Agentur für Landesverrat

von Esther Slevogt

11. August 2015. Die Ermittlungen gegen netzpolitik.org wurden also eingestellt. War auch an der Zeit. Ein peinliches Schauspiel, das unsere Demokratie da abgeliefert hat. Und dann auch noch dieser so genannte Justizminister! Oder der Verfassungsschutzpräsident! Trotzdem: irgendwie auch naiv von unserem Harald Range, dem nun entlassenen Generalbundesanwalt. Dass der wirklich dachte, er kommt damit durch. Ich meine, wo heute das ganze Ding mit der Autorität analog doch überhaupt nicht mehr funktioniert. Schon bei vergleichsweise niedrig hängenden Veranstaltungen wie einem Elternabend kann sich der Lehrer (oder wahlweise die Lehrerin) schon nicht mehr gegen die Elternmeute durchsetzen. Schüler überwachen Lehrer mit der Handycam und stellen die Ergebnisse ins Netz. Alte Autoritätsstrukturen sind doch längst so massiv unterwandert, dass heutzutage die Autoritäten die wahren Loser sind. Und nur auf Staatsebene soll diese Nummer noch funktionieren?

Lieber gefälschte Katzenvideos

von Esther Slevogt

7. Juli 2015. So eine Kolumne ist im Grunde auch ein Relikt aus dem bürgerlichen Heldenleben. Damals, als es noch etwas Besonderes war, eine Meinung zu haben, und Journalisten und Journalistinnen mit dieser Meinung (und den dazugehörigen Publikationsorganen) jede Menge Follower generierten – auch wenn das damals noch gar nicht "Follower" hieß. Damals, als der Kolumnist (Kolumnistinnen waren ja rar, sehr rar) noch so etwas wie das role model des aufgeklärten Bürgers war.

Worum geht's hier eigentlich?

von Esther Slevogt

9. Juni 2015. Bürger, das klingt ja immer ein bisschen albern. Die Karikatur scheint da schon mitgedacht. Die Beschränktheit. Und der Minderwertigkeitskomplex. Dabei ist das Bürgersein ein echtes Erfolgsmodell. Eines, für das Menschen von anderswo ihr Leben riskieren, zum Beispiel, wenn sie in überfüllte Schlauchboote gepfercht von Afrika aus übers Mittelmeer zu kommen versuchen: weil sie Bürger werden wollen, in Europa. Um irgendwann vielleicht in diesem Europa in einem Häuschen sitzen zu können mit einigermaßen Geld, Frieden (zumindest keinem Krieg), ausreichend zu essen und Feierabend. Das ist für die Allermeisten auf dieser Welt eine Utopie.

Die Kunst des Post-Volkes

von Esther Slevogt

5. Mai 2015. Besuchen wir die Volksbühne, solange sie noch steht. "Verkauft" steht jetzt über dem massigen Bau am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz. In den in zwei Jahren ein neuer Intendant einziehen soll. Nach fünfundzwanzig Jahren. Eigentlich ein normaler Vorgang. Nicht mal Helmut Kohl ist solange Kanzler aller Deutschen gewesen, wie Frank Castorf Intendant der Berliner Volksbühne.

Je suis Stürmähr

von Esther Slevogt

31. März 2015. Kleines Gedankenspiel: Man stelle sich vor, im Februar 1933 hätten ein paar Inglorious Basterds eine Redaktionssitzung des "Stürmer" in Nürnberg überfallen und dort jeden umgebracht, der ihnen vor die Knarre kam. Zumindest retrospektiv, also aus der Sicht von heute, würde man angesichts der vom "Stürmer" in Umlauf gebrachten antisemitischen Hetzkarikaturen die Tat sicher mit einer gewissen Milde beurteilen. Selbst, wenn man Gewalttaten dieser brutalen Art sonst niemals billigen würde: Ziemlich wahrscheinlich würde man die "Basterds" sogar längst dafür feiern, auch ohne ein ausgewiesener Tarantino-Fan zu sein. Aber damals, also 1933, hätten die Leute gewiss den Mord an harmlosen Zeichnern und Zeitungsmenschen ebenso ruchlos und feige gefunden, wie wir den Mord an den Charlie-Hebdo-Zeichnern. Ist er ja auch. Ganz davon abgesehen, dass dieses Attentat in jenen Jahren auch gar nicht nötig war, um die Deutschen zum kollektiven Bekenntnis "Je suis Stürmähr", "Ich bin Der Stürmer" zu bewegen. Sie waren es längst.

Missverständnis Liebe

von Esther Slevogt

24. Februar 2015. Ins Theater gehen, das war ja mal was. Ich denke nur daran, wie mein eigener erster Theaterbesuch zelebriert worden ist: Das pubertierende Kind in eine Samtbluse der Mutter gesteckt und mit dem Schauspielführer in der Hand vor der heimischen Bücherwand fotografiert. (Man traut sich kaum noch, das so aufzuschreiben). "Minna von Barnhelm" stand bevor, und ihre Zofe Franziska wurde von Ilse Ritter gespielt, in den 1970er Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus. An die Inszenierung kann ich mich kaum erinnern. Nur das Tellheims Diener Just dauernd die Treppe herunterfiel und dies mit der bewunderungswürdigen Präzision eines Stuntmans absolvierte. Die Stimmung im Theater war festlich, der Piccolo in der Pause Teil des Theaterrituals. Betreutes Trinken unter mütterlicher Aufsicht.