Die Diener des Apollon

13. September 2012. Martin Krumbholz, geboren 1954 in Wuppertal, ist promovierter Literaturwissenschaftler und Theaterkritiker unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Theater heute und nachtkritik.de. Am morgigen 14. September wird sein erstes Drama Grandhotel Bogotá von Martin Ratzinger am Staatstheater Darmstadt uraufgeführt. Anlass für Christian Rakow, den Kritikerkollegen zu seinem Seitenwechsel zu befragen.

Martin Krumbholz, "Grandhotel Bogotá" ist der ungewöhnliche Fall eines Krimis, bei dem der Kommissar, den alle fürchten, gar nicht auftaucht. Hatten Sie keine Lust, eine analytische Spürnase vom Schlage eines Columbo zu erfinden?

Nein. "Bogotá" ist eigentlich gar kein Krimi. Der Krimi ist nur so etwas wie der Grundbass, den das Stück braucht, um voranzukommen. Es geht mir vielmehr um die spinnwebzarten Beziehungen zwischen den Figuren, die in diesem Hotel versammelt sind und, wegen des Mordes, nicht wegkönnen. Es geht um Idiosynkrasien, Ängste, Begehrlichkeiten und darum, wie die Figuren sie artikulieren oder verbergen.

Die Leiche in "Grandhotel Bogotá" ist übrigens ein Schriftsteller. Übellaunige könnten sagen: "Typisch, da schreibt ein Kritiker schon mal ein Theaterstück und gleich als erstes lässt er wieder einen Schriftsteller sterben!"

Ich bin selbst manchmal übellaunig und versuche diesen Einwand zu verstehen. Aber Mandelkern, das Opfer, trägt ja nicht umsonst so einen beziehungsreichen Namen. Der Mandelkern ist ein kleines, aber höchst wichtiges Teil im Gehirn, zuständig für impulsive emotionale Reaktionen. Ohne ihn ist der Mensch nicht lebensfähig.

Leisten Sie mit ihrem Seitenwechsel ins dramatische Fach der gängigen Annahme Vorschub, dass Kritiker eigentlich verhinderte Künstler sind?

Kritiker sind, einem Wort von Nietzsche zufolge, "negative Künstler". Aber warum sollte dieser negative Impuls nicht eine positive Kehrseite haben? Ich tendiere vorläufig zu der Ansicht, dass Prosa, Drama, Essay, Kritik nur unterschiedliche Gattungen innerhalb des Literarischen sind, unterschiedliche Möglichkeiten der Erkenntnis von Wahrheit. "Kritiker haben eine heimliche Liebe zu Kontinuitäten", hat der Kritiker Harold Bloom notiert. Das Adjektiv "heimlich" könnte man getrost streichen. Ich propagiere mit meinem Auftritt die Diskontinuität. Es muss doch erlaubt sein, irgendwann im Leben eine Neubeschreibung seiner Ambitionen vorzunehmen, mit allen damit verbundenen Risiken natürlich. Aber ob ich tatsächlich ein Dramatiker bin, das wird sich frühestens auf der Bühne zeigen. Stücke leben erst auf der Bühne.

Negatives Künstlertum bedeutet: zu sagen, was alles nicht der Fall ist. Man könnte einwenden, gerade Ihr Seitenwechsel – den ja auch andere Literaten wie Botho Strauß vollzogen haben – entbirgt eine ästhetische Dimension, die in der Arbeit des Kritikers immer schon anwesend ist. Wie viel positives Künstlertum steckt in Kritik?

martin krumbholz 280 c felix krumbholz uMartin Krumbholz © Felix Krumbholz Ich frage mich eher: Wie viel analytisches Temperament steckt im Dramatiker? Und die Antwort wäre wohl: eine ganze Menge. Gleichwohl ist das Stückeschreiben das größere Abenteuer. Wenn ich anfange, eine Kritik zu schreiben, habe ich sie meistens schon fertig im Kopf. Beim Stückeschreiben ist das anders. Man hat einen Plan, doch der kann und wird sich ändern. Aber da fällt mir noch ein anderes wunderbares Begriffspaar von Nietzsche ein. Was den Kritiker vom Künstler unterscheidet: Beim Kritiker ist, glaube ich, das apollinische Element stärker ausgeprägt, beim Künstler das dionysische. Sinnlicher und sinniger kann man es nicht sagen.

Sie haben am Anfang Ihrer Karriere, nach einer Promotion in Literaturwissenschaft, an verschiedenen Theatern als Dramaturg und Regieassistent gearbeitet. Wie haben diese Erfahrungen Ihr Profil als Kritiker mitgeprägt?

Das ist rückblickend sehr schwer zu beurteilen. Ich fürchte allerdings, dass ich schon als Assistent einen furchtbaren Kritiker in mir zu verbergen bzw. zu entbergen hatte. Ein promovierter Regieassistent, das ist an sich schon ein Problem. Das Theater ist doch ein recht praxisorientiertes und eher theoriefernes Unternehmen, wenn man von Spezialfällen wie Peter Stein absieht. Trotzdem denke ich, dass mir meine praktischen Erfahrungen nicht geschadet haben und würde jedem angehenden Kritiker empfehlen, zumindest ein Theaterpraktikum zu absolvieren. Schon deswegen, weil man ein Gefühl bekommt für die Empfindlichkeit von Schauspielern.

Besuchen Sie Proben zur Inszenierung Ihres Stückes in Darmstadt?

Ich habe an einer Leseprobe teilgenommen und werde eine Hauptprobe besuchen. Ich sehe allerdings eine gewisse Gefahr darin, dass ich als Autor der Inszenierung gegenüber wiederum als Kritiker auftrete. Das ist ein Problem, weil es dem Regisseur und dem Team gegenüber unangemessen wäre. Ich werde sozusagen den alten Adam abstreifen müssen. Wie das geht, weiß ich auch noch nicht. Es wird eine interessante Erfahrung sein.

Manche Kritiker, Gerhard Stadelmaier zum Beispiel, vertreten die Auffassung, dass sich Kritiker von den Produktionszusammenhängen des Theaters fernzuhalten haben. Wie ist es möglich, als Dramatiker aktiv zu werden und trotzdem eine kritische Unabhängigkeit zu bewahren?

Stadelmaier hat, wie so oft, recht. Vergessen Sie nicht, dass Kritiker Menschen sind, die ständig andere verletzen. Das lässt sich nicht ändern, und jede Form von Kumpanei kaschiert und beschönigt das nur. Den zweiten Teil Ihrer Frage kann ich noch nicht beantworten. Ich muss diese Erfahrung erst einmal machen. Ich weiß vorläufig nur eins: Wenn die Aufführung nach der Premiere verrissen wird, bin ich genauso betrübt wie jeder andere Autor auch.

Inwieweit ist Ihr Stück "Grandhotel Bogotá" auch ein ästhetischer Gradmesser? Sagen Sie damit: "So, schaut mal her, das ist die Kunst, die ich verfechte?"

Ja. Natürlich. Was ja nicht heißt, dass ich andere Ästhetiken nicht auch goutieren kann. Ein Text oder eine Performance muss doch nur intelligent und stimmig und inspirierend sein, dann wird man sie auch respektieren. Aber die Frage nach den Maßstäben ist immer schwieriger zu beantworten. Es ist eben nicht mehr so einfach mit der Kritik wie zu Reich-Ranickis Zeiten. Ein Reich-Ranicki konnte mit relativ simplen Kriterien eine Marke etablieren: Ein Buch sollte eine Geschichte erzählen; man sollte sich den Autor als intelligenten Zeitgenossen vorstellen können usw. Das entsprach im Großen und Ganzen sogar den Erwartungen der schmalen Schicht, die überhaupt fiktionale Literatur liest. Heute versuchen die besten Kritiker zu differenzieren, aber je mehr sie differenzieren, desto weniger werden sie wahrgenommen, weil es so viel Platz und so viel Aufmerksamkeit gar nicht mehr gibt. Aber ich wollte keine Trübsal blasen. Was Ihre Frage betrifft nach der "Kunst, die ich verfechte": Findet die nicht eher im Kino statt? Haben Sie "Holy Motors" gesehen?

Den Film von Leos Carax, der dieses Jahr in Cannes Premiere feierte...

Das ist doch grandios. Wann erlebt man etwas Vergleichbares schon mal im Theater? Vielleicht hätte ich "Bogotá" auch in einer Stretchlimousine spielen lassen sollen.

Das maßgebende Ereignis findet im Kino statt... Ist das nicht eine arg resignative Einschätzung für einen Theatermenschen?

Nennen wir es: Theater-, Literatur- und Kinomensch. Aber nein, keine Spur von Resignation. Vielleicht sind die Unterschiede ja gar nicht so gravierend. Entscheidend ist, dass man auch nach Jahrzehnten das Theater noch mit dieser gewissen diffusen Vorfreude betritt, bereit, sich inspirieren zu lassen.

Erwarten Sie, dass die Resonanz auf Ihr Stück auch Konsequenzen für Ihre Arbeit als Kritiker hat?

Wenn es überhaupt eine nennenswerte Resonanz gibt... Nein. Das erwarte ich nicht. Es sei denn, ich hänge mich auf. Aber das werde ich nicht tun, ich habe eine Tochter, die ich ernähren muss.

Mit "dON jUAN" haben Sie bereits ein weiteres Stück geschrieben. Ist da noch mehr in Arbeit?

Ja. Ich schreibe momentan mein drittes Stück, es heißt "Villa Clementi". Darin geht es um... Nein, das lassen wir jetzt. Am Theater ist eine gehörige Portion Aberglaube zu Hause, das hat sicher seine guten Gründe.

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Kritiker als Dramatiker: alle Richtungen sind möglichErnst 2012-09-13 19:32
Ich verstehe die ganze Diskussion ehrlich gesagt nicht. Beim Film gäbe es sowas gar nicht. Fast die ganze Nouvelle Vague - Truffaut, Godard, Rohmer, Chabrol - bestand aus ehemaligen Kritikern und Filmwissenschaftlern. Es ist doch völlig fernliegend, zu behaupten, ein Kritiker könne selbst keine Kunst schaffen oder andersherum: Einem Künstler mangele es an der Fähigkeit, eine gute Kritik zu verfassen.

Und nochmal zum Film: Herr Krumbholz hat leider gar nicht so unrecht in seiner Vermutung, daß die wirklich spannenden Sachen mittlerweile deutlich häufiger im Kino stattfinden als im Theater. Viele Ausnahmen auf Seiten des Kinos, wenige seitens des Theaters mal ausgenommen.
#2 Kritiker als Dramatiker: ein Bild aus der Zeit vor nachtkritik.deJ.A. 2012-09-29 14:09
Wieder einmal wird hier das "alte" Kritikerbild des übellaunigen, verletzenden Negativ-Künstlers propagiert. Ich dachte, darüber wären wir spätestens mit nachtkritik.de weg. Zu Gunsten einer Diskussion von Theatermenschen, die sich im besten Fall konstruktiv nach der Premiere fortsetzt. Ein echtes Gespräch, statt ein immerwährender Prüfungsausschuss mit Endnote.

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