altProjektionsfläche Feldmarschall

von Steffen Becker

Ulm, 26. Januar 2012. Das Gas in Auschwitz weckte auf der Zunge den Geschmack von Bittermandel, "nein von Malz-Bonbons aus Großvaters Fabrik". Im Stück "Rommel – ein deutscher General" am Theater Ulm berichtet der Geist einer jüdischen Deutschen (Ulla Willick) mit dem Ausdruck milden Erstaunens vom Erlebnis der Gaskammer, den Momenten der eigenen Vernichtung und der effizienten Beseitigung ihres Körpers. Darin kristallisiert sich kalter Schrecken und vertreibt jede Lust, in Mythen zu schwelgen.

Das jüdische Altersheim, in dem die Dame lebte - interniert, aber überzeugt, dass alles wieder gut wird - gehört nun einem Mann, der einen solchen Mythos begründet hat.
Generalfeldmarschall Rommel erholt sich hier im schwäbischen Herrlingen von seiner Verwundung. In der Nazi-Familienaufstellung, die die Autoren Michael Sommer und Stephan Suschke mit ihrem "Rommel" veranstalten, nimmt der Geist der Vergasten daher eine Schlüsselrolle ein. Neben ihr Rommel als nach historischem Vorbild konzipierte Figur, die für die Untrennbarkeit von soldatischem Pflichtbewusstsein und der Beteiligung an einem verbrecherischen System steht.

Kleistsche Todesfurcht

Es bleibt nicht die einzige Ebene, die Autor und Regisseur Suschke in die Aufführung einzieht – unterstützt von einer Bühne (Momme Röhrbein) mit blanken Betontreppen, wenig Mobiliar und einem Volksempfänger, die sich als Projektionsfläche für die verschiedenen Schauplätze von Wohnraum bis Führerhauptquartier eignet. In der Form eines Historienstückes, das die letzten 24 Stunden Rommels dokumentiert und mit Wochenschau-Ausschnitten sowie szenischen Rückblenden  kombiniert, wagt er etwa ein Spiel mit literarischen Vorbildern seiner historischen Gestalt. rommel 280q jochenklenk xFoto: Jochen Klenk

In Träumen vor dem angekündigten Eintreffen zweier Generäle aus Berlin sieht Rommel seinen Sohn Manfred (Max Rechtsteiner) als Kleists Prinz von Homburg, der die Hinrichtung wegen Befehlsmissachtung erwartet und in letzter Sekunde gerettet wird. Diese auf den ersten Blick surreal anmutenden Szenen funktionieren, weil sie dem Publikum in der Auseinandersetzung mit Rommel spannende Facetten eröffnen. Kleists Prinz durchlebt eine Todesfurcht, die sich ein Wüstenfuchs nicht einmal im Traum ungeschminkt eingestehen will. Bedenkt man die propagandistisch verdrehte Deutung des Kleist-Werkes in der NS-Zeit, thematisieren die "Rommel"-Autoren so auf einer Metaebene den Missbrauch des Soldaten Rommel durch die Nazis wie auch seine Verstrickung.

Suche nach Spielweisen für das Böse

Gunther Nickles gebührt das Verdienst, dass die Entmythologisierung der Figur Rommel schauspielerisch gelingt. Sein Rommel ist weder "Wüstenfuchs" noch dessen Abziehbild. Nickles spielt einen Verwundeten, der nur wieder zu seiner Truppe und seine Zweifel wegschieben will. Er verbietet sich in seiner Haltung Resignation. Seine Hilflosigkeit kommt nicht in Theatralik zum Ausdruck. Eher in unbeholfenen Anläufen, seine Rolle als Kriegsheld im Angesicht ihrer Sinnlosigkeit aufrecht zu erhalten. In den Unterhaltungen mit seiner Frau Lucie (resolut-naiv: Christel Mayr) schwankt er hin und her zwischen dem Bedürfnis nach Offenheit und soldatischem Haltung-Bewahren.

Einen schalen Beigeschmack erhält diese glaubwürdig Darstellung in den Begegnungen mit Adolf Hitler. So nüchtern und doch berührend Ulla Willick als jüdischer Hausgeist ihr Schicksal schildert, so überdreht-zackig agiert sie als Mann mit dem Bart. Eine Witzfigur Hitler lässt die Ehrfurcht  Rommels nicht einleuchtend erscheinen. Damit das Gesamtbild dennoch passt, lässt die Regie einige Szenen ins Bizarre driften  – wenn Hitler doziert, legt Rommel seinen Kopf wie ein kleiner Junge in den Schoß des Führers. Die Antwort auf die Frage "wie das Böse porträtieren?" vermag einen mit "wie Helge Schneider" nicht zu überzeugen.

Rommel - ein deutscher General
von Michael Sommer und Stephan Suschke
Regie: Stephan Suschke, Bühne und Kostüme: Momme Röhrbein.
Mit: Gunther Nickles, Christl Mayr, Max Rechtsteiner, Fabian Gröver, Wilhelm Schlotterer, Karl Heinz Glaser, Ulla Willick.

www.theater.ulm.de

 

Kritikenrundschau

Weder ästhetisch noch durch einen eigenen Ansatz konnte dieser "nüchterne" Abend Adrienne Braun von der Süddeutschen Zeitung (28.1.2012) überzeugen. Dabei hätten die letzten Stunden Rommels, in denen Stephan Suschke und Michael Sommer ihr Stück spielen lassen, aus Sicht der Kritikerin durchaus dramatisches Potential, erinnere die Ausweglosigkeit des Generals doch an eine klassische Tragödie. Trotzdem bleibt die Figur für Adrienne Braun im Vagen. In der Stoffpräsentation ebenso wie in der Darstellung des Titelhelden. Die Dialoge seien mit Informationen abgefüllt und wirkten bleiern und phrasenhaft. "Sobald es interessant wird, schieben die Autoren spröde Rückblenden ein. (...) Schnitt - und alle Spannung ist perdu. Fatal erweist sich der Versuch, das Dokudrama literarisch zu adeln durch Anleihen bei Kleists 'Homburg' und mit Passagen, die dessen elaborierten Duktus kopieren. 'Hörn Sie mir auf mit den Theaterversen. Hier geht"s um Deutschland, nicht um Budenzauber', weist Hitler Rommel zurecht - und man muss ihm leider recht geben."

"Durchaus gelungen" findet dagegen Jürgen Kanold von der Ulmer Südwestpresse (28.1.2012) das Stück. Aus seiner Sicht haben Michael Sommer und Stephan Suschke mit diesem präzisen und formbewußten Abend fast alles richtig gemacht. "Sie haben dem Theater Ulm zunächst mal mit einem lokalen und trotzdem überregionalen Stoff eine veritable, weithin beachtete Uraufführung beschert. Sie haben auch äußerst sorgfältig recherchiert und zeigen im Foyer begleitend Ausstellungsfahnen mit den historischen Fakten." Das Stück wäge die Argumente gut ab, spitze nicht zu, weshalb es mitunter auch etwas brav auf den Kritiker wirkt. Es sei lohnende Geschichtsstunde und Tragödie zugleich: "Der Zuschauer wird nicht überrollt, er muss sich eine Meinung bilden." Gelungen sei das Stück nicht zuletzt deshalb, "weil es den Zuschauer nicht loslässt, zum Nachdenken anregt."

"Längst gewusst. Szenischer Schulfunk," schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (28.1.2012) - wo er das "zusammengenähte" Stück gemeinsam mit Chistian Stückls Münchner Hochhuth-Inszenierung Der Stellvertreter bespricht. Auch lastet Stadelmaier diesem Abend an, dass sich das Theater das Theater vom Leib halte: "indem es nichts weiter sein will – als Theater." Richtig übel nimmt dieser Kritiker den "Trick mit den 'Homburg'-Versen". "Weil Rommel einmal einen Befehl verweigerte oder besser: etwas weit auslegte, hat man Kleists Prinzen von Homburg, den berühmtesten Befehlsmissachter der Dramengeschichte dem guten Rommel auf die schwere Zunge gelegt." Abgesehen davon, dass es aus Stadelmaiers Sicht ein "ziemlicher Schmock ist, wenn Frau Rommel ihren Erwin fragt, ob er den 'den Kühnen' (Hitler) irgendwann 'beleidiget' habe," denke der Kurfürst rechtsstaatlich. "Hitler aber, der den Feldmarschall Rommel, der kein Träumer war und im übrigen mit seinen Truppen, typisch geiziger Schwabe, eher sparsam haushielt, zum Tode verurteilte (...) dachte weder rechtsstaatlich noch rechtlich. Hitler in die Nähe einer rechtlichen Kleist-Figur zu bringen, ist dumm und fahrlässig."

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