Kolumne: Queer Royal - Georg Kasch über queeres Theater im Osten
Alles andere als selbstverständlich
11. Juni 2024. Manchmal liegt man halt daneben. Das musste unserer Kolumnist mit einer steilen These über queere Theaterstoffe im Osten Deutschlands erfahren. Zeit, das Bild gerade zu rücken. Und sich zu entschuldigen.
Von Georg Kasch
11. Juni 2024. Manche Fehler wiegen schwerer als andere. Als ich zu Beginn der Spielzeit meine Kolumne über queere Stoffe der aktuellen Theatersaison schrieb und dazu oberflächlich die Spielzeitvorschauen durchblätterte, formulierte ich aus meinen Beobachtungen eine These: Im Osten gibt’s kein queeres Theater. Das war falsch.
Schwieriges Umfeld
Heute erscheint mir der Fehler umso gravierender, weil ich inzwischen weiß, wie viele queere Stoffe und Inszenierungsstrategien es in den Häusern in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen gibt (und ich kann die Theatermacher*innen in diesen Ländern für meine falsche These nur um Verzeihung bitten). Zugleich zeigen die Ergebnisse der EU-Wahl vom Sonntag, in welchem schwierigen Umfeld diese Arbeit stattfindet: In ganz Ostdeutschland wurde die AfD stärkste Kraft, selbst in relativ großen Städten wie Leipzig, Dresden, Magdeburg, Cottbus, Rostock, Schwerin.
In all diesen Städten gibt es Theater, die auch queere Abende machen. Magdeburg hat zum Beispiel Jan Friedrichs Inszenierung von Kim de l‘Horizons "Blutbuch" auf dem Spielplan. Eine Produktion, die so fantasievoll wie formvollendet den Roman im Schnelldurchlauf durchblättert und äußerst suggestive Bilder findet. Im Publikum sitzen in einer Repertoirevorstellung lokale Queers und Berliner Angereiste neben Magdeburger Anzug- und Kostümträger*innen. Während der Vorstellung geht niemand, am Ende begeisterter Applaus.
Applaus als Akzeptanzgradmesser
Ein ähnliches Bild ergab sich bei der "SANCTA"-Premiere in Schwerin, wo lesbischer Sex, eine lesbische Päpstin und ein*e genderquere*r Bauarbeiter*in sehr sichtbare Teile von Florentina Holzingers queerfeministischer Messe waren: Natürlich kam zur Premiere viel (Fach-)Publikum aus Hamburg und Berlin. Aber eben auch viele, durch die Dauerberichterstattung neugierig gewordene Schweriner*innen, die sich am Ende nahtlos in die stehenden Ovationen einreihten (eine Erfahrung, die ich auch schon beim queeren "Tannhäuser" gemacht habe).
Nun sind Applausstärken kein Gradmesser für gutes Theater. Aber für Akzeptanz von Ästhetiken und Themen, dafür, ob ein Abend die Menschen bewegt hat. Weniger auffällig, aber nicht minder kraftvoll war der Applaus in einer Schweriner Repertoire-Vorstellung von "Gabriel". George Sands Dialogroman, der gerade auch in Halle läuft, lässt sich sowohl als feministisches wie als genderqueeres Drama lesen: Gabriel*le, als Mädchen geboren, wächst als Junge auf, der alles Weibliche zu verachten lernt – weil sein / ihr Großvater für sie / ihn die Erbfolge sichern will. Gabriel*le emanzipiert sich, verliebt sich in ihren Cousin, den Konkurrenten um den Fürstentitel. Nachts ist sie seine Gefährtin, tags lebt sie als Mann, weil sie dessen Privilegien nicht missen will. Geht natürlich schief, weil alle an Gabriel*les Freiheiten wollen. Jakob Weiss‘ nüchterne Versuchsanordnung lebt von Clara Wolframs hinreißender*m Titelheld*in – und der Erkenntnis, dass kluge Menschen schon im 19. Jahrhundert über die Konstruiertheit von Geschlecht nachdachten.
Bemerkenswert in dieser Lage
Drei Beispiele sind das von sehr vielen. In Parchim läuft aktuell "Ich bin Silas", Eisenach hat "Bromance" im Repertoire. Das Theater Altenburg Gera hat gerade noch einmal "Liebe macht frei" gespielt, Dessau 2022 einen Schernikau-Abend gemacht (und 2023 wiederaufgenommen). In Leipzig hat Amanda Wilkins "Bridgetower-Sonate" eine queere Nebengeschichte im Gepäck. In Meiningen hat Schauspielchef Frank Behnke 2022 "Was ihr wollt" mit reinem Männerensemble vorm Lamettavorhang inszeniert – läuft noch im Repertoire. In Halle gab's "Mephisto", "Die Mitte der Welt" und "Nackt über Berlin", gerade läuft dort neben "Gabriel" auch "Wasted" der non-binären Autor*in Kae Tempest.
Als noch wirkmächtiger könnten sich die Stoffe fürs große Publikum erweisen: "Cabaret" gibt‘s in Schwerin, Neustrelitz, Leipzig und Halle, "Ein Käfig voller Narren" (La Cage aux Folles) am Theater Nordhausen. Und fürs junge Publikum: Das Theater Junge Generation in Dresden und das Theater der jungen Welt Leipzig haben immer wieder queere Produktionen im Programm, gerade "Sexualkunde für das neue Jahrtausend".
Kurz: Es gibt sehr viel queeres Theater im Osten, viel mehr noch, als sich in so einer Kolumne sinnvoll darstellen lässt. Das ist nicht nur angesichts der politischen Lage bemerkenswert. Und alles andere als selbstverständlich.
Ich danke Christoph Macha vom Theater Halle und den Kommentator*innen für ihre wichtigen Anregungen.

Kolumne: Queer Royal
Georg Kasch
Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" blickt er jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt.
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