Lern Deutsch, Du osteuropäischer Koproduktionsaffe!

von Stefan Keim

Heidelberg, 27. April 2013. Ein Flugzeug stürzt ab. Zombiestewardessen tanzen mit blutigen Köpfen ihr Sicherheitshinweise-Ballett zu Carl Orffs "Carmina Burana". König Ubu sagt sein berühmtes "Schreiße", zieht sich die Hose runter, klettert auf eine Tonne und produziert mit wilden Durchfallgeräuschen vom Band Exkremente. Damit veredelt er die Pampe, die seine Gattin als Mahlzeit produziert. Es sind erst ein paar Minuten vergangen in Viktor Bodós Inszenierung der wilden Farce "König Ubu" in Heidelberg. Krasse Bilder und durchgeknallter Slapstick prasseln auf das Publikum ein.

koenig ubu4 280 florian merdes uSteffen Gangloff (Hauptmann Aah!), Hans Fleischmann (Vater Ubu) © Florian MerdesDer legendäre Theaterskandal, den das Stück vor über hundert Jahren auslöste, lässt sich natürlich nicht wiederholen. Bodó, dessen Szputnyk Shipping Company als Koproduktionspartner dabei ist, versteht seine Inszenierung als Hommage an eine legendäre Budapester Aufführung. Von 1984 bis 1993 lief "König Ubu" im Katona Theater in der Regie von Gábor Zsámbeki, der junge Bodó saß im Publikum und beschreibt das heute als "prägende Erfahrung". Einige Elemente aus dieser Inszenierung hat er nun in Heidelberg übernommen, andere neu erfunden.

Zitate, Gags und Albernheiten

Jarrys grelle Parodie auf Shakespeare- und andere Dramen, auf Könige, Diktatoren und Physiklehrer, auf die Theaterkonvention überhaupt ist selten auf großen Bühnen zu sehen. Als Kabarettspaß mit wenigen Mitteln ist das Stück einfacher zu inszenieren. Bodó hingegen wagt die ganz große Nummer, scheut Plakate nicht und nicht Maschinen, entfacht ein Assoziationsgewitter aus Zitaten, Gags und Albernheiten. Die Postdramatik wird wiederum postdramatisch unterwandert, drei Stunden dauert die opulente Aufführung.

In so einer Zeit geht manchem Theaterspaß die Puste aus. Das ist in Heidelberg nicht so. Immer wenn die Aufmerksamkeit abzuschlaffen droht, kommt die nächste absurde Pointe. Das bis zum Anschlag aufgedrehte, großartige Komödiantenensemble überzeugt mit gnadenloser Selbstironie. "Lern Deutsch, du osteuropäischer Koproduktionsaffe!" muss sich einer der Szputnyk-Mimen anhören. Und der überragende Steffen Gangloff macht den Verrat des Hauptmanns Aahl an Ubu zu einer pantomimischen Paradenummer samt heftiger Kollegen- und Selbstverarsche. Seine Flucht zu Pferde nach Russland ist die Parodie einer Rampensau-Aktion und so virtuos vorgetragen, dass der Szenenapplaus eine Selbstverständlichkeit ist.

Ubu mit Biss, aber ohne Bauch

Hans Fleischmann spielt Vater Ubu mit süddeutschem Akzent, ein völlig hemmungsloser Hüne, aber keine Witzfigur per se. Dieser Ubu hat keinen ausgestopften Riesenbauch, sondern könnte auch ein Jedermann sein, wodurch die Aufführung Biss bekommt. In ihm steckt weder die Energie noch die Fantasie zur richtigen Bosheit, Ubu ist zunächst Spielball der Macht- und Geldgeilheit seiner Lady. Christina Rubruck entwickelt als Mutter Ubu manchmal zerbrechlich-anspielungsreiche Kirsten-Dene-Tonfälle, die sie mit derbem Durchsetzungsvermögen kombiniert.

koenig ubu3 560 florian merdes uDas "Ubu"-Ensemble wie es singt und lacht.  © Florian Merdes Ganz eigene Charaktere sind die Ungarn. Károly Hajdiuk, Pál Kárpáti und Florian Mania vereinen artistische Körperbeherrschung mit musikalischem Gespür für Wortwitz und abgefahrenem Monty-Python-Humor. Doch noch näher liegt ein anderer Vergleich. Viktor Bodó arbeitet im Stil der "Nackte Kanone"-Filme des Trios Zucker-Abrahams-Zucker aus den achtziger und neunziger Jahren. Sein "König Ubu" ist ein völlig selbstzweckhaftes Bombardement aus hoch- und popkulturellen Scherzen, das in seiner geballten Absurdität schon wieder eine eigene Kunst darstellt.

Kanonenkugeln auf das Publikum

Zur Pause scheint dennoch jeder Scherz gerissen zu sein. Doch dann ist die von Juli Balázs gestaltete Bühne völlig verwandelt, in einen Tannenwald mit dichtem Schneefall und röhrendem Hirsch. Und der von Ubu angeführte Kampftrupp erkennt im Publikum die russische Armee, worauf Bälle als Kanonenkugeln ins Parkett gepfeffert werden. Natürlich schlagen die Zuschauer zurück. Je nach Publikumszusammensetzung könnte sich daraus ein richtiges Happening ergeben.

In Alfred Jarrys extremer Farce steckt naive Lust am Spiel, am Ausreizen der Möglichkeiten. Wenn man sich mit der Rezeption des "König Ubu" beschäftigt, geht es um politisch-gesellschaftliche Hintergründe. Aber nicht beim Blick auf das Stück selbst, wie ihn Viktor Bodó nun unternimmt, maßlos, sprudelnd, orgiastisch – und immer nah an den Schauspielern. Der Heidelberger "Ubu" ist einer der lustigsten Theaterabende der Saison.

 

König Ubu
von Alfred Jarry
Regie: Viktor Bodó. Bühne: Juli Balázs, Kostüme: Fruzsina Nagy, Musik: Klaus von Heydenaber, Sounddesign: Gabor Keresztes.
Mit: Hans Fleischmann, Christina Rubruck, Nicole Averkamp, Karen Dahmen, Clemens Dönicke, Steffen Gangloff, Károly Hajduk, Gabrielle Hamori, Pál Kárpáti, Florian Mania, Kata Petó und Katharina Quast.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

Kritikenrundschau

"Mit Ubu hat Alfred Jarry ein monströses Ungeheuer erfunden und zugleich das Ausmaß des Furchtbaren so sehr ins Groteske überzeichnet, dass sich fast zwangsläufig Grauen in Gelächter verwandelt", schreibt Alfred Huber im Mannheimer Morgen (29.4.2013). "Viktor Bodós Inszenierung setzt auf diesen Vorgang, ohne allerdings dem burlesken Spaß allzu viel beängstigende Unheimlichkeit voranzustellen." Die bedrückenden Untertöne des Stückes samt seinen gesellschaftskritischen Zuspitzungen habe Body zur Freude des Publikums im klamaukverdächtigen Überbau der Blödelei geschickt entschärft. "Wo Jarry Absurdität und Groteske als theatralisches Instrumentarium benutzt, um zu zeigen, was, gemessen am idealisierten Menschenbild, eigentlich unerträglich wäre, entfaltet die wunderbar agile Heidelberger Schauspieltruppe in den üppig ausgestatteten Bühnenbildern von Juli Balázs genau jene Nonsens-Stimmung, die uns davor bewahrt, auch im finstersten Winkel des Menschen mehr zu entdecken als fröhliche Dummheit."

Tragik und Komik schlügen immer wieder machtvoll zusammen und sorgten für heftigste Verwirbelungen, schreibt Heribert Vogt in der Rhein-Neckar-Zeitung (29.4.2013). "Ein Theaterabend wie ein großer Whirlpool, in dem alles ineinanderfließt – Neues und Altes, Großes und Kleines, Gutes und Böses. "Das turbulente Spiel der Darsteller, die Kostüme von Fruzsina Nagy, die Musik von Klaus von Heyde- naber und das Sounddesign von Gábor Keresztes sorgten für einen sprühenden Cocktail-Mix, "der das Publikum ganz erheblich erheiterte". Aber das Gelächter sei dann auch im Halse stecken geblieben angesichts des eigent- lich erzählten Stoffs: "Denn die Katastrophe aus dem Nichts kommt einem gerade in Deutschland doch irgendwie bekannt vor, und dem Lachen folgt nicht gerade das Weinen, aber doch die Nachdenklichkeit. "

Kommentar schreiben