Schneewittchen ist pleite

von Simone Kaempf

Berlin, 10. August 2013. Kurz vor Ende, wenn die Sonne endgültig untergegangen ist, zeigt der Wald in der Dunkelheit seine romantisch-düstere Seite. Tote Baumstümpfe ragen im fahlen Licht aus dem Sumpf, grauer Dunst liegt über dem Gehölz. Und totes Laub bedeckt auch jetzt, Mitte August, die Lichtung, auf der Constanza Macras die letzte Szene von "Forest: The Nature of Crisis" spielen lässt. Ein Finale, in dem die Tänzer noch einmal mit voller Energie allein oder zusammen auftreten; getanzte kleine Kämpfe mit sich oder dem anderen Geschlecht, das Ganze in morbider Stimmung endend.

Als Waldspaziergang ist der Abend angekündigt, für den Macras mit ihren Performern raus in den Wald nahe dem Müggelsee im Südosten Berlins gegangen ist. Und tatsächlich muss die Hundertschaft Zuschauer erst einmal wandern. Ein ganzes Stück sogar bis an den höchsten Punkt, wo der Ausblick auf den abendlichen See wie romantisch gemalt ist, mit einer Landschaft, die einem im untergehenden Licht sanft entgegenstrahlt. Jedenfalls anfangs noch.

forrest 560 thomasaurin uModernisierte Märchen: "Forest: The Nature of Crisis" © Thomas Aurin

Auf dem Weg begegnen einem Gestalten, die dem Märchen- und Mythenschatz entsprungen scheinen: Tänzerinnen in feenhaft wallenden Kleidern huschen im Gebüsch, zottelige Wesen verstecken sich hinter Baumstämmen. Zwischen den Bäumen steht auch ein Bett mit gestapelten Matratzen, und sichtbar schlaflos wälzt sich in den Decken ein Mädchen als Prinzessin auf der Erbse. Aber sie sind quasi nur Begleitmusik zu den einzelnen Spielstationen im Wald.

Auf denen kombiniert Macras ihre Choreografien mit vielen Erzählpassagen, für die sie zwar auch auf Märchenstoffe zurückgreift. Was sie aber interessiert, ist deren dunkle und brutale Seite und die Frage, wie diese heute aussieht. Und so landet sie bei den Themen der Gegenwart: Konsum- und Überflussgesellschaft, Bankkrise, neue Ökobewegung. Die Geschichte von Schneewittchen ist hier die einer Studentin aus Zaragoza, die ihren Wunsch nach einer eigenen Wohnung durch einen billigen Bankkredit realisiert, mit weiteren Krediten ihre Selbstoptimierung vorantreibt, bis die Krise die Zinsen in die Höhe treibt und sie aufs Land flüchtet. Erzählt wird das sehr implizit von einer der Performerinnen, die Glitzerkleid zu Punkfrisur trägt. Die Tanzszenen bleiben dagegen vager: viele ausholende Bewegungen, die sich Raum schaffen, immer wieder Bewegung auf die Knie, Straucheln und zurück in die Senkrechte, oder das scheinbare Umgreifen der Körper, das im Abprallen endet.

forrest1 560 thomasaurin uFinale im dunklen Wald: "Forest: The Nature of Crisis" © Thomas Aurin

Je länger der Abend dauert und je dunkler es wird, desto besser kommen Macras' thematische und ästhetische teils recht lose Enden zusammen. Mit der Dunkelheit tritt die morbide Stimmung des Waldes immer mehr zutage, aber auch die Erzählungen zeigen ihre dunkle Romantik. Am intensivsten wird es an dem Blockhaus, das auf eine Lichtung gebaut ist und schon allein unwirkliche Stimmung verbreitet. Dann wird die Geschichte von Hänsel und Gretel als eine von zwei Geschwistern erzählt. Weil das Geld nicht mehr für alle reicht, setzt die Mutter die Kinder in der Großstadt aus, trotz Werbetafeln, Firmenschilder, Hochhäusern als Gedächtnisstützen ein Ort, aus dem man nicht mehr herausfindet. Aber mit Happyend – beide ergattern einen Job – und der vermeintlich romantischen Botschaft, dass sie mit genügend Willen ihren Weg gehen werden. Dazu spielt noch einmal die Band, die mit ihrer Mischung aus Deutschrock und Punk die Klischees eines Märchentons von vornherein angenehm unterläuft. Immer wird subtil miterzählt, dass Sehnsüchte auch heute ein Antrieb sind. Der dunkler werdende Wald liefert dazu die Kulisse, ohne dass sich Macras darin parasitär verbeißen würde und diesen Ausflug so zu einer sehr gelungenen Sache macht.     

Forest: The Nature of Crisis
Choreographie und Regie: Constanza Macras, Dramaturgie: Carmen Mehnert, Bühnenbild: Ruth Stringer, Kostüme: Allie Saunders, Musik: Almut Lustig, Kristina Lösche-Löwensen, Jelena Kuljic.
Von und mit: Louis Becker, Emil Bordás, Ádám Horváth, László Horváth, Catriona James, Nile Koetting, Jelena Kuljic, Johanna Lemke, Kristina Lösche-Löwensen, Almut Lustig, Ana Mondini, Felix Saalmann, Miki Shoji.
Dauer: 3 Stunden

www.schaubuehne.de
www.dorkypark.org

 

Kritikenrundschau

"Der Wald ist ein Ort, an dem sich die Dinge zauberhaft verändern, wie in Grimms Märchen. In der Krise wird auch etwas komplett verändert. So bringe ich beides zusammen: Märchen und Spekulationsblasen", erklärt Macras in Annett Jaenschs Kritik in der taz (12.8.2013) ihren Ansatz. So falle Macras' Interpretation des Grimm'schen Fundus denn auch gewohnt schrill aus, "was nach Klamauk klingt, ist der für Macras typische Wille zur Zuspitzung, der Humor, Trash und Ernst so wunderbar verbindet. Die 25 Darsteller leisten dabei Immenses: Sie hasten durchs Gelände von Rolle zu Rolle, verausgaben sich bei der skurrilen Collage aus Tanz, Text und Gesang." Fazit: "Drei Stunden, die furios Märchenszenen, Kommentare zur Wirtschaftskrise und zum Ökobewusstsein verquicken."

Mit der hereinbrechenden Dunkelheit werde es düsterer, "der Wald, eben noch Robin Hood und Shakespeares 'Wie es euch gefällt', wird zum Spielfeld einer schwarzen Romantik", schreibt Julius Zwirner in der Welt (12.8.2013). "Die Einzel- oder Paarroutinen steigern sich zu Kampfszenen. Der Wald wird zum Ort von Wahnsinn, Begierde und Erlkönig", aber dabei würden Leichtigkeit und Selbstironie leider verloren gehen: "Die Gegenwartskritik bleibt eindimensional."

Macras habe die Märchen mit hinterhältigem Humor umgedichtet. "Urängste treffen dabei auf aktuelle Krisensymptome", so Sandra Luzina im Tagesspiegel (12.8.2013). Macras entwickelt dabei einen aufklärerischen Furor, sie entlarve, welche Märchen Verbrauchern heute aufgetischt werden. "Das Stück verzettelt sich schon auch mal mit all den Kommentaren zur globalen Ökonomie." Dennoch sei "Forest: The Nature of Crisis" ein Abend, der eine ganz eigene Magie entfacht.

"Auf eine sehr einfache, verrückte, verspielte Weise" schlage einen der Abend in seinen Bann, findet Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung (12.8.2013). Macras, die Großstadtexpertin, lasse auch im Wald die Stadt nicht hinter sich. "Hänsel und Gretel" etwa werde zum Kapitalismus-Märchen im Großstadtdschungel von Buenos Aires. Schließlich gehe es "um romantische Natur-Fantasien, um den Wald als Ort der Krise und des Unheimlichen, um die Verschränkung mit der 'Natur des Kapitalismus'. Ganz schön viel Ballast für eine kleine Wald-Installation. Aber tatsächlich wird all das eingelöst werden im Laufe dieses Abends."

 "So aufregend es sein mag, gemeinsam durch den allmählich dämmernden Wald zu stapfen – die Neuerfindung alter Märchen ist leider gar nichts Neues", schreibt Sieglinde Geisel in der Neuen Zürcher Zeitung (17.8.2013). "Constanza Macras jagt die vertrauten Geschichten durch die Diskursmühle, ein Verfahren aus dem Mottenschrank der Postmoderne, und bisweilen staubt es beträchtlich." Die „Trashisierung der Figuren" verbrauche sich „ebenso rasch wie die munter aufgeklebten Schlagwörter und Krisenthemen (Umweltzerstörung, globale Armut, Finanzkrise, blabla)". Doch findet die Kritikerin in der atmosphärisch beschriebenen Open-Air-Spielumgebung noch Reizvolles: Mit zunehmender Dauer "gewinnen die Szenen an Ernst, an Spannung und an Dringlichkeit. Der postmoderne Beliebigkeitsmüll ist wie weggefegt, dafür werden wir mit echten Einfällen und Erfindungen beschenkt."

 
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