michael Jackson tanzt übergroß als Projektion, und wenn Hinrichs am Beispiel der Turner den Mehrwert von Kapitalismus und Sinn erklärt, dann orgeln die Scheinwerfer und dröhnt der Pop das schön anschaulich: Sporthalle ist wirklich was anderes."

"Agitprop für die wissende Mittelschicht", so deutet Mathias Greffrath den Abend in der taz (1.2.2012), "um ihre Sinnsucht zu provozieren, ihren Suchtrieb zu locken." Diese Mittelschicht sei, was das Proletariat einst war: "eine Klasse von Menschen, ohne die nichts lief und denen es nicht reichte, was man ihnen gab. Die in einer langen Lehre lernen mussten, dass es keine individuellen Lösungen gibt." "Wir hatten die Antwort, es war die beste Antwort. Sie war richtig, aber nicht zu leben", rufe Hinrichs in den Saal, "und ironisch lugt unter dem säkularen Erlösungsbegehren eine untergegangene Welt hervor: Hinrichs sei die zeitgemäße Mutter Courage und spannt sich vor diesen Satz wie die Weigel vor den Karren. Die Szene treibt historisch wehmütige Tränen ins Auge, aber diese Courage verteilt keine Aufmunterungen, sondern Saunahandtücher."

 

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