Auf dem Laufband durch Raum und Zeit

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 3. April 2014. Der Applaus zur zweiten Pause ist eher zaghaft – man klatscht ja auch eigentlich keiner Machorunde Beifall, die frauenfeindliche Witze erzählt. Noch nicht einmal besonders witzige dazu. Lachen sie selber nicht, weil kein neuer dabei ist? Nur beim Stichwort "Herdanziehungskraft" keckert es kurz aus dem Typen mit dem Cowboyhut.

Death-Metal-Horror-Sound

Die Witze sind aber nicht das eigentlich Schlimme, was in Teil vier der epischen Theater-Nacherzählung des fast 1000 Seiten langen Romans, den Roberto Bolaño der Nachwelt unfertig überlassen musste, weil er auf dem Weg gestorben ist, passiert. Die vier Witzbolde stehen um eine blutverschmierte Frauenleiche herum, die in einer Landschaft liegt, deren Charakter nicht mehr erkennbar ist, weil sie voller Kreuze steht.

2066 1 560 maren dey uGruppenbild mit blutverschmiertem Frauenkörper © Gianmarco Bresadola

Wie kriegt man einen Roman ins Theater, der so viele Reisen durch Zeit und Raum antritt, dessen Autor sich dermaßen angstfrei seiner so intensiven wie zersplitterten Weltwahrnehmung gestellt hat, dass einem beim Lesen schwindelig wird? Es ist immerhin kein Mangel an Figuren, die man auf die Bühne schubsen könnte. Die schwierige Ausnahme in dieser Hinsicht ist Teil vier – der zu großen Passagen aus Polizeireporten besteht, die grausige Details zu einer Mordserie an Frauen in der mexikanischen Grenzstadt Santa Teresa liefern.

Álex Rigola übersetzt das in seiner Spielfassung so: Die Frauenleiche (Regine Zimmermann) bäumt sich und macht zu einem Death-Metal-Soundtrack, der die Zuschauersitze erzittern lässt, Leidensgeräusche in ein Hall-Mikrophon. Die anderen Schauspieler pflastern ihre Umgebung mit Kreuzen. Das Licht ist apokalyptisch-blau. Horror! Was die Szene tatsächlich beklemmend macht, ist die Tatsache, dass die Namen der ermordeten Frauen, die währenddessen über die Leinwand im Hintergrund laufen, keine ausgedachten Namen sind, sondern Namen tatsächlich ermordeter Frauen aus Ciudad Juárez, Bolaños Vorbild für Santa Teresa.

Dieser Kunstgriff in die Wirklichkeit produziert den einzigen verstörenden Moment in viereinhalb Stunden, die ansonsten mehr oder weniger unterhaltsam ablaufen. Er entlarvt zugleich das Fehlen einer starken eigenen Idee zu dem Stoff – über die Begeisterung für Bolaños Erzählung hinaus, die immerhin einige sehr schöne Spielmomente hervorbringt.

Konkurrenz um Deutungshoheit

Vor allem in Teil eins, dem "Teil der Kritiker", in dem vier Germanisten dem geheimnisvollen Schriftsteller Benno von Archimboldi nachforschen und dabei einander und sich selbst kennen lernen, wird die Romanerzählung immer wieder aufs schönste lebendig, wenn Regine Zimmermann, Ingo Hülsmann, Sebastian Schwarz und Christoph Gawenda zwischen Lese- und Schreibtisch und Tafel ihre gemeinsame Geschichte in zunehmendem freundschaftlichen Vertrauen, aber auch steter Konkurrenz um die Deutungshoheit erzählen, so wie sie als vier Germanisten mit demselben Forschungsobjekt eigentlich Rivalen sind, sich dann aber doch zu einer "Schule" zusammenschließen.

Der Roman wird getreulich seinem Aufbau folgend nachgestellt: Teil zwei spielt in Mexiko bei dem entwurzelten Philosophieprofessor Amalfitano und transportiert bei Rigola im wesentlichen die Geschichte von Lola, der Mutter seiner Tochter Rosa, die ihn aus Abenteuerlust verlassen hat. In Briefen berichtet sie ihm von dem, was sie erlebt – Jule Böwe verleiht ihr in mädchenhaftem rotem Kleid die trotzige Melancholie einer Frau, die sich immer wieder an der ihr längst bewussten Tatsache verletzt, dass man sich seiner Erinnerungen doch nicht entledigen kann.

2066 2 560 maren dey uTanz den Bolaño: Regine Zimmermann, Jule Böwe, Robert Beyer, Christoph Gawenda.
© Gianmarco Bresadola

Gesellschaftsbild im Kasten

Die Raffung des überbordenden Stoffs ist auf die Orientierung des Zuschauers ausgerichtet. Es werden für die Übersichtlichkeit eine Menge Figuren gestrichen und diejenigen akzentuiert, die als Bindeglieder zwischen den Teilen dienen können. Amalfitano haben in Teil eins die Germanisten getroffen, als sie in Santa Teresa nach Archimboldi suchten. Seine Tochter Rosa (Eva Meckbach), die in Teil zwei im Patio des Vaterhauses im wesentlichen herumsitzt und elegisch ihre Gitarre zupft, reüssiert in Teil drei in Glitzerblouson als Geliebte des halbseidenen Sportreporters Chucho Flores. In einem engen grünen Kasten zusammengequetscht macht die Jeunesse Dorée von Santa Teresa zusammen mit dem amerikanischen Journalisten Fate Party – der sich prompt in Rosa verliebt. Doch darum geht es nicht: Teil drei ist ein Gesellschaftsbild. Der enge Kasten wird immer enger, den Bewohnern und Gästen des ganz und gar verkommenen Ortes, in dem es an der Tagesordnung ist, dass Frauen ermordet werden (siehe Teil vier), wird die Luft zum Atmen abgepresst.

In Teil fünf wird die Genese des Schriftstellers Benno von Archimboldi erzählt, der eine doppelte Kunstfigur ist. Bolaño hat einen Schriftsteller erfunden, der sich selbst als Schriftsteller neu erfunden hat. Mit dieser erzählerischen Raffinesse halten Bühnenfassung und Inszenierung nicht mit; wenn Sebastian Schwarz als Archimboldi so lange auf einem Laufband durch sein Leben gelaufen ist, bis seine Verbindung nach Santa Teresa geknüpft ist, hat der Abend sein Langstrecken-Ziel erreicht: Es ist Ordnung hergestellt. Eine Ordnung, die man am besten durcheinander wirbelt, indem man Bolaños "2666" liest.

 

2666 (DSE)
von Roberto Bolaño
In einer Fassung von Álex Rigola und Pablo Ley, aus dem Spanischen von Florian Borchmeyer
Regie: Álex Rigola, Bühne: Max Glaenzel, Kostüme: Nina Wetzel, Dramaturgie: Florian Borchmeyer, Licht: Albert Faura.
Mit: Robert Beyer, Jule Böwe, Christoph Gawenda, Franz Hartwig, Ingo Hülsmann, Urs Jucker, Eva Meckbach, Sebastian Schwarz, Regine Zimmermann.
Dauer: 4 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

"Ausgerechnet Roberto Bolaños Tausendseiter '2666' hat sich die Schaubühne zur Eröffnung ihres Festivals für internationale neue Dramatik vorgenommen. Eine gigantische Lektüre-Herausforderung". Der Satz ziemlich zu Beginn von Christine Wahls Besprechung im Berliner Tagesspiegel (5.4.2014) ist der kleinste gemeinsame Nenner der ersten Kritiken. Die Fassung der Schaubühne, so Wahl weiter, stutze den Roman zu "einer Art Best-of-Handlungsgerüst" zurecht. Wo Bolaño "absichtsvoll Chaos" stifte, übe sich "die Theaterversion in biederem Ordnungswillen". Dazu herrsche ein "aufgekratzt-verschmitzter Erzählton", kurzum, man sehne sich an diesem "Nacherzählungsabend" nach den "intelligenten Romanaufsprengungen eines Frank Castorf".

Ulrich Seidler sieht die Sach' in der Berliner Zeitung (5.4.2014) ähnlich: Leider sei die Inszenierung nur "eine Art von Trailer zum Roman". Vom Romantext gebe es "vielleicht ein Zehntel" zu hören, die Handlung aber wolle der Abend "weitgehend nachvollziehbar und vollständig transportieren". Ergo werde geredet. "Es wird geredet in verschiedenen Kostümen, in verschiedenen Räumen und Dekorationen, in verschiedenen Intensitätsgraden, mal dialogisch, meist episch: Text, Text, Text." Die Schauspieler fungierten "in ihrer Zurückhaltung" als Platzhalter für die Figuren des Romans. Immerhin, die "dezente Aufführung" schade dem Roman nicht. Sie wecke die Sehnsucht nach dem Lesererlebnis.

Die Textlust der Inszenierung gefällt wiederum Irene Bazinger besonders. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.4.2014) schreibt sie, klugerweise konzentriere sich Rigola "radikal" auf Bolaños "ausdrucksvoll farbige Sprache". Die "Aktivitäten" der Schauspieler seien "auf ein Minimum reduziert" – vom "präzisen, intelligenten, beseelten Sprechen abgesehen". Der "sinnlich ausufernde Text" sei so stark, dass "damit auch die Darsteller stark, überzeugend, plastisch werden". "Je schwerer die Personen des Originals und ihr Schicksal zu fassen sind, desto deutlicher und schnörkelloser muss es artikuliert werden", mit dieser "knappen, aber effektiven Formel" gelinge es Rigola, die Vorlage "kunstvoll abstrakt zu veranschaulichen", anstatt sie "illustrierend plattzumachen".

Zwar dampfe Rigola die Fülle von Figuren, Geschichten, Begegnungen und Episoden auf ein übersichtliches Maß ein, entwickelt mit der Konzentration auf stets wiederkehrende Protagonisten Struktur und Überschaubarkeit, "zersiedelt bleibt die Inszenierung dennoch", findet Elisabeth Nehring auf Dradio Kultur vom Tage (3.4.2014). Trotz intensiver Momente gelinge kein wirklicher Bezug zu den Geschichten. "Spielfreude, aber auch ein großer Abstand kennzeichnet das Verhältnis der Schauspieler zu ihren Figuren. Der kleinteiligen Epik des Romans folgend, entwickelt der Abend viele Fragmente, die weder sich fügen noch überzeugen wollen."

Die Bühnenumsetzung eines Romans, dessen Prosa "den Logiken der Albträume entspricht und sich damit dem Schauspiel entzieht", könne wohl nur scheitern, schreibt Dirk Pilz in der Neuen Zürcher Zeitung (7.4.2014). Und so sei es denn auch gekommen, trotz aller Anstrengungen. Àlex Rigola "lässt das Theater implodieren. Er verzichtet grösstenteils auf gestisch und mimisch ausagierende Figuren, vermeidet fast immer jede Theatralik, alles Ausgestellte und Vorgeführte und vertraut stattdessen ganz der Sprache in der Übersetzung des Dramaturgen Florian Borchmeyer."

Die Schaubühne habe sich an der Theatralisierung des Mammutromans "2666" von Roberto Bolaño überhoben, meint Tom Mustroph in der taz (9.4.2014). Dessen zentralem Thema der sexuellen Gewalt weiche die Inszenierung aus. Die Szene mit der Einblendung der Namen real ermordeter Frauen sei eindrucksvoll und gerate auch zu einer bewegenden Trauermesse. "Warum Rigola diese echten Toten dann aber beleidigt, indem er während des weiteren Herunterscrollens ihrer Namen die Darsteller frauenfeindliche Witze erzählen lässt (…), bleibt rätselhaft."

 

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