Gezüchtigtes Müller-Pathos

von Esther Slevogt

Berlin, 28. November 2007. Heiner Müller und der Kulturbetrieb, das ist die Geschichte einer einst heftigen Affäre, aus der nun die Luft raus ist und sich der Liebhaber (also das Feuilleton) fragt, was ihn wohl ritt, als er dem Phänomen Müller verfiel. Denn dessen Dramen, besonders die, die er schon als privilegierter Reisender zwischen den Systemen verfasste, zwischen den Theaterkantinen der DDR und den Talkshows des Westfernsehens, lesen sich heute fast, als blicke man auf Pomp, Plüsch und Pathos der Historienschinken eines Hans Makart samt seiner fleischig nackten Heroinen und stählernen Heroen.

Schöner Stillstand der Geschichte

Dass man dem Schwulst einst selbst verfiel, ist einem heute fast ein bisschen peinlich. Aber damals, in jenen öden achtziger Jahren, als die Geschichte, eingeklemmt zwischen den hochgerüsteten Systemen, scheinbar zum Stillstand gekommen war, war man Müller dankbar, dass er zumindest auf dem Theater noch etwas bewegte, die historischen Altlasten zu saftigen Cocktails aus Diskurs und Kitsch verrührte, Denkmäler bluten ließ, Ikonen der Medien, Versatzstücke der Weltliteratur und des Pop zu einer eklektizistischen, aber irgendwie interpretatorisch auch beliebig dehnbaren Masse verschmolz und das Leiden an Deutschland zum talkshowkompatiblen Format entwickelte.

Und weil's damals so schön war, als man noch an Müllers Lippen hängen, in seinem geschichtsphilosophischen Fatalismus baden konnte, ist man dem letzten Arbeiter am Müller-Komplex, Dimiter Gotscheff, besonders dankbar, dass er immer noch auf Müllers Bedeutung als Gegenwartsdramatiker beharrt. Unermüdlich Stück um Stück auf die Bühne stemmt, den Blick auf den Horizont gerichtet: dorthin, wo der Klassikerhimmel beginnt. Denn irgendwie hofft man ja doch heimlich immer noch, dass man damals nicht dem Falschen verfiel.

Chorisches Sprechen im Schwarzen Loch Bühne

Nun also "Anatomie Titus Fall of Rome", jene Shakespeare-Übermalung aus dem Jahr 1984, in der Müller anhand von Shakespeares frühestem und blutrünstigstem Drama über die rachsüchtige Gotenkönigin Tamora, die der sagenhafte Feldherr Titus Andronikus samt ihres schwarzen Geliebten als Kriegsbeute nach Rom bringt, den Einbruch der Dritten Welt in die Erste demonstrieren wollte. Denn die Gotenkönigin Tamora und ihr Geliebter Aaron höhlen die Gesellschaft, die sie unterworfen hat, mit Mord, Hass und Terror aus, bis sie demoralisiert zerfällt. Theoretisch könnte das auch heute noch als Kommentar auf den Terrorismus funktionieren.

Die Bühne ist finster und leer. Mark Lammert hat sie als eine Art Schwarzes Loch konzipiert, dessen Ränder in diffusem Licht verschwimmen. Von hinten tritt alsbald ein Trupp Komödianten in Erscheinung, zum chorischen Block formiert, und beginnt, vom Sieg des Titus Andronikus über die Goten zu künden, von der gefangenen Gotenkönigin Tamora, die nun als Beute an den Kaiser fällt. Das Pathos scheint angesichts des blutigen Stoffes ziemlich gemäßigt, ja fast gezüchtigt, in dessen Verlauf Söhne geschlachtet, Gliedmaßen abgehackt, Zungen herausgerissen, vergewaltigt und massenhaft gemordet wird.

Vorbildlich geordnete Textmassen

In wohltemperiertem Schritt schreitet die Formation langsam nach vorne, während sie wüste Worte spricht. Manchmal schälen sich einzelne Stimmen heraus und deuten schon die Figuren an, mit denen wir es später zu tun haben werden. Sonst bleibt alles ruhig. Mit theatralischer Geste fällt nur eine enorme gelbe Stoffbahn aus dem Bühnenhimmel herab und bedeckt den Boden wie eine klebrige Honigschicht. Auf wundersame Weise wird sie immer wieder in den Bühnenhimmel zurückkehren und hier mal als gewaltig wehender Mantel der Geschichte, mal als drohende Wand oder rotierender gelber Wirbelsturm (von Bert Wrede mit dräuendem Ton unterlegt) für dramatische Momente sorgen.

Unten auf der Bühne müht sich die Inszenierung derweil damit ab, das Drama und sein Pathos in Grenzen zu halten. Und so bewundert man zwar die dramaturgische und handwerkliche Kunstfertigkeit, mit der hier Müllers Textmassen zu einem geordneten Drama sortiert worden sind, dem man fast anstrengungslos folgen kann. Fragt sich aber recht bald, wohin das eigentlich führen soll.

Ruhig bleibt es im Kampf der Kulturen

Sobald sich die Figuren nämlich aus dem chorischen Block gelöst haben, spielen die Schauspieler immer mehr für die Rampe und fassen jede pathetische Müllerstilblüte mit spitzen Fingern an. Gehen so sehr in dem Bemühen auf, ein richtiges Stück und richtige Figuren zu spielen, dass es fast schon rührend ist. Doch weil das Stück als Text mit so großspurig fuchtelnder Geste auftritt und seinen blutigen Fatalismus entfaltet, wirkt es in der Befriedung durch Gotscheffs rampenbewußte Regie nun auf einmal besonders banal und zahnlos. Wie ein mittelmäßiger Shakespeare auf einer Stadttheaterbühne.

Da ist Margit Bendokat, die mit ihrem typisch gedehnten und den Text sorgfältig filetierenden Ton Kaiser Saturnin spielt, aber auch Heiner Müllers berühmten Kommentar spricht, in dem er sich "unter dem grauen Mantel seines Niemandsnamens" direkt neben dem größten Schreibtischtäter der Weltliteratur Shakespeare platziert. Da ist Jule Böwe, die Andronikus' Tochter Lavinia erst als nölende Schlampe und später als krächzendes Elendshäufchen mit zitternd-verkrümmten Armstümpfen und verunglückten Ausflügen ins Pathos gibt. Sebastian Blomberg erst als öliger Kaiserbruder Bassian und dann als verklemmt-heroischer Feldherrenbruder Marcus Andronikus.

Der Schwarze ist hier nicht Schlüsselfigur

Stefan Konarske und Marco Kreibich, die Tamoras Gotenprinzen als gewaltbereite Ghettokids geben und dazu auch mal in den inzwischen ziemlich wohlfeilen "Voll-Krass-Alter"-Jargon verfallen. Almut Zilcher als mondäne, männermordende Gotenkönigin. Und Wolfram Koch als Titus, der seine ganze Schauspielervirtuosität daran verschenkt, aus diesem Konstrukt einen ordentlichen Theaterhelden zu machen.

Und dann ist da noch Samuel Finzi, der den Neger Aaron spielen muss. Sozusagen die Schlüsselfigur in diesem behaupteten Kampf der Dritten Welt mit der Ersten: der Tamoras Intrigen in blutige Terrortaten übersetzt. Schon im Stück selbst stößt Müllers fröhlicher Gebrauch des Wortes "Neger" mitunter sauer auf. Und die Art, wie er mit der kumpelhaften Geste des Befreiers immer wieder unbekümmert rassistische Klischees bemüht. Bei Gotscheff wird hier im Zuge der Müller-Glättung und Pathosbefriedung einiges übersehen. Zum Beispiel der verächtliche Blick, mit der hier ein deutscher Dichter auf die kolonialisierten Außenseiter blickt. Finzi gibt seinen Aaron meist als äffischen Intriganten und tragischen Jammerlappen. Verrät die Figur an sein komödiantisches Talent, wodurch sie immer wieder zutiefst rassistisch wirkt.

 

Anatomie Titus Fall of Rome
Ein Shakespeare-Kommentar von Heiner Müller
Regie: Dimiter Gotscheff, Bühne und Kostüme: Mark Lammert, Musik: Bert Wrede, Choreinstudierung: Heike Irmert.
Mit: Jule Böwe, Margit Bendokat, Almut Zilcher, Sebastian Blomberg, Samuel Finzi, Wolfram Koch, Stefan Kornaske, Mirco Kreibich.

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Ein frohe Botschaft verkündet als Nachzügler Matthias Heine in der Welt (5.12.2007): Man könne Gotscheffs Inszenierung "nicht vorwerfen Blut-und-Sperma-Theater zu sein. Alles ist ganz abstrakt." Jule Böwe spiele die erst geschändete dann verstümmelte Lavinia so, "dass es jedem zu Herzen geht, der nicht in Rachsucht versteinert ist ... Danach bleibt ihr nur stummes Spiel und tierhafte Schmerzenslaute. Auch das tut sie großartig." An den Schauspielern habe es nicht gelegen, wenn Gotscheffs Wiederbelebungsversuch missglückte. Sondern daran, dass alle berteiligten das "abstrakt-poetische Politgleichnis offenbar nicht mehr ernst nehmen" konnten und deshalb im Jux gelandet seien. "Aber wenn man 'Anatomie Titus' nur noch komödiantisch spielen kann, warum dann überhaupt noch?"

Begeistert schreibt Ronald Pohl im Wiener Standard (30.11.2007): Müllers Kunst müsse man aus "dem Geist des Schmerzes neu erfinden. Gotscheff leistet sogar noch mehr: Er häutet die Römer, also uns alle, wie Zwiebeln. ... Er befreit das Theater (im Verlauf eines großartigen Abends immer überzeugender) von allen Zumutungen des pflichtschuldigen Illusionismus". Und weiter: "Von Gotscheffs atemberaubendem Theater lernen hieße, dem Kern der liberalen Nächstenliebe zu misstrauen. Es hieße, Phrasen – auch solche des Theaters – energisch zurückzuweisen." Die Berliner Inszenierung zeige zweierlei: "Wir müssen uns viel öfter von Müller die Leviten lesen lassen! Und wir müssen stark genug sein, um seine Botschaft zu ertragen."

In der Frankfurter Rundschau (30.11.2007) will Peter Michalzik über Klassizismus nachdenken und fragt, wo man sei, wenn Gotscheff Müller inszeniere, "und zwar so, als wenn Müller noch leben würde, als wenn dieses Stück von 1984 für heute geschrieben wäre?" Gotscheff nehme Müllers Text "gewaltig und erhaben und wörtlich", er und Bühnenbildner Mark Lammert bauten "ganz, ganz einfache Monumentalbilder, in ihrer Schlichtheit berückend schön". Aber immer wirkten die Schauspieler so, "als sagten sie 'Äh, ich, sag, jetzt, mal, was – was, Bedeutsames'". Der Klassizismus schreibe "sich selbst ein Übermaß an Bedeutung" zu und "irgendwann hört man nur noch das Blasen und das Blähen."

"Glasklar aufbereitet" und "fiebrig suggestiv" nennt Irene Bazinger in der FAZ (30.11.2007) Gotscheffs neueste Müller-Inszenierung. Das "riesige dottergelbe Tuch" sei "der numinose Stoff, aus dem im zeichenhaft verdichteten Bühnenbild von Mark Lammert ... das antike Rom besteht." Der Chor werde von "acht hinreißend virtuosen Schauspielern" gebildet, der "famose" Samuel Finzi bestimme maßgeblich das Geschehen in dieser "lupenreinen Choreographie des Schreckens". Kurzum: "Keinen Funken Hoffnung über den Lauf der Welt lässt Dimiter Gotscheff in der abgrundschönen, weitblickend aussichtslosen Inszenierung, die als minimalistisches Blutbild darauf verweist, dass hier alle, wohin sie auch rudern, in derselben Galeere sitzen – bis zum kollektiven Schiffbruch."

"Hübsch, aber hohl" sei der symbolische Gehalt des alles beherrschenden gelben Tuches in der Gotscheff'schen "Anatomie Titus"-Inszenierung, meint hingegen Dirk Pilz in der Neuen Zürcher Zeitung (30.11.2007). Dazu sah er "allerlei darstellerische Mätzchen", eine "rampenlüsterne Darstellungsweise" und "effektverliebte Mittelchen": "Hier ein bisschen kunstvolles Murmeln, dort saftiges Brüllen, stets gewürzt mit allerlei Gags und Gimmicks", der Text werde "an eitles Kasperletheater verraten". Mit fatalen Folgen: "Schwarz trifft Weiss – und heraus kommt das Grau der Beliebigkeit."

Wenn es so etwas wie "Überwältigungsmusik", nämlich Wagner, gebe, schreibt Ekkehart Krippendorff im Neuen Deutschland (30.11.2007), dann gebe es auch "Überwältigungstexte" – die von Heiner Müller. Dagegen sei Gotscheffs Inszenierung "ein geniales Lehrstück der Einfachheit", "eindrucksvolles Sprech- und Gestik-Theater, wie man es wohl auf keiner deutschen Bühne so erleben" könne. Allerdings: "Die zu Metaphern zusammengepressten Bilder … führen zu keiner Erschütterung, sondern schrammen oft hart am Peinlichen entlang." Das Grauen werde "geschwätzig und fast zur Lachnummer". "Wenn Regisseur Dimiter Gottscheff [Müllers] geheime Lust am Untergang zeigen wollte, dann wäre nunmehr eine kritische Müller-Lektüre und -Regie an der Tagesordnung".

Im Tagesspiegel (30.11.2007) ruft Rüdiger Schaper das Deutsche Theater zur Bühne des "postmodernen Klassizismus" aus, an dem die Schauspieler reüssierten "wie sonst nirgendwo in der Hauptstadt". Was auch – "viel zu selten bemerkt" – an den Bühnenbildnern läge, die wie Olaf Altmann, Johannes Schütz und Mark Lammert "signifikante Räume" schüfen und den Akteuren so "spielerische Freiheit" böten. So sei es auch wieder bei Gotscheffs "Anatomie Titus"-Aufführung, die aber zuletzt leider "bei aller Virtuosität im einzelnen eine abstrakte Groteske" bleibe. Gotscheff habe Müller zwar verstanden, aber: "Zu gut. Er bringt ihn zum Klingen. Und noch im schrillsten Schrei ... hört man den Müller-Sound, der einmal eine Offenbarung war. Punk für die Bühne. Jetzt: ein Oldie."

Für Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (30.11.2007) ist "Anatomie Titus" die "kluge und gezwungenermaßen schwächere Fortsetzung, ein verdienstvoll-ernüchterndes Echo" von Gotscheffs "Perser"-Inszenierung vor gut einem Jahr. Titus Andronikus sei, anders als der Xerxes der "Perser", "kein tragischer Held – er ist der gerade wegen seiner Würde so spottgeeignete Spielball einer Farce". Gotscheff lasse den Müller-Text "in einem technisch grandiosen, deklamatorischen und übrigens theaterblutfreien Kaspertheater gekonnt auflaufen". Dabei werde das Zuschauerhirn derart aufgehellt, "dass er es mit Müller und Shakespeare und sonstwem glaubt aufnehmen zu können. Es sind – etwas spaßorientierter angewendet – dieselben Theatermittel, die bei 'Die Perser' den Zuschauer zur Demut riefen."

In der taz Berlin (30.11.2007) beklagt Anne Peter, dass sich Gotscheff als Regie-Anatom damit begnüge, "den Tragödienbauch aufzuschneiden und die Farce herauszuholen. Den Rest näht er unbesehen wieder zu. Er lässt seine hoch gelobten Schauspieler, allen voran Samuel Finzi als Aaron und Wolfram Koch als Titus, aus Herzenslust herumkaspern. Der Text dient als Steilvorlage für Pathos-Parodie, für die Veralberung männlicher Kampfgesten." Die Spielweisen der Schauspieler gingen wild durcheinander. Das hätte vielleicht "als Kasperletheater funktioniert", denn da erwarte man "keine großen Deutungen" und "bräuchte kein Konzept. Großes Theater allerdings sieht anders aus."

Auf Deutschlandradio Kultur (29.11.2007) berichtet Eberhard Spreng, dass "kein Katastrophendekor aufgebaut" sei, sondern "lediglich ein schwarzer weiter Kubus." Im Bühnenhintergrund seien zunächst die acht Akteure zu einer Gruppe formiert, "sprechen die Texte im Chor und erobern nur langsam das leere Spielfeld". Erst allmählich würden sie sich in die Figuren einer Mordgeschichte verwandeln, aber die "karg-wirkungsvolle Inszenierung verzichtet auf die blutrünstigen Aspekte und vordergründige Schreckensbilder zugunsten einfacher theatralischer Mittel." Das einzige Requisit – ein riesiges gelbes Seidentuch. Mal wehe es über den Köpfen der Akteure, mal sinke es langsam auf die Bühne: der Vorhang für ein "ambulantes Puppentheaters".

Im RBB Inforadio (29.11.2007) sah Harald Asel die gelbe Stoffbahn als Mehrzweckrequisit. Es werde genial als "Goldsack", "Schärpe des Feldherrn", "Vorhang", "Mantel der Geschichte" und "Leichentuch eingesetzt". Und "davor, damit, dazwischen spielen die 'Totenführer' ihr grausames Spiel. Allen voran Gotscheffs Wunderwaffen Wolfram Koch und Samuel Finzi". Was man hier zu sehen bekomme, sei ein "dreistündiges Bilderfasten: minimalistisch, im Rhythmus des kannibalischen Vokabulars seines Meisters Müller". Der Chorblock am Anfang verwandle sich dabei in ein "Gruppenbild mit Gebrüll", ehe zum "großen Halali" geblasen werde.

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