Ein Himmel voller Kabel

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 28. November 2012. Auf die Frage, warum seine Filmfiguren stets Höllenqualen ertragen müssen, antwortete der dänische Regisseur Lars von Trier einmal: "Ein Film muss weh tun wie ein Stein im Schuh. Es gibt doch keinen anderen Grund, ins Kino zu gehen. Wenn man was Schönes erleben will, ist Sex dazu besser. Oder Kanufahren." Höllenqualen erleidet auch Selma in Lars von Triers von Musik- und Tanzszenen durchzogenem "Dancer in the Dark" aus dem Jahr 2000: Die erblindende Fabrikarbeiterin sammelt ihren kargen Lohn in einer Keksdose, um die Augenlicht rettende Operation ihres geliebten Sohns zu finanzieren, dem sie ihre Krankheit vererbte.

Vor dem trostlosen Fabrikalltag flüchtet sie sich träumend in die rosarote Welt des Musicals, verursacht aus Unachtsamkeit einen Maschinenschaden und wird entlassen. Das ersparte Geld klaut der Nachbar, um die eigene Verschuldung zu mildern. Selma erschießt ihn im Kampf um ihr Erspartes. Dafür wird sie am Ende, ihr Unglück passiv erduldend, zum Tode verurteilt und gehängt. Das Geld für den Rechtsanwalt sparte sie für die Sehkraft des Sohnes.

Kühle Abstraktion

Der Film "Dancer in the Dark", für den der Regisseur die isländische Popikone Björk als Komponistin und Hauptdarstellerin gewinnen konnte, ist die pralle Frucht einer kongenialen, kräftezehrenden Zusammenarbeit zweier kompromissloser Künstler. Und er ist im Zusammenwirken von Bild, Musik und dem hohen Identifikationsstreben der Hauptdarstellerin mit ihrer Rolle von ungeheurer, zuweilen kaum zu ertragender Intensität.

Will ein Theater eine solche Vorlage für seine Zwecke adaptieren, muss es sich die Frage stellen, was es dem Film gegenüber an Mehrwert zu bieten hat. In Stuttgart, in der Interimsspielstätte "Nord" des Schauspiels des Staatstheaters, ging man jetzt immerhin einen sehr eigenen Weg: Im Gegensatz zum Film, der auf krasse Authentizität zielt, setzt man hier auf kühle Distanz und Abstraktion. Die Bühne ist schwarz und leergeräumt. Von der Decke baumelt an langen Kabeln ein Himmel voller Mikrofone – Reminiszenz an Selmas Traum vom Musicalstar-Dasein. Später denkt man an Gitterstäbe und an den Strang, der Selmas Leben beenden wird. Die Handlung wird in straffen Dialogen vermittelt – hierfür hat Patrick Ellsworth seine an diesem Abend uraufgeführte Bühnenbearbeitung des Drehbuchs von Lars von Trier neu eingerichtet, das heißt stark gekürzt.

Stampfend, zuckend

Für kühle Abstraktion sorgt vor allem die Kooperation des Schauspielhauses mit dem Stuttgarter Ballett: Die Choreografie von Marco Goecke, die Louis Stiens nach dessen Erkrankung weiterführte, verwendet zwar gelegentlich auch schwungvolle Elemente, wie man sie aus Tanzeinlagen amerikanischer Musikfilme, Musicals und Revuen der 1950er Jahre kennt. Aber ansonsten wird die Auflösung der Realität in mitreißende, oft fetzige Musicalszenen, wie sie im Film immer wieder Selmas Wahrnehmung vernebeln, ersetzt durch abstrakt Getanztes, das in kleinteiligen Bewegungen aus schiebenden Händen, abgewinkelten Armen, auf Schenkel trommelnden Fäusten und merkwürdigen Fingerzeigen, stampfend, zuckend, nervös zappelnd, nur wenige Bezüge zur Geschichte offenbart – es sei denn durch solistisch getanzte Verzweiflung oder Melancholie.

Dancer1 560 SchauspielStuttgartStuttgarter-Ballett uDancer in the Dark © Schauspiel Stuttgart, Stuttgarter Ballett

Letzteres gelingt etwa dem jungen Alessandro Giaquinto, der die Rolle von Selmas Sohn Gene als stumme Rolle tanzt, sehr ausdrucksstark und in seiner komischen Ernsthaftigkeit ein wenig an Buster Keaton erinnernd. In der Gruppe, wenn sich etwa aus stampfenden Maschinenrhythmen ein ganzer Wald aus eindrücklich und prächtig sich bewegenden Menschen formiert, denkt man: Das ist schön anzuschauen, aber es ist eine dunkle, bedrohliche Welt, die nichts zu tun hat mit dem wohlig-trügerischen Musicalrausch der Selma. Der Stoff wird ästhetisiert und er verliert auf diese Weise seine so schmerzhaft aufdringliche Direktheit.

Für Björks geniale Musik fand der Theaterkomponist Matthias Klein einen zumindest pragmatischen Ersatz: Collagen aus elektronischen Sounds, Maschinen- oder Zügerattern und Schallplattenrauschen, ein leicht verfremdetes "I'm in heaven" von Fred Astaire oder Judy Garlands "Get happy". Und im Pas de deux, das anstelle des Film-Liebesduetts "I've seen it all" getanzt wird, erklingt wagnernde Erlösungsharmonik.

Spiel mit Nähe und Distanz

In Goeckes Zeichen- und Schrittsprache werden auch die Schauspieler hineingezogen. Auf der kahlen Bühne haben sie alle es schwer, sich freizuspielen. Das Tanztheater verschlingt sie mehr und mehr. Christian Brey, der der Regisseur des Abends ist, wurde offenbar dank all der wilden Körperlichkeit der Tänzer ist seiner Arbeit zur Starrheit verdammt. Dabei ist er eigentlich Slapstickexperte, der für schnelles, quirliges Theater steht. An diesem Abend verrinnen ihm die Worte, verlieren sie an Bedeutung, wirken oft unfreiwillig komisch.

dancer in the dark1 280© Schauspiel Stuttgart / Stuttgarter Ballett

Ute Hannig als Selma steht in gelber Strickjacke, zu kurzer Hose und braunen Stiefeln einsam mitten auf der Bühne und kämpft mit den Worten. Es wird mit räumlicher Nähe und Distanz allzu platt gespielt. Der Sohn tanzt vorbei, und der Nachbar steht am anderen Ende der Bühne. Nicht einmal Freundin Kathy kommt Selma näher. Die Leerstellen, die sich zwischen Text, Stoff und seiner theatralen Umsetzung auftun, werden immer offensichtlicher. Dass Selmas Kampf ums Ersparte dann mit realistischen Pistolenschüssen und minutiöser Strangulation des Diebes endet, erscheint angesichts der sonst herrschenden Abstraktion völlig übertrieben. Selmas eigener Tod dagegen wird nur angedeutet. Nein, dieser Abend tut nicht weh. Aber er langweilt auch nicht. Er fließt dahin und ist so schön wie eine Kanufahrt.  

Dancer in the Dark
von Patrick Ellsworth nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier Fassung für das Stuttgarter Ballett und das Schauspiel Stuttgart, Deutsch von Henning Bochert
Regie: Christian Brey, Choreografie: Marco Goecke, Louis Stiens, Bühne und Kostüme: Anette Hachmann, Elisa Limberg, Musik: Matthias Klein, Licht: Udo Haberland, Dramaturgie: Beate Seidel, tanzdramaturgische Begleitung: Esther Dreesen-Schaback.
Mit: Ute Hannig, Dorothea Arnold, Jonas Fürstenau, Lilly Marie Tschörtner, Markus Lerch, Dino Scandariato, Claudius von Stolzmann, Michael Stiller, Marco Albrecht, Rainer Philippi, Alessandro Giaquinto, Angelina Zuccarini; Tänzerinnen und Tänzer des Stuttgarter Balletts
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-stuttgart.de

Kritikenrundschau

Wenig überzeugend findet Wiebke Hüster, Tanzkritikerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.1.2012), diese Kombination tänzerischer und schaupielerischer Mittel. Regisseur Christian Brey stellt aus ihrer Sicht seine Schauspieler "immer bloß hin wie Ansager auf dem Jahrmarkt und lässt sie ihre Texte ausrufen. Man weiß nicht, was schlimmer ist: das biedere 'Achtung, wir machen hier entfremdetes Theater!'-Aufgesage oder die – einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig – Kunstpausen zwischen den betont leblosen Sprechakten." Mehr schauspielerischen Einfallsreichtum hätte sich die Kritikerin auch deshalb gewünscht, weil die tänzerische Seite für sie brillant funktioniert. "Zum ersten Mal erscheint Marco Goeckes betont bizarres Bewegungsrepertoire, in dieser etwas besänftigten, gestisch wandlungsfähigeren Variation, im richtigen Kontext vollkommen stimmig und interessant. Faszinierend, wie drei der Schauspieler den Abend mit den für Goecke typischen, rund vor dem Körper getragenen und sich ruckartig öffnenden Armen beginnen."

Vieles sprach gegen dieses Projekt, aber wer so wagt, der gewinnt, resümiert Tim Schleider in der Stuttgarter Zeitung (30.11.2012). Es gebe sorgsam austarierte und genau auf den Punkt inszenierte Spielszenen, weit ausgreifende Ensembleszenen der Stuttgarter Kompanie, "Körper zappeln und beben, winden und biegen sich. Das Leben versehrt, so oder so." Nach der Pause nehme die Fragmentierung des Geschehens noch zu in "Szenen des Schmerzes, der Einsamkeit, des Lebenskampfes". Schauspieler und Tänzer seien vereint "in einer Performance von existenzieller Wucht".

Anders sieht es Andrea Kachelriess in den Stuttgarter Nachrichten (30.11.2012). Immer wieder mische sich in die nüchterne Anordnung der Schauspielszenen die Suche nach Gefühl,
nach Sinn. Die Choreografen sorgen zwar im zweiten Teil des Theaterabends für eine Zuspitzung, die den inneren Konflikt Selmas sichtbarmache, aber "diese Aufgabenteilung zwischen Schauspiel und Tanz, Protokoll hier, Seelenschau da, hält der Abend aber nicht durch". Fazit: "Auch wenn das schön anzuschauen sei, darf man von einer Koproduktion zweier Sparten mehr erwarten."

Zwischen diesen Positionen bewegt sich Jürgen Berger in seiner Kritik in der Süddeutschen Zeitung (30.11.2012). "Einerseits will das Theater die Geschichte der Selma in ihrer ganzen Kompliziertheit getreulich nacherzählen", andererseits bewege sich der Abend in eine ganz andere Richtung, weil die Dogma-Parabel bis zur Premiere einige Metamorphosen zu verkraften habe. Die teils quälenden Harmonien von Schauspiel- und Tanzkörper gehören zu den gelungenen Partien dieses Todestanzes, "dagegen stehen Schauspielsequenzen, die inmitten des Tanzes wie Inseln einer hölzernen Nacherzählung wirken". Regisseur Christian Brey "konnte oder wollte nicht mehr sein als ein Arrangeur, der dafür sorgt, dass am Rande der Strecke keine Opfer zu beklagen sind".

 

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