Langeweile ist der beste Zeitvertreib

Von 31. Januar bis 3. Februar 2008 findet im Hamburger Thalia Theater die Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft statt. Diesmal steht das Symposium unter dem Motto Geteilte Zeit, und es soll um die Auseinandersetzung mit Zeiterfahrung in den verschiedensten Positionen des Theaters gehen, von der Alltagspraxis bis zur Ästhetik.

Einer der "Tischredner" wird der Berliner Theaterwissenschaftler Hans-Friedrich Bormann sein, dessen Forderung nach mehr Platz für eigene Gedanken im Theater ("Für ein Theater der Langeweile") wir mit Dank dem Programmbuch entnehmen. Als weiterer Tischredner wird übrigens Dirk Pilz die Zeitökonomie beim Verfassen von und im Umgang mit Nachtkritiken thematisieren: Was unmittelbar und blitzschnell geschrieben werden muss, ist danach unbegrenzt verfügbar.

Für ein Theater der Langeweile

von Hans-Friedrich Bormann

"Die Langeweile ist überhaupt nur möglich, weil jedes Ding, wie wir sagen, seine Zeit hat. Hätte nicht jedes Ding seine Zeit, gäbe es keine Langeweile" (Martin Heidegger).


Januar 2008. "Es war langweilig." Dieses Urteil über eine Aufführung zählt sicher zu den häufigsten Beschwerden des Theaterliebhabers, und wie bei kaum einer anderen kann man auf das Verständnis seiner Gesprächspartner hoffen. Kennt nicht jeder die quälenden Minuten oder gar Stunden, in denen man sich fortwünscht, aber von Konventionen und Verpflichtungen gefesselt bleibt?

Gleichwohl lohnt die Frage, was denn überhaupt dieses "es" ist, das man für seine Qualen verantwortlich macht. Immerhin vermögen sowohl die Leere (das "Zuwenig") als auch die Fülle (das "Zuviel") langweilig zu sein, die Virtuosität ebenso wie der Dilettantismus, das Bekannte ebenso wie das Neue – und ganz sicher das "graue Mittelmaß". Offenbar ist Langeweile gar keine bestimmbare Eigenschaft bestimmter Gegenstände, sondern beschreibt lediglich unser Verhältnis zu ihnen.

Der Luxus der "dummen Gedanken"

Vielleicht ließe sich Langeweile auch als die Möglichkeitsbedingung ihres Gegenteils begreifen: Wer sich langweilt, erfährt einen Mangel oder Überschuss des Sinns und erhält damit die Gelegenheit, auf "dumme Gedanken" zu kommen – das heißt, auf vermeintlich sinn-lose, un-sinnige Gedanken, die sich der Ökonomie von Frage und Antwort, von Angebot und Nachfrage entziehen und so zur Ankündigung eines anderen, zukünftigen Sinns werden.

Und womöglich könnte gerade das Theater – aufgrund seiner eng umgrenzten räumlich-zeitlichen Verfassung, seiner sozialen Konventionen und Zwänge – ein ausgezeichneter Ort sein, sich für solche Erfahrungen bereit zu halten. Dem negativen Urteil über die Langeweile wäre unter diesen Voraussetzungen ebenso zu misstrauen wie der vorschnellen Zustimmung: Vielleicht handelt es sich dabei nur um eine Form der Selbst-Bevormundung, wenn nicht der Selbst-Anästhesierung?

In seiner Büchnerpreis-Rede hat Wilhelm Genazino sich 2004 unter anderem an "Chefredakteure, Programmleiter, Fernsehdirektoren, Eventdenker, Kaufhauschefs" gewandt (und davon könnten sich auch Intendanten, Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler etc. angesprochen fühlen): "Laßt die Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist unser letztes Ich-Fenster, aus dem wir noch ungestört, weil unkontrolliert in die Welt schauen dürfen! Hört auf, uns mit euch bekannt zu machen! Hört auf, euch für uns etwas auszudenken! Sagt uns nicht länger, was wir wollen!"

Der Graben muss tiefer werden

Es kann keine Dramaturgie der Langeweile geben; eher schon geht es um deren Abschaffung, insofern sie auf den Ausgleich zwischen imaginierten oder tatsächlichen Erwartungen und künstlerischen Prozessen ausgerichtet ist. Aus dem gleichen Grund kann die Langeweile keiner speziellen Theaterkonzeption zugerechnet werden, ebenso wenig wie einzelnen historischen Schlüsselfiguren – nicht Robert Wilson, dessen radikales Bild- und Klangtheater zum Stage Design mit einem bestimmten Repertoire von Licht- und Toneffekten, Gesten und Sprechweisen geworden ist, nicht Christoph Marthaler, bei dem man die routinierte Geschwätzigkeit artistischer und musikalischer Floskeln kritisieren könnte.

Das Theater der Langeweile, von dem hier die Rede ist, basiert auf der Wiedererrichtung der Rampe, der Vertiefung des Grabens, der Vergrößerung des Abstands zwischen Bühne und Auditorium. Es fordert auf, Abschied zu nehmen von der imaginierten Gemeinschaft. An deren Stelle tritt ein Publikum, in dem jeder Zuschauer für sich allein schaut und hört – an seinem eigenen Ort, in seiner eigenen Zeit. Auf solche Weise gelangweilt zu werden, heißt: aufmerksam sein können für das, was sich jenseits des Kalküls ereignet.

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