Blut wischen

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 21. Juni 2014. So ein Stück wünschte man jedem Land an den Hals. Ein Stück von politischer Tragkraft und gesellschaftlicher Relevanz. Ein Stück, das nicht locker lässt und seine Zuschauer bombardiert. Ein Stück wie ein Schrei. Ein Stück, das das Theater als moralische Anstalt begreift. Ein Stück, das vielleicht gar kein Stück ist, sondern eine Abrechnung mit theatralischen Mitteln. Ein Weg der Vergangenheitsbewältigung, der Aufarbeitung und Abarbeitung. Der kroatische Theatermacher Oliver Frljić, der zu den eigenwilligsten in Europa zählt, und sein Ensemble widmen sich in ihrem 2012 in Belgrad uraufgeführten Theaterprojekt der Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Đinđić im Jahr 2003. In unterschiedlichen Tonlagen, mal als veritable Publikumsbeschimpfung, mal als Totenmesse, mal rotzfrech, mal aufrichtig betroffen gehen sie dieses nationale Trauma an.

Zu Beginn kommt einer der Spieler auf die Bühne und nimmt den Kritikern den Wind aus den Segeln, indem er selbstironisch behauptet, das Theater des Oliver Frljić sei unseriös und oberflächlich und politisch inkorrekt. In diesem Moment wie an beinahe jedem anderen auch wünscht man sich in Belgrad zu sitzen und einen serbischen Pass in der Tasche zu tragen oder zumindest einen kroatischen, um nicht nur intellektuell nachzuvollziehen, von was die Rede ist, sondern mit Herz, Verstand und Sprachvermögen dabei zu sein, wenn das Publikum direkt angegangen wird.

Eine Tonne Geschichte
Das Licht im Saal bleibt auch deswegen die ganze Zeit an, damit alle alle sehen, Freund wie Feind im Theatersaal vereint. Laut Programmtext hat das Stück schon vor seiner Uraufführung für Wirbel gesorgt. Das verwundert nicht, so beherzt gehen Frljić und seine Spieler vor, nehmen kein Blatt vor den Mund, kotzen alles raus, was es zu kotzen gibt, buchstäblich. Hier bekommen alle ihr Fett weg, Paramilitärs, Orthodoxe, Du und ich. Schon vor zwei Jahren überzeugte der Regisseur bei der Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" mit gleich zwei, gegensätzlichen Produktionen (Verdammt sei der Verräter seiner Heimat und Ich hasse die Wahrheit).

Zoran3 560 DusanDordevic uIm Zeichen der Kreuze... © Dusan Dordevic

Diesmal steht zu Beginn eine mit Kunstblut gefüllte Tonne mit der Aufschrift "Neuere serbische Geschichte" in der Mitte der Bühne. Die Spieler tunken nacheinander ihre Hände hinein, um dann an die Rampe zu treten und das Publikum verbal zu traktieren, ihre Mitschuld an dem Mord einzufordern. Später waschen sie mit serbischen Flaggen ihre Hände rein. Danach dienen die Flaggen ihnen als Putzlumpen, um den Boden von Blut zu befreien. Dabei fallen an diesem kurzen Abend viele Namen, die uns nichts sagen, und Ereignisse, die für uns keine waren. Im übersetzten Stücktext nehmen die erklärenden Fußnoten beinahe mehr Raum ein als der Text selbst.

Dramatisches Weltgericht
Doch wunderlicherweise funktioniert diese Totenanklage über alle Verständnisschwierigkeiten hinweg. Ein Stück zum Nachspielen wird selbstredend nicht daraus, wobei die Nachspielbarkeit ja noch nie ein Qualitätsmerkmal war. Dabei sind die Bilder, die dieser Abend auf die Bühne bläst so simpel wie kraftvoll. Im Hintergrund steht etwa von Anbeginn ein kleines Modell der Belgrader Kathedrale des Heiligen Sawa, Ort der Trauerfeier für den einstigen Ministerpräsidenten und Hoffnungsträger Đinđić. Später fahren noch sieben Fernseher aus dem Bühnenhimmel und zeigen die damals von mehreren hunderttausend Menschen begleiteten Trauerfeierlichkeiten. Früher oder später bauen die Akteure das Gebäude auseinander, setzen einen Teil davon in Brand. Das kokelnde Häuschen raucht wie ein Mahnmal an der Rampe vor sich hin.

Zoran2 560 DusanDordevic u... streiten Oliver Frljic und sein Ensemble für Demokratie. © Dusan Dordevic

Dabei scheuen sie weder Pathos noch Sentimentalität, um der Kollektivschuld auf die Spur zu kommen. Alle treten hier vors dramatische Weltgericht. Dieser Abend scheut nämlich gar nichts und setzt sich mutwillig undezent in Szene, pfeift auf Barmherzigkeit und blickt der Provokation mutig ins Auge. Mit wahnwitziger Power, gehörig Überdruck und seltener Straightness zu dröhnendem Soundtrack verarbeiten die Spieler stellvertretend für ein ganzes Volk Wut und Trauer. Auch eine Form von Vaterlandsliebe. Eine seltene, fürwahr.

Zoran Đinđić
von Oliver Frljić und Ensemble
deutsch von Klaus Detlef Olof
Regie: Oliver Frljić, Dramaturgie: Branislav Ilic, Bühne: Mary Kalabić, Kostüme: Sandra Dekanić, Musik: Irena Popovic.
Mit: Fedja Stojanovic, Branislav Trifunovic, Ivan Jevtović, Vladislav Mihailovic, Tanja Petrović Milan Maric, Milos Timotijevic, Tamara Krcunović.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Eine Produktion des Belgrader Theaters Pozorište Atelje 212
www.newplays.de

 

Mehr zu Oliver Frljic: Am Schauspielhaus Graz bombardierte Frljic Europa in Where do you go to, my lovely? im April 2013 mit verqueren und anregenden Fragen, im Mai 2013 besprachen wir sein Ich hasse die Wahrheit! bei den Wiener Festwochen; beim Heidelberger Stückemarkt 2014 war Oliver Frljic mit seiner Düsseldorfer Produktion Black Box Schule in den Jugendstücke-Wettbewerb eingeladen – mehr dazu auf dem Portal zum Heidelberger Stückemarkt von nachtkritik.de.


Kritikenrundschau

Die anfängliche "Publikumsbeschimpfung der krassesten Art" ist für Gerd Klee vom Wiesbadener Kurier (23.6.2014) nur eine von vielen Zumutungen dieses "so temperamentvollen und beeindruckenden Abends". Frljic präsentiere "starke, emotionsgeladene, wutentbrannte und hasserfüllte Bilder" zum Thema der Ermordung von Zoran Dindic.

Als "tolle, als Theater zwangsläufig auch grobianische Unverschämtheit und Notwendigkeit" erwähnt Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (23.6.2014) in ihrem Festivalauftaktbericht diese Arbeit und stellt sie sich im Belgrader Kontext als "ungeheuer kühn" vor. In Wiesbaden "war nur mancher beschämt darüber, wie wenig er über den europäischen Nachbarn weiß".

Eva-Maria Magel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.6.2014) hätte sich diesen Abend mit seinen "bisweilen drastischen, treffenden Bildern" als Auftaktabend der Biennale gewünscht (und nicht die "laue" Stockholmer Inszenierung des "doch so kraftvollen" Textes "Ich rufe meine Brüder" von Jonas Hassen Khemiri). Frljic zeige nicht nur "wie komplex und bis heute vergiftet die Lage in Exjugoslawien ist und welche Auswirkungen das auf jedermanns Leben hat", sondern kämpfe damit auch gegen "politischen Analphabetismus".

Verglichen mit seinen "aggressiven Aufarbeitungsparabeln über die Folgen des jugoslawischen Zerfalls" auf der letzten Biennale greife Oliver Frljić in "Zoran Đinđić" das "Publikum mit noch einmal gesteigerter Intensität an – wenn auch eigentlich nur ein serbisches Publikum", schreibt Till Briegleb in seinem Festivalbericht für die Süddeutsche Zeitung (25.6.2014) über das Stück. Das Wiesbadener Publikum "hingegen fühlte sich durch Frljićs Holzhammertheater – die minutenlang gebrüllten Vorhaltungen über die Schäden des serbischen Nationalismus, den stampfenden Schauprozess für den vermutlichen Drahtzieher des Attentats auf den serbischen Präsidenten Đinđić 2003, die ganzen plakativen Symbolhandlungen vom Anzünden einer Minimoschee bis zum Kotzen auf die serbische Fahne, eher irritiert als aufgerüttelt".

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