Rolle rückwärts zu Eisenstein

von Andreas Wilink

Köln, 25. Mai 2013. "Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will." Lautet die zehnte von zwölf Strophen im Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Hier nun, in der Expo-Halle des Schauspiels Köln, rollen die Räder unaufhörlich. Sausend durch die Geschichte. Das Ensemble hat sich Rollschuhe untergeschnallt. Geschwind bringt sich damit die Bourgeoisie von einem Zustand in einen anderen. Dynamik wird suggeriert. Fortschritt, zumindest, was das Tempo der Füße angeht. Geraten Verhältnisse in Bewegung? Voran in eine bessere Welt? Oder nur solipsistisch im Kreis herum? Zurück in die Zukunft? Oder richtungslos in den Spielraum launiger Regie-Unverbindlichkeit?

Noch einmal also, zum Schluss der Intendanz von Karin Beier, begegnen uns Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen, aber nicht im deutschen Prekariats-Milieu auf Breitwand-Format wie in ihrer Inszenierung, die italienischen Spät-Neorealismus kunstvoll sozialverträglich umformte, sondern als mitleidslose Komödie auf Russisch, von Sebastian Nübling als Potemkin'sches Dorf eingerichtet.

Teilchen eines Staatskörpers

"Die Letzten", die Maxim Gorki knapp zehn Jahre vor der Oktoberrevolution von 1917 schrieb, sind ein Familienbildnis. Der Organismus der Eltern und Kinder steht für das Kollektiv. Das Porträt weitet sich zum Befund eines an Leib und Seele maroden Staatskörpers. Iwan Kolomizew als Paterfamilias, der im Suff seine Tochter (eigentlich die seines Bruders Jakow) verstümmelt hatte, der zu den Huren geht, die Rubel verzockt, seine Frau demütigt, ist ein Tyrann – korrupt, feige, verkommen – und als pensionierter Polizeichef Produkt, Prototyp und Repräsentant des verfaulten Systems, für das er "die Feinde von Thron und Ordnung", darunter wider besseren Wissens einen jungen Anarchisten, ins Straflager schickt. Seine Brut ist sein "Teilhaber von Verlusten", was sich nicht allein auf Iwans Spielschulden bezieht.

die1letzten4 560 davidbaltzer uAuf Rollschuhen: "Die Letzten" © David Baltzer

Egoisten, Rohlinge, lüstern, geil und gleichgültig auch die Nachkommenschaft. Die Bühne (Muriel Gerstner), in deren Mitte der Fleck eines großen runden roten Divans prangt, umstehen Black Boxes und Vorführkabinen für Filmklassiker. Auf einer Leinwand wechseln stehende Bilder aus Eisensteins Revolutionsfilm Panzerkreuzer Potemkin von 1925 über die gescheiterte Revolte 1905, den Matrosen-Aufstand auf dem berühmten Panzerkreuzer und den Beschuss der Stadt Odessa.

Gorkis Figuren leben bei Nübling im Zelluloid-Schatten der Kino-Bilder, die sie manchmal wie im Scherenschnitt nachstellen. Offenbar sollen wir Gorkis Drama historisch ablegen und als museale Requisite verstehen. Einen Bühnen-Schaukasten weiter informiert eine soziologische Analyse über den Schrecken der bürgerlichen Wohnung und ihres Interieurs und schließt mit der interessanten Bemerkung: "Die seelenlose Üppigkeit des Mobiliars wird wahrhaftiger Komfort erst vor dem Leichnam." Hübsch gedacht.

Substanz saugen

Welches Signal geht von der aufgescheuchten Veranstaltung aus? Der pomadige Nihilismus, den Nübling wie mit Ausrufezeichen inszeniert, die moralische Indifferenz, die Todsünde der Lauheit ist bei ihm zu billig zu haben. Zu witzelnd für ernst zu nehmenden sozialen Skeptizismus. Ein Mordsspaß.

die2letzten5 560 davidbaltzer u© David Baltzer

"Die revolutionäre Romantik ist im Grunde genommen ein Pseudonym des sozialistischen Realismus." Mit dieser progressiven Äußerung Gorkis hat Nübling rein gar nichts zu schaffen. Eher schon mit der folgenden. Eine "ganz bestimmte Art von Substanz, die ich eben als die mörderische bezeichnen würde", präpariert der große Hasser Elias Canetti aus Gogol. Nübling saugt sie auch aus Gorki heraus. Dem sie aber von Natur aus fehlt. Dem christlichen Kommunisten war der Kampf gegen die zaristische Klassengesellschaft Herzenssache. Ein "Revolutionär, wie alle redlichen Menschen in Russland" ("Die Letzten").

Körper-Pamphlete

Auf der Kölner Bühne werden Idealismus und Ideale bestaunt wie ein aufgespießtes Wundertier in Ernst Jüngers Vitrinen. Man macht dem Stück Beine und ihm zugleich den Garaus. Wenn es hoch kommt, ist es ein Abend der Kabinettstückchen und virtuosen Posen und Possen. Die Koryphäen des tollen Beier-Ensembles wirken plötzlich formelhaft und ihre individuellen Eigenschaften bloße Spielmittel: Lina Beckmann, die das Heroische im Erbärmlichen wunderbar zu wahren weiß, ist als bucklige Ljubow, gekrümmt, eckig, breit, ein einziges Körper-Pamphlet; als wolle sie sich an der Giehse abarbeiten; ihre Stummfilm-Gestik wiederholt vielleicht die der Mutter mit dem Kinderwagen auf der Treppe aus dem "Panzerkreuzer".

Julia Wieninger, die vielstimmig Schmerzensreiche, erstarrt als Iwans Ehefrau Sofia zur folkloristisch kostümierten, bunt bemalten Babuschka. Jan-Peter Kampwirth, der Zwielichtige, immer Beiläufige und Gegenläufige, der Spaßmacher und Spielverderber, dreht als Söhnchen Pjotr seine Pirouetten und schneidet Gesichter. Sein schönes Schwester-Luder Nadeshda (Anja Lais) imitiert eine skandinavisch zwitschernde Cicciolina. Und Markus John als Big Daddy Iwan rabaukt und macht uns den "Foxi". Am Ende des Stücks heißt es vorausschauend, dass der Tod sich das "Schwache, Unnütze" nehme. Nübling hat mit Gorki unnütze Verschwendung betrieben.

Die Letzten
von Maxin Gorki, Übersetzung Werner Buhss
Regie: Sebastian Nübling; Bühne: Muriel Gerstner; Kostüme: Amit Epstein; Musik: Lars Wittershagen; Dramaturgie: Sybille Meier; Darsteller: Lina Beckmann, Robert Dölle, Marina Frenk, Markus John, Jan-Peter Kampwirth, Anja Lais, Tim Porath, Renato Schuch, Marie Rosa Tietjen, Samuel Weiss, Julia Wieninger.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, ohne Pause.

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Regisseur Sebastian Nübling heize Gorkis Familienhölle bis zur Hysterie auf und lasse alle eher mit dem Knüppel als dem Florett aufeinander eindreschen, beobachtet Hartmut Wilkes im General-Anzeiger (27.5.2013). "Sein verblüffendster Effekt: Das Ensemble spielt auf Rollschuhen. Starre löst sich da sekundenschnell in Dynamik auf, eine sichere Entfernung gibt es auf Muriel Gerstners weitläufiger Bühnenbrache für niemanden." Am Ende blitze im Tumult immerhin existenzielle Verzweiflung auf: "Marie Rose Tietjen erzählt Weras triste Emanzipation: Wenn sie schon verhökert werden soll, will sie den ungeliebten Mann wenigstens selbst wählen." So habe der im schwach besetzten Saal stark beklatschte Ausklang "gewiss seine Momente".

Im Kölner Stadt-Anzeiger (27.5.2013) vergleicht Christian Bos die Inszenierung mit Karin Beyers Ettore Scola-Vertheaterung "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen": "Bei Karin Beier war die Familie in der Stasis des Asozialen angekommen und ließ sich nur noch als Völkerschau hinter Glas betrachten."Sebastian Nübling stelle sie auf Rollschuhe, auf denen sich die Familienmitglieder, einmal ins Rollen gebracht, gegenseitig umkreisen und schließlich in den Abgrund trudeln. "Ein Starlight Express der Zwangsneurose." Nübling und sein Ensemble holten aus der Mobilmachung der Familie alles heraus, das Wackelige der Beziehungen, das Eingefahrene des Alltagsunglücks, das hysterische Umkreisen einer leeren Mitte. "Nur die Utopie bleibt hier Kulisse und Gorkis Drama ums Wesentliche gekappt." Es rolle, aber es bewege sich nichts. "Uns bleibt, das scheidende Ensemble in Rollen zu bewundern, in denen wir sie bereits mehr als einmal gesehen haben. Niemand beherrscht die Schlampe so gut wie Anja Laïs, niemand poltert so fies wie Markus John, niemand klagt so durchdringend wie Julia Wieninger. Keiner kann so linkisch verloren dreinblicken wie Jan-Peter Kampwirth und keine so monströs und gleichzeitig urkomisch aufbegehren wie Lina Beckmann."

"Muriel Gerstners Bühne ist eine Assoziationsfläche mit viel Freiraum fürs Rollschuhfahren", schreibt Stefan Keim in der Welt (28.5.2013). "Eine halbe Stunde lang ist das reizvoll, doch dann hat Sebastian Nübling sein Pulver verschossen. Alle sind schon so gemein und brutal, dass keine Steigerung mehr möglich ist. Es gibt keine Fassade mehr, die bröckeln könnte." Ein "überzeugendes Regiekonzept" fehle.

Nüblings Inszenierung führe "also wieder einmal vor, wie verroht die Menschheit ist, mit wie viel Hektik sie auf der Stelle kreist und genau das geradewegs in den Abgrund führt", berichtet Dorothea Marcus in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (26.5.2013). "Doch so gekonnt das auch ausgeführt ist, hilft es uns letztlich nicht sehr viel weiter". In diesem sozialen "Psychogramm einer Unterschichtfamilie" sei sich jeder "selbst der Nächste, keiner hat den Überblick". Alles wirke "auf die Dauer ziemlich ermüdend verroht. Letztlich fragt sich auch, was das unermüdliche Rollschuhfahren erzählen soll, außer dass hier viel Dynamik im gottlosen Raum erzeugt wird".

Nüblings Inszenierung sei "mehr Schluss- als Höhepunkt" der Ära Karin Beier in Köln, schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (28.5.2013). "Grell und hysterisch" gehe es zu. "Getriebene sind die Menschen, und doch treibende Kraft. Für dieses Paradox findet Regisseur Sebastian Nübling ein so geniales wie gefährliches Bild: Er stellt die Schauspieler auf Rollschuhe". Allerdings sei die Idee auch gefährlich, "weil sie schnell zum Gimmick wird und Aufmerksamkeit abzieht – auch der Akteure selber".

Die "falschen Krücken, mit denen der Regisseur dem Drama aufzuhelfen glaubt, tragen nicht weit", befindet Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.5.2013). Das Stück rolle, "künstlich beschuht, auch in die Richtung eines anderen Elendspanoramas" und würde in der Besetzung des zentralen Paares mit Markus John und Julia Wieninger an Karin Beiers "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" erinnern. Doch werde jene legendäre Inszenierung "in ihrer Dichte und Unerbittlichkeit nicht erreicht". Sebastian Nüblings "Versuch, Gorki in der nachgeschärften Übersetzung von Werner Buhss in die Gegenwart zu führen, strandet im Niemandsland der Posen und Pirouetten: Starlight Express des Prekariats."

 

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