Sich kreuzende Spuren der Gewalt

von Şeyda Kurt

16. Juni 2020. Meine Mutter sitzt Abend für Abend vor dem Fernseher. Manchmal leiste ich ihr Gesellschaft. Wir schauen ihre Lieblingssendung: Zwei Teams campieren an einem verlassenen Strand in der Dominikanischen Republik, ohne Kontakt zur Außenwelt. Sie leben – zumindest vor der Kamera – ohne Hab und Gut in Zelten und müssen sich selbst versorgen. Sie fischen, manchmal essen sie tagelang von einem Sack Reis. Unter der prallen Sonne treten sie in Parcourswettbewerben gegeneinander an. Wer gewinnt, darf schlemmen. Oder verreisen. Aus dem Team der Verlierer*innen muss eine Person den Wettkampf verlassen. Wer die mehrmonatige Odyssee bis zum Ende durchhält, darf sich auf einen Haufen Preisgeld freuen. Das Spektakel wird unter dem Namen Survivor auf dem Kanal TV8 ausgestrahlt und gehört zu den erfolgreichsten Sendungen im türkischen Fernsehen.

Entgrenzung ist jetzt tabu

von Esther Slevogt

9. Juni 2020. Die Theater fangen leise wieder zu spielen an. Nach Wochen der Schließung und der Beschränkung aller künstlerischen Aktivitäten auf den digitalen Raum finden wieder Vorstellungen auf physischen Bühnen statt. Vor physisch anwesendem Publikum. Mit Kritiken, die darauf reagieren.

Lang lebe die Verweiltoleranz

von Wolfgang Behrens

26. Mai 2020. Meine Frau sagt – wenn ich hier einmal die Anfangsworte der Kolumne des unvergessenen Michael Althen verwenden darf –, meine Frau sagt eigentlich nach jedem Stück avancierter Neuer Musik, das wir in einem Konzert hören: "Es war wirklich toll (wahlweise auch: spannend, interessant), aber eine CD auflegen würde ich mir davon nicht." Ich weiß nicht, ob das mehr über zeitgenössische E-Musik aussagt oder mehr über Musik, die sich meine Frau als CD auflegt. Ganz sicher aber sagt es etwas aus über die grundsätzliche Qualität eines Konzerterlebnisses, über die Live-Situation: Das Arrangement Konzert nämlich (und für das Arrangement Theater gilt natürlich dasselbe) zwingt gleichsam zur Aufmerksamkeit; die freiwillige Gemeinschaft, die sich hier bildet, hält eine*n gewissermaßen für die Dauer der Veranstaltung gefangen und ermöglicht so eine ästhetische Erfahrung, der man sich unter anderen Umständen möglicherweise verschlossen hätte. Und manchmal hält man auf diese Weise auch etwas aus, dem man sich vielleicht sogar ganz gerne verschlossen hätte.

Früher war alles

von Michael Wolf

19. Mai 2020. Die Theater sind verwaist, die Diskussion, was in ihnen bestenfalls gespielt würde, reißt deswegen aber nicht ab. Im Gegenteil, der Shutdown läutete die Stunde der Theoretiker ein. Sie füllen nun die Bühnen mit ihren Vorstellungen. Aus Mangel an Kunst kritisiere ich also heute deren Visionäre, beispielhaft an drei typischen Akteuren.

Ein Beben, ein Zittern

von Şeyda Kurt

12. Mai 2020. Nun werden Sie nicht neidisch. Aber ich war in diesem Frühjahr bereits in einem Theater, mit Körpern aus Fleisch und Blut auf der Bühne, die Shakespeares "Twelfth Night" spielten. Scheinwerfer, Publikum. Ich saß drin, am 22. März, Ortszeit 16 Uhr, am äußersten Rand des Saals, mit Atemschutzmaske und Abstand zum nächsten atmenden Körper, am äußersten Rand eines benachbarten Kontinents: in Tokio. 

Ist das Kunst, oder kann das weg?

von Lara-Sophie Milagro

28. April 2020. Als vorletzte Woche Rauchwolken über dem Berliner Humboldtforum aufstiegen, dachte ich als erstes an eine performative Protestaktion: Irgendein mutiger Künstler nutzt das Corona-Vakuum, um den nachhaltigen gesellschaftspolitischen Einschnitt voranzutreiben, den momentan alle prophezeien, und wählt ein großbürgerliches Prestigeobjekt, das seit Jahren wegen seines ignoranten Umgangs mit Berlins kolonialer Geschichte in der Kritik steht, um ein Exempel zu statuieren.

Das Minutenspiel

von Wolfgang Behrens

14. April 2020. Nein, ich möchte nicht darüber schreiben. Weil alle darüber schreiben und ich nicht wüsste, was ich noch dazu beizutragen hätte. Andererseits wirkt es auch seltsam, nicht darüber zu schreiben. Da es momentan anscheinend gar nichts Anderes gibt, wirkt es geradezu eskapistisch, wenn man sich äußert, aber nicht dazu. Anstatt mich in Theateranekdoten zu flüchten, möchte ich daher einen bislang unveröffentlichten Text von mir zugänglich machen, den ich geschrieben habe, als ich noch ein Kritiker (oder vielleicht sogar noch ein Zuschauer) war. Da es damals noch nicht möglich war, darüber zu schreiben, ist er insofern unverdächtig, ein Kommentar dazu zu sein. Trotzdem fiel er mir dieser Tage ein, weil er auch eine Art Anleitung enthält, wie man damit zurechtkommen könnte. Der Text stammt übrigens aus einer Zeit, als noch die alte Rechtschreibung galt.